15. April 2007
Requiescat in Pace
Gute Nacht, Hans Filbinger. Du hast den ewigen Schlaf angetreten, Deine Schuld ist gezählt und aufgerechnet, nur Gott (oder der Höchste, der da Wahr ist) wird Dein Schicksal bestimmen. Lang waren die Diskussionen über Dein Leben, viele haben sich dazu geäußert, noch mehr haben eine Meinung dazu. Niemand von ihnen kennt wirklich die Details. Zu schrecklich waren die Dinge, die um Dich herum geschahen, zu grausam die Gräuel, die verübt wurden, zu unvorstellbar für uns heutige der Druck, unter dem Du (und die Menschen, die um Dich herum lebten) gestanden haben. Ein Urteil ist zu schwer zu fällen, als dass ich es wagen würde, Nachgeborener, Beglückter, der ich bin.
Das System, dem Du gedient hast, war ein Schrecken sondergleichen. Ob Du das begriffen hast, kann ich nicht erkennen; vielleicht war es Dir bewusst, und Du hast nur nichts unternommen, weil es sinnlos gewesen wäre und Dein Leben ohne Effekt vernichtet hätte. Vielleicht aber wolltest Du auch kleine Vorteile nicht riskieren, indem Du auch nur ein klein wenig Opposition gegenüber dem Entsetzen geübt hättest. Du hast getan, was die meisten getan hätten - Dein eigenes Leben betrachtet, Deine Chancen und Träume gesehen, versucht, Dein Glück zu finden, mit den Voraussetzungen, die sich boten.
Vermutlich warst Du - wie Millionen andere - das Opfer eines Staates, der sich verselbständigt hat, der die Interessen der Einzelpersonen ebenso wie ihr Gewissen nicht mehr bedenkt, der sie nur noch als Werkzeuge für einen wahnsinnigen Traum betrachtet und instrumentalisiert. Vielleicht aber hast Du auch geahnt, was dieser Staat bedeutet, und nur versucht, Dich selbst zu retten, während Du gleichzeitig dem Schlimmsten fern geblieben bist, während Du das weniger Schlimme mitgetragen hast, weil es auch anderswo gemacht wurde. Vielleicht hast Du einfach die Wahrheit ignoriert, die Dir klar war, gemacht, was man von Dir verlangte, und gesehen, dass Du da, wo das Unaussprechliche geschieht, weder in der einen noch der anderen Richtung auffielst.
All das ist möglich, und nichts davon sollte man einem Verstorbenen, wie Du einer bist, nachschleppen ins Grab. Dein Fall ist beendet und sollte kein Thema mehr sein, die Unendlichen allein mögen sich Deiner annehmen.
Bitte verzeih aber, wenn wir trotzdem noch über Dich reden müssen. Denn einer, der behauptet, Dein Bestes zu wollen und Dein Andenken ehren zu wollen, glaubte, Deine Beisetzung, einen Moment, der Deiner Familie und Deinem Andenken gehört, zu einem Spielplatz politischer Auseinandersetzungen machen zu müssen. Günther Oettinger wollte unbedingt den Moment Deines Abschiedes zu einem machen, in dem eine wilde Kontroverse losbricht. Er mochte sich nicht darauf beschränken, das Gute in Deinem Leben zu loben und über das Bedenkliche oder Problematische zu schweigen - nein, er musste Dich unbedingt mit Worten belegen, die Dich nicht beschreiben.
Das “Gegenteil eines Nazis”, nein, das warst Du sicher nicht. Du warst kein Widerständler, keiner, der sich den Nazis immer und entschlossen entgegen gestellt hätte. Ebenso ist nicht wahr, dass keines der Urteile, an denen Du beteiligt warst, je zum Tode eines Menschen geführt hätte - Walter Gröger könnte das bezeugen, wäre er nicht nach einem dieser Urteile hingerichtet worden. Hättest Du seinen Tod verhindern können? Wohl nicht. Hast Du es versucht? Nein, natürlich auch nicht. Das Ende Grögers wäre dann nur mit Deinem eigenen Tod einher gegangen, weil es zuviele gab, die - wie auch Du - einfach mitspielten, weil es sonst ihr Leben hätte kosten könnten. Und selbst, wenn einer nicht mitmachte, so gab es zu viele, die sie jederzeit ersetzt hätten - auch Dich.
Die Pflicht eines Christen, die Pflicht eines anständigen Menschen, die Pflicht eines moralischen Demokraten, wäre es gewesen, Dich in aller Ruhe deinen letzten Weg gehen zu lassen. Vielleicht zu loben, welch großartiger Ehemann oder toller Vater Du warst, wie sehr Du dich als Ministerpräsident Deinen Mitbürgern gewidmet hast, wie herzlich Dein nachbarschaftliches Engagement war. Seine Pflicht wäre es außerdem gewesen, die Finger von jedem Thema zu lassen, das politische Diskussionen auslöst. Insbesondere von diesem, das sicherlich dazu prädestiniert war, schärfste Konflikte auszulösen. Solche Dispute haben am Grab und in der Trauer nichts zu suchen - und was nicht geklärt werden konnte, als Du noch Deine Meinung sagen konntest, wird im Nachhinein sicher nicht geklärt werden.
Insofern hat Dein Nachfolger Günther Oettinger versagt. Als Parteifreund, als persönlicher Bekannter, als Verfasser einer Eulogie, als Christ. Einfach versagt, aufgrund mangelnden Gespürs, übertriebener Ambition und fehlenden Vorausdenkens. Er hat Deinem Ansehen geschadet, weil nicht Deine positiven Seiten, sondern diese heftige Diskussion Dich ins Grab begleiten werden. Er hat der Bundesrepublik geschadet, weil ein ohnehin schon zu Tode diskutiertes Thema wieder in die Öffentlichkeit gezerrt wurde, ohne neue Erkenntnis zu bringen. Und er hat dem Umgang mit einer grauenvollen Diktatur der Vergangenheit geschadet (die Du vielleicht auch nicht wirklich unterstützen mochtest). Denn dass es damals Leute wie Dich gab, die einfach mitgemacht haben, deren Schuld man aber kaum bestimmen kann, das wird nun untergehen - will man nicht seiner Position zustimmen, so muss man jetzt mit jenen stehen, die Dich für einen furchtbaren Sadisten halten.
Im Gegensatz zu Deinen Angehörigen, die mitten in ihrer Trauer nun auch noch eine eigentlich lange beendete Diskussion um Deine Person durchstehen müssen, bist Du tot. Vielleicht eine Gnade, denn Du musst weder Gegner noch falsche Freunde mehr ertragen.
In diesem Sinne: Gute Nacht, Hans Filbinger. Ruhe sanft.
Verfasst von Karsten um 18:35 Uhr in der Kategorie Innenpolitik, Politik, Sprache (Trackback)