Requiescat in Pace

Gute Nacht, Hans Filbinger. Du hast den ewigen Schlaf angetreten, Deine Schuld ist gezählt und aufgerechnet, nur Gott (oder der Höchste, der da Wahr ist) wird Dein Schicksal bestimmen. Lang waren die Diskussionen über Dein Leben, viele haben sich dazu geäußert, noch mehr haben eine Meinung dazu. Niemand von ihnen kennt wirklich die Details. Zu schrecklich waren die Dinge, die um Dich herum geschahen, zu grausam die Gräuel, die verübt wurden, zu unvorstellbar für uns heutige der Druck, unter dem Du (und die Menschen, die um Dich herum lebten) gestanden haben. Ein Urteil ist zu schwer zu fällen, als dass ich es wagen würde, Nachgeborener, Beglückter, der ich bin.

Das System, dem Du gedient hast, war ein Schrecken sondergleichen. Ob Du das begriffen hast, kann ich nicht erkennen; vielleicht war es Dir bewusst, und Du hast nur nichts unternommen, weil es sinnlos gewesen wäre und Dein Leben ohne Effekt vernichtet hätte. Vielleicht aber wolltest Du auch kleine Vorteile nicht riskieren, indem Du auch nur ein klein wenig Opposition gegenüber dem Entsetzen geübt hättest. Du hast getan, was die meisten getan hätten - Dein eigenes Leben betrachtet, Deine Chancen und Träume gesehen, versucht, Dein Glück zu finden, mit den Voraussetzungen, die sich boten.

Vermutlich warst Du - wie Millionen andere - das Opfer eines Staates, der sich verselbständigt hat, der die Interessen der Einzelpersonen ebenso wie ihr Gewissen nicht mehr bedenkt, der sie nur noch als Werkzeuge für einen wahnsinnigen Traum betrachtet und instrumentalisiert. Vielleicht aber hast Du auch geahnt, was dieser Staat bedeutet, und nur versucht, Dich selbst zu retten, während Du gleichzeitig dem Schlimmsten fern geblieben bist, während Du das weniger Schlimme mitgetragen hast, weil es auch anderswo gemacht wurde. Vielleicht hast Du einfach die Wahrheit ignoriert, die Dir klar war, gemacht, was man von Dir verlangte, und gesehen, dass Du da, wo das Unaussprechliche geschieht, weder in der einen noch der anderen Richtung auffielst.

All das ist möglich, und nichts davon sollte man einem Verstorbenen, wie Du einer bist, nachschleppen ins Grab. Dein Fall ist beendet und sollte kein Thema mehr sein, die Unendlichen allein mögen sich Deiner annehmen.

Bitte verzeih aber, wenn wir trotzdem noch über Dich reden müssen. Denn einer, der behauptet, Dein Bestes zu wollen und Dein Andenken ehren zu wollen, glaubte, Deine Beisetzung, einen Moment, der Deiner Familie und Deinem Andenken gehört, zu einem Spielplatz politischer Auseinandersetzungen machen zu müssen. Günther Oettinger wollte unbedingt den Moment Deines Abschiedes zu einem machen, in dem eine wilde Kontroverse losbricht. Er mochte sich nicht darauf beschränken, das Gute in Deinem Leben zu loben und über das Bedenkliche oder Problematische zu schweigen - nein, er musste Dich unbedingt mit Worten belegen, die Dich nicht beschreiben.

Das “Gegenteil eines Nazis”, nein, das warst Du sicher nicht. Du warst kein Widerständler, keiner, der sich den Nazis immer und entschlossen entgegen gestellt hätte. Ebenso ist nicht wahr, dass keines der Urteile, an denen Du beteiligt warst, je zum Tode eines Menschen geführt hätte - Walter Gröger könnte das bezeugen, wäre er nicht nach einem dieser Urteile hingerichtet worden. Hättest Du seinen Tod verhindern können? Wohl nicht. Hast Du es versucht? Nein, natürlich auch nicht. Das Ende Grögers wäre dann nur mit Deinem eigenen Tod einher gegangen, weil es zuviele gab, die - wie auch Du - einfach mitspielten, weil es sonst ihr Leben hätte kosten könnten. Und selbst, wenn einer nicht mitmachte, so gab es zu viele, die sie jederzeit ersetzt hätten - auch Dich.

