Angekratzte Oberfläche, dumm serviert

Der intellektuelle Ekel, mit dem wir vom B.L.O.G. die “Konfettikanone der Demokratie”, kurz SPON genannt, lesen, dürfte sich herumgesprochen haben.
Weil wir uns aber als eine der wichtigsten Instanzen der Medienkontrolle in Deutschland verstehen und der damit verbundenen Verantwortung gerecht werden möchten, gleichzeitig aber unsere Kräfte schonend einsetzen müssen, teilen wir uns die üble Arbeit des SPON-Lesens.
Heute bin ich dran.

Worum gehts? Um einen Amerikaner.
Das ist schon einmal gut. Denn der durchschnittliche SPON-Leser ist damit gleich auf das Schlimmste gefasst und könnte bestenfalls noch überrascht werden, wenn man ihm erzählte, dass Nobelpreisträger Grass herausgefunden hätte, dass Präsident Bush Bambi vergewaltigt und Flipper gegrillt hätte - an einem einzigen Abend.

Ein Amerikaner also. Wolfowitz heißt er, böse klingender Name. Ist in eine Affäre verwickelt, bei der es offiziell um den Vorwurf der Begünstigung seiner Freundin geht. Inoffiziell gibt es wohl andere Thesen, aber beide - offizielle wie inoffizielle - sollen hier nicht interessieren.

Denn es gibt einen neuen Vorwurf, aufgedeckt (bzw. total investigativ aus dem Ticker des Nachrichtendienstes ab- und ein wenig umgeschrieben) durch die SPONti-Helden aus Hamburg:

“Weltbank wollte Klimawandel totschweigen”

Angesichts dessen, dass uns Popmusik-Beauftragte fast täglich mit Klimawandelgesülze belästigen, ist die erste Reaktion - Entsetzen!
Die Weltbank muss ja mächtig sein, dass sie ein total hippes Thema wie den Klimawandel (an das Cheryl Crow sogar bei der Intimreinigung auf der Toilette denkt) totzuschweigen vermögen konnte. Oder sich das zuzutrauen scheint.

Genaueres Lesen offenbart, dass der SPONti, der für den Titel zuständig ist, mal wieder Abstimmungsprobleme mit dem Schreiber des Textes gehabt haben muss.
Denn Letzterer schreibt etwas anderes, nämlich dass ein Stellvertreter Wolfowitz’ versucht haben soll, den “Klimawandel” in einem Umweltbericht als “Klimarisiko” zu bezeichnen. Er soll die Prognosen der Klimaktologen gar als “eine Theorie” bezeichnet haben, “die nicht bewiesen sei”.
Pardauz! Als ob man das Eintreten eines mit weniger als 100% Wahrscheinlichkeit prognostizierten Ereignisses abwarten müsste, um von einem Beweis sprechen zu können!

Alles schön und gut, die Klimahysterie geht halt ihren Lauf. Und die offensichtlich kaum stichhaltigen Vorwürfe sind kaum der Rede wert, wenn man aus dem SPON-Text auf ihren Gehalt zu schließen versucht.

Aber dass da vielleicht einer der SPON-”Journalisten” mal auf die Idee kommt, dass die Vorwürfe eines Weltbank-Mitarbeiters gegen einen Stellvertreter des unter Beschuss stehenden Wolfowitz unter Umständen und sogar unabhängig von ihrem Inhalt auch aus bestimmten Gründen genau jetzt laut werden - das ist zu viel verlangt, oder?
Fragt da mal jemand nach, welche Interessen der “oberste Wissenschaftler* der Weltbank, Robert Watson” in dieser Affäre vertritt?

Nein. Das kann man vom Hamburger Boulevardblatt nicht verlangen.

—————————————————————————————–
* Was ist eigentlich ein “oberster Wissenschaftler”? Ist das eine offizielle Jobbeschreibung? Oder geht das etwas genauer?
Und warum wird im Text Watson “Wissenschaftler Watson” genannt, während man den Beschuldigten nur mit dem Namen benennt? Soll da etwa etwas suggeriert werden?

Ähnliche Beiträge


25 Kommentare zu “Angekratzte Oberfläche, dumm serviert”

  1. 25.04.2007 | 19:06

    Solche Formulierungen wie »Wissenschaftler Watson« sind typische SPIEGEL-Sprache. Es muss kein tieferer Sinn dahinterstecken.

