10. März 2007
Erfreuliche Enttäuschung: “Teenager außer Kontrolle”
Da nervt mich RTL wochenlang mit Trailern für seine neue Show “Teenager außer Kontrolle“, die bei mir (und anderen Zuschauern) den Eindruck erwecken sollen, die pädagogisch äußerst zweifelhafte Idee paramilitärischer “Boot-Camps” für Jugendliche habe nun auch in Deutschland Einzug gehalten. In mehreren Gesprächen mit anderen regte ich mich über den blödsinnigen Gedanken auf, man könnte schwer erziehbare und schlecht erzogene Jugendliche durch “Schleifen” und das Zerstören ihrer Persönlichkeit resozialisieren.
Und dann das: Zufällig zappe ich gestern in die fragliche Sendung hinein (obwohl ich mir vorgenommen hatte, sie zu boykottieren). Und was sehe ich dann da? Zackige Ausbilder der Bundeswehr, die Vierzehnjährige mit viel Geschrei und Liegestützen zu “erziehen” versuchen? Scharfer Drill auf der Hindernisstrecke mit bellenden Hunden und Stacheldraht? Nein, ganz und gar nicht. Die “Turnabout Ranch”, die RTL präsentiert, folgt einem Konzept, das schon seit etlichen Jahren in der Pädagogik anerkannt ist: Der Erlebnispädagogik, die oft wegen ihrer hohen Kosten angegriffen wird, obwohl sie schon seit langem gute Resultate bei sozialisationsgestörten Jugendlichen erreicht.
“Hier lernen die Jugendlichen Disziplin auf die harte Tour” - so oder so ähnlich plärrte mir die RTL-Trailer entgegen. So ein Unsinn: denn die Campleiterin Annegret Noble setzt nicht etwa auf die “Harte Tour”, sondern, ganz im Einklang mit dem Stand der Erziehungswissenschaften, auf intensive Gespräche und eine angemessene Verknüpfung von Regeln, Kontrolle und Konsequenzen, wie sie auch in jedem deutschen Jugendclub oder Kinderheim angewandt wird.
Aus der Sendung hätte eine sehr gute Darstellung der Maßnahmen der deutschen Jugendhilfe werden können, wenn RTL sich entschlossen hätte, ernsthafte Dokumentation zu betreiben. Etwa darauf hinzuweisen, dass es sich nicht um eine außergewöhnliche, neu entwickelte Strategie handelt, sondern eben um ein seit langem existierendes und bewährtes Konzept. Oder durch die Erläuterung der pädagoischen Konzepte, die man auch für Laien gut verständlich machen kann. Vielleicht auch durch den Hinweis auf die herausgehobene Bedeutung der Therapiegespräche, ohne die die disziplinarischen Maßnahmen von den Jugendlichen lediglich als an sie herangetragene Gewalt und auf sie ausgeübtes Dominanzverhalten angesehen würden. Und nicht zuletzt durch den Hinweis darauf, dass nicht jeder Jugendliche mit unerwünschtem Verhalten auf diese Art von Therapie anspringen wird, sondern dass die spezielle Therapieform auch nur für bestimmte Jugendliche ausgewählt wird.
So aber wird die Sendung mehr Missverständnisse auslösen, als sie aufheben wird. Ich kann die Kommentare schon hören: “Wusste ich es doch, mit Strenge und Disziplin kriegt man die Chaoten schon wieder gerade gebogen!”, “Da sieht man, wie erfolgreich man ist, wenn man das Gelaber der ganzen Pädagogen einfach mal vergisst!” oder “Endlich mal ein neuer, einfacher Versuch, statt dem teuren Quatsch, den unsere Jugendämter jetzt machen!”.
Schade, eine große Chance verpasst.
Dazu auch RP-Online.
Verfasst von Karsten um 15:10 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik, Presse / SPON- und taz-Blog (Trackback)