Don Quijote, Sancho Panza und Kalle Marx

Thomas hat einen netten Beitrag über die Unterschiede zwischen Libertären und Liberalen verfasst, den ich recht treffend finde: Libertäre Don Quijotes treffen da auf liberale Sancho Panzas.

Aber auch wenn manche Libertäre in ihrer Radikalität und ihrer, sagen wir mal, recht engen Fokussierung an Verhaltensmuster und Vorstellungen erinnern mögen, die man auch bei Marxisten antreffen kann, möchte ich ihm in diesem Vergleich nicht ganz folgen. Denn Libertäre streben im Gegensatz zu Marxisten keine zielgerichtete Umgestaltung der Gesellschaft an oder gar einen idealen Menschen. Im Gegenteil: Libertäre halten das Recht für jedermann hoch, nicht mitmachen zu müssen. Das sind entscheidende Unterschiede z.B. im Hinblick auf die Legitimierung von Gewalt. Genau aus diesem Grund ist ein Konstrukt wie die “Diktatur des Proletariats” libertärem Denken wesensfremd. Dass ich “nicht ganz” sagen musste, liegt leider an Ausgrenzungsfantasien und Feindbildern eines Hoppe und seiner Anhänger.

Für Libertäre muss der Mensch auch nicht, wie Thomas meint, vernünftig im Sinne eines Kant sein (noch dazu als Soll-Vorstellung) - wieder im Gegenteil: Welche Ideale, welche Vorstellungen von Moral und Ethik ein Mensch hat, all das ist dem Libertären im Grunde egal. Das einzige, was er beim Einzelnen wirklich voraussetzen muss, ist der Wille zur Freiheit. Da geht es dann wirklich los mit dem Don Quijote.

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14 Kommentare zu “Don Quijote, Sancho Panza und Kalle Marx”

  1. DDH
    29.03.2007 | 16:00

    Ich halte eher den sounsovielten Versuch, einen “liberalen Staat”, gar einen “Rechtsstaat” errichten zu wollen, für hoffnungslose Don Quijotterie. Wer einen Weg findet, einen Staat dauerhaft auf Minimalstaatsniveau zu halten, ohne daß der Leviathan irgendwann nicht doch Begehrlichkeiten entwickelt, nach innen wie außen zu wachsen und zugleich auch Mittel und Wege findet, allfällige konstitutionelle Schranken gegen dieses Wachstum mit Brachialgewalt niederzurreißen oder mit Finesse zu unterlaufen, der hätte wirklich den Stein der Weisen entdeckt und wäre nobelpreiswürdig.

    Ansonsten halte ich es da mit Stefan Blankertz:

    „Die Liberalen, die weiterhin der Illusion sich hingeben, dieser Staat sei »ihr« Staat, werden von der Krise der Politik hinweggerafft werden: Ihre Glaubwürdigkeit nimmt ständig ab. Auf der politischen Bühne sind auf der einen Seite Technokraten gefragt, die die Maschinerien trostloser bürokratischer Apparate so gut wie möglich handhaben können; auf der anderen Seite Vereinfacher, Populisten und Demagogen, die versprechen, wenn man ihnen die Macht nur gäbe, würden sie’s schon richten.“
    Stefan Blankertz, Die Therapie der Gesellschaft

  2. 29.03.2007 | 16:05

    Es geht nicht darum, wer was für einen Staat “errichten” will, sondern darum, wie man mit Realitäten umgeht. Wer auf das Jüngste Gericht warten will, soll das gerne tun, darf dann aber statt zu kritisieren nur noch jammern.

  3. DDH
    29.03.2007 | 16:23

    “Anerkennung der Realitäten” ist die abgenutzteste Standardformel fürs Alibisieren der eigenen Anpassung.

  4. 29.03.2007 | 16:32

    Nenn es, wie du willst, und spiel weiter.

  5. 29.03.2007 | 19:55

    Das mit dem Vergleich zwischen libertärem Einstellungen und Marxismus ist wirklich leicht misszuverstehen, mir ging es dabei nur darzustellen, dass weder das eine noch das andere System praktikabel ist. Das ein Libertärer und ein Marxist reichlich wenig gemein haben versteht sich von selbst.

