12. Mai 2007
Ein berechtigter Brief, und warum er trotzdem keine Lösung bringt
Es gibt da einen Brief eines Telekom-Mitarbeiters, der für einiges Aufsehen gesorgt hat. Ich möcht gerne alle enttäuschen, die eine liberale Position mit einer Position der Arbeitgeber verwechseln und deswegen dazu was zum Besten geben…
Letzter Auslöser war ihre wiederholte Forderung, bei uns Mitarbeitern eine größere Bindung zum Unternehmen zu erzeugen. Dazu kann ich ihnen nur erwidern, dass ich und die meisten meiner Kollegen im kleinen Finger mehr Unternehmensbindung haben, als ihre ganze Führungsriege zusammen. Ich werde ihnen auch sagen warum.
Diese Telekom ist und war immer mein Leben. Ich habe mein Berufsleben hier begonnen und wollte es auch hier beenden. Ich habe gesehen, wie aus der Post die Telekom und aus Teilnehmern Kunden wurden, aber leider auch, wie aus unserer Firma, in der jeder für jeden da war, ein Unternehmen geschaffen wurde, in dem jeder nur noch an sich denkt (denken muss); wo jeder Unternehmensteil nur noch versucht, den eigenen Bereich sauber zu halten und aus den anderen Teilen so viel wie möglich abzuschöpfen, auch wenn dort viel größere Lücken gerissen werden, als jemals wieder zu stopfen wären. Ich habe erlebt, wie aus uns Mitarbeitern Humankapital wurde und wie wir alle nur noch als Kostenfaktoren angesehen werden, von denen man sich – so schnell es nur geht – trennen muss und will.
Sie und ihre Vorgänger jedoch geben sich im Vorstand die Klinke in die Hand; sie kommen und gehen. Von Unternehmensbindung kann hier wohl kaum die Rede sein. Sie kommen, strukturieren um, und das mit einer Arroganz und Selbstherrlichkeit, ohne auf warnende Hinweise zu hören, dass sich so die Qualität und die Zuverlässigkeit nicht mehr halten lassen kann, geschweige denn besser wird. Es kümmert sich auch niemand von ihnen um die Folgen ihrer Entscheidungen. Sie ziehen mit vollgestopften Taschen weiter, um im nächsten Unternehmen das Gleiche zu tun und sie hinterlassen skrupellos einen immer größer werdenden Scherbenhaufen.
Wenn wir, die wir immer gute, kompetente und hochmotivierte Arbeit geleistet haben, immer die Wünsche der Kunden zu erfüllen wussten und wir lange Zeit das mit Abstand beste Kommunikationsunternehmen waren und uns dann von ihnen sagen lassen sollen, dass wir zu schlecht, zu teuer, nicht motiviert, faul und unproduktiv seien, dann steigt ob dieser Unverschämtheit eine ungeahnte Wut in uns auf.
Ich zitiere das alles bewusst, weil ich meine, dass der Verfasser ganz einfach Recht hat. Bis auf ein Wort, aber dazu vielleicht später. Halten wir fest, dass die ganzen Umstrukturierungen und sonstigen Umorganisationen nichts am fundamentalen Problem geändert haben, das entsteht, wenn ein Monopolist sich plötzlich dem Wettbewerb stellen muss. Im Gegenteil: Sie haben wohl eher zum Problem beigetragen. Aber wir sollten die Anteilseigner nicht aus ihrer Verantwortung entlassen: Könnte es sein, dass sie die wirklich angebrachten Maßnahmen nicht haben wollten?
Doch als wenn es ihnen nicht reicht, uns so zu beleidigen, verbreiten sie das auch noch in aller Öffentlichkeit und fügen so unserem Ansehen und somit natürlich auch unserem Aktienkurs einen immensen Schaden zu. Sie beschmutzen rücksichtslos das eigene Nest, nur um kurzfristig ihre (oder wessen auch immer) Abbau- und Auslagerungspläne durchsetzen zu können und von den Fehlern ihrer Vorgänger abzulenken. Das ist eine Unglaublichkeit sondergleichen und ein Vertrauensbruch, der durch nichts zu entschuldigen und wieder gut zu machen ist.
Ich stimme dem Verfasser zu, dass ein Management, das seine Mitarbeiter beschimpft, nichts taugt. Das gilt universal. Den Einfluss dieser Beschimpfung auf den Aktienkurs überschätzt er aber. Investoren denken anders.
