Auch mal loben

Bei aller Kritik, die in den letzten Tagen hier in der Blogosphäre auch und gerade von FDP-Mitgliedern an jenen geübt wurde, die innerhalb unserer Partei die Richtlinien der Politik festlegen (die außenpolitischen Kommentare von Guido Westerwelle sind auch für mich teilweise schwer nachzuvollziehen), muss ich doch auch mal wieder Lob anbringen. Die Liberalen in NRW scheinen zu den wenigen zu gehören, die angesichts der großen Medienresonanz, die die Jugendgewalt im Augenblick erfährt (auch, wenn sie zahlenmäßig eigentlich eher abnimmt), die Ruhe bewahren. Während die CDU mit ihren üblichen Beißreflexen zuschlägt, von “mehr Härte” im allgemeinen über die Forderung nach Boot-Camps, Videoüberwachung und einer Verschärfung des Strafrechts, während die SPD andererseits eher im süßen Nichtstun verharrt und nur erzählt, was sie gerne nicht machen möchte, hat sich der rechtspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Robert Orth, einmal wirklich ruhig hingesetzt und sich mit den Forderungen der unterschiedlichen Praktiker beschäftigt.

Sein Eckpunktepapier zum Jugendstrafvollzug und zur Bekämpfung der Jugendkriminalität enthält dabei Positionen, die der Sozialen Arbeit ebenso entstammen wie den Entwürfen des Deutschen Richterbundes - Forderungen, die teilweise schon jahrelang erhoben und wiederholt wurden, aber im Streit ideologischer Extrempositionen bisher untergingen. Ob “Gelbe Karte” oder “Warnschussarrest”, was Orth aufzeigt und beleuchtet, sind Forderungen von Fachleuten, die oft unumstritten sind unter jenen, die sich wirklich täglich mit den Phänomenenen jugendlicher Gewalt und Intensiväterschaft beschäftigen, aber die Politik nicht erreicht haben.

Das einzige, was in dem Papier leider nicht steht, ist, dass diese Maßnahmen Geld kosten werden. Eine Beschleunigung der Strafverfahren wird sich eben nicht nur durch eine bessere Koordination machen lassen, sondern es werden auch personelle und finanzielle Ressourcen erforderlich sein. Und für die Prävention können Vereine, Kirchen und gesellschaftliche Gruppen zwar eine Menge leisten - die wirklichen Problemfälle erreicht man aber eben nur über die Hilfen zur Erziehung, für deren Durchführung die Jugendämter ebenfalls eine ausreichende Ausstattung benötigen. Leider aber ist hier der Trend, zwar ein umfangreiches gesetzliches Instrumentarium einzurichten und dann so zu tun, als sei ja alles geregelt, ohne aber die benötigten Finanzmittel auch einzuplanen. Was ärgerlich ist - denn wenn dann aus problematischen Familien erst einmal kriminelle Jugendliche hervorgekommen sind, sind die Kosten bereits erheblich höher geworden. Denn auch Gefängnisplätze, Staatsanwälte, Richter und Polizisten wollen bezahlt sein, und eine Heimunterbringung verursacht höhere Kosten als ein Erziehungsbeistand.

Zunächst aber sind die Orthschen Eckpunkte ein guter Anfang. Sie vermeiden den Fehler, neue, härtere Gesetze zu fordern - aber auch den Fehler, in der Erziehung die notwendigen Sanktionen für Fehlverhalten außer Acht zu lassen. Jugendlichen auch durch unangenehme Maßnahmen klar zu machen, dass ihr Verhalten nicht akzeptabel ist, dabei aber auch immer eine Hand in ihre Richtung auszustrecken - das ist der richtige Weg für ein Engagement gegen Jugendgewalt.

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4 Kommentare zu “Auch mal loben”

  1. 21.03.2007 | 2:11

    Danke für Dein Engagement in diesem Bereich auch im Landesarbeitskreis! In Bonn werden wir zum Thema nächste Woche mit dem Bonner Polizeipräsidenten und anderen Experten über Jugendkriminalität und Gewalt gegen Senioren diskutieren.

    Richtig schön wäre es mal mit dem Kabarettisten Konrad Beikircher eine Veranstaltung hinzubekommen, der immerhin einige Jahre als Gefängnispsychologe in der JVA Siegburg gearbeitet hat.

  2. 21.03.2007 | 8:45

    Hallo Julius,

    wie ich sehe, bist Du über meinen gestrigen Termin schon informiert (wow, nur gut, dass das hier bei uns im Kreis war - wenn ich dafür nach Münster oder Bielefeld hätte fahren müssen, wäre es heute morgen früh geworden!). Wenn ich es Freitag einrichten kann, werde ich mich aber wohl auch auf den Weg nach Bonn machen… ihr seid ja mit Euren Diskussionsveranstaltungen sehr fleißig da unten. :)

    Das mit Beikircher habe ich gleich erst mal notiert. Den sehe ich zwar immer gern (auch live, er ist ja etwa einmal im Jahr hier in Pulheim), aber dass er Gefängnispsychologe war, ist mir neu…

  3. Libero
    21.03.2007 | 8:55

    @Karsten

    Maßnahmen gegen die Jugendkriminalität und –verwahrlosung sind Investitionen. Ähnlich wie Investitionen in Forschung und Anlagen. Investitionen werden nicht durch die Kosten, sondern durch den erwarteten wirtschaftlichen Nutzen motiviert. Investitionen in die heranwachsende Generationen sind den Investitionen in Forschung und Entwicklung vergleichbar. Ähnlich wie in der Forschung kann man nicht genau vorhersagen, wann und welcher wirtschaftlicher Nutzen ersteht. Man erforscht, welche Fähigkeiten in Heranwachsenden stecken und stimuliert das Aufblühen dieser Fähigkeiten. Nicht zuletzt müssen sich die Jugendlichen selbst erforschen, wozu sie begabt sind.

