Der Expertenwille und das freie Mittagessen

There Ain’t No Such Thing as A Free Lunch.

Sagte, wie ich dank MartinM weiß, Robert A. Heinlein. Der Spruch wurde zur gängigen Redewendung von Ökonomen, weil er als gute Zusammenfassung des Opportunitätskostenprinzips gelten kann. Einige Vertreter dieser ominösen Spezies, auf die sich meiner festen Überzeugung nach so gut wie alle Übel dieser Welt zurückführen lassen, nämlich der “Experten”, fordern jetzt eine Produkthaftung für Software (via heise online). Die Logik dahinter ist die Logik des sich ausbreitenden Staates: “Wir haben doch Gesetz X schon für Tatbestand A eingeführt. Warum soll Tatbestand B davon verschont bleiben?”

Softwarehersteller seien “genauso zu behandeln bei der Haftung wie jede kleine Klitsche”

Wer will etwas dagegen sagen? Die LLs höchstens, die lästigen Liberalen. Die würde nämlich stören, dass von Staats wegen eine Haftung eingeführt werden soll, die weder der Anbieter noch der Kunde eigentlich wollen. Lassen wir uns das von Herrn Rotert verdeutlichen:

Michael Rotert, Vorsitzender des Verbands der deutschen Interentwirtschaft eco, pochte ebenfalls darauf, dass “Software mit weniger Fehlern ausgeliefert werden muss.” Sicherheit sei noch stärker schon in der Entwicklungsphase von Produkten zu berücksichtigen und “sollte nicht in Form von Zusatzpaketen teuer erkauft werden müssen”.

Da ist es, das freie Mittagessen. Sicherheit ohne Zusatzkosten: Genial. Aber leider hatte Heinlein Recht: Dann wird eben das Produkt schon in seiner Grundausstattung so teuer. Oder anders ausgedrückt: Es soll dem Kunden verwehrt bleiben, sich für eine fehleranfällige, aber vielleicht billigere und schneller verfügbare Software zu entscheiden. In den Kommentaren bei heise online wird m.E. zu Recht darauf hingewiesen, dass viele Nutzer diesen Deal bewusst eingehen.

Die Linux-Szene bietet hier ein schönes Beispiel: Für die freie Distribution Debian gibt es drei Pakete.

  1. “Stable”: Das ist eine Zusammenstellung von Software, die akribisch auf Robustheit getrimmt ist.
  2. “Testing”: Hier ist praktisch das versammelt, was irgendwann mal “stable” werden soll. Man testet und bereinigt Fehler, bis alles ok ist. Das heißt aber auch: Noch sind hier Fehler zu erwarten.
  3. “Unstable”: Hier ist das Neueste vom Neuesten zu finden. Zum Ausprobieren, aber ohne Gewähr. Fehlerkorrekturen gibt es nur durch neue Releases der betreffenden Software, und ab und zu passt eine Neuerung auch nicht mehr zu Konfiguration des eigenen Rechners.

Produkthaftungsfreaks nehmen “stable”. Da die Debian-Pakete frei erhältlich sind, ist es nicht teurer als die beiden anderen Zweige. Aber der Nutzer muss in Kauf nehmen, dass die Software, die er da nutzt, in der schnelllebigen Internetzeit bereits als veraltet gilt. Beispiele: KDE ist bei “stable” in Version 3.3 erhältlich (aktuell ist 3.5.6), OpenOffice in Version 1.1 (aktuell ist 2.1) und Firefox in Version 1.0.4 (aktuell ist 2.0.0.2). An Gimmicks wie 3D-Desktops ist gar nicht erst zu denken.

Und nun raten wir mal, was Debian-Freunde so meistens installieren. Richtig: In der Firma auf dem Server das “stable”, zu Hause auf dem Desktop das “unstable”. Ein Produkthaftungsgesetz würde sie praktisch um die zweite Möglichkeit bringen. Lassen wir doch die Vertragspartner den Umfang ihrer Haftung gegenseitig selbst definieren. Wer sichere Software will, gibt eben ein wenig mehr Geld aus und entsagt dem modischen Firlefanz. Und wer mit ein paar Abstürzen leben kann (”you never have too many backups”), der nimmt es frischer und bunter. Wir brauchen keinen gütigen Onkel, der uns da reinquatscht. Verstanden, “Experten”?

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31 Kommentare zu “Der Expertenwille und das freie Mittagessen”

  1. 15.03.2007 | 20:44

    Guter Artikel. Der Mann hieß allerdings Robert Anson Heinlein. *haarspalt*

  2. admin
    15.03.2007 | 21:30

    Das “i” will ich ihm dann doch noch gönnen!