    Auch würde ich Kant nicht als libertär bezeichnen. Es ging mir mehr um seine Vorstellung der Vernunft. Denn wenn ein libertärer Staat funktionieren soll, müssen seine Bürger ja einen gewissen Grad an Vernunft besitzen, sonst dürfte der libertäre Staat früher oder später von einigen durch einen anderen nicht einmal mehr liberalen Staat abgelöst werden - oder er manöveriert bei einer großen Anzahl von Unvernünftigen eher in Richtung Anarchie statt Freiheit.

    Wenn ich ein wenig übers Ziel hinausgeschossen bin, liegt das wahrscheinlich daran, dass mir libertäre Gedanken natürlich nicht fremd sind. Ich finde es eben schade, das viele gute Ansätze überhaupt keine Rolle spielen, weil Libertäre an ihrer reinen Lehre festhalten.

  6. 29.03.2007 | 21:23

    @Thomas

    Natürlich ist Kant nicht libertär, aber das hat ja auch keiner behauptet. Ich habe deiner Argumentation diesmal nicht aus Unkenntnis widersprochen - Vernunft in Kants Sinn ist m.E. für ein libertäres Gemeinwesen nicht erforderlich, so lange Freiheit gewollt ist.

    In der generellen Beurteilung sind wir uns aber einig.

  7. der_gute_don
    29.03.2007 | 21:37

    Die Einbildungen/Ansichten des Libertären haben geradezu ein Gottvertrauen in die Vernunft des Menschen. Sie folgen Kant, der glaubte die abstrakte Einsicht an den Nutzen der Vernunft und Pflicht würde allein genügen, dass alle Menschen dieser Einsicht folgen.

    Ein weiterer feiner Unterschied mag wohl auch darin liegen, ob das Ignorieren der Anreize (Einsicht) im “libertären System” automatisch eine signifikante Pönalisierung darstellt.

  8. 30.03.2007 | 0:55

    @DDH:
    Was Dein Blankertz-Zitat angeht: Ich finde das sehr gut. Denn es beschreibt, welche Menschen auf der politischen Bühne immer Erfolg hatten - und wohl immer haben werden.

    Aber es gibt noch einen dritten Typus. Einen Perikles etwa. Jemand, der in dessen Tradition denkt, der wird immer mit den beiden ersten konkurrieren. Man kann natürlich sagen “Schluss mit den beiden ersten Typen, ich glaube einfach, dass irgendwann alle einsehen, dass Staat und Gesellschaft Unsinn sind”. Ich halte es aber doch lieber mit Perikles.

  9. matthias b.
    30.03.2007 | 2:12

    “Welche Ideale, welche Vorstellungen von Moral und Ethik ein Mensch hat, all das ist dem Libertären im Grunde egal. Das einzige, was er beim Einzelnen wirklich voraussetzen muss, ist der Wille zur Freiheit.”

    Würde ich so nicht unterstreichen.

    Selbst zwischen diesen Menschen die man mit dem Label “Libertäre” versieht, bilden sich Fraktionen wie z.b.sogenannte Linkslibertäre und Hoppe-Anhänger.
    Letztere können sich mit ersteren gar nicht so recht anfreunden auf Grund bestimmer ethischer Vorstellungen (konservative Werte VS RocknRoll).

    Insofern kann man Raysons Vorwurf bzgl. Moral und Ethik von Libertären oben wohl nicht ganz zustimmen.

    Ist eine staatenlose Ordnung möglich wenn alle Beteiligten “lediglich” einen bedingungslosen Willen zur Freiheit mitbringen oder Bedarf es zusätzlich bestimmter moralischer Wertvorstellungen die sozusagen als Ordnungsfaktor fungieren?

    Diese Frage wird durchaus kontrovers diskuttiert.

