Gesinnungsethik?

Das letzte Mal, als ich eine Strophe von Reinhard Meys “Bevor ich mit den Wölfen heule” in einem Blog zitierte, schrieb ich auch dies:

Ich halte in der Politik Unterscheidungen nach Gut und Böse für lächerlich. Debile Konservative öden mich genau so an wie linke Pawlowhunde. Die Grenze verläuft zwischen dumm und intelligent, und sie geht quer durch jämmerliche Blog-Fronten.

(Es ist übrigens, den Anlass des damaligen Eintrags bedenkend, nicht ohne entlarvende Ironie, wenn Trolle heute krampfhaft versuchen, ihre ehemaligen Liebschaften Unbeteiligten anzudichten).

Jetzt, anderthalb Jahre älter und weiser geworden, kann ich das immer noch bestätigen, würde aber nicht mehr auf die Begriffe “links” und “rechts” zurückgreifen. Tatsächlich können wir die typischen Exemplare der Streitunkultur, die unreifen und unwissenden Meinungsstarken, in wirklich jeder erdenklichen politischen Richtung wiederfinden. Hier wie dort stoßen wir auf dieselben Muster: Bestimmte Codes müssen in einer bestimmten, ritualisierten Form gesendet werden, quasi als Freund-Feind-Erkennung. Wer sich nicht daran hält, wird beschossen. Die eigene Meinung ist, je nach Gusto, wissenschaftlich belegt, durch mühsames, natürlich streng logisches Nachdenken erlangt oder einfach nur moralisch überlegen. Andere Meinungen? Unmöglich, da muss Korruption oder das Böse schlechthin dahinterstecken. Für sowas hat man seinen Lieblingsfeind.

Es scheint für viele, die sich vordergründig politisch engagieren, ein dringendes Bedürfnis nach trennscharfer Abgrenzung zu geben, nach einer kuscheligen Gemeinschaft von Gleichdenkenden und einer das Böse repräsentierenden Feindgruppierung. Typisches Kennzeichen dieser dichotomischen Sehnsucht: Mehr als ein Feindbild ist unerträglich, also müssen Gegenmeinungen irgendwie unter einen Hut gebracht werden. Wo es die Sachlage nicht hergibt, kann sie durch mantra-artige Wiederholung von Beschwörungsformeln ersetzt werden.

Wenn ich nach einer Erklärung suche, warum ich im “liberalen Lager” gelandet bin, dann komme ich immer wieder zum selben Ergebnis: Ich sehe einfach jeden Menschen als Individuum. Dass Linke und Rechte in Kollektiv-Kategorien denken, bin ich gewohnt, obwohl ich natürlich weiß, dass es in beiden Gruppen auch viele gibt, die so etwas anödet und die trotzdem eine Meinung haben. Um so mehr verstört es mich aber, wenn sich sogar Liberale plötzlich einer verkollektivierenden Sprache bedienen und z.B. Menschen nach einem Schwarz-Weiß-Schema in zwei Gruppen einteilen möchten: Täter oder Opfer, Terrorist oder braver Bürger, Freund oder Feind, “Pro-Westlicher” oder Nazi, Freiheitsfreund oder Etatist. Irgendwann muss ich nochmal genauer nachlesen, was es mit diesem “richtigen Leben im falschen” auf sich hat (am besten bei einem Autor, der auch verstanden werden möchte), aber ich bin der festen Überzeugung, dass man kein Freund der Freiheit sein kann, wenn man sich einer Methodik des Zwangs und einer Rhetorik der Ausgrenzung und des Hasses bedient.

Bleibt zu hoffen dass seine letzten Momente qualvoll waren.

Ich hoffe, dass man einen solchen Satz von mir nie zu hören bekommen wird. Egal über wen.

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11 Kommentare zu “Gesinnungsethik?”

  1. 17.04.2007 | 0:27

    Wer zwischen Tätern und Opfern unterscheidet, denkt nicht in Kollektiv-Kategorien, denn er macht allein die individuelle Schuld zum Maßstab seines Urteils. Anderes verhält es sich bei Begriffen wie “Tätervolk”, für die die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ausschlaggebend ist.

  2. 17.04.2007 | 0:29

    Oh doch, das tut er, weil er zwanghaft Individuen diesen Gruppen zuordnen muss.

  3. cadoz
    17.04.2007 | 1:17

    DIe Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist das Resultat jeder Moral und ist in diesem Sinne unverzichtbar. Die Alternative hierzu wäre nur ein Relativismus und Nihilismus, der unsere Zivilisation bedroht.

    Auch der Freund der Freiheit hat seine Feinde, man denke hier an Stalinisten, Nazis oder religiöse Endzeitfanatiker.
    Die Einteilung in Gruppen kann durchaus eine sinnvolle vereinfachung sein. Es wäre wohl kaum praktisch, wenn ich jeden Hinz und Kunz aufzähle, dem ich feindlich gesonnen bin.

