Ein paar wohl bekannte unbequeme Wahrheiten

(Nein, nicht zum Klima … )
Unbekannte haben in Berlin-Charlottenburg eine jüdische
Kindertagesstätte mit antisemitischen Sprüchen und Symbolen beschmiert und einen Rauchkörper in das Gebäude geworfen.

Anlaß genug, sich einige gut bekannte, aber gern verdrängte Wahrheiten ins Gedächtnis zu rufen:

  • Die dummen und primitiven Schläger und Schmierer, die so etwas machen, sind die Nachfolger jener Nazi-Schläger, die Schmutzarbeit für die mehrsilbig sprechen könnenden Schreibtischtäter und Arisierungsgewinnler aus besserem Hause machen durften. (Dank an lebemann für die Formulierung.)
  • Der Berliner Innensenator hat recht, wenn er mein, dass ausgerechnet eine Kita ausgewählt worden sei, zeuge von einer “besonderen Bösartigkeit der Täter”. Wer Kindergärten angereift, dem geht es um alles, um Ausrottung.
  • Er hat Unrecht, wenn er meint, dass jüdische Leben müsse in Berlin weiterhin Normalität bleiben. Ein jüdisches Leben, das nur unter Polizeischutz überhaupt stattfinden kann, ist keine Normalität.
  • Wie der Anschlag zeigt, ist sogar dieser Schutz unzureichend: Die Täter nutzten die mangelhafte Bewachungssituation offenbar gezielt aus.
  • Offenbar ist, dass die antisemitische Gefährdung von Juden in Berlin überwiegend nicht von Deutschstämmigen, sondern von arabischen Jugendlichen ausgeht. Dieses Ergebnis wird auch durch die Studie belegt, die von der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) in Wien in Auftrag gegeben wurde und deren Veröffentlichung bestimmte Politiker trotz aller Bemühungen nicht verhindern konnten.
  • Das heißt nicht, dass der “original deutsche” Antisemtismus ein Randproblem wäre: Anfang November 2006 ging aus einer Studie hervor, dass fast 18 Prozent der Bundesbürger den Einfluss der Juden “auch heute noch für zu groß” halten.
  • Es wäre auch fahrlässig, Antisemitismus nur bei Neo-Nazis und islamischen Integristen (meist: “Islamisten” genannt) zu suchen. Es gibt ihn unter Konservativen, Linken, Grünen - und ganz besonders oft unter “Unpolitischen”.
  • Philosemitische Schmeicheleien sind keine Garantie für eine vorurteilsfreie Haltung gegenüber Juden. Im Gegenteil!
  • Es ist keine Hysterie, wenn die Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sagt: “Antisemitische und rechtsradikale Attacken haben eine Offensichtlichkeit und Aggressivität erreicht, die an die Zeit nach 1933 innern”. Es gib zwar zum Glück nur wenige antisemitische und rechtsextremistische Gewaltäter, diese legen aber erhebliche kriminelle Energie an den Tag.
  • Wegsehen und Verharmlosen sind nach wie vor die häufigsten Reaktionen auf solche Taten. Wer von bedauerlichen Einzelfällen spreche, bagetelisiert eine Gefahr für die ganze Gesellschaft.
  • Antisemitismus und Rechtsextremismus (die oft, aber nicht immer, zusammen auftreten) sind in einigen Gesellschaftsschichten fest verankert.
  • “Der Kampf gegen Rechts” ist gescheitert. Weil unklar ist, gegen wen oder was er sich richtet, weil der “Kampf” sich weitgehend auf inhaltslose Sonntagsreden, Sprechblasen, moralthelogische Appelle und andere rein symbolische Aktionen beschränkt, weil die Totalitarismus-Doktrin (nicht mit den Totalitarismus-Theorien von Popper, Arentd usw. zu verwechseln) mit ihre ständigen Gleichsetzung (nicht Vergleich!) von “Extremismus von rechts und links” nach wie vor den öffentlichen Diskurs bestimmt.