Die Pflicht eines Christen, die Pflicht eines anständigen Menschen, die Pflicht eines moralischen Demokraten, wäre es gewesen, Dich in aller Ruhe deinen letzten Weg gehen zu lassen. Vielleicht zu loben, welch großartiger Ehemann oder toller Vater Du warst, wie sehr Du dich als Ministerpräsident Deinen Mitbürgern gewidmet hast, wie herzlich Dein nachbarschaftliches Engagement war. Seine Pflicht wäre es außerdem gewesen, die Finger von jedem Thema zu lassen, das politische Diskussionen auslöst. Insbesondere von diesem, das sicherlich dazu prädestiniert war, schärfste Konflikte auszulösen. Solche Dispute haben am Grab und in der Trauer nichts zu suchen - und was nicht geklärt werden konnte, als Du noch Deine Meinung sagen konntest, wird im Nachhinein sicher nicht geklärt werden.

Insofern hat Dein Nachfolger Günther Oettinger versagt. Als Parteifreund, als persönlicher Bekannter, als Verfasser einer Eulogie, als Christ. Einfach versagt, aufgrund mangelnden Gespürs, übertriebener Ambition und fehlenden Vorausdenkens. Er hat Deinem Ansehen geschadet, weil nicht Deine positiven Seiten, sondern diese heftige Diskussion Dich ins Grab begleiten werden. Er hat der Bundesrepublik geschadet, weil ein ohnehin schon zu Tode diskutiertes Thema wieder in die Öffentlichkeit gezerrt wurde, ohne neue Erkenntnis zu bringen. Und er hat dem Umgang mit einer grauenvollen Diktatur der Vergangenheit geschadet (die Du vielleicht auch nicht wirklich unterstützen mochtest). Denn dass es damals Leute wie Dich gab, die einfach mitgemacht haben, deren Schuld man aber kaum bestimmen kann, das wird nun untergehen - will man nicht seiner Position zustimmen, so muss man jetzt mit jenen stehen, die Dich für einen furchtbaren Sadisten halten.

Im Gegensatz zu Deinen Angehörigen, die mitten in ihrer Trauer nun auch noch eine eigentlich lange beendete Diskussion um Deine Person durchstehen müssen, bist Du tot. Vielleicht eine Gnade, denn Du musst weder Gegner noch falsche Freunde mehr ertragen.

In diesem Sinne: Gute Nacht, Hans Filbinger. Ruhe sanft.

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36 Kommentare zu “Requiescat in Pace”

  1. 15.04.2007 | 19:06

    Man muss es in diesem Tagen leider zuerst sagen: Ich finde es gut, den Artikel eines Bloggers zu lesen, der nicht auf den Toten eintritt, sondern sich respektvoll an ihn wendet.

    Zu diskutieren ist über Günther Oettinger, über die Spielchen der Opposition in Stuttgart und über die Rolle der Medien.

    Karstens Folgerung finde ich richtig: Günther Oettinger hätte sich als Nachfolger einfach nur auf die Verdienste aus der Zeit des Ministerpräsidenten Filbinger konzentrieren müssen. In Abwandlung eines alten lateinischen Sprichworts: Über bestimmte Lebensabschnitte des Toten sage nichts, über die anderen nur Gutes. Möglicherweise hätte Oettinger die Rede aber auch an Erwin Teufel abgeben können, dann wäre das Thema ganz aus der Tagespolitik herausgehalten worden.

    Dass sich die Medien und einige etwas nassforsche Blogger auf das Thema Filbinger gestürzt haben, ist möglicherweise nachvollziehbar [es fördert Auflage und Klickzahlen], aber man muss es nicht gut finden. Lassen wir den Toten in Ruhe, diskutieren wir über die Lebenden.

