15. März 2007
Der Expertenwille und das freie Mittagessen
There Ain’t No Such Thing as A Free Lunch.
Sagte, wie ich dank MartinM weiß, Robert A. Heinlein. Der Spruch wurde zur gängigen Redewendung von Ökonomen, weil er als gute Zusammenfassung des Opportunitätskostenprinzips gelten kann. Einige Vertreter dieser ominösen Spezies, auf die sich meiner festen Überzeugung nach so gut wie alle Übel dieser Welt zurückführen lassen, nämlich der “Experten”, fordern jetzt eine Produkthaftung für Software (via heise online). Die Logik dahinter ist die Logik des sich ausbreitenden Staates: “Wir haben doch Gesetz X schon für Tatbestand A eingeführt. Warum soll Tatbestand B davon verschont bleiben?”
Softwarehersteller seien “genauso zu behandeln bei der Haftung wie jede kleine Klitsche”
Wer will etwas dagegen sagen? Die LLs höchstens, die lästigen Liberalen. Die würde nämlich stören, dass von Staats wegen eine Haftung eingeführt werden soll, die weder der Anbieter noch der Kunde eigentlich wollen. Lassen wir uns das von Herrn Rotert verdeutlichen:
Michael Rotert, Vorsitzender des Verbands der deutschen Interentwirtschaft eco, pochte ebenfalls darauf, dass “Software mit weniger Fehlern ausgeliefert werden muss.” Sicherheit sei noch stärker schon in der Entwicklungsphase von Produkten zu berücksichtigen und “sollte nicht in Form von Zusatzpaketen teuer erkauft werden müssen”.
Da ist es, das freie Mittagessen. Sicherheit ohne Zusatzkosten: Genial. Aber leider hatte Heinlein Recht: Dann wird eben das Produkt schon in seiner Grundausstattung so teuer. Oder anders ausgedrückt: Es soll dem Kunden verwehrt bleiben, sich für eine fehleranfällige, aber vielleicht billigere und schneller verfügbare Software zu entscheiden. In den Kommentaren bei heise online wird m.E. zu Recht darauf hingewiesen, dass viele Nutzer diesen Deal bewusst eingehen.
Die Linux-Szene bietet hier ein schönes Beispiel: Für die freie Distribution Debian gibt es drei Pakete.
- “Stable”: Das ist eine Zusammenstellung von Software, die akribisch auf Robustheit getrimmt ist.
- “Testing”: Hier ist praktisch das versammelt, was irgendwann mal “stable” werden soll. Man testet und bereinigt Fehler, bis alles ok ist. Das heißt aber auch: Noch sind hier Fehler zu erwarten.
- “Unstable”: Hier ist das Neueste vom Neuesten zu finden. Zum Ausprobieren, aber ohne Gewähr. Fehlerkorrekturen gibt es nur durch neue Releases der betreffenden Software, und ab und zu passt eine Neuerung auch nicht mehr zu Konfiguration des eigenen Rechners.
Produkthaftungsfreaks nehmen “stable”. Da die Debian-Pakete frei erhältlich sind, ist es nicht teurer als die beiden anderen Zweige. Aber der Nutzer muss in Kauf nehmen, dass die Software, die er da nutzt, in der schnelllebigen Internetzeit bereits als veraltet gilt. Beispiele: KDE ist bei “stable” in Version 3.3 erhältlich (aktuell ist 3.5.6), OpenOffice in Version 1.1 (aktuell ist 2.1) und Firefox in Version 1.0.4 (aktuell ist 2.0.0.2). An Gimmicks wie 3D-Desktops ist gar nicht erst zu denken.
Und nun raten wir mal, was Debian-Freunde so meistens installieren. Richtig: In der Firma auf dem Server das “stable”, zu Hause auf dem Desktop das “unstable”. Ein Produkthaftungsgesetz würde sie praktisch um die zweite Möglichkeit bringen. Lassen wir doch die Vertragspartner den Umfang ihrer Haftung gegenseitig selbst definieren. Wer sichere Software will, gibt eben ein wenig mehr Geld aus und entsagt dem modischen Firlefanz. Und wer mit ein paar Abstürzen leben kann (”you never have too many backups”), der nimmt es frischer und bunter. Wir brauchen keinen gütigen Onkel, der uns da reinquatscht. Verstanden, “Experten”?
Verfasst von Rayson um 20:31 Uhr in der Kategorie Innenpolitik, Politik, Wirtschaft (Trackback)