  3. Buenavista
    15.03.2007 | 23:26

    Ich bin dafür.
    Vorausgesetzt, wir führen auch die Politikerhaftung ein.

  4. 15.03.2007 | 23:33

    Expertenhaftung wäre auch nicht schlecht.

  5. 16.03.2007 | 2:08

    Okay. Aber Debian verkündet das doch in drei Versionen. Bei Microsoft kaufe ich eine Version, und da gibt es keine Unterschiede. Also ist das doch was ganz anderes, oder?

    Verdammt, ich als Konsument könnte mich ja einfach für Linux entscheiden, weil ich da richtig informiert werde, anstatt mein Geld nach Redmond zu geben. Wieder ein Punkt für Rayson…

    Meine Software läuft nur auf Windows? Windows war bei meinem PC dabei? Mein Partner hat Angst vor Linux, weil er das nicht kennt?

    Ich bin ja der gleichen Auffassung wie Du, Rayson. Ich hätte auch lieber Linux. Aber die Welt macht es mir doch so schwer…

  6. 16.03.2007 | 2:15

    “Die Logik dahinter ist die Logik des sich ausbreitenden Staates: ‘Wir haben doch Gesetz X schon für Tatbestand A eingeführt. Warum soll Tatbestand B davon verschont bleiben?’”

    Treffer! Damit hast Du die Bierzelt-Bordell-Logik von Ministerin von der Leyen auf den Punkt gebracht.

  7. 16.03.2007 | 2:24

    @Karsten

    Richtig, bei Microsoft gibt es nur eine Version. Die differenzieren nicht pro Release. Was wäre also die Folge für Windows, wenn die Produkthaftung durchkäme? Entweder wird die Software teurer, und/oder die Zeit bis zum nächsten Release verlängert sich. Das gilt dann auch für die zahlreichen Komponenten wie DirectX.

    Aber eine bestimmte Differenzierung gibt es schon. Gerade weil der gemeine Anwender weiß, dass die neuesten Produkte von Microsoft (und nicht nur von denen) ihre Macken haben können, gibt es noch derart viele Nutzer von Windows 2000 oder gar Windows NT. Das wäre dann ja auch nicht viel anders als bei Debian: Die ältere Version gilt als ausgereift, die neuere ist für die chicen Gimmicks da. Käme die Produkthaftung, könnten solche Strategien nicht mehr verfolgt werden.

    Übrigens muss niemand Angst vor Linux haben. Ich sage nur a) Live-CDs zum Kennenlernen und b) Virtuelle Maschinen zum Auf-Nummer-Sicher-Gehen. Notfalls auch Dual Boot. Die einzigen, die heute noch wirklich Windows-Kisten brauchen, sind die Hardcore-Spieler.

  8. 16.03.2007 | 2:26

    @la deutsche vita

    Die “Bierzelt-Bordell-Logik” merke ich mir aber als Begriff ;-)

  9. 16.03.2007 | 2:29

    @Karsten

    Aber eins räume ich in Sachen Linux ein: Die Hardware-Unterstützung muss man vorher abgeklärt haben, sonst wird es haariger.

  10. 16.03.2007 | 2:34

    Aber den free lunch gibt es wirklich, jedenfalls für US-Schriftsteller, die einen großzügigen Vorschuss für ihr nächstes, aber leider noch ungeschriebenes Buch bekommen haben. Das kann man in den Romanen von Jay McInerney nachlesen.

  11. 16.03.2007 | 2:38

    Ist ja auch kein “free lunch”, sondern ein bezahlter…

  12. stp
    16.03.2007 | 8:32

    Gut beobachtet!

    Dasselbe gilt übrigens auch für die nun verfügte Senkung der Roaminggebühren. Gerade in einer Branche mit derart hartem Preiskampf wundert es, daß diese bisher hoch geblieben sind.

    Offensichtlich sind die klassischen Roamingkunden nicht allzu preissensibel (Dienst-Telefon), und die preissensiblen Kunden nicht allzu oft im Ausland (Urlauber). Jetzt werden halt alle etwas mehr zahlen, damit eine Minderheit billig im Ausland telefonieren kann.

    Etwas anders sehe ich die Sache bei der Schaffung der “Euro-Überweisung” - viel internationaler Handel (vor allem im kleinen Maßstab - ebay) wäre ohne eine günstige Möglichkeit des Geldtransfers nie zustande gekommen. Allerdings unterscheidet sich der Markt für Bankdienstleistungen von dem der Telekommunikation wesentlich: In ersterem beginnt der Preiswettbewerb gerade erst, und die Kosten bzw. der Aufwand für einen Wechsel sind relativ hoch.

