16. April 2007
Gesinnungsethik?
Das letzte Mal, als ich eine Strophe von Reinhard Meys “Bevor ich mit den Wölfen heule” in einem Blog zitierte, schrieb ich auch dies:
Ich halte in der Politik Unterscheidungen nach Gut und Böse für lächerlich. Debile Konservative öden mich genau so an wie linke Pawlowhunde. Die Grenze verläuft zwischen dumm und intelligent, und sie geht quer durch jämmerliche Blog-Fronten.
(Es ist übrigens, den Anlass des damaligen Eintrags bedenkend, nicht ohne entlarvende Ironie, wenn Trolle heute krampfhaft versuchen, ihre ehemaligen Liebschaften Unbeteiligten anzudichten).
Jetzt, anderthalb Jahre älter und weiser geworden, kann ich das immer noch bestätigen, würde aber nicht mehr auf die Begriffe “links” und “rechts” zurückgreifen. Tatsächlich können wir die typischen Exemplare der Streitunkultur, die unreifen und unwissenden Meinungsstarken, in wirklich jeder erdenklichen politischen Richtung wiederfinden. Hier wie dort stoßen wir auf dieselben Muster: Bestimmte Codes müssen in einer bestimmten, ritualisierten Form gesendet werden, quasi als Freund-Feind-Erkennung. Wer sich nicht daran hält, wird beschossen. Die eigene Meinung ist, je nach Gusto, wissenschaftlich belegt, durch mühsames, natürlich streng logisches Nachdenken erlangt oder einfach nur moralisch überlegen. Andere Meinungen? Unmöglich, da muss Korruption oder das Böse schlechthin dahinterstecken. Für sowas hat man seinen Lieblingsfeind.
Es scheint für viele, die sich vordergründig politisch engagieren, ein dringendes Bedürfnis nach trennscharfer Abgrenzung zu geben, nach einer kuscheligen Gemeinschaft von Gleichdenkenden und einer das Böse repräsentierenden Feindgruppierung. Typisches Kennzeichen dieser dichotomischen Sehnsucht: Mehr als ein Feindbild ist unerträglich, also müssen Gegenmeinungen irgendwie unter einen Hut gebracht werden. Wo es die Sachlage nicht hergibt, kann sie durch mantra-artige Wiederholung von Beschwörungsformeln ersetzt werden.
Wenn ich nach einer Erklärung suche, warum ich im “liberalen Lager” gelandet bin, dann komme ich immer wieder zum selben Ergebnis: Ich sehe einfach jeden Menschen als Individuum. Dass Linke und Rechte in Kollektiv-Kategorien denken, bin ich gewohnt, obwohl ich natürlich weiß, dass es in beiden Gruppen auch viele gibt, die so etwas anödet und die trotzdem eine Meinung haben. Um so mehr verstört es mich aber, wenn sich sogar Liberale plötzlich einer verkollektivierenden Sprache bedienen und z.B. Menschen nach einem Schwarz-Weiß-Schema in zwei Gruppen einteilen möchten: Täter oder Opfer, Terrorist oder braver Bürger, Freund oder Feind, “Pro-Westlicher” oder Nazi, Freiheitsfreund oder Etatist. Irgendwann muss ich nochmal genauer nachlesen, was es mit diesem “richtigen Leben im falschen” auf sich hat (am besten bei einem Autor, der auch verstanden werden möchte), aber ich bin der festen Überzeugung, dass man kein Freund der Freiheit sein kann, wenn man sich einer Methodik des Zwangs und einer Rhetorik der Ausgrenzung und des Hasses bedient.
Bleibt zu hoffen dass seine letzten Momente qualvoll waren.
Ich hoffe, dass man einen solchen Satz von mir nie zu hören bekommen wird. Egal über wen.
Verfasst von Rayson um 23:25 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Grundsatzfragen, In eigener Sache, Politik, Sprache (Trackback)