  2. Thomas Kurbjuhn
    15.04.2007 | 20:16

    *gelöscht*

    NPD-Propaganda gibt es hier nicht. Und insbesondere keine, die einfach nur per Copy/Paste eingefügt wurde und sich nicht mit meinem Beitrag beschäftigt. Wer sie wirklich lesen möchte, der kann sich bei einem der vielen anderen Blogs umsehen, die auch zu diesem Thema schreiben. Die hat “Thomas Kurbjuhn” nämlich auch vollgespammt. -Karsten

  3. 15.04.2007 | 20:19

    Pietät und das Verschweigen problematischer Zeitabschnitte ändern doch nichts an der Tatsache, das (christlich) Erzkonservative eine mangelnde Distanz zum Nationalsozialismus hatten und haben. Diese Anhänger des autoritären und starken Staats glaubten und glauben immer noch, dass man eine wichtige Position im Apparat des Naziregimes inne haben konnte - wie z. B. Marinerichter - und anschließend mit reiner Weste und reinem Gewissen dastehen könne. Und das ist ein Fehler. Als Schwabe bin ich traurig, dass auch Oettinger zu diesen Leuten zählt, es ist eine große Enttäuschung.

    In Hinblick auf das was uns in den nächsten Jahrzehnten bevorsteht kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass der Konservatismus ausgedient hat, nicht zu gebrauchen ist, sogar gefährlich werden könnte.

  4. 15.04.2007 | 22:00

    Lieber Klaus,

    Filbinger war zum Militär eingezogen wie die meisten männlichen Deutschen. Er war Jurist und wurde deshalb als Marine- Stabsrichter eingesetzt, so wie eingezogene Ärzte als Stabsärzte verwendet wurden.

    Er hat diese Verwendung nicht gewollt. Soldaten werden nicht danach gefragt, wo sie eingesetzt werden wollen.

    Mit den fliegenden Standgerichten der SS, die in der Endphase des Kriegs eingesetzt wurden, hatte die reguläre Militärgerichtsbarkeit nichts zu tun. Dort wurde nach einem Militär-Strafgesetzbuch aus dem 19. Jahrhundert Recht gesprochen, und zwar nach einer genau festgelegten Verfahrensordnung, die zum Beispiel zwingend verlangte, daß ein Gericht, das auf die Todesstrafe erkannt hatte, in einem verschlossenen Umschlag dem sogenannten Gerichtsherren (hier dem Oberbefehlshaber der im Norden operierenden Flotte) Gründe mitteilen mußten, die für eine Begnadigung sprechen.

    Filbinger hatte nicht, wie Sie voraussetzen, eine wichtige Position im Apparat des Naziregimes. Er war ein ganz normaler wehrpflichtiger Offizier, der so schuldig geworden ist wie alle Deutschen, die zur Wehrmacht eingezogen wurden und nicht den Mut zur Fahnenflucht hatten.

    Manche machen ihnen das zum Vorwurf. Ich bin der Meinung, daß niemand das moralische Recht zu einem solchen Vorwurf hat, der nicht selbst in einer vergleichbaren Situation gewesen ist und dann sein Leben für seine Überzeugung aufs Spiel gesetzt hat.

    Leider sind diese Einzelheiten, wie vieles andere aus dem Fall Filbinger, in der Öffentlichkeit kaum bekannt. So, wie es auch in der gegenwärtigen Diskussion seltsamerweise kaum berücksichtigt wird, daß Filbinger 1978 Opfer einer Kampagne war, die von der Abteilung X der HVA im sogenannten OG (dem “Operationsgebiet”, dh der Bundesrepublik) durchgeführt wurde.

    Herzlich, Zettel

  5. Hardy
    15.04.2007 | 22:13

    Gratuliere Karsten, endlich mal ein Artikel über die ganze Affaire der es Wert ist sogar mehrfach gelesen zu werden. Obwohl ich Dir bei “so muss man jetzt mit jenen stehen” nicht zustimmen kann und will. Wir haben das Glück der späten Geburt, wir sind freie Menschen, deshalb müssen wir so etwas nicht! Sonst würden wir unsere Freiheit nämlich aufgeben, und das wäre fatal. In dem Moment würden wir bereits anfangen uns schuldig zu machen, und das in einer Zeit, in der einige Politiker schon wieder Freiheiten einschränken wollen und vom gläsernen Bürger träumen.

  6. 15.04.2007 | 22:57

    Lieber Zettel,

    wir könnten jetzt auch darüber diskutieren, von wann bis wann er SA- und NSDAP-Mitglied war, welchen Antrieb er hatte, diesen Organisationen beizutreten und welche NS-Positionen er (aus welchen Gründen auch immer) vertreten hat.