  2. 25.04.2007 | 19:45

    “Oberster Wissenschaftler” ist sowas ähnliches wie seinerzeit “Oberster Sowjet” — Rechthaben qua Amt. Mich wundert es immer, wie verliebt gerade Spiegel-Journalisten in Autoritäten sind.

  3. 25.04.2007 | 21:06

    Wie schreibt Steven Landsburg so schön in seinem neusten Buch:

    The problem with the news is that it tends to be reported by journalism majors. That’s probably better than letting them design bridges, but it does call for a certain skepticism on the part of the reader.

    Der Mann geht wirklich sehr gnädig mit der Sparte um…

  4. 25.04.2007 | 21:21

    Bei Scientology heißt es “oberster Thetan”, ist aber, wenn ich mich richtig an meinen Religionsunterricht erinnere, dennoch in acht Stufen unterteilt. Immerhin wird differenziert, bei denen.

  5. 25.04.2007 | 21:24

    Gerade noch mal nachgeschlagen: Operating Thetan heißt es. Entweder, die Erinnerungen sind schwach, oder der Unterricht war fehlerhaft.

  6. 25.04.2007 | 22:34

    Am Unterricht kann es ja bei den Scientologen definitiv nicht gelegen haben ;-)

  7. 26.04.2007 | 0:50

    Naja, “intellektueller Ekel”… die schreiben halt viel Quatsch. Wenn wir das für jedes Magazin und jede Tageszeitung aufmachen würden… glücklicherweise gibt es den BILD-Blog. Damit ist schon viel Arbeit weg. Und ansonsten: Viele andere sind genau so schlimm. Wenn wir unsere Freizeit und unsere bezahlte Arbeitszeit austauschen würden, wären wir genau so. Aber sonst: Hast ja recht. :)

  8. 26.04.2007 | 1:03

    Wobei die Online-Ableger da wirklich schlimmer sind als die gedruckten Ausgaben. Ich würde diese Studie zum Thema Online-Journalismus (bzw. wie das Medium Internet den Journalismus verändert) sehr empfehlen, wenn man gerade mal ein paar Stunden Zeit hat. (Wenn man gerade keine paar Stunden Zeit hat: Um SPOn geht es auf den Seiten 39 bis 43.)

  9. der_gute_don
    26.04.2007 | 8:02

    Auch die Medienlandschaft ist ein Markt der sich in der breiten Masse den Gesetzen des Marktes unterwirft. Angebot bedient Nachfrage. Wirkliche Objektivität kann man von einem Medium alleine ja nicht bekommen, sonst würdet Ihr Eure Position ja auch nicht immer wieder durch lesen der taz, telepolis oder der einschlägigen Blogs überprüfen und schärfen. Und ehrlich gesagt, wenn man den Kern einer NAchricht haben möchte, liest man die Agenturmeldung, erst die Subjektivität des Autors gibt den Artikeln erst den richtigen “drive” … oder eben nicht.

  10. 26.04.2007 | 9:32

    @Karsten

    Aber sonst: Hast ja recht.

    Das wollte ich doch nur hören bzw. lesen.

    @don

    Um wirkliche Objektivität geht es mir ja gar nicht. Annäherungen würden mir schon genügen.
    Aber hier war das, was mich störte, neben der SPON-typischen Dummheit vor allem das Liegenlassen eines offenkundigen Themas, also journalistisches Versagen.

  11. der gute don
    26.04.2007 | 10:33

    Liegenlassen eines offenkundigen Themas, also journalistisches Versagen.

    warum Nachlässigkeit, warum nicht Vorsatz? SPON bedient doch ganz gerne seine Klientel, spannenden guten und eigens (!) recherierten investigativen Journalismus kann man bei SPON ja nun wirklich schon seit einiger Zeit nicht mehr finden. Bleibt halt nur den eigenen Informationsfilter einzuschalten.

    Und der Begriff, Konfettikanone der Demokratie (karsten?) gehört ohnehin zum Wort des Jahres gekrönt ;-)

  12. 26.04.2007 | 10:38

    Es kann natürlich auch Vorsatz gewesen sein.
    Wobei ich die journalistischen Fähigkeiten der Leute dort inzwischen tatsächlich so pessimistisch einschätze, dass ich denen nicht einmal sdas zutraue.

