Der gefühlte Polizeistaat

Ein “gefühlter Polizeistaat” kann eine fast ebenso große Gefahr für die Freiheit sein wie ein “echter”. Genau so, wie die “abstrakte Terrorgefahr” (Un-)Politiker reihenweise in Panik(-Simulation) verfallen und nach härteren Gesetzen und mehr Überwachung zwecks “Prävention” schreien läßt.

Es war klar: Im Unterbewußtsein hatten wir dem Polizeiapparat unseres Landes schon lange Allwissenheit und Allmacht zugesprochen. Was Wunder? Der alte Gott, Gottvater war tot, und an seine Stelle war ein neuer Gott getreten: der Staat. Vater Staat. Und daß auch der von allem wußte und die Gedanken seiner Kinder erriet, lag auf der Hand. Jede Flucht war sinnlos - dieser Hof bildete die perfekteste Falle, die sich denken ließ.

Aus: “Kein Reihenhaus für Robin Hood”, von -ky, frei nach Michael Foucault.

Machmal lohnt es sich, alte Krimis von Neuem zu lesen. Der vor fast 30 Jahren erschienene Roman des Soziologen Dr. Horst Bosetzky ist natürlich nicht deshalb ein soziologischer Roman, weil er von einem Soziologen geschrieben wurde - nur bei den Details flossen -kys Sachkenntnisse ein. Aber er hat eine Agenda, die diesen überkonstruierten und mit zu vielen Unwahrscheinlichkeiten arbeitenden Kriminalroman von unzähligen anderen überkonstruierten und mit zu vielen Unwahrscheinlichkeiten arbeitenden Krimis abhebt. -ky schrieb ausdrücklich mit aufklärerischen Absichten.

“Keine Reihenhaus für Robin Hood” spielt vor dem Hintergrund der Terrorismus-Sympathisanten-Hysterie nach dem “Terrorjahr” 1977.
Im Roman sind es weniger die konkreten polizeilichen Maßnahmen - Straßensperren, Kontrollen - als die Angst davor, eventuell für einen Terroristen-Sympathisanten gehalten zu werden, die das Verhalten vieler Protagonisten des Krimis verzerrt: Ein sonst mutiger Lokalradakteur setzt die Schere im Kopf so großzügig an, dass er über einen entführten Industriellen das Gegenteil von den schreibt, was er denkt, ein konservativer Lehrer gerät bei der Schulbehörde in Verdacht, weil er im Unterricht einen Artikel über die Ursachen des Terrorismus aus der Zeitschrift “Capital” (!) verwendet hatte, und der “Antiheld” des Romans schreibt in beinahe paranoider Manier der Polizei / dem Verfassungsschutz übermenschliche Fähigkeiten zu.
-ky schildert, wie Angst lähmt und gehorsam macht und Menschen gegen ihre eigenen Interessen und ihre Überzeugungen handeln läßt.

Dass solche Mechanismen auch heute (wieder) wirken, ist unübersehbar. Zum Beispiel in der Diskussion um den “Bundestrojaner” und die Online-Untersuchung. Hier ergänzen sich das Wunschdenken ängstlicher Politiker und die Ängste der Bürger vor den übermenschlichen Staatsorganen.
Vieles ist einfach ganz billiger Bluff. Udo Vetter berichtete in seinem Vortrag auf dem CCC-Kongress,Sie haben das Recht zu schweigen wie relativ einfach es ist, seine auf der Festplatte liegenden Daten durch Verschlüsselung zu schützen. Die Behautung “die Platte schicken wir jetzt ans LKA, nach spätenstens einer Stunden haben die sie geknackt” ist Bluff - wie die Aussage eines Diskussionteilnehmer belegen, dessen beschlagnahmte Festplatte schon über ein Jahr in der Forensik liegt - und der, nach seinem Grinsen zu urteilen, auch nicht ernshaft befürchtet, dass sie jemals “geknackt” werden würde. Mag sein, dass die NSA mittels Supercomputer dazu theoretisch in der Lage wäre - flächendeckend ist das schlicht nicht machbar. Und selbst das Beste Online-Untersuchungsprogramm kann keine Daten untersuchen, die gar nicht “online” sind, sondern z. B. auf einer externen Festplatte liegen.

Aber weil der Durchschnittsbürger angesichts der hysterischen Berichterstattung an einen unfehlbaren “Bundestrojaner” glaubt, funktioniert er, auch wenn es ihn in der Praxis gar nicht gibt. Man fühlt sich beobachtet und handelt entsprechend.
Den selben Effekt haben Überwachungskameras. Terroristische Anschläge, zumals solche, die von Selbstmordtätern verübt werden, können sie nachweislich nicht verhindern. Selbst bei Alltagskriminalität wie Taschendiebstählen wird ihre Wirksamkeit überschätzt. Sie wirken oft wie ein Placebo: keine Wirkstoff, trotzdem Einschüchterung und, bei “braven” Bürgern, “gefühlte” Sicherheit. Ich vermute, dass viele Überwachungskameras tatsächlich oder de facto Attrappen sind. Was an ihrer Wirksamkeit nichts ändert.

(Zur Ergänzung verweise ich auf den Beitrag Verfassungsfeinde an der Macht auf MMsSenf.)

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14 Kommentare zu “Der gefühlte Polizeistaat”

  1. 16.05.2007 | 15:56

    Beten wir, daß P != NP

  2. googlehupf
    16.05.2007 | 16:08

    Davon ist zum Glück auszugehen.

  3. 16.05.2007 | 16:37

    Ja, stimmt.
    Siehe z. B. die ZEIT: Hacken für den Staat ist gar nicht so einfach.

    Und ich weise mal auf den neuesten Beitrag von burks hin - der hat IMO nämlich recht (auch wenn er ein “ganz linker Vogel” ist, aber vonn der netten, sprich anti-etaistischen, Sorte):
    ONLINE-DURCHSUCHUNGEN, DIE 1111STE: Heimlicher Zugriff auf IT-Systeme.

  4. R.A.
    16.05.2007 | 16:40

    “vor dem Hintergrund der Terrorismus-Sympathisanten-Hysterie ”

    Natürlich gab es damals genauso Übertreibungen wie heute, wenn es um die eigentliche Fahndung gegen den Terror ging.

    Aber es war eigentlich keine “Hysterie” in Bezug auf die Sympathisanten.
    Die waren in erschreckender Anzahl da, fanden das damals wie heute ganz unproblematisch und gegen die ist ja überhaupt nicht vorgegangen worden.
    Einige davon sind ja bis vor kurzem Bundesminister gewesen …

    Bis auf Ausnahmen war das also nur eine gefühlte Hysterie der Linken, die es halt schon repressiv bis faschistisch fanden, wenn man Gewaltlosigkeit erwartete.

    Die übliche Klage damals wie heute war, man würde “kriminalisiert”, wenn die Polizei gegen konkrete Kriminelle vorgeht.

    “ein konservativer Lehrer gerät bei der Schulbehörde in Verdacht, weil er im Unterricht einen Artikel über die Ursachen des Terrorismus aus der Zeitschrift “Capital” (!) verwendet hatte,”
    Das Beispiel ist doch völlig lächerlich.
    Das wird damals selbst bei einer bayrischen Schulbehörde nicht vorgekommen sein.

    Ich sehe die ganze Innenpolitik von Online-