    Welcher Nutzen ist denkbar? Da hilft uns Bastiat mit seiner klassischen Eselbrücke des Denkens. Was man sieht und was man nicht sieht.

    Was man sieht, sind die Kosten dieser Investitionen

    Was sieht man nicht?

    Wenn es gelingt, daß ein Jugendlicher die kriminelle Karriere beendet oder erst gar nicht beginnt, vermeidet man Schäden durch Kriminalität. Wenn dieser Jugendliche, früh genug ermuntert und gefördert, den Lebensweg der meisten Jugendlichen zu gehen, eine gute Schul- und Berufsbildung aufzubauen und einen erfolgreichen Berufsweg einzuschlagen, erwirtschaftet dieser heute noch kriminell werdende Jugendliche ein selbständiges Einkommen aus einer nichtkriminellen Tätigkeit.

    Das ist das, was man nicht sofort sieht. Es werden Schäden abgewendet, Kosten gespart und Nutzen erwirtschaftet. Von Jugendlichen, die bisher nicht nur Kosten, sondern vor allem Schäden erwirtschafteten. Dabei ist der Nutzen, das diese Schüler die Entwicklung anderer Schüler in Schule und Berufsausbildung dann nicht mehr beeinträchtigen, noch gar nicht erfaßt. Das ist dann der indirekte Nutzen.

    Bastiat war schon ein kluger Kopf.

    Was man sieht und was man nicht sieht. Wenden wir diesen Satz auf die heutigen Immigranten an. Zweifelsohne sind die meisten von ihnen für eine Industriegesellschaft nicht qualifiziert. Das waren die Bauern, die im 19. Jahrhundert vom Land in die Stadt strömten, auch nicht.

    Bei allen Problemen mit Immigranten dürfen die heute Urteilenden eins nicht vergessen. Bei den meisten der heute Urteilenden muß man nur drei, vier Generationen zurückgehen und man trifft auf Menschen, von denen die damals Urteilenden mit guter Ausbildung gesagt haben:

    Aus diesen Menschen und ihren Nachkommen wird nie etwas.

    Ein Mensch, der anders urteilte, war der junge Rudolf Virchow. Auch Richard Cobden und viele andere haben über die damals nicht Qualifizierten so nicht gedacht und Entwicklungsmöglichkeiten angeboten.

    Wenn man die Erwartungen an Menschen heranträgt, daß nie etwas aus ihnen wird, nichts von ihnen erwartet, wird auch nichts aus Ihnen. Man kann das natürlich auch umgekehren. Der Kreativitätspädagoge Mehlhorn vermittelt seinen zukünftigen Lehrern einen Grundsatz: Gib jedem Schüler das Gefühl, das du ihn/sie in deinen Fächern für besonders begabt hältst. Erstaunlicherweise ermutigt das Schüler, besser zu werden.

    Das reicht natürlich nicht aus, aber ohne die Erwartungshaltung geht es auch nicht. Vor allem darf es keine negative Erwartungshaltung sein. In der New York Times stand vor einigen Monaten ein aufschlußreicher Artikel. Wie oft ein Kind ermutigt wird und wie oft ein Kind entmutigt wird, bevor es überhaupt in die Schule kommt. Will man sicherstellen, daß ein Erstklässler als Schulversager beginnt, muß man ihn nur oft genug entmutigen, herabsetzen und demütigen.
    So selten ist das nicht, man muß nur mit offenen Augen seine Mitmenschen im Umgang mit ihren Kindern beobachtet, um das festzustellen. Man beobachtet sehr oft liebevollen ermutigenden Umgang mit Kindern, aber leider nicht so selten einen lieblosen, quälenden, herabsetzenden, demütigenden Umgang mit Kindern. Die Saat der Niedertracht, die in diesen Kinder gesät wird, wird in den meisten Heranwachsenden aufgehen und viel zu oft von den dann Erwachsenen weitergegeben.

    Im ungünstigsten Fall wird aus einem hoffnungsvoll ins Leben getretenen Baby ein Kind, das aggressiv um sich schlägt, mit 9 noch bettnässt und bereits aus der ersten Klasse in die Kinderpsychiatrie eingeliefert werden. Das ist ein Kind, dessen Lebensweg ich durch eine Freundin, dessen Enkel es ist, kenne. Was für ein Start ins Leben. Die, die erziehungsberechtigt ist, ist die, die entmutigt, demütigt und herabsetzt. Weil sie ihr Kind hasst. Manchmal ist selbst die Mutter nicht die beste Lebensbegleiterin für ihr Kind. Wie sich manche Väter verhalten, kann man mit offenen Augen und Ohren wahrnehmen.

    Der Hecht

  4. 21.03.2007 | 21:58

    @Libero:
    Ich glaube, auf den “Hecht” hat schon jemand anderes das Copyright. :)

    Schön, dass ich jetzt mit Bastiat für höhere Ausgaben im Erziehungsbereich plädieren kann. :)

    Ansonsten:

    Auch mal kritisieren muss ich heute “Hart aber Fair”. Da waren Volker Bouffier mit lauter Klischees, ansonsten zwei Schauspieler mit platten Meinungen und ein Pädagoge, der bei jeglichem schlechten Beispiel auf CDU-Linie gleich zu KZ-Vergleichen griff und sich durch Godwin’s Law selbst disqualifiziert hat. Sachverstand leider Fehlanzeige. Schwache Sendung.

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