    Ich glaube, daß es hier vielmehr um die Frage geht, wo die Grenze ist zwischen dem Feind der Freiheit auf der einen Seite und politisch Andersdenkenden, welche Toleranz verdienen. Zweifelsohne können auch hier Liberale über das Ziel hinausschießen und eine allzuweite Gruppe von Feinden identifizieren. Diese “liberalen” Jacobiner sind es wohl, welche Rayson auf den Wecker gehen.

  4. 17.04.2007 | 8:37

    @Martin/Rayson:
    Naja, wer einfach nur Täter und Opfer nicht vermischen mag, der denkt sicherlich nicht kollektivistisch. Das tut nur derjenige, der außer Tätern und Opfern nichts mehr erkennen mag, für den einer, der kein Opfer ist, automatisch Täter sein muss.

    @Rayson:
    Mit dem von Dir zitierten Satz habe auch ich eine Grenze als überschritten empfunden. Ich denke, so ein Spruch gehört sich einfach überhaupt nicht, egal, von wem man redet. Und wenn man schon nicht anders kann, als solchen Hassgeifer zu Papier (oder auf den Bildschirm) zu bringen, dann sollte man ihn vielleicht zumindest für die Himmlers und Eichmanns reservieren - und nicht gleich für jeden verwenden, der sich auch nur diskutierbar verstrickt hat.

  5. 17.04.2007 | 8:53

    @cardoz:

    “DIe Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist das Resultat jeder Moral und ist in diesem Sinne unverzichtbar.”

    Stimmmt nicht. Es gibt genug Moralentwürfe, die ohne die Kategorie des Bösen auskommen, Safranski und Glucksmann zum Trotze. Das ist bei den meisten modernen, rationalistischen, deontologischen, also am Sollen orientierten Entwürfen so. Die formulieren allgemeine Handlungsregeln wie z.B. “Frag den Anderen erst mal, was er will, bevor Du über ihn bestimmst”, die völlig darauf verzichten können, den Anderen als Person einer Bewertung zu unterziehen. Und die besagen auch z.B. “Du sollst erst mal genau hinschauen, bevor Du Steine wirfst” z.B., und das nicht etwa, um dann besser zielen zu können. Orientieren sich also daran, dem Anderen gerecht zu werden, anstatt ihn zur moralistischen Masturbation zu mißbrauchen. Nix gegen Masturbation im Allgemeinen, aber ich vermute, genau darum geht’s Rayson. Und auch wenn ich da in der Tat alles andere als frei von mich umgebenden Glashäusern bin, finde ich das außerordentlich richtig.

    Der Begriff des Bösen gehört in die Religion. Und verallgemeinerndes Orientierungswissen dann auf konkrete Personen und Situationen anzuwenden, das erfordert laut Kant eben Urteilskraft, und wenn die fehlt, dann ist dam ihm zufolge Dummheit …

    @Rayson:

    Das mit dem richtigen Leben im Falschen hat tatsächlich etwas mit dem Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem zu tun. Daß es diese nicht gäbe, so der Autor, läge an der Dominanz des Allgemeinen, jetzt mal ganz arg verkürzt, die verhindere, sich auf Andere, Natur und Gegenstände auch wirklich einzulassen. Diese würden stattdessen u.a. als Projektionsfläche für Vorurteile und Verdrängtes instrumentalisiert, und ihre jeweilige Besonderheit käme so gar nicht zum Zuge. Paßt ja tatsächlich zum Thema und auch zum vermuteten Anlaß dieses Eintrages, vielleicht macht’s auch verständlich, warum Andere und ich dem alten Teddy immer wieder die Ehre erweisen …

  6. 17.04.2007 | 10:48

    @Momo
    Das ist mit Abstand das Beste, was man dazu sagen kann. Meinen Respekt!

  7. 17.04.2007 | 11:32

    @MR

    “Moralische Masturbation” - das gefällt mir sehr gut! ;-)

  8. Fuchur
    17.04.2007 | 12:50

    Die Glosse Das Korrektorat in der FAZ hat das vor kurzem auch angesprochen: Gerade in Gruppen, die sich ständig über die (kapitalistische, linke, konservative, verlogene, oder wie auch immer geartete) “Meinungsdiktatur” beschweren, hat sich oft eine äußerst diktatorische Diskussionskultur entwickelt. Man vertritt schließlich die Wahrheit, und wenn jemand das nicht versteht, dann ist er eben ein uninformiertes Opfer der (…blabla - s.o. -) Meinungsdiktatur, oder er ist schlichtweg blöd, oder vielleicht ist er sogar ein fieser Propagandist…
    Ironischer Weise spiegelt genau das die allgegenwärtige Kompromisssucht wieder, die ja gerade kritisiert wird: Die sonderbare Annahme, dass verschiedene Meinungen “unschicklich” sind, und ein unnatürliches Übel, das überwunden werden muss; dass Widerspruch eine Art Ehrverletzung darstellt.