    Will ich aber nicht. Er ist tot, und die Frage spielt eigentlich schon seit seinem Rücktritt (den wohl tatsächlich die Stasi mit erkämpft hat) keine Rolle mehr.

    Nur: Oettingers Verhalten ist inakzeptabel. Und daran ändert auch sein halbgares Dementi heute nichts.

    Herzlich,
    Karsten

  7. 15.04.2007 | 23:21

    Zunächst mal, Karsten, Respekt für diesen Beitrag. Tiefgründig, persönlich und gut geschrieben.

    Und daran ändert auch sein halbgares Dementi heute nichts.

    Doch, ich finde schon. Aber leider nicht zum Besseren. Er hätte m.E. gar nichts dementieren müssen. Eine Klarstellung, was das Wort “Gegner” angeht, wäre aber fällig gewesen. Um die hat er sich bewusst gedrückt. Das setzt die Rede auch für den gutwilligen Ausleger ins Zwielicht.

  8. 15.04.2007 | 23:26

    Ich lese gerade, Oettinger ist in einem Interview mit der Blöd-Zeitung zur Besinnung gekommen. Wenn er da mal nicht eine Chance zu viel hat verstreichen lassen.

  9. Martin M.
    16.04.2007 | 2:44

    “Will ich aber nicht.”

    Dieses “Fakten nicht zur Kenntis nehmen wollen” fällt mir bei diesem Thema an vielen Stellen in der “liberalen Blogosphäre” auf. Zettel hat sich die Mühe gemacht und die Fakten zum Fall Filbinger zusammengetragen. Kennt man diese, kann man Filbinger m.E. nicht mehr verurteilen. Und Oettinger schon gar nicht, weil er schlicht die Wahrheit gesagt hat. Und das war richtig, weil Filbinger unrecht getan wurde. Seine “Entschuldigung” (für was?) ist zu kritisieren, nichts sonst.

    Fakten werden gerne ignoriert, wenn sie nicht ins vorgefertigte Denkmuster passen. Mit freiem Denken hat das aber nichts zu tun.

  10. Martin M.
    16.04.2007 | 2:46

    Mir fällt gerade auf, daß hier noch jemand Martin M. heißt. Ich bin ein anderer. Nur zur Klarstellung.

  11. 16.04.2007 | 8:38

    @Rayson:
    Ich habe Auszüge aus dem Interview mit der Blöd gestern Abend in den Fernsehnachrichten gesehen. Meiner Ansicht nach war die Klarstellung des “Gegner”-Begriffes immer noch recht schwammig, vor allem aber hätte ich von ihm erwartet, dass er sich zu der Frage äußert, ob der Anstoß für solche Diskussionen überhaupt in eine Trauerrede gehört.

    @Martin M:
    Dieses “Beitrag nicht zur Kenntnis nehmen wollen” fällt mir in vielen Kommentarspalten überall in der Blogosphäre auf. Denn oben im Beitrag habe ich eigentlich ausführlich begründet, warum ich denke, dass es nicht mehr sehr sinnvoll ist, über Filbingers persönliche Geschichte zu diskutieren. Diese Einsicht kam auch mir nicht sofort, als die Diskussion begann, hätte aber dem Trauerredner kommen müssen - und das ist es, was ich Oettinger ja auch vorwerfe.
    Was Zettel angeht, so dürfte dieser recht gut wissen, dass ich mir über die von ihm zusammengetragenen Fakten Gedanken gemacht habe, und auch, dass seine Argumentation an anderem Orte meine Meinung zu Filbinger ein wenig geändert hat. Ich nehme nicht an, dass er das Gefühl hat, ich nähme seine Ausführungen nicht zur Kenntnis.

  12. 16.04.2007 | 8:43

    @Zettel
    Sie verkennen vielleicht, dass es bei der “Causa Filbinger/Oettinger” weniger bis kaum um Filbingers Verhalten “als” Mittäter während des Nazi-Regimes geht, sondern mehr um sein Verhalten/Auftreten danach, und im Anschluss daran um das Auftreten eines gewissen Herrn Oettingers und in dessem Windschatten etwa solcherlei von Leuten namens Brunnhuber, denen nichts besseres einfällt, als das “aufmüpfige Jüdlein” zu “warnen” - Motto: “Passt bloß auf, wir können auch anders!” Klaus hat recht: Das macht die Mischpoke auch noch gefährlich, und ich frage mich, weshalb die Debatte so vergleichsweise ruhig läuft. Bei Jenninger (auch Mitglied des “Studienzentrum Weikersheim”) war der Aufschrei ungleich größer, bei weit nichtigerem Anlass.