Che2000:Sind wir schon wieder so weit?

NPD-Blog: Berlin: “Permanentes Gefühl der Unsicherheit”

Eine unbequeme Wahrheit in eigener Sache: Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der sich offen zum “germanischen Heidentum” bekennt, auch Antisemit oder bzw. und Rechtextremist ist, ist überaus hoch. (Siehe: Wie antisemitisch ist Asatru?

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7 Kommentare zu “Ein paar wohl bekannte unbequeme Wahrheiten”

  1. 28.02.2007 | 14:47

    “Philosemitische Schmeicheleien sind keine Garantie für eine vorurteilsfreie Haltung gegenüber Juden.”

    Den Satz rahm ich mir ein.

    Den Einfluß der Juden für groß halten… das ist so wie mit Ausländern in der Ex-DDR, die sind umso mächtiger, je weniger es davon gibt.

    Die Wehrlosesten zu bedrohen, das ist das Dreckigste und Widerwärtigste, was es gibt.

  2. 28.02.2007 | 14:55

    Es gib zwar zum Glück nur wenige antisemitische und rechtsextremistische Gewaltäter, diese legen aber erhebliche kriminelle Energie an den Tag.

    Eben deswegen ist der Vergleich mit “nach 1933″ falsch. Damals gingen die Aktionen vom Staat bzw. einer Gruppierung aus, die den Staat in ihrer Gewalt hatte.

    Wer von bedauerlichen Einzelfällen spreche, bagetelisiert eine Gefahr für die ganze Gesellschaft.

    Wieso - sind solche Taten etwa die Regel?

    “Der Kampf gegen Rechts” ist gescheitert…, weil die Totalitarismus-Doktrin (nicht mit den Totalitarismus-Theorien von Popper, Arentd usw. zu verwechseln) mit ihre ständigen Gleichsetzung (nicht Vergleich!) von “Extremismus von rechts und links” nach wie vor den öffentlichen Diskurs bestimmt.

    Das verstehe ich nicht. Meinst du, Anschläge auf jüdische Einrichtungen wären zu verhindern, wenn man aufhörte, den Linksextremismus ebenso abzulehnen wie den Rechtsextremismus?

  3. 28.02.2007 | 15:12

    @Martin

    Gerade, weil du ja schreibst, dass der Antisemitismus ein Problem ist, das in (fast?) allen Ecken des politischen Spektrums zu finden ist, verstehe ich den Absatz mit der vermeintlich problematischen “Gleichsetzung der Extremismen” genauso wenig wie Rayson.

  4. 28.02.2007 | 15:43

    Nein, ich glaube nicht, dass Anschläge auf jüdische Einrichtungen zu verhindern wären, wenn man aufhörte, den Linksextremismus ebenso abzulehnen wie den Rechtsextremismus.
    Die Doktrin verwischt aber notwendige Unterscheidungen zwischen “rechten” und “linken” Gewalttätern - z. B. den, dass ein “typischer” “links-ideologisierter” Gewalttäter seine Gewalt als “leider unvermeidliches letztes Mittel” rationalisiert. Dem gesellschaftlichen Gewalttabu werden wenigstens Lippenbekenntnisse geleistet. Hingegen wird auf “rechter” Seite Gewalt offen als bestes, ja einzig brauchbares, “mutiges” Mittel zur “Konfliktbereinigung” propagiert - und nur notdürftig verschleiert. In der Folge ist “rechte” Gewalt ungleich blutiger als es “linke” jemals war.
    Wenn also nach einem Anschlag wieder einmal von “Gewalt von rechts und links” gepredigt wird, dann stellt das faktisch eine Verniedlichung der “rechten” Täter und Taten und eine Dämonisierung der zwar nicht harmlosen, aber weitaus weniger gefährlichen kleine Häufches “linker” Straßenkriegs-Romantiker dar.
    Typisch ist auch, dass “linke” Gewaltäter sich gegen die “Mächtigen” bzw. jene, die sie für “Büttel der Mächtigen” halten, wenden - gegen die “Bosse” das “Schweinesystem”, die “Bullen”. Das tuen die Rechten zwar auch, aber das Hauptziel ihrer Aggression sind Außenseiter und Schwache - wogegen zumindest die Schreibtischtäter unter den Neonazis gerne mit “etablierten” Mächtige kuscheln.