  13. 16.03.2007 | 10:01

    Auf die Frage der Verbraucher”schützer” aber was ist, wenn ein ganzer Betrieb ausfällt wegen mangelhafter Software? gibt es eine einfache Antwort: Hoffentlich noch nicht zu spät, um den IT-Leiter fristlos zu feuern …
    ;)

  14. 16.03.2007 | 11:08

    @ Rayson

    Danke! Jetzt verstehe ich endlich den Unterschied zwischen der wirtschaftswissenschaftlichen und laienhaften Verwendung der “free-lunch”-Metapher. Den Ökonomen geht es um die ebenso banale wie richtige Einsicht, dass irgendjemand immer die Zeche zahlt. “Laien” denken nur: “Hauptsache ich nicht”. Ich glaube der Laienbegriff ist im Alltag, auch im politischen, der populärere.

  15. nils
    16.03.2007 | 12:19

    Ich glaube, dass die Diskussion am Thema vorbei geht. Software Hersteller muessten eigentlich auch jetzt schon im Rahmen des BGB haften § 241 Abs. 2 BGB mit § 280 Abs. 1 BGB. Bitte korrigieren wenn ich da falsch liege. Die Haftung im Rahmen des BGB aufzuheben ist meiner Meinung nach auch nicht wirklich sinnvoll. Sie ergibt sich ohnehin aus den allgemeinen Vertragspflichten.
    Die Frage ist ob fuer Software auch die verschuldensunabhaengige Haftung nach ProdHaftG gelten soll.
    Also ist das Argument des Beitrags letztendlich, dass Software etwas anderes ist als ein Videorekorder?

  16. 16.03.2007 | 13:09

    @nils

    Klar geht es um die Fälle, in denen weder Vorsatz noch Fahrlässigkeit nachweisbar ist.

    Sicher kann Software auch etwas anderes sein als ein Videorekorder, aber mir kam es eigentlich eher darauf an, dass solche staatlichen Regelungen erstens Freiheitsentzug bedeuten und zweitens nicht umsonst zu haben sind.

  17. 16.03.2007 | 21:59

    Das freie Mittagessen - ich habe immer wieder das Gefühl, es begriffen zu haben und dennoch den Eindruck zu erwecken, ich hätte es nicht verstanden. Ich unternehme einen weiteren ernstgemeinten Anlauf.

    Okay, Trampen. Ich treffe die Entscheidung gegen den Kauf eines Autos, gegen den Erwerb eines Führerscheins, gegen den Abschluß einer Versicherung, gegen das beständige Bezahlen von Sprit, Reparaturen, Ausstattung usw. Die Autofahrenden treffen, indem sie mich mitnehmen, eine Entscheidung gegen häufige Raststättenpausen, sinnloses Benzingerode wegen Eile/Langeweile und pausenloses teures Mobiltelefonieren, da sie sich mit mir selbstverständlich prächtig unterhalten können.

    Das ist sozusagen der Opportunitätskosten-Overkill und müßte jeden Betriebswirtschaftler zur Verzweiflung treiben.

    Aber welches erstaunliche soziale Phänomen - schlecht quantifizierbar und überhaupt ein bißchen unscharf für die Verwertbarkeit - ergibt sich zumeist, gerade bei längerer Fahrt, zwischen mir und den Fahrenden?

  18. 16.03.2007 | 22:30

    @classless

    So ernstgemeint kann der Anlauf nicht sein, wenn du das Ergebnis gleich mitlieferst und es dann auch noch völlig unpassenderweise der Betriebswirtschaftslehre unterschieben willst.

    Die Opportunitätskosten sind ja nur die eine Seite der Medaille. Zwar eine, die häufig unterschlagen wird, aber eben doch nur die Kostenseite. Die andere besteht aus Nutzen - wenn der größer ist als die Kosten, dann kommt es zu erfolgreicher Nachfrage. Nichts anderes liegt in deinem Beispiel vor: Sowohl der Autofahrer als auch der Tramper konnten beide einen höheren Nutzen erzielen. Die Mehrkosten (Ertragen einer anderen Person neben sich, gestörte Ruhe, Abnutzung und Verbrauch beim einen, nicht unbedingt attraktives Fahrzeug, unangenehmer Gesprächspartner beim anderen) fallen dagegen nicht ins Gewicht. Es handelt sich hier um einen simplen Tauschakt: Unterhaltung gegen Unterhaltung plus Fortbewegung. Dass die Kosten letzterer nicht ins Gewicht fallen, ergibt sich aus der Grenzkostenbetrachtung: Ob einer mehr oder weniger mitfährt, erhöht die Gesamtkosten nur unwesentlich.

