Tschulljung

Egal, wie man zu den Ereignissen selbst steht, aber dieses ständige Fordern nach Entschuldigungen nervt.

Dänemark soll sich für die Pressefreiheit entschuldigen, Oettinger für eine Rede, Beck für die Kritik von Oettingers Rede, der Papst für alles Mögliche, Deutschland für den Völkermord an den Hereros, aber auch für einen durchgeknallten Offiziersanwärter usw.

Nichts gegen Entschuldigungen an sich. Wenn jemand das Bedürfnis verspürt, sich für etwas, das er bereut, bei jemandem zu “entschuldigen” (obwohl man des selbst ja eigentlich nicht kann), den er mit seiner Handlung getroffen hat, dann ist das ein menschlicher, aller Ehren werter Akt. Aber Forderungen nach Entschuldigungen? Eine erzwungene Entschuldigung ist keine, sondern eher eine angeordnete Demütigung. Man macht das als Erziehungsberechtigter bei stockigen Kindern: “Nun sag ‘Entschuldigung’ zum Onkel!” Vollends absurd wird es, wenn diese Entschuldigungen rein symbolisch von persönlich Unbeteiligten eingefordert werden. Das geschieht mittlerweile so inflationär, dass der echte, persönliche Ausdruck des Bedauerns ebenfalls entwertet zu werden droht.

Ich schlage vor, dass Staaten und Politiker Websites einrichten, wo diejenigen, die solche Entschuldigungen fordern, nur noch Name und Grund einzugeben brauchen und sich dann ein entsprechendes Entschuldigungsdokument herunterladen können, gerne auch mehrsprachig. Das wäre ein unbürokratischer Akt, der uns manche künstliche Aufgeregtheit ersparte.

Es gibt da eine Anekdote (aus dem Gedächtnis erzählt und daher vielleicht fehlerhaft wiedergegeben):

Der bekannte Autor A. (oder Schauspieler oder Musiker) hatte einmal einen stadtbekannten Kritiker, nennen wir ihn K., mit deftigen Beleidigungen überschüttet. Die Sache kam vor Gericht, und A. wurde verurteilt, sich bei K. persönlich zu entschuldigen. Als der Tag gekommen war, lud K. alle Freunde und Bekannten sowie die gesamte Presse zu sich nach Hause, in freudiger Erwartung seines Triumphes.

Tatsächlich näherte A. sich K.s Haus und klingelte. K. machte auf und strahlte über beide Backen, doch dann entspann sich folgender Dialog:

A.:”Wohnt hier vielleicht Herr Maier?”
K.: “Nein.”
A.:”Oh, dann entschuldigen Sie bitte vielmals!”

Sprach’s, und zog mit einem Lächeln auf den Lippen von dannen, einen verdutzten K. zurücklassend.

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13 Kommentare zu “Tschulljung”

  1. 17.04.2007 | 14:07

    Aber wie du ja selbst richtig erkannt hast, ist eine “Entschuldigung” im politischen Geschäft (zumal dann, wenn sie eingefordert werden musste) doch nichts weiter als eine Unterwerfungsgeste.

    Aus sprachhygienischer Sicht ist es natürlich nützlich, auf den Unterschied zur Bedeutung des Begriffes im menschlichen Miteinander hinzuweisen, ja.

  2. 17.04.2007 | 15:59

    Die häufige Notwendigkeit für Entschuldigungen im politischen Geschäft ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass Politik organisierte Verantwortungslosigkeit ist. Politiker spielen mit den Rechten, dem Eigentum, der Freiheit, dem Leben anderer Menschen. Die persönliche Haftung dieser enthemmten Spieler wird jedoch an Ämter, Strukturen und Verfahren deligiert. Am Ende des Tages werden Bürger permanent übers Ohr gehauen, verantwortlich dafür will aber niemand sein (”Sachzwang”…)
    Natürlich ist eine Entschuldigung hier ein sinnloses Ritual - nötig wäre die Beseitigung der organisierten Verantwortungslosigkeit.

  3. 17.04.2007 | 16:02

    @Christian Hoffmann

    Die häufige Notwendigkeit für Entschuldigungen im politischen Geschäft ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass Politik organisierte Verantwortungslosigkeit ist.