    BTW, verwundert reibe ich mir die Augen ob des (schleichenden?) Realitätsverlustes im B.L.O.G…. Filbinger muss Euch schon verdammt viel wert sein…

  13. 16.04.2007 | 9:45

    @Karsten

    Auch mir gefällt dein Beitrag sehr gut.
    Allerdings zweifle ich ein wenig daran, ob man am Grab eines Toten über das schweigen sollte, was für diesen verstorbenen Menschen vielleicht ein zentrales Thema seines Lebens wenn nicht eine als ganz grundlegend erlebte Verletzung gewesen sein mag.
    Aber ich habe von Grabreden und der Frage, wie man sie hält, keine große Ahnung. Und die Bewertung aus christlicher Sicht kann ich auch nicht vornehmen.

  14. 16.04.2007 | 9:56

    Es gibt wohl deshalb keine Debatte um Brunnhubers unfassbaren Satz, weil man ihn und seine Äußerung damit nur aufwerten würde. Es bleibt zu hoffen, dass Brunnhuber für einen sehr kleinen Teil seiner Partei steht.

  15. R.A.
    16.04.2007 | 10:35

    @Bodo Wünsch:
    > weniger bis kaum
    > um Filbingers
    > Verhalten “als”
    > Mittäter während
    > des Nazi-Regimes
    > geht, sondern
    > mehr um sein
    > Verhalten/
    > Auftreten
    > danach, …
    Das wiederum kann man aber nicht trennen von den Umständen seines Auftretens danach.
    D.h. man muß berücksichtigen, daß er mit einer sehr infamen Lügenkampagne konfrontiert wurde.

    Filbinger war m. E. ein ganz “normaler” Mitläufer. Als edler Mensch und Demokrat sollte man das eigentlich nicht sein - aber da sehe ich wenig Anlaß zu hochmoralischer Kritik.

    Filbingers Verhalten im Krieg war kein Ruhmesblatt, aber auch keine Schande.

    Und dann kam plötzlich Hochhuths Kampagne, die Filbinger als sadistischen Mörder-Nazi darstellte.

    Es ist schwer möglich, darauf überhaupt “angemessen” zu reagieren. Filbinger hat es mit formaljuristischer Distanzierung versucht, das ist auch nicht gut angekommen.

    Letztlich was diese ganze Diskussion damals incl. Rücktritt ein Rufmord, und Oettinger hat nun (schlecht formuliert und am falschen Platze) eine Korrektur versucht.

  16. 16.04.2007 | 10:52

    @R.A.

    Dein letzter Absatz bringt es vielleicht auf den Punkt: Oettinger hat auf unglaublich ungeschickte Weise versucht, den Rufmord am Verstorbenen zu thematisieren.
    Indem er nämlich der Ungeheuerlichkeit des rufmordenden Vorwurfs ein Gegenbild in gleicher Größe entgegen zu stellen versuchte. Und das war der “Anti-Nazi Filbinger”.
    Als den man einen “funktionierenden” Marine-Richter sicher nicht bezeichnen kann, ohne schnell in argumentative Bedrängnis zu geraten.

    Dadurch hat Oettinger dem Verstorbenen einen Bärendienst erwiesen. Denn seine Position war zu leicht zu demontieren. Wodurch die unlauteren Hochhuths dieses Landes und diejenigen, die erst nach ‘45 zu ganz enorm konsequenten Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus wurden, leichtes Spiel bekamen.

    Das wäre so in etwa meine Interpretation aus dem, was ich bisher zum Thema lesen konnte.