  19. 16.03.2007 | 23:51

    Ach, wenn das jetzt wieder auf “Nutzen” und “Unterhaltung” und ganz erfahrungsfern auf unattraktive Fahrzeuge runtergebrochen wird, dann können wir’s auch lassen. Herrje.

  20. 17.03.2007 | 0:09

    Dachte mir, dass dir eine Profanisierung nicht schmecken würde. Sorry aber für die Enttäuschung deiner Erwartung.

  21. 17.03.2007 | 10:34

    An der Stelle sagt Michael Holmes auch immer “Sorry” - was soll das heißen? Ihr entschuldigt euch dafür, daß ihr zwanghaft die Ebene der Verhandlung wechseln müßt? Es sind immer die anderen, deren Illusionen zerstört werden? Und ihr wißt vorher, daß ihr mit den verbohrten Ideologen nicht würdet kommunizieren können?

    Wwenn meine Erwartung, das Thema nicht-apologetisch diskutieren zu wollen, quasi automatisch enttäuscht werden muß, dann können wir’s wirklich lassen.

    Nun ja.

  22. 17.03.2007 | 10:38

    Heinlein trampte übrigens sehr gerne, btw. - zumindest er wir das Beispiel “Trampen” nicht als Opportunitätskosten-Overkill angesehen haben. Als “Libertarian” schrieb er mal, dass Großzügigkeit eine “angeborene” Tugend ist, und etwas völlig anderes sei als Altruismus (den er für eine “erlernte Perversität” hielt). Da bin ich zwar andere Ansicht, aber wenn bei der Großzügigkeit (ich nehme halt jemanden mit) noch ein Nutzen rausspring - warum nicht?

    Es ist tatsächlich extrem simpel: Das “freie Mittagessen” bezog sich bei Heinleins “The Moon is a Hard Mistress” auf ein Restaurant, das mit “freiem Mittagessen” warb. Tatsächlich wird das Mittagessen aber mit horrenden Getränkepreisen bezahlt. (Ähnlich ist das mit den “All you can eat”-Angeboten oder den Super-Sonderangeboten im Supermarkt.)
    “Einer muss die Zeche zahlen” - und in aller Regel sind das dieselben, die sich vorher über das “Schnäppchen” freuen.
    Heinlein bezog sich ausdrücklich *nicht* auf ein aus Gastfreundschaft oder Hilfbereitschaft überlassenes Esssen. Das muß zwar auch irgendwie bezahlt werden, aber eben vom freundliche Gastgeber, freiwillig, als Geschenk. Aber ein Geschäftsmann hat, außer als Privatperson, nichts zu verschenken. Ein Politiker übrigens auch nicht.

  23. 17.03.2007 | 15:15

    @classless

    Danke für die Anwendung des pluralis majestatis. Ist aber unnötig. Und wann Michael Holmes sich bei wem warum entschuldigt, musst du schon ihn fragen.

    Weißt du, was das Unangenehme am Fragen ist? Man bekommt mitunter eine Antwort, die nicht dem entspricht, was man sich gewünscht hat. Es ist aber ein seltsames Verständnis von Dialog, erst dem Anderen die Inhalte seiner Entgegnungen vorgeben zu wollen und dann, wenn er doch darauf beharrt, vom Drehbuch abzuweichen, ihm zu unterstellen, er unterliege “Zwängen” oder diskutiere “apologetisch”.

    Wer mir ein Beispiel bringt, mit dem er meint, die Grundlagen des Opportunitätskostenprinzips erschüttert zu haben, sollte sich jedenfalls nicht wirklich wundern (geschweige denn ärgerlich reagieren), wenn ich ihm gernen zeigen möchte, warum dem nicht so ist.

    Die Ausdrücke “Illusionen zerstören” oder “verbohrter Ideologe” hast übrigens du in diese Diskussion eingeführt. Da entsteht wohl gerade ein Strohmann.

  24. 17.03.2007 | 15:19

    @MartinM

    Dann wäre “la deutsche vita” ja an der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs sehr nah dran gewesen. Die Ökonomen haben das dann ausgedehnt auf das Prinzip, dass die Kosten einer Handlung (oder eines Produkts) immer im entgangenen Nutzen der besten Alternative bestehen.

