Fremde Federn

Gut, Deutschland hat vorübergehend mal wieder den EU-Ratsvorsitz inne. Und die Römischen Verträge werden 50. Aber ist das Grund, einen solchen Unsinn daherzuschwatzen wie (sorry, es ging nicht anders) SPON jetzt? Da wird in Horrorszenarien (drunter machen die’s wohl nicht mehr) die Verelendung Deutschlands beschrieben, die sich eingestellt hätte, gäbe es die EU nicht.

Doch bei genauer Betrachtung wird deutlich: Es sind die Vorteile eines freien Handels, die da zum Ausdruck kommen, und nicht die des Überstaats EU. Selbst das vordergründig treffende Argument, die EU verhindere ein Übermaß an Subventionen der Nationalstaaten, wird ja nicht nur dadurch fragwürdig, dass sie an deren Stelle eben eigene setzt, sondern beruht auch auf der Annahme einer grenzenlosen Lernunfähigkeit von Demokratien. So, als habe es z.B. eine Thatcher nie oder nur wegen der EU gegeben… Aber Humor haben sie bei SPON, das muss man ihnen lassen. Ausgerechnet die Landwirte als potenzielle Nutznießer eines Europas ohne EU zu identifizieren, das hat wirklich was. Mich wundert nur, dass sich das Mannheimer ZEW für so einen Bockmist hergibt.

Wie wir aus Film, Funk und Fernsehen wissen, hat es sich unsere Kandesbunzlerin ja zur Aufgabe gemacht, den “europäischen Verfassungsprozess wieder in Gang zu bringen”, oder wie das heißt. Nicht nur, dass mir noch keiner richtig erklären sollte, wozu wir den eigentlich brauchen (nicht, dass da nicht auch vernünftige Sachen drinstünden, aber wenn man die wirklich will, dann kann man die auch so haben), gerade zu einem Zeitpunkt, wo das Gebilde immer größer und heterogener wird. Auch die Verachtung, die Politik dem angeblichen Souverän Volk entgegenbringt, scheint allemal größer zu sein als der Respekt vor dessen in Abstimmungen geäußertem Willen. Wenn die dummen Bürger nicht begreifen, was gut für sie ist, muss die allwissende Politik sie eben totquatschenaufklären, bis sie es tun. Wem oder was das deutliche “Nein” der Franzosen und Niederländer galt, ist daher nicht durch die Fragestellung der Abstimmung festgelegt, sondern wird notfalls erst hinterher von Politikern ermittelt.

Deswegen eine Bitte an unsere Hofberichterstatter von “tagesschau” und “heute”: Feiert die in Aussicht gestellte Zustimmung der Polen zur “Berliner Erklärung” meinetwegen als persönlichen Erfolg der Kanzlerin. Ein Erfolg für das Europa der Bürger ist es nicht. Das funktioniert nämlich auch ganz ohne EU-Verfassung.

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11 Kommentare zu “Fremde Federn”

  1. 19.03.2007 | 13:30

    das unterschreibe ich diesmal ;-)

  2. 19.03.2007 | 13:44

    Du übersiehst aber, dass es den freien Handel ohne die Kompetenzen der EU- also provokant gesagt den “Überstaat”- nicht gäbe.

    Thatcher hat übrigens z.B. die Einheitliche Akte 1986 stark unterstützt. Zu dem Thema
    http://oliver-luksic.blogspot.com/2007/03/wie-liberal-ist-die-eu.html

  3. 19.03.2007 | 13:50

    @Oliver

    Das übersehe ich nicht, dass bezweifle ich. Woher willst du das wissen?

  4. R.A.
    19.03.2007 | 14:46

    Historische “what-if” Szenarien lassen sich nie beweisen.
    Man kann also nie sicher sagen, ob es auch ohne EU einen europaweiten Freihandel gegeben hätte.

    Persönlich bezweifele ich das sehr.
    Die Situation im Nachkriegs-Europa war doch deutlich anders als heute, insbesondere von einem allgemeinen und verständliche Mißtrauen Deutschland gegenüber geprägt.

    OHNE politische Einbindung per EU wären die übrigen Staaten m. E. nicht bereit gewesen, sich wirtschaftlich so zu öffnen.

    Und wenn man die aktuellen außenpolitischen Amokläufe der SPD so ansieht, dann kann man nur sagen: Diese Einbindung ist auch heute noch grundsätzlich nötig.

    Was diverse bürokratische und zentralistische Auswüchse natürlich nicht rechtfertigt.

  5. 19.03.2007 | 15:34

    OHNE politische Einbindung per EU wären die übrigen Staaten m. E. nicht bereit gewesen, sich wirtschaftlich so zu öffnen.

    Vielleicht, vielleicht nicht so schnell, vielleicht auch nicht. Dann wären eben alle freiwillig ärmer geblieben. Kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber Spekulieren ist, worin wir natürlich übereinstimmen, ja erlaubt. Es als Tatsache zu verkaufen wäre jedoch frech.

    Und wenn man die aktuellen außenpolitischen Amokläufe der SPD so ansieht, dann kann man nur sagen: Diese Einbindung ist auch heute noch grundsätzlich nötig.

    Ich habe eine gewisse (liberale?) Abneigung, vom Ergebnis her zu argumentieren.