  17. Llarian
    16.04.2007 | 11:12

    Wenn ich mal ein bischen Senf aus anderer Richtung einbringen darf: Es war eine Beerdigung. Keine Bundestagsrede und auch keine Erklärung zur Lage der Nation. Es war eine kleine Rede für eine Trauergemeinde, keine Ansprache im Bundestag. Es war nie dafür gedacht eine wie auch immer geartete Debatte loszutreten. Hier hat jemand einen Verstorbenen, den er vielleicht überschätzt hat, ehren wollen. Ob ihm das im einzelnen gelungen ist, darüber kann man geteilter Meinung sein, aber das sollte doch wohl kein Thema Nummer 1 sein.

    Ich finde es beängstigend und gleichzeitig abstossend, dass die Bluthundmentalität der deutschen Presse, Politik & Foren, die mir noch von Jürgen Möllemann in Erinnerung ist, sich so sehr verfestigt hat. Und kein Schwein denkt mehr daran, was beim letzten Mal passiert ist und welche Konsequenzen diese Hexenjagd schon einmal nach sich zog. Menschen machen Fehler, Politiker sagen dumme Sachen, falsche Sachen, widersprüchliche Sachen. Aber wehe er steht irgendwo rechts vom Spiegel, dann kann die Treibjagd beginnen. Ich finds nicht klug, was Oettinger da von sich gegeben hat, aber es widert mich nicht ansatzweise so sehr an, wie die Bluthundmeute, die ihn derzeit hetzt.
    (übrigens allgemein gesprochen, kein Vorwurf an Dich, Karsten, denn bis auf den Punkt, ob Oettinger eine Debatte angezettelt hat, stimme ich deinem Beitrag zu.)

  18. 16.04.2007 | 11:18

    @Llarian

    Ja, das, was du mit dem durchaus treffenden Bild einer Meute Bluthunde bezeichnest, stößt auch mich im aktuellen Fall ab.

  19. 16.04.2007 | 11:22

    @Bodo Wünsch

    Und ich bin entsetzt darüber, wie in der angeblich “liberalen” Blogosphäre mit Stimmen umgegangen wird, die nicht die richtigen Parolen dreschen.

  20. 16.04.2007 | 11:40

    Mir geht es übrigens längst nicht mehr um Filbinger oder Oettinger. Ich beginne mich eher zu fragen, ob es sich bei manchen “Freiheitsfreunden” nicht um Extremisten eigener Art handelt, die sich aus Alleinstellungsgründen als Vehikel nur mal eben eine andere Ideologie gesucht haben.

  21. R.A.
    16.04.2007 | 11:40

    @Llarian:
    > Es war eine
    > kleine Rede für
    > eine
    > Trauergemeinde
    Das nun auch nicht.

    Es war ein offizieller Staatsakt des Landes Ba-Wü und Oettinger hat nicht privat als Freund der Familie, sondern qua Amt gesprochen.

    Und angesprochen war nicht nur die Trauergemeinde, sondern eben auch die Öffentlichkeit.

    Ich habe schon die private Vermutung, daß Oettinger die Gelegenheit nutzen wollte, um bei den konservativen Parteikreisen der Ba-Wü-CDU Punkte zu machen.
    Aber das ist nur Vermutung und auch nebensächlich.

  22. R.A.
    16.04.2007 | 11:46

    @Llarian:
    > die
    > Bluthundmentalität
    > der deutschen
    > Presse
    Das ist in der Tat ein wichtiger Punkt.

    Meine Meinung vom deutschen Journalismus ist ja ohnehin nicht die beste.
    Aber was hier offenbar gelaufen ist, ist unglaublich skandalös:
    http://zettelsraum.blogspot.com/2007/04/zettels-meckerecke-filbinger-hochhuth.html#links

    Da setzt also Hochhuth seinen Rufmord fort, indem er haltlose Lügen über den Gröger-Prozeß verbreitet.

    Die SZ druckt das ab und diverse Medien (bis hin zur Tagesschau) übernehmen das, obwohl selbst minimales Checken der bekannten Fakten zeigen, daß das haltloser Unsinn ist.

    Und als sich das rausstellt, nimmt die SZ den Artikel still und leise vom Server, anstatt es offiziell richtig zu stellen.

    Wie moralisch verkommen kann eine Redaktion eigentlich noch sein?

