And the winner is…

Eigentlich wollte ich was zum Telekom-Streit bloggen. Aber am Wochenende wird ja nicht gestreikt, und deswegen hat das Zeit. Was aber nur jetzt stattfindet, ist dieser Juhrohpiehähn Ssonng Konntest, früher mal Grand Prix Européenne de la Chanson oder Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne geheißen.

Irgendwie gehört er dazu. Ich weiß noch, wie ich den früher geschaut habe. Das kam mir vor wie dröges Gekreische, nur ab und an kam eine Nummer, die mein Interesse weckte. Zum Beispiel die Belgier “Telex”, die mit dem Elektro-Pop-Song “En route” (vers des nouvelles aventures) meinen damaligen, Jean-Michel-Jarre- und Kraftwerk-verseuchten Geschmack trafen, aber dennoch oder vielleicht gerade deswegen Letzte wurden. Deren LP habe ich mir natürlich trotzdem gekauft. Damals musste noch jedes Land in seiner Landessprache singen (mit naturgegebenen Vorteilen für Schweizer, Belgier und Luxemburger), und eine Jury entschied sowohl über die Teilnahme (national) als auch über das Abschneiden (international). Ich hatte mir diese Jury aufgrund ihrer Wertungen immer als Versammlung von Soziologen und Gemeinschaftskundelehrern vorgestellt. Und gewonnen hat immer Johnny Logan.

Gut, einmal war es diese “Nicole”, aber unsereins fand Frau und Lied natürlich entsetzlich. Es passte ins Bild, dass ausgerechnet diese Kombination gewann.

Die deutschen Beiträge kenne ich fast nur als Produkte aus der Feder von Ralph Siegel. “Dschingis Khan”, das fand ich damals sogar richtig schmissig in all dieser Balladensoße.

Dann gab es diese Übergangsphase, die wir Deutschen mit unserem Sinn fürs Tiefe natürlich besonders wahrgenommen haben. Nicht die Lieder standen im Mittelpunkt, sondern das Ereignis selbst. Man nahm z.B. plötzlich wahr, dass dieser Wettbewerb unter Schwulen besonders populär sei, und das war dann aus welchen Gründen auch immer ein Thema. Ergebnis dieser Nabelschau waren Beiträge aus der Raab-Ecke, von Guildo Horn bis zum Meister selbst, die das Ganze eher auf die Schippe nahmen. Man kann nicht behaupten, dass sie ihre Wirkung verfehlt hätten. Ich weiß noch, wie ich beim Fernsehen in einem indischen Hotelrestaurant damals das Ergebnis eines dieser Wettbewerbs mitbekommen habe. Der einzige Auftritt, der außer dem des Siegers dort in den internationalen Nachrichten eines britischen Senders gezeigt wurde, war eben der von Guildo Horn, vom “very british” Sprecher kommentiert mit einer Art neidischen Distanz.

Mittlerweile hat sich da einiges geändert. Man singt vorzugsweise Englisch, und es nehmen jede Menge ost- und mitteleuropäische Staaten teil, während Westeuropa sich mehr und mehr zurück hält. Bei den legendären “twelve points - douze points”-Abstimmungen meint man, regionalen Verschwörungen auf der Spur zu sein. Die osteuropäischen Ministaaten, von denen jedes Jahr ein neuer hinzuzukommen scheint, schieben sich die Punkte offensichtlich gegenseitig zu. Und Länder mit einem hohen Anteil an im Ausland lebenden Bürgern bekommen überpropotionalen Zuspruch. Was vorher ein von in Spanien lebenden Deutschen gern genutztes Privileg war, wurde zum natürlichen Vorteil von Türken (in Westeuropa lebend) und Russen (diverse osteuropäische Staaten bewohnend). Sich darüber zu beschweren, dass diese Menschen alle das ihnen Vertraute und Bekannte wählen, wäre wohl ziemlich lächerlich. Die Schieflage in diesem Wettbewerb ist im Wesentlichen seinem Modus zu verdanken, nämlich der Abgrenzung entlang von Staatsgrenzen. Hinzu kommt, dass die Wertigkeit in den Ländern eine unterschiedliche ist. Bei uns ist dieser Wettbewerb mehr Gegenstand von Reflektionen und Nabelschau, aber andere nehmen das richtig ernst, für die ist das wirklich wichtig.

Ich habe mal versucht, den Nachbarschaftseffekt im letzten Jahr zu quantifizieren. Das Ergebnis war so simpel wie einleuchtend: Es gibt immer einen Titel, der nationenübergreifend populär ist. Der wird gewinnen. Russland hat strukturell einen Platz unter den ersten drei sicher. Dann kommt ein Mittelbau verschiedener, sich gegenseitig wählender Osteuropäer, und dann erst kommen alle Westeuropäer, die nicht länderübergreifend populär waren. So wird es, jedenfalls meinem Tipp nach, auch heute sein: Entweder wird Russland gewinnen oder ein Titel, den alle (relativ!) super finden.

Wie also sollten wir in Deutschland zu diesem Wettbewerb, den “wir” wohl in den nächsten zehn bis dreißig Jahren nicht mehr gewinnen werden, stehen? Ich hätte da einen Vorschlag: Konzentrieren wir, die wir mit dem dort Dargebotenen aus welchen Gründen auch immer partiell etwas anfangen können, uns doch auf die Musik. Vielleicht entdecken wir was Feines!? Meine “Telex”-Zeit damals hat mir jedenfalls viel Spaß gemacht, und das war es allemal wert. Ansonsten ist es einfach eine Show, die sich anschauen kann, wer mag. Ich mag Roger Cicero, weil ich Jazz mag und seinen Vater großartig fand, und ich wünsche ihm, der wohl in Wirklichkeit viel mehr kann als er da zeigt, dass er einen guten Abend erwischt. Und daran wird sich auch nichts ändern, selbst wenn er Letzter würde. Als Jazz-Freund ist man Minderheitenpositionen gewohnt… Dem indirekt, aber deutlich vorgebrachten SPON-Vorschlag, den Vorentscheid des ESC und des Grand Prix der Volksmusik zusammenzufassen, vermag ich jedenfalls nichts abzugewinnen.

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5 Kommentare zu “And the winner is…”

  1. Stephan
    12.05.2007 | 22:04

    Verblüffenderweise hält sich die Freakshow diesmal in Grenzen. Ok, das meiste ist nicht mein Geschmack. Und natürlich wird geklaut wie beim Teufel. Aber es waren bis jetzt durchgängig gute Songs. Meine Lieblinge sind derzeit Finnland und Ungarn.

  2. Stephan
    12.05.2007 | 22:09

    Ok. Update: Russland wird gewinnen. Wette des Abends. Die Truppe läuft garantiert schon seit Monaten in allen möglichen Diskos und als Filmmusik quer durch alle Ex-Sowjetrepubliken.

  3. Stephan
    12.05.2007 | 22:26

    Noch ein Update: Ich bestehe darauf, daß mein erster Kommentar VOR dem Auftritt von Ukraine und GB geschrieben wurde. So!

  4. der gute don
    12.05.2007 | 22:43

    Eigentlich wollte ich was zum Telekom-Streit bloggen.

    wozu, da wurde doch schon alles gesagt:

    http://www.spiegel.de/spam/0,1518,482299,00.html

    :-D

  5. 16.05.2007 | 0:12

    [...] Ich wiederholde mich: Wer nach Ländern abstimmen lässt und dabei mit Flaggen herumfuchtelt, darf sich nicht wundern, wenn er auch genau das bekommt. [...]

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