  6. R.A.
    19.03.2007 | 16:00

    @Rayson:
    > Dann wären eben
    > alle freiwillig
    > ärmer geblieben.
    Exakt so.
    Denn die Angst vor Deutschland wäre in vielen Ländern durchaus ein Argument gewesen, auf einen möglichen Wohlstandszuwachs zu verzichten.

    Freihandel hatte damals mit ähnlichen Vorbehalten zu kämpfen wie heute. Und “gefährdet unsere Sicherheit” wäre in diversen Nachbarländern ein stark wirksames Argument der Freihandels-Gegner gewesen.

    > Es als Tatsache zu
    > verkaufen wäre
    > jedoch frech.
    Natürlich.
    Damit meinst Du jetzt aber den Spiegel.

    > Ich habe eine
    > gewisse (liberale?)
    > Abneigung, vom
    > Ergebnis her zu
    > argumentieren.
    ???
    Die außenpolitische Dummheit heute ist doch nicht das Ergebnis von EU-Politik - sondern Relikt historischer Defizite, die zu überwinden man die EU u. a. gegründet hat.

  7. 19.03.2007 | 16:23

    Damit meinst Du jetzt aber den Spiegel.

    Klar.

    ???

    Will sagen - allein, dass durch die Existenz einer EU eine SPD nicht ganz so viel außenpolitischen Schaden anrichten kann, kann ihre Existenz nicht begründen…

  8. R.A.
    19.03.2007 | 16:44

    OK, jetzt ist mir klar, wie Du das meintest.

    In der Tat sollte die EU einige mehr Positivpunkte bringen als nur den Schutz vor SPD-Dummheit (bringt sie m. E. auch, selbst wenn es immer schwerer fällt, die EU angesichts diverser Mißstände noch zu verteidigen).

    Wobei der Schutz vor außenpolitischer Dummheit Deutschlands schon wichtig ist, da könnte nämlich wirklich Schlimmes passieren - nicht nur etwas Gasprom-finanzierter Populismus.

  9. 19.03.2007 | 16:48

    Sorry Rayson, aber ernshaft zu bezweifeln ohne EG-Vertrag gäbe es freie(re) Märkte ist völlig realitätsfern!

    Die Frage ist, ob Deutschland oder Frankreich ohne die EU liberaler wäre bzw. ob Europa ohne die EU mehr Freihandel und freie Märkte hätte: die ganz klare Antwort hierzu heißt nein!

    Das hat auch noch niemand ersthaft wiederlegen können, das behauptet auch wohl fast niemand.

    Ohne die EU mit ihren Institutionen und Kompetenzen gäbe es aber eben keine Freiheit der Waren, der Dienstleistungen, bzw. auch Niederlassungs- und Kapitalfreiheit.

    Genau so wäre das europäische Wettbewerbsrecht ohne EU/EG-Vertrag außer Kraft, nationale “Champions” würden geschmiedet, Subventionen wären wieder erlaubt, Markthemmnisse durch Qualitätsanforderungen etc.

    Insofern ist auch wichtig zu erwähnen, dass die deutsche Industrie und der Mittelstand dringend auf die EU-Regeln angewiesen sind, sonst wird ihnen der Zugang zum Binnenmarkt blockiert. Damit beschäftige ich mich auch tagtäglich.

    Das hat auch nichts mit “What, if” zu tun, sondern mit europ. Integration.

    Ohne den EG-Vertrag gäbe es mehr Protektionismus und weniger freie Märkte in der EG und auch nach außen.

    D´accord sind wir wohl bei der Kritik an Aspekten politischer Integration oder bei den Gefahren eines EU-Sozialmodells.

  10. 19.03.2007 | 22:06

    @Oliver

    Tut mir leid, aber außer unbewiesenen Behauptungen hast du meiner Meinung ja auch nicht viel entgegenzuhalten. Man kann auch ohne EU eine vernünftige Wirtschaftspolitik betreiben, wage ich mal zu behaupten. Jedenfalls will mir nicht einleuchten, warum ausgerechnet die europäischen Staaten, die jetzt Mitglied sind, dazu allein nicht fähig sein sollten. Staaten, die sich zu einem Konstrukt wie der EU verbinden, sollten doch auch in der Lage sein, eine simple Freihandelszone auf die Beine zu stellen, oder?

    Eine Kleinigkeit noch zum Schluss: Ich sage bewusst EU. Nicht Montanunion, und auch nicht EG. Tun wir nicht so, als sei das alles dasselbe, nur weil das eine aus dem anderen hervorging. Nicht ohne Grund komme ich zum Schluss auf die Verfassung zu sprechen. Das ist nämlich genau der Trick: Die Errungenschaften durch Freihandel werden den immer mehr ausgebauten überstaatlichen Institutionen zugeschrieben, wo sie aber ganz falsch aufgehoben sind.

  11. 25.03.2007 | 11:17

    Ja zur EU!…

    Heute ist es soweit, die EU wird 50 Jahre alt. Viel Aufhebens wird darum ja nicht wirklich gemacht, vielleicht auch weil es um das Image der EU nicht zum Besten steht. In diversen Umfragen in diversen Ländern läuft es meist jeweils auf ein 50:50 hera…

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