  10. Libero
    30.03.2007 | 8:31

    @Karsten

    in einer Berliner Ausstellung über die Glanzzeit Athens wurden Scherben des Scherbengerichtes gezeigt. Perikles war immer nahe an den 7000 notwendigen Stimmen. Wenn man weiß, wie wenig mehr stimmfähige Athener Bürger es gab, war das eine Gratwanderung

    Thomas Beispiel ist sehr treffend. Das ist das Unbehagen, was ich auch immer hatte, aber nicht in einem solchen Beispiel artikulieren konnte. Unbewußt erwarten die Libertären rational gute Menschen, was in sich schon ein Widerspruch ist. Ob das so weit weg ist vom Marxismus. Nehmen wir an, plötzlich wäre die libertäre Welt einfach da. Wie würden Libertäre reagieren, wenn sie wahrnehmen, daß die Menschen trotz des Wegfalles des Staates nicht so werden, wie sie es sich wünschen?

  11. 30.03.2007 | 8:45

    @Rayson
    Der letzte Absatz Deines obigen Beitrages gefällt mir gut - das ist der KERN: Die materiale Bestimmung des Miteinanders ist nicht nur unmöglich, sondern vereitelt das Miteinander. Und der Wille zur Freiheit (in ‘Bürgerlichkeit’ - besser: in citizenship in seiner echten, unpolitischen Bedeutung) liegt IN der Vernunft, besser: liefert diese, weil sie sich kein anderes Gesetz geben kann. Freiheit ist vernunftnotwendig, und es war Kant, der es (schließlich) so formuliert hat.

    Die Form der Bestimmung von ‘bürgerlicher’ Freiheit ist zugleich ihre “Materie”: Handle so, dass deine Freiheit mit der aller anderen in gesetzlicher Übereinstimmung existieren kann.

  12. 30.03.2007 | 11:44

    @mathias b.

    Das war ein Missverständnis: Die Abwesenheit einer vorausgesetzten Moral und Ethik sehe ich nicht als Vorwurf, sondern im Gegenteil als Stärke an. Deswegen auch die Kritik an der Hoppe-Fraktion.

    @Bodo

    Damit läufst du ja wieder ein wenig auf Thomas zu, denn was wäre, wenn die Menschen eben nicht so zu handeln bereit sind, sondern sich ihre Freiheit in der Regel gerne auch auf Kosten der Freiheit anderer verschaffen? Deswegen kommt man doch in Debatten mit Libertären irgendwann mit nahezu tödlicher Sicherheit immer zu den “Schutzorganisationen”.

  13. gang
    31.03.2007 | 16:40

    @Rayson:

    Ich glaube nicht, dass Du es ernst meinst mit dem Lob für eine Abwesenheit von (vorausgesetzter) Ethik. Denn sowohl selfownership als auch das klassisch liberale Prinzip, wonach die Anerkennung des Individuums als Person nicht zur Disposition des einfachen staatlichen Rechts stehen kann, sind ethische Prinzipien.

    Die deutsche Debatte ist ein seltsames Wortspiel. Der Begriff “libertarianism” ist einst entstanden, weil nach dem New Deal der Begriff “liberal” in Amerika desavouiert und in sein Gegenteil verdreht war. So sollten wir ihn auch in Deutschland gebrauchen. Er umfasst damit mehr als nur Anarchokapitalisten.
    Und mal ehrlich - angesichts der Realität sollten wir (in den Worten Baaders) uns über die sicherlich interessante Frage, ob man Leviathan das Haupt abschlagen sollte oder nicht, bitte erst dann entzweien, wenn er in Ketten liegt.

    Ganz zum Schluss - die Berufung auf Rousseau und Hegel (!) gegen Kant ist auch für (klassisch) Liberale etwas ungewöhnlich.

  14. 31.03.2007 | 17:43

    @gang

    “Ethische Prinzipien” vielleicht, aber sehr rudimentäre. Zu einer echten Ethik fehlt da noch einiges.

    Angesichts der Realität sollten wir (in den Worten Baaders) uns über die sicherlich interessante Frage, ob man Leviathan das Haupt abschlagen sollte oder nicht, bitte erst dann entzweien, wenn er in Ketten liegt.

    Sehe ich ganz und gar auch so. Aber diskutieren heißt ja nicht entzweien, oder?

    Ganz zum Schluss - die Berufung auf Rousseau und Hegel (!) gegen Kant ist auch für (klassisch) Liberale etwas ungewöhnlich.

    Richtig, obwohl hier der Konjunktiv besser passen würde, denn soweit ich das sehe, ist dieser Fall in dieser Diskussion jedenfalls nicht eingetreten.

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