Sie vermissen Respekt in diesem Brief? Wem gebührt denn Respekt? Uns Mitarbeitern, die wir uns unser Leben lang für die Telekom und unsere Kunden engagiert haben, die wir immer und immer wieder unser Privatleben den Interessen der Telekom und der Kunden untergeordnet haben und dies noch tun? Uns, die wir die Telekom zum besten, kompetentesten, kundenfreundlichsten und leistungsfähigsten Kommunikationsunternehmen gemacht haben?
Schwer, auf rhetorische Fragen angemessen zu antworten. Aber ganz sicher gebührt den Mitarbeitern der Telekom Respekt. Ich würde sogar sagen, dass ohne deren überproportionales Engagement die Kacke viel früher am Dampfen gewesen wäre. Einzelne haben versucht, Systemversagen zu kompensieren, und das ist aller Ehren wert.
Oder erwarten sie allen Ernstes Respekt dafür, was sie und ihre Vorgänger uns und unserer Telekom angetan haben?
Es nutzt leider nichts, einen Manager ins selbe Boot wie seine Vorgänger zu stecken. Denn jeder Manager steht immer wieder vor einem neuen Problem, das er lösen muss. Da hilft ihm wenig zu wissen, dass ein anderer es vorher verbockt hat: Er hat nur einen begrenzten Instrumentenkasten zur Verfügung und muss sich aus ihm bedienen.
Sie und ihre Vorgänger haben uns im Laufe der letzten Jahre immer mehr Fesseln angelegt, sie haben uns funktionierender Werkzeuge beraubt und uns blind gemacht, indem sie uns Systeme aufgezwungen haben, die nicht die Arbeit erleichtern, sondern nur die Kontrolle verbessern, dafür aber massiv die Effektivität einschränken. Sie haben die interne und die externe Kommunikation zerstört, indem sie funktionierende Rufnummern und Hotlines rigoros abgeschaltet und durch nicht funktionierende Sammelnummern und unsinnige Überlaufkonzepte ersetzten, und sie haben so die interne und externe Erreichbarkeit gegen Null gefahren. Sie haben massiv Wissen, Kompetenz und Arbeitsplätze an Stellen vernichtet, wo das alles unverzichtbar war, indem sie durch Umstrukturierung hochqualifizierte Mitarbeiter in gänzlich neue und unbekannte Arbeitsbereiche oder nach Vivento versetzt haben oder sie zum Vorruhestand, zur Altersteilzeit oder einer Abfindung „überredet“ haben.
Auch da würde ich erstmal unterstellen: Der Mann hat Recht. So wird Ineffizienz erzeugt. Halten wir das fest.
Ihre Vorvorgänger haben (natürlich wieder entgegen aller Warnungen der Fachleute) durch die Schließung hunderter T-Punkte und den Abbau tausender qualifizierter Mitarbeiter diese kompetenten Schnittstellen zum Kunden vernichtet und unsere Kunden so in Scharen in die Arme unserer Konkurrenz getrieben und jetzt rühmen sie sich mit der Schaffung neuer T-Punkte und der Einstellung von ein paar Hundert neuen Kräften, jetzt wo das Kind längst in den Brunnen gefallen ist, wo wir viele Kunden längst verloren haben. Halten Sie uns wirklich für so dumm, dass wir ihnen dafür Anerkennung zollen?
Wieder: Der Mann hat Recht. Aber nur teilweise, denn es ist eben logisch falsch, vergangene Fehler mit den Konsequenzen daraus auf eine Stufe zu stellen.
Es wurde weiter (mit der gewohnten Überheblichkeit und wieder gegen alle Warnungen) an der Serviceannahme – der zweiten direkten Schnittstelle zum Kunden – Personal in Größenordnungen abgebaut, sodass die Abfragewerte auf die schlechtesten Werte sanken, die jemals zu verzeichnen waren. Die billige Lösung war, unmotivierte und unwissende externe Kräfte mit keinerlei Firmenbindung (!) an Stelle der vorher gründlich „entfernten“ Kollegen zu setzen und sich dann über das immer größer werdende Chaos und immer unzufriedenere Kunden zu wundern.
Klingt plausibel.
Nun wollen sie mit dem Service auch noch die dritte direkte Schnittstelle zu unseren, noch verbliebenen Kunden kastrieren, auch hier wieder massiv Personal reduzieren und den Rest mit weniger Gehalt und längeren Arbeitszeiten zu besserem Service motivieren.