    Also: der “Kampf gegen rechts” ist gescheitert, weil er zu viel vernebelt, statt Klarheit zu schaffen.

  5. 28.02.2007 | 15:52

    Zu Rayson: “Wieso - sind solche Taten etwa die Regel?” Zum Glück nicht - aber das meine ich auch nicht:
    “Nach Angaben des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, habe sich die Situation in Berlin in den vergangenen Jahren verschlechtert. Die antisemitischen Taten seien seit 2004 um mehr als 50 Prozent gestiegen. Oftmals würden sie von der Bevölkerung aber nicht wahrgenommen werden.”

  6. R.A.
    28.02.2007 | 16:03

    @MartinM:
    > Die Doktrin …
    Eine “Doktrin” ist deutlich mehr als die schlichte Weigerung, diverse Sorten Gewalttäter gleichermaßen zu verabscheuen.

    > verwischt aber
    > notwendige
    > Unterscheidungen
    > zwischen “rechten”
    > und “linken”
    > Gewalttätern
    Wofür sollten diese Unterscheidungen notwendig sein?
    Mir ist es schlicht egal, mit welchen merkwürdigen und unterschiedlichen Parolen diese Leute ihre jeweilige Gewalt rechtfertigen.
    Wenn ein Dieb vor Gericht steht wird auch nicht gefragt, ob er das geklaute Geld lieber für Porsche oder für Mercedes ausgegeben hätte.

    > Dem
    > gesellschaftlichen
    > Gewalttabu werden
    > wenigstens
    > Lippenbekenntnisse
    > geleistet.
    Mal abgesehen davon, daß das bei “rechten” Gewalttätern m. W. ähnlich ist - wieso muß mich solche Heuchelei interessieren?

    > In der Folge ist
    > “rechte” Gewalt
    > ungleich blutiger
    > als es “linke”
    > jemals war.
    Das bestreite ich rundweg.
    Gerade sind die RAF-Morde wieder im Gespräch - da müssen die “Rechten” noch einiges tun, um gleichzuziehen.

    > Typisch ist auch,
    > dass “linke”
    > Gewaltäter sich
    > gegen die
    > “Mächtigen” bzw.
    > jene, die sie für
    > “Büttel der
    > Mächtigen” halten,
    > wenden …
    Oder gegen jeden, den sie für einen “Nazi” halten.
    Und auch das “Büttel”-Argument kann verdammt viel abdecken.

    > der “Kampf gegen
    > rechts” ist
    > gescheitert, weil
    > er zu viel vernebelt,
    > statt Klarheit zu
    > schaffen.
    Da stimme ich zu - aber anders als Du.
    Der “Kampf gegen rechts ” ist gescheitert, eben weil er sich nicht gegen das eigentliche Problem (Gewalt und Intoleranz) wendete, sondern in erster Linie gegen mißliebige politische Standpunkte.
    Für viele “Kämpfer gegen rechts” beginnt “rechts” schon mitten in der SPD und alle “bürgerlichen” sind sowieso Handlanger der Faschisten.

  7. 28.02.2007 | 22:52

    Der “Kampf gegen rechts ” ist gescheitert, eben weil er sich nicht gegen das eigentliche Problem (Gewalt und Intoleranz) wendete, sondern in erster Linie gegen mißliebige politische Standpunkte.

    Das trifft den Nagel auf den Kopf.

    Im übrigen habe ich nicht den Eindruck, dass bei rechter Gewalt ständig die auch die Gefahr von Links betont wird. Im Gegenteil, in meiner Schulzeit habe ich mich immer darüber geärgert, dass einseitig rechte Gewalt verurteilt wurde.

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