    (Dabei ist es selbstverständlich, dass es in der Tat Meinungen gibt, die abgrundtief idiotisch sind, und dass man nicht jeden kindischen Troll als vollwertigen Diskussionspartner betrachten muss. Und selbstverständlich ist es auch völlig in Ordnung, irgendwo Grenzen zu ziehen, und gewisse Meinungen eben doch glattweg abzulehnen.
    Schlecht ist es nur, wenn das zum Standardreflex wird.)

  9. 17.04.2007 | 13:05

    Es hat mich im Laufe meiner Beschäftigung mit politischen Diskussionen auch erstaunt, dass sich offensichtlich jede Ideologie eignet, von einem ZK* vertreten werden zu können.

    * Ossi-Slang für Zentralkomitee und die damit zentral vorgegebene Richtlinie für Wahr und Falsch, Gut und Böse.

  10. ralph
    18.04.2007 | 20:32

    @cadoz / MomoRules

    Ich stimme eher cadoz zu als MomoRules, und dies aus zwei Gründen: Zum einen geht jede Moral davon aus, dass der Mensch böse genug ist, eine solche überhaupt haben zu müssen, aber doch auch gut genug, eine solche haben zu können.

    Zum anderen kann man den Begriff des Bösen auch bei Menschen wie MomoRules finden, zu deren Credo es doch gehört, den Menschen als gut, also fröhlich und lustbetont, kindlich in seiner unschuldigen Wunschstruktur, jedenfalls jenseits von Böse und Böse zu konzipieren. Sei es, weil man tatsächlich Philanthrop ist, sei es, weil man das Böse mit Verboten assoziiert, da wo man permissiv in eigener Sache ist, so dass man das Böse für die eigenen sehr flammenden Verdikte ungern in Anspruch nimmt. Hier die Predigt einer bigotten Neuen Moral:

    Frag den Anderen erst mal, was er will, bevor Du über ihn bestimmst”, die völlig darauf verzichten können, den Anderen als Person einer Bewertung zu unterziehen. Und die besagen auch z.B. “Du sollst erst mal genau hinschauen, bevor Du Steine wirfst”

    Aber wenn Du ihn nicht fragst, dann wirst Du sehr wohl einer Wertung unterzogen werden, you bet!

    Orientieren sich also daran, dem anderen gerecht zu werden

    Gerecht, ungerecht, böse?

    Der Begriff des Bösen gehört in die Religion … Du sollst erst mal genau hinschauen, bevor Du Steine wirfst

    Gehören solche Metaphern nicht auch … -in die Religion?

    Aber wenn wir uns hier schon moralisch machen, ich haben auch ein Stückchen Ethik oder, sagen wir, Ethos beizutragen. Hier meine Maximen, sind keine Gebote, nur Imperative:

    Verurteile offen, nicht verdruckst, pädagogisierend, am eigenen Verdikt mehr leidend als der Verdammte!
    Stehe zu Deinen Freunden und zu Deinen Feindschaften! Da, wo kein Konsens möglich ist, bekenne Dich auch dazu!
    Da wo Du Idiotie oder Boshaftigkeit wahrnimmst, stell Dich in den Wind, mach Dich unbeliebt, sei klar, dezidiert, offen, direkt und ganz brutal in Deinem Spott oder Deinem Verdikt!
    Versuch nicht, den Heiligen oder Jesus Christus zu geben. Die hatten ja auch keine Feinde, auch wenn sie alle an eben diesen zugrunde gegangen sind. Oder anders: Glaube an Gott, wenn Du meinst, aber -bitte- spiele nicht Gott, und den lieben Gott, den schon gleich gar nicht!

  11. 18.04.2007 | 21:28

    @ralph

    Ich kann deiner Argumentation zu cardoz und MR nicht so recht folgen, was natürlich auch an meinen fehlenden philosophischen Grundlagen liegen mag. Es hilft m.E. nicht weiter, die eigene Semantik anderen überzustülpen, erst recht nicht, wenn sie dort nicht weiter zu gebrauchen ist. Ob jemand wirklich an “das Böse” glaubt, merkt man sehr schnell.

    Auch deine “Imperative” gefallen mir mit jedem Lesen weniger. Wir sind schließlich nicht im Krieg. Aber in einem ist dir meine Zustimmung sicher: Ich halte auch nichts davon, die eigene Erkenntnis zugunsten eines Wohlfühlfaktors zurückzustellen. Was ich für falsch halte, bezeichne ich auch so, selbst wenn ich echte oder vermeintliche Freunde damit gegen mich aufbringen sollte. Dazu zählt übrigens, Zweifel übel zu nehmen.

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