    Das hilft mir leider auch nicht viel weiter, denn die Notwendigkeit von Entschuldigungen wird ja nun auch wiederum von Politikern behauptet…

  4. 17.04.2007 | 16:12

    Aber meines Erachtens nur erzwungenermassen: Die Opfer der Verantwortungslosigkeit sind ja in der Regel die Bürger (Mord an Hereros, Todesurteile für Deserteure, Beleidigung von Nicht-Katholiken, Schwarzen etc.). Gerade der demokratische Politiker kann sich so viele Gegner auf Dauer nicht leisten. Daher muss kurzerhand ein “‘Tschuldigung” her, damit das Spielchen weiter gehen kann.
    Selbstverständlich sind es auch die Bürger, die das Spiel durchschauen sollten, und sich eben nicht mit oberflächlichen Entschuldigungen abspeisen lassen sollten…

  5. 17.04.2007 | 16:21

    Der Papst hat nicht die Kreuzzüge zu verantworten, Frau Wieczorek-Zeul nicht das Herero-Massaker, “Deutschland” nicht die feuchten Träume eines Offiziersanwärters - und doch wird gefordert, verlangt, erwartet. Das sind doch nur Unpolitik-Rituale.

  6. 17.04.2007 | 16:51

    Ich finde, wir sollten da Bürokratie abbauen: Ab sofort sollte man sich für jede Aktion und jede Aussage schon im Vorfeld bei allen entschuldigen, die potentiell Anstoß daran nehmen könnten. Damit wäre jedem geholfen.

    Ansonsten finde ich, dass man sich für Dummheit (war zum Beispiel Oettingers Aussage für mich) nur dann entschuldigen sollte, wenn man auch wirklich im Retrospex einsieht, dass man sich da verhoben hat.

    Ach ja: Ich möchte mich bei allen entschuldigen, die an diesen Aussagen potentiell Anstoß nehmen könnten.

  7. 17.04.2007 | 16:55

    Als Blogbetreiber entschuldige ich mich natürlich auch für Björn (und alle anderen Kommentatoren).

  8. 17.04.2007 | 17:44

    Oft erfüllt eine Entschuldigung auch den Zweck eines Schuldanerkenntnis. Gibt man eine Entschuldigungserklärung ab, ist man nicht ent-schuldet im wahrsten Sinne des Wortes, sondern gesteht seine Schuld ein. Täter- und Opferrollen sind dann klar verteilt und das Opfer kann aus diesem Schuldverhältnis Kapital schlagen. Politisch auf jeden Fall, manchmal gar finanziell.

  9. R.A.
    17.04.2007 | 17:59

    @Rayson:
    > Der Papst hat nicht
    > die Kreuzzüge zu
    > verantworten, …
    Genau.
    Wo es da doch sowieso keinen Grund für Entschuldigungén gibt:
    http://www.bissige-liberale.com/2007/04/09/wahrscheinlich-ein-alter-hut/#comments

  10. johannes
    19.04.2007 | 11:10

    Wer sich entschuldigt, kann einen Grund oder Umstand vorweisen, der ihn von der Schuld befreit. Als Handlung eher proaktiv.
    Wer um Verzeihung bittet, hat einen solchen Grund oder Umstand nicht vorzuweisen und ist daher auf die Gnade seiner Umwelt angewiesen. Als Handlung eher passiv.
    Daher ist es nicht verwunderlich, das das gute alte “um Verzeihung bitten” mehr und mehr verschwindet.
    Ich errinnere mich noch an ein Fernsehinterview mit dem hessischen Ministerpinocchio. Er wurde da auf irgendeine seiner Skandale angesprochen, die ihm nicht behagte. Er antwortete brutalstmöglich, daß er ENTSCHULDIGUNG gesagt hätte, das müsse jetzt mal reichen.
    entschuldigen ist doch wie Ablasshandel ohne Geldflüsse.

  11. der_gute_don
    26.04.2007 | 17:48

    Kann es eigentlich sein, daß auf Herrn Öttinger zur Zeit eine Hexenjagd stattfindet? Ich erinnere mich an einen sehr langsamen sprechenden Verteidigungsminister, der in einer Berliner Pressekonferenz Zeitpunkt und Grenzübergang einrückender Bundeswehrsoldaten in den Kosovo ausplapperte, während dem kommandieren General an seiner Seite die Miene entglitt. Konsequenzen hatte das natürlich keine …

  12. der_gute_don
    26.04.2007 | 17:49
  13. 26.04.2007 | 18:08

    “Hexenjagd” vielleicht nicht, aber Treibjagd. Nach dem Gezeter um die Filbinger-Grabrede gilt Oettinger den Regeln der Unpolitik gemäß als “angeschlagen”, und SPON scheint sich verpflichtet zu fühlen, ihm den Rest zu geben. Deswegen wurde die alte Weikersheim-Story plötzlich zur Neuigkeit, und deswegen bringt SPON es fertig, in einer Geschichte über das Attentat auf zwei Polizisten vor allem eine Aussage Oettingers zu thematisieren.

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