    Die Konfettikanone stammt aus Martin Marheineckes Feder - wirklich eine preisverdächtige Wortkreation! ;-)

  13. R.A.
    26.04.2007 | 11:01

    @Karsten:
    > glücklicherweise
    > gibt es den BILD-Blog.
    Nun ja - der ist inhaltlich ok, aber eigentlich völlig überflüssig.
    Weil da nur Leute mitmachen und mitlesen, die die BILD ohnehin für schlecht halten (was ja auch richtig ist) und die sich dann intellektuell überheben können, weil sie das täglich bestätigt finden.

    Im übrigen Medienbetrieb spielt die BILD aber nicht wirklich eine Rolle, sie kann maximal ein Thema einbringen, aber bei der Interpretation ist sie ohne Einfluß.

    SpOn (und SZ) ist dagegen DAS deutsche Leitmedium, was da an Weltsicht erfunden wird, übernehmen dann tausende andere Journalisten in Zeitungen, Radio und Fernsehen.

    Und da fehlt bisher eine auch nur halbwegs beachtete Korrekturinstanz.

    BILD-Blog lenkt für mich vom eigentlichen Problem ab.

  14. 26.04.2007 | 11:42

    @R.A.: Nun ja, was mir alleine in der kurzen Zeit, die ich BildBlog gelesen habe, an Beispielen dafür untergekommen ist, daß SpOn unreflektiert bis blöd von Bild(online) abschrieb, das war ganz ordentlich. Ein besonders nettes Beispiel (wenn auch gerade mal ohne SpOn, dafür mit SZ und einigen Nachrichtenagenturen, u.a.) fand ich dieses hier.

  15. R.A.
    26.04.2007 | 11:50

    @David:
    OK, guter Punkt.
    Mir war nicht klar, daß die deutschen Medien schon SO runtergekommen sind.

  16. 26.04.2007 | 11:59

    Man will es auch eigentlich nicht glauben.

  17. Llarian
    26.04.2007 | 13:27

    @David: Ich hab mir mal den Bildblog Eintrag angesehen. Entweder blick ich es nicht oder BildBlog ist schlicht zu dumm die Zweideutigkeit deutscher Grammatik zu verstehen. Natürlich fährt ein Auto MINDESTENS 14 Meter UNGEBREMST weiter. Die inkriminierte Behauptung die BildBlog aufstellt steht dort nicht, jedenfalls nicht, wenn man den Satz korrekt interpretiert. Es fährt in einer Sekunde mindestens 14 Meter weiter. Das ist korrekt.
    Sorry, wenn der Kram typisch fürs BildBlog ist gehörts auf den Müll.

  18. 26.04.2007 | 13:35

    Ein Auto mit einer Geschwindigkeit von 14 m/s (genaugenommen eigentlich 13,89) fährt ungebremst (das verstehe ich als “wenn ungebremst”) 14 m/s und damit in einer Sekunde 14 m. Der Himmel ist blau.

  19. 26.04.2007 | 13:42

    @Llarian: Selbst wenn’s nicht “Klick” macht: die Erklärung steht gleich im ersten Absatz. Und im dort verlinkten minimal älteren Bildblog-Artikel steht sie auch noch mal etwas ausführlicher.

  20. 26.04.2007 | 13:42

    @David

    Wie konntest du das ermitteln? Bist du ein Unfallforscher?

  21. 26.04.2007 | 13:43

    Der beste.

  22. 26.04.2007 | 13:43

    @David

    Könnte es nicht sein, dass mit dieser Umrechnung einfach verdeutlicht werden sollte, was sich nicht jeder mal eben ausrechnet? Nämlich, wie weit ein Auto bei 50 km/h in nur einer Sekunde rollt.

  23. 26.04.2007 | 13:46

    Ja, das ist plausibel. Dubios ist auch nicht der Hinweis darauf, daß 50km/h ca 14m/s Sekunde sind; sich das gelegentlich klarzumachen schadet sicher nicht. Dubios ist in erster Linie, daß es für sowas “Unfallforscher” braucht. Sozusagen als oberste Taschenrechner.

  24. 26.04.2007 | 13:49

    @micha: Danke. Habe mir den ursprünglichen Artikel jetzt auch noch mal durchgelesen und festgestellt, daß mich meine Erinnerung doch nicht getäuscht hatte: Spiegel Online hing auch mit drin.

  25. 26.04.2007 | 13:51

    @David

    Stimmt.

Bad Behavior has blocked 941 access attempts in the last 7 days.