Dresdner Perspektiven

Ich habe es wieder getan: ich habe SPON gelesen und ich habe mich über SPON geärgert. Aber zu diesem Artikel möchte ich einiges richtigstellen. Der Autor möchte um jeden Preis einen Gegensatz zwischen der Stadt Dresden und der Spitzenforschung konstruieren. Dazu ist ihm kein Klischee zu abgegriffen. Er sieht beispielsweise einen Rückstand Dresdens gegenüber Leipzig und will herausgefunden haben, dass AMD und Infineon den Standort Dresden nur als verlängerte Werkbank betrachten:

Doch im Vergleich zu diesem zweiten sächsischen Zentrum hat die Landeshauptstadt nur mäßig attraktive Niederlassungen moderner Großindustrien abbekommen. Zwar betreibt AMD, der amerikanische Chip-Hersteller, eine Hightech-Fabrik in Dresden - doch nur als Produktionsstätte. Also ohne Forschungs- und Entwicklungsabteilung und somit quasi nur als verlängerte Werkbank. Auch Infineon, der bayerische Wettbewerber zu AMD, hat in Dresden eine Chipfabrik gebaut - ohne Labors.

Das ist ganz großer Unsinn und auch der SPON-Autor hätte es nach kurzer Recherche besser wissen können. Forschung und Entwicklung sind in Dresden gerade in der Halbleiterindustrie sehr eng verbunden:


  • Das Fraunhofer-Zentrum für Nanoelektronische Technologien wurde von Anfang an als Kooperationsprojekt der Halbleiterindustrie und der Forschung aufgebaut.
  • AMD hat in Dresden mit zwei weiteren Partnern das Advanced Mask Technology Center gegründet, um die Grundlagen für die Produktionsprozesse der nächsten Generationen zu entwickeln.
  • AMD hat in Dresden ein Entwicklungszentrum aufgebaut, in dem künftige Prozessoren noch besser auf die Anforderungen der modernen Betriebssysteme abgestimmt werden.
  • Infineon (heute teilweise Quimonda) und AMD haben in Dresden immer die zu ihrer Zeit modernsten Fertigungstechnologien eingeführt. Das ist ohne eine enge Verzahnung mit der Forschung und Entwicklung überhaupt nicht möglich.
  • Im Umfeld der großen Unternehmen AMD, Infineon und Quimonda sind weitere Kooperationsprojekte, forschende und entwickelnde Unternehmen entstanden.

Der Autor bemängelt, dass Logistik und andere moderne Dienstleistungsbranchen bislang in Dresden nicht maßgeblich vertreten sind. Es trifft zu, dass sich die Logistikbranche vorwiegend in Leipzig angesiedelt hat: DHL baut am Flughafen Leipzig-Schkeuditz ein internationales Luftdrehkreuz aus. Hat Dresden hier also das Nachsehen? Nein. Leipzig hatte als Messestadt schon immer den wesentlich größeren Flughafen, die Mitteldeutsche Flughafen AG wird als Mehrheitsgesellschafterin beider Flughäfen sicher nicht zwei Luftdrehkreuze ausbauen lassen und in Dresden gibt es einfach nicht genügend Flächen für eine umfassende Erweiterung des Flughafens. Warum sollte man zwei Städte im Abstand von etwas mehr als hundert Kilometern als Logistikzentren ausbauen? Die Logistik der Halbleiterunternehmen funktioniert auch mit dem Dresdner Flughafen recht gut.


Der Autor stellt Dresden am Anfang seines Artikels als Stadt der bröckelnden Bürgersteige, der hoffnungslosen Menschen, der tristen Plattenbaugebiete und der trüben Straßenbeleuchtung dar. Gleich nach der Wende hätte ich mit ihm über diese Häme vielleicht noch diskutiert.

Aber seitdem bin ich auch etwas in Deutschland herumgekommen. Nachdem ich mir auf der Bonner Adenauerallee auf einem bröckelnden Bürgersteig den Fuß verstaucht habe, nachdem ich bei einem Rundgang um den Frankfurter Hauptbahnhof in viele hoffnungslose Gesichter blicken musste, nachdem ich auch im Westen an vielen tristen und heruntergekommenen Neubausiedlungen vorbeigefahren bin und nachdem ich mir viele Städte bei Tag und Nacht angesehen habe: Herr Kröher, bitte kaufen Sie sich eine neue Brille und neue Sensoren. Oder kommen Sie zu uns nach Dresden, um beides auf den neuesten Stand der Technik bringen zu lassen …

Nein, Herr Kröher, die anderen drei Teile Ihres Artikels habe ich mir nach dieser inkompetenten Einleitung nicht mehr angetan. Denn wer über Spitzenforschung schreibt und noch nicht einmal die Zusammenhänge in der Halbleiterindustrie richtig beschreiben kann, dem vertraue ich dann auch nicht mehr, wenn er sich an Themen wie Biotechnologie oder Ausländerfeindlichkeit versucht.