  23. DDH
    16.04.2007 | 12:12

    Mir geht es übrigens längst nicht mehr um Filbinger oder Oettinger. Ich beginne mich eher zu fragen, ob es sich bei manchen “Freiheitsfreunden” nicht um Extremisten eigener Art handelt, die sich aus Alleinstellungsgründen als Vehikel nur mal eben eine andere Ideologie gesucht haben.

    Das ist ein interessanter Punkt. Wer den “Nazi” Filbinger verurteilt wegen seiner (möglicherweise unterstellten) Gesinnung, die diametral zur BRD-Staatsraison liegt, der handelt vernünftig und angemessen und bewegt sich in den Bahnen des im Mehrheitsdiskurs allgemein als seriös Anerkannten. Auch wenn er sich, wie David-Irving-Freund Hochhuth, schon längst selbst diskreditiert hat, was aber bei einem Establishmentarier verzeihlich ist.

    Wer hingegen den weltanschaulich belanglosen Allerweltsetatisten Filbinger verurteilt wegen seiner dem allgemeinen menschlichen Sittengesetz widersprechenden Taten, die aber durch JEDWEDE Staatsraison (nämlich des Militärstrafrechts und Kriegsrechts des Dritten Reiches, der Alliierten, mutatis mutandis auch der BRD) gedeckt sind (da Fahnenflucht sowenig wie Schulpflichtverweigerung, Schwarzarbeit oder Steuerhinterziehung als Menschenrecht vom etatistischen Mehrheitskonsens als anerkennungswürdig betrachtet wird) der muß, wie könnte es anders sein, ein Extremist sui generis sein!

    Mir scheint, bei den totalitären Metarmophosen der real existierenden BRD sichert sich manch karrieregeiler “bürgerlicher” Jungspießer jetzt schon, sein eigenes moralisches Versagen der Zukunft antizipierend ab durch Generalexkulpation für politkrimogenes Tun “im Namen des Staates”: “Nicht so derbe draufhaun, Jungs! Opa Hans war einer von uns!”

    Daß ef-online-Rechtsausleger Rosenbaum für die mit dem Grundgesetz unterm Kopfkissen schlafenden aufstrebenden “neoliberalen” (in Wirklichkeit nur ordinär konservativen) Jungtechnokraten aus der Bloggosphäre den trojanischen Esel spielt, ist der komödiantische Teil dieser Tragödie.

  24. 16.04.2007 | 12:29

    Danke, DDH, für diese Bestätigung in der Sache.

  25. 16.04.2007 | 12:42

    @Llarian/R.A.:
    R.A. hat recht, wenn er darauf hinweist, dass es sich eben nicht um eine Rede vor einer kleinen, vertrauten Trauergemeinde gehandelt hat (dann wären seine Worte verständlich gewesen), sondern um einen Staatsakt. Und wenn Oettinger nicht klar war, dass seine Worte bei der Trauerfeier für einen umstrittenen Mann wie Hans Filbinger genau beachtet werden würden, dann ist er aus anderen Gründen für sein Amt ungeeignet.

  26. Llarian
    16.04.2007 | 12:52

    @R.A.: Es bleibt aber trotzdem eine Beerdigung. Auf Beerdigungen wird auch gerne vom treusorgenden Ehemann gesprochen (auch wenn die halbe Gemeinde weiss, wieviele Geliebte jemand hatte), vom guten Vater (der erst mit einem Vaterschaftstest dazu überredet werden musste), dem großen Vorbild (…), dem guten Freund, etc. etc. etc. gesprochen. Vieles davon ist absoluter Unsinn. Und es wird dennoch getan, wenn es nicht zu dreist ist. Denn man könnte einwenden, er WAR ein guter Ehemann (der eben schwach war, aber seine Frau geliebt hat), er WAR ein guter Vater, er WAR ein guter Freund, man weiss es halt nicht.
    Ob Filbinger sich im inneren von den Nazis abgestossen fühlte, man weiss es nicht. Somit KANN er ein Gegner gewesen sein. Und damit ist es, was man durchaus auf einer Beerdigung sagen kann. Nicht muss, aber kann.

  27. R.A.
    16.04.2007 | 12:54

    @Karsten:
    M. E. war ihm das klar.
    Und obwohl ich die Rede nicht gut finde - sie enthält keine Fehler oder Lügen.