Wenn es denn nur das würde, hätte er wieder Recht. Aber so verstehe ich die Maßnahmen von Obermann nicht. Warten wir ab, was es wird (in meiner Welt wird täglich gescheitert).
Wo das hinführt, liegt wieder einmal auf der Hand, doch da in ihrer Etage Entscheidungen grundsätzlich nie zurück genommen werden, selbst wenn man weiß, dass man einen großen Fehler begeht, werden der Service und die Leistungsfähigkeit ein weiteres Mal, mit dem schon schrottreifen Wagen gegen die Wand gefahren. Auf die Einzelteile, die sie dann hinterlassen, warten schon die Geier, die den dann noch verbliebenen Mitarbeitern den Todesstoß versetzen! Aber das erleben sie sicherlich nicht mehr hautnah, da sie dann schon auf dem Weg zur nächsten Firma sind.
Und jetzt fängt der Dissenz an. Kein Investor wird es gutheißen, wenn die Telekom jetzt an ihrer Servicequalität spart. Dazu ist der Wettbewerb zu hart. Die Manager, die hinter diesem Vorhaben stecken, haben aber auch etwas zu verlieren, nämlich ihren Ruf. Es gibt sie, die Beispiele, dass vormals offenbar gescheiterte Manager wieder Spitzenjobs kriegen, aber unabhängig von der individuellen Wertung, die dazu geführt hat, gibt es auch jede Menge Absteiger. Die Telekom ist eine Aufgabe, die Investoren vertraut erscheint. Wer hier nicht die richtigen Maßnahmen ergreift, disqualifiziert sich im Reich der Heuschrecken endgültig.
Sie ziehen immer wieder gerne das „marktübliche Lohnniveau“ als Vergleichsgröße heran und vergleichen uns mit meist ungelernten Hilfskräften, mit Dilettanten, die weder diesen Beruf gelernt haben, noch irgendeinen Bezug zur Telekom oder zu unseren Kunden haben. Mit viel Glück sind das ehemalige Elektriker, uns sind aber auch schon Rollrasenverleger (keine Lüge) und ähnliche „Spezialisten“ im HVt begegnet.
Das kann ich nicht beurteilen. Richtig ist, dass mehr Input auch in mehr Output resultieren sollte. Nur manchmal ist der Input übertrieben oder der Output nicht angemessen - was man da also braucht, ist ein konkretisierter Bedarf, der vom Kunden wertgeschätzt wird.
Das ist, als wenn sie einen Mercedes besitzen möchten, bezüglich des Preises aber einen Trabbi als Vergleich heranziehen und diesen auch nur bezahlen wollen.
Und wenn genau das der Kundenwunsch wäre? Wo läge dann das Problem?
Wir würden lieber heute als morgen die Telekom wieder an die Spitze bringen! Wir wissen auch, wie es geht und was verändert werden muss! Wir sind für Veränderungen, die den Service und die Kundenfreundlichkeit verbessern! Wir wissen, was die Kunden wollen und wie wir es ihnen bieten können! Wenn sie es ernst meinen mit der Forderung, wieder das beste Kommunikationsunternehmen zu sein, reden sie mit uns! Ideen haben wir genug, Motivation auch! Wir kennen die Kunden und die Firma und wir wissen, wo es knackt im Gebälk! Wir wissen auch, wo viel zu viel Geld verschwendet wird, wo Personal falsch eingesetzt wird und Wissen sinnlos verpufft oder Prozesse angepasst werden müssten! Nehmen sie uns mit auf dem Weg zu einer besseren Telekom! Nutzen sie unsere Ideen, unser Engagement, unsere Bereitschaft für Veränderungen und unsere Flexibilität!
Ich glaube, jeder Manager, der ein solches Angebot ausschlagen würde, wäre mit dem Klammerbeutel gepudert. Das Wissen über das Unternehmen Telekom steckt verteilt in den Köpfen der Mitarbeiter. Dieses Wissen nicht zu nutzen, wäre ein Verstoß gegen das “Shareholder-Value-”Prinzip. Und natürlich wäre da ein “do ut des” fair.
