9. April 2007
Dresdner Perspektiven
Ich habe es wieder getan: ich habe SPON gelesen und ich habe mich über SPON geärgert. Aber zu diesem Artikel möchte ich einiges richtigstellen. Der Autor möchte um jeden Preis einen Gegensatz zwischen der Stadt Dresden und der Spitzenforschung konstruieren. Dazu ist ihm kein Klischee zu abgegriffen. Er sieht beispielsweise einen Rückstand Dresdens gegenüber Leipzig und will herausgefunden haben, dass AMD und Infineon den Standort Dresden nur als verlängerte Werkbank betrachten:
Doch im Vergleich zu diesem zweiten sächsischen Zentrum hat die Landeshauptstadt nur mäßig attraktive Niederlassungen moderner Großindustrien abbekommen. Zwar betreibt AMD, der amerikanische Chip-Hersteller, eine Hightech-Fabrik in Dresden - doch nur als Produktionsstätte. Also ohne Forschungs- und Entwicklungsabteilung und somit quasi nur als verlängerte Werkbank. Auch Infineon, der bayerische Wettbewerber zu AMD, hat in Dresden eine Chipfabrik gebaut - ohne Labors.
Das ist ganz großer Unsinn und auch der SPON-Autor hätte es nach kurzer Recherche besser wissen können. Forschung und Entwicklung sind in Dresden gerade in der Halbleiterindustrie sehr eng verbunden:
- Das Fraunhofer-Zentrum für Nanoelektronische Technologien wurde von Anfang an als Kooperationsprojekt der Halbleiterindustrie und der Forschung aufgebaut.
- AMD hat in Dresden mit zwei weiteren Partnern das Advanced Mask Technology Center gegründet, um die Grundlagen für die Produktionsprozesse der nächsten Generationen zu entwickeln.
- AMD hat in Dresden ein Entwicklungszentrum aufgebaut, in dem künftige Prozessoren noch besser auf die Anforderungen der modernen Betriebssysteme abgestimmt werden.
- Infineon (heute teilweise Quimonda) und AMD haben in Dresden immer die zu ihrer Zeit modernsten Fertigungstechnologien eingeführt. Das ist ohne eine enge Verzahnung mit der Forschung und Entwicklung überhaupt nicht möglich.
- Im Umfeld der großen Unternehmen AMD, Infineon und Quimonda sind weitere Kooperationsprojekte, forschende und entwickelnde Unternehmen entstanden.
Der Autor bemängelt, dass Logistik und andere moderne Dienstleistungsbranchen bislang in Dresden nicht maßgeblich vertreten sind. Es trifft zu, dass sich die Logistikbranche vorwiegend in Leipzig angesiedelt hat: DHL baut am Flughafen Leipzig-Schkeuditz ein internationales Luftdrehkreuz aus. Hat Dresden hier also das Nachsehen? Nein. Leipzig hatte als Messestadt schon immer den wesentlich größeren Flughafen, die Mitteldeutsche Flughafen AG wird als Mehrheitsgesellschafterin beider Flughäfen sicher nicht zwei Luftdrehkreuze ausbauen lassen und in Dresden gibt es einfach nicht genügend Flächen für eine umfassende Erweiterung des Flughafens. Warum sollte man zwei Städte im Abstand von etwas mehr als hundert Kilometern als Logistikzentren ausbauen? Die Logistik der Halbleiterunternehmen funktioniert auch mit dem Dresdner Flughafen recht gut.
Der Autor stellt Dresden am Anfang seines Artikels als Stadt der bröckelnden Bürgersteige, der hoffnungslosen Menschen, der tristen Plattenbaugebiete und der trüben Straßenbeleuchtung dar. Gleich nach der Wende hätte ich mit ihm über diese Häme vielleicht noch diskutiert.
Aber seitdem bin ich auch etwas in Deutschland herumgekommen. Nachdem ich mir auf der Bonner Adenauerallee auf einem bröckelnden Bürgersteig den Fuß verstaucht habe, nachdem ich bei einem Rundgang um den Frankfurter Hauptbahnhof in viele hoffnungslose Gesichter blicken musste, nachdem ich auch im Westen an vielen tristen und heruntergekommenen Neubausiedlungen vorbeigefahren bin und nachdem ich mir viele Städte bei Tag und Nacht angesehen habe: Herr Kröher, bitte kaufen Sie sich eine neue Brille und neue Sensoren. Oder kommen Sie zu uns nach Dresden, um beides auf den neuesten Stand der Technik bringen zu lassen …
Nein, Herr Kröher, die anderen drei Teile Ihres Artikels habe ich mir nach dieser inkompetenten Einleitung nicht mehr angetan. Denn wer über Spitzenforschung schreibt und noch nicht einmal die Zusammenhänge in der Halbleiterindustrie richtig beschreiben kann, dem vertraue ich dann auch nicht mehr, wenn er sich an Themen wie Biotechnologie oder Ausländerfeindlichkeit versucht.
Verfasst von stefanolix um 07:44 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Presse / SPON- und taz-Blog, Wirtschaft (Trackback)