  25. 17.03.2007 | 15:39

    @Rayson
    Du bist dir total sicher, daß du das Beispiel vollständig vom Tisch hast, weil du es in deine Terminologie übersetzt hast, eben die vom “Nutzen”. Sowas nenne ich auf persönlicher Ebene arrogant und auf die Diskussion bezogen verbohrt.

    @MartinM
    Die Antwort gibt mir mehr zu denken, auch wenn es wieder verblüffend ist, daß du vom “Nutzen” schreibst, der sich im Mitnehmen erschöpft. Das einzigartige soziale Phänomen einer oftmals stundenlangen, weitgehend konventionslosen, aber privaten Begegnung mit ansonsten sicherlich Fremden paßt aber m.E. in diese Rechnung nicht hinein, nicht zuletzt, da sie vom Mitnehmenden selten erwartet wird. (Von Leuten, die seltenoder gar nicht trampen offenbar auch nicht, wie die Antworten hier suggerieren…)

  26. 17.03.2007 | 16:02

    @classless

    Dass ich meine gewohnte Terminologie verwende, nennst du “arrogant”? Ok, dann bin ich das grundsätzlich. Im Gegensatz zu dir natürlich. Der Versuch, bestimmte Begriffe für tabu zu erklären, ist ja als echte Offenheit zu verstehen, um die Diskussion weiterzubringen. Großes Tennis.

  27. 17.03.2007 | 18:19

    Mann, nicht die bloße Verwendung der Terminologie, sondern die Annahme, mit der bloßen Übersetzung in sie die Frage beantwortet zu haben. Da wird schon irgendwo “Nutzen” abfallen und auch wenn es nicht so aussieht, läßt sich alles andere irgendwie auch zu “Nutzen” erklären, den kalkulierende Individuen bestimmen und gegen die “Kosten”, idealerweise auch gegen die Opportunitätskosten, abwägen.

    Aber ich sehe nicht, wie sich das soziale Ereignis “Trampen” vollständig in Nutzen umrechnen läßt und bin auch nicht bereit, den außerwirtschaftlichen Anteil, so er denn eingeräumt wird, als “unterhaltende” Begleiterscheinung anzusehen. Das würde außerdem auch voraussetzen, daß ich nur trampe, um an ein bestimmtes Ziel zu gelangen. Oder nicht?

  28. 17.03.2007 | 19:10

    @classless:

    Darf ich anmerken, dass ich eine angenehme Zeit, positive Emotionen und bemerkenswerte Sozialkontakte auch als einen “Nutzen” empfinde? Ich habe halt was davon, sonst würde ich es ja nicht machen. “Nutzen” muss ja nichts materielles sein, sondern kann auch ideell sein.
    Wo ist Dein Problem damit?

  29. 17.03.2007 | 19:12

    @classless

    Das ist doch das Schöne am Nutzenbegriff, dass ich ihn nicht auseinanderfieseln muss: Was Nutzen ist, bestimmt jeder für sich selbst. Einen liberaleren Ansatz kann ich mir nicht vorstellen.

    Was soll eigentlich “außerwirtschaftlich” sein? Wirtschaften ist der Umgang mit knappen Ressourcen, und die sind auch in deinem Beispiel genug vorhanden. Eine etwaige Verkürzung auf monetäre Aspekte braucht doch kein Mensch.

    Also:

    Das würde außerdem auch voraussetzen, daß ich nur trampe, um an ein bestimmtes Ziel zu gelangen. Oder nicht?

    Richtig: Eben nicht. Warum jemand trampt, ist mir eigentlich egal. Ich nehme allerdings wohl berechtigterweise an, dass er trampt, weil er einen Nutzen daraus zieht. Wie der aussieht: Seine Sache. Ob es darum geht, günstig von A nach B zu kommen, potenzielle Sexualpartner zu finden, tiefschürfende Gespräche zu führen oder soziologische Studien zu betreiben, das alles ist Privatsache.

  30. 17.03.2007 | 19:13

    @Karsten

    Überschneidung: Wenn ich deinen Kommentar vorher gelesen hätte, hätte ich die Klappe gehalten.

  31. 19.03.2007 | 9:43

    Ich habe eine Ahnung, was die Bedeutung der Einlassungen classless’ angeht:

    Sie spricht zu uns von einer anderen Bewusstseinsebene - der Ebene jenseits der Verwertungslogik.
    Dort wird etwas unternommen, nicht, um Nutzen daraus zu ziehen oder Spaß zu haben (denn das könnte man ja auch als gewissen, nämlich in Karstens Worten ideellen Nutzen bezeichnen), nein dort geschieht Verhalten. Einfach so. Motivationslos. Denn Motivation wäre zu nahe am Nutzen, am Verwerten.

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