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6 Kommentare zu “Dresdner Perspektiven”

  1. 9.04.2007 | 8:13

    PS: Jetzt habe ich doch noch in den vierten Teil des Artikels geschaut. Ich hätte es lieber lassen sollen. Herr Kröher schreibt:

    Immerhin arbeiten in der Region Dresden 20 000 Menschen in Hightech-Branchen, vor allem in der Mikroelektronik und den Halbleiterindustrien. Von denen könnten vor allem die Fraunhofer-Zentren profitieren, die schon heute zukunftsweisend auf gestellt sind. Doch brauchen sie größere Nähe zu ihren Industriekunden sowie zu den Anbietern wissensintensiver Dienstleistungen.

    Ich darf dazu aus dem oben verknüpften Wikipedia-Artikel zitieren:

    Das Fraunhofer-Center Nanoelektronische Technologien ist eine Forschungseinrichtung der Fraunhofer-Gesellschaft in Dresden. Es erarbeitet zusammen mit Qimonda und AMD Saxony Technologien und Herstellungsprozesse der Nanoelektronik. Es wurde am 31. Mai 2005 eröffnet. Für die Forschung steht ein Reinraum mit 800 m² der Klasse 1000 zur Verfügung. Das Zentrum sitzt im Werkgelände von Qimonda. Ziel der Forschung ist die Entwicklung von industrietauglichen Prozessen für die Fertigung von Speicherbausteinen und speziellen Transistoren.

    Ist eine bessere Verbindung zwischen »Industriekunden« und »Anbietern wissensintensiver Dienstleistungen« überhaupt noch möglich?

    PPS: »auf gestellt« ist kein Kopierfehler. Das steht dort wirklich ;-)

  2. Dussel
    9.04.2007 | 10:52

    Ich frage mich, ob der Mann überhaupt in Dresden war, und wenn ja, wie er dann dahin gekommen ist. Man findet ja um die Altstadt herum alles mögliche, aber garantiert keine heruntergekommenen Plattenbausiedlungen voller ALG-II-Empfänger. Das müsste man gesehen haben, wenn man da lang fährt.

    Man kann an Dresden ja eine Menge kritisieren, aber es sollte kein offensichtlicher Schwachsinn sein.

  3. 9.04.2007 | 12:59

    Dresden gehört vor allem gerade zu den Städten im Osten, die eine relativ geringe Quote an ALG-II-Empfängern haben. Dresden ist als eine von ganz wenigen ostdeutschen Städten eine wachsende Stadt: wir haben 2006 Duisburg überholt und werden bald Leipzig überholen.

    Wenn man von der Innenstadt nach außen fährt, gibt es in Richtung Johannstadt ein paar Plattenbauten, aber das ist wirklich kein sozialer Brennpunkt. Kurz danach kommen die Villen von Blasewitz/Striesen. Was ich noch mal sagen will: der in der Einleitung konstruierte Gegensatz zwischen Spitzenforschung und dem Erscheinungsbild Dresdens ist völliger Blödsinn. Wenn ein Journalist so etwas über Frankfurt/M. oder Bonn schriebe, würde es SPON auch nie veröffentlichen. Nur mit Berlin, anderen ostdeutschen Städten oder osteuropäischen Städten darf man das machen.

  4. googlehupf
    9.04.2007 | 15:45

    Kann als momentaner Einwohner dieser schönen Stadt auch nur mit dem Kopf schütteln. Sicherlich gibt es in Dresden zwei, drei hässliche Stadtteile aber das wird von einer Großzahl sehr schöner Viertel mehr als wettgemacht. An bestimmten Stellen ist der Straßenbelag auch nicht mehr ganz frisch aber so sieht es auch in vielen vernachlässigten Gebieten westdeutscher Städte aus.

    Sehr arg konstruiert.

  5. S1IG
    9.04.2007 | 16:13

    Es stimmt - als regelmäßiger Besucher der Stadt, kann ich den Artikel auch nicht nachvollziehen. Ganz zu schweigen von den Fehlern bei AMD und Co. Traurig!

  6. 11.04.2007 | 3:21

    Der SPIEGEL über Dresden…

    Da wollte sich ein Redakteur bei Spiegel Online mal wieder so richtig über den Osten auskotzen, habe ich das Gefühl beim lesen dieses Artikels.
    Zitat:
    “Dresden ist, wie kaum eine andere deutsche Großstadt, ein Ort der krassen Gegensätze. Wä…

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