    Während umgekehrt die Kritiker z. T. sehr heftig lügen - und daß sie damit immer noch problemlos in den Medien durchkommen, das hat Oettinger wohl in diesem Ausmaß nicht erwartet.

  28. R.A.
    16.04.2007 | 13:55

    @Llarian:
    Schon richtig, es war eine Beerdigung, und da wird generell viel beschönigt (oder auch gelogen).

    Wobei man normalerweise darauf achtet sich auf Sachen zu konzentrieren, die eben nicht im direkten Widerspruch zum allgemeinen Ruf des Verstorbenen stehen.
    Den Fremdgeher kann man einen liebenden Ehemann nennen - aber möglichst nicht explizit einen treuen. Ist doch für die Hinterbliebenen viel schlimmer, wenn sich dann der halbe Ort über solche Widersprüche das Maul zerreißt.

    Oettinger hätte problemlos eine Lobrede halten können, an der niemand Anstoß genommen hätte.

    Er wollte aber wohl bewußt dieses Thema ansprechen, eben weil wohl aus CDU-Sicht Filbinger unschuldiges Opfer einer Kampagne war, und dies die letzte Gelegenheit war, den Lügen entgegenzutreten.

    Hat er nur nicht hingekriegt.

  29. R.A.
    16.04.2007 | 14:13

    Der Irrsinn geht weiter.
    Jetzt verbietet die Kirche Gedenken an Filbinger, weil es um Aspekte geht, die ihn entlasten:
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,477463,00.html

  30. 16.04.2007 | 14:25

    Ist ja auch frech von diesem Mitläufer, dass er den Herrn Möbius vor dem Tod gerettet hat. Die Öffentlichkeit hat ja wohl ein Recht auf ein einfaches Schuld-/Unschulds-Muster! Ist das denn zu viel verlangt?

  31. 16.04.2007 | 15:01

    @Rayson:
    gilt für Dich “konsequenter Befürworter des Selbsteigentums” = “Extremist”? Oder verstehe ich Deinen Kommentar falsch?

  32. 16.04.2007 | 15:18

    @drchaos

    Ja. tust du. Mein Extremismusvorwurf gilt weniger Meinungen als “Diskussions”-Methoden.

  33. 16.04.2007 | 18:00

    @Rayson:

    Danke für die Klarstellung. Dann beziehst Du Dich wohl auf den 3. Absatz von DDHs Beitrag, nicht auf den 2; wenn man das als auf Mitdiskutanten gemünzt liest, ist es tatsächlich alles andere als nett - ich hatte das allerdings eher so verstanden, als ob Oettinger damit gemeint gewesen wäre - “Jung” ist ja ein relativer Begriff.

    Abgesehen von diesem speziellen Fall sehe ich den Extremismus ansonsten eher bei der Neocon- und Pro-Israel-Fraktion, aber dass man nicht gleichzeitig Militarist/Interventionist und Freiheitsfreund sein kann ist eigentlich auch nix neues.

  34. 16.04.2007 | 19:15

    @drchaos:
    Ich denke, DDHs vierter Absatz macht schon ziemlich klar, dass er nicht Oettinger angreift.

  35. 16.04.2007 | 23:35

    Liebe B.L.O.G.ger und andere Kommentatoren hier,

    jetzt habe ich diese Diskussion gelesen. Ich konnte mich heute nicht beteiligen, weil es auch noch ein R.L. gibt, in dem für mich das Semester begonnen hat ;-)

    Aber ich möchte doch kurz sagen, daß ich wieder mal von einer Diskussion hier bei B.L.O.G. beeindruckt bin.

    Wenn man sich anderswo umsieht als in unserer kleinen Blogokugelzone, dann ist da überall Besserwisserei und moralische Überheblichkeit, auf beiden Seiten.

    Hier wird so diskutiert, wie ich mir eine Diskussion unter erwachsenen, rationalen Menschen vorstelle.

    Das mußt ja mal gesagt werden. ;-)

    Herzlich, Zettel

  36. 17.04.2007 | 0:04

    Was damals stank, kann heute nicht Parfüm sein…

    Der Analyse von Verdauungsresten wesensgleich ist der aktuell geführte Blogstreit um die übelriechenden Hinterlassenschaften eines Hans Karl Filbinger. Als Marinerichter und späterer Ministerpräsident…

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