So lange ihre Zielvorgaben für Führungskräfte auf Personalabbauzahlen, Entstörindex und schnelle Abfragewerte aufsetzen und nicht auf Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, Generierung neuer Geschäftsfelder (z.B. TK goes IT) und damit auf Steigerung der Einnahmen und Sicherung der Arbeitsplätze, so lange wird es keinen wirklichen Fortschritt bei uns geben und keine Chance, am Markt zu bestehen.
Da hat er wieder Recht. Man muss diesem Mann dankbar sein, dass er betriebswirtschaftliche Wahrheiten so breit kommuniziert.
Ich bin mir jedoch (leider) ziemlich sicher, dass das gar nicht ihr Ziel ist, dass alle ihre schönen Sprüche nur Worthülsen sind, um die Ausgliederung vorantreiben zu können und dass sie für sinnvolle Vorschläge gar nicht offen sind, da sie die nächsten und übernächsten Schritte schon in der Schublade haben und auch, dass sie niemals einmal getroffene Entscheidungen überdenken oder gar rückgängig machen wollen oder können.
Sie hören lieber auf externe Berater wie z.B. McKinsey, die nicht das geringste Interesse an der Telekom haben und jeder Firma den gleichen Mix aus Zerteilung und Personalabbau überstülpen und immer wieder frustrierte und arbeitslose Mitarbeiter hinterlassen. Wenn das also so ist, dann haben sie wenigstens den Mut, mit offenen Karten zu spielen. Verkaufen sie uns nicht weiter für dumm und stehen wenigstens, so lange sie noch unsere Firma leiten, in der Öffentlichkeit hinter uns Beschäftigten, und treten sie bitte nicht auch noch mit Füßen nach uns.
Zu den Sachbehauptungen kann ich mangels Wissens nichts sagen. Ich halte sie momentan für sehr weit hergeholt.
Als Vorstand und Führungsmannschaft dieses Unternehmens haben sie nicht nur eine Verantwortung gegenüber den Aktionären (der sie mit ihren angekündigten, kontraproduktiven Maßnahmen auch nicht nachkommen) sondern auch eine soziale Verantwortung uns Mitarbeitern gegenüber! Wir Mitarbeiter sind das Unternehmen! Wir haben den Zustand der Telekom nicht zu verantworten. Uns darf man nicht eiskalt in den beruflichen, sozialen und finanziellen Abgrund treiben, dass verbietet das soziale Gewissen! Ich befürchte aber, dass dieser Appell bei ihnen und erst recht bei McKinsey verhallt.
Den Rest des Briefes behandle ich mal nicht, weil da für mich nicht Neues mehr hinzukommt. Wen es sonst interessiert: http://www.handelsblatt.com/news/Unternehmen/IT-Medien/_pv/grid_id/1153460/_p/201197/_t/ft/_b/1243802/default.aspx/dokumentation-brief-an-die-telekom-chefetage.html
Jetzt aber kommen wir so langsam zum Punkt. Akzeptieren wir einfach mal, dass das Management der Telekom in der Vergangenheit Mist gebaut hat, denn dafür spricht einiges. Worin besteht aber dieser Mist? Und wie kriegen wir ihn wieder weg? Ich fürchte, wir müssen einen Begriff ad acta legen: Schuld und Sühne. Der Autor des Briefes meint, weil die Mitarbeiter der Telekom den Zustand des Unternehmens nicht zu verantworten hätten, müssten sie von Maßnahmen verschont bleiben. Das ist ein moralisches Kriterium, das aber leider zur Insolvenz führen könnte. Denn entscheidend für das, was zu tun ist, ist allein das, was für die weitere Existenz notwendige Voraussetzung darstellt.
Und wenn es denn so sein sollte, dass die Wettbewerber eine der Telekom vergleichbare Leistung zu geringeren Kosten zu Verfügung stellen, oder dass die besondere Leistung der Telekom von den Nachfragern nicht zu diesen Kosten gewünscht wird, dann hilft es nichts: Dann muss dieses Unternehmen die Kosten reduzieren. In einem personalintensiven Unternehmen heißt das also auch, an den Personalkosten zu sparen.
Was also nutzt der Streik? Er verzögert. Nicht mehr, nicht weniger. Wenn er zu sehr verzögert, wird die Lösung des Problems allerdings außerhalb der Telekom stattfinden. Auch wenn es für Monopolisten gewöhnungsbedürftig sein sollte: Die Nachfrage bestimmt das Angebot.
Verfasst von Rayson um 22:50 Uhr in der Kategorie Politik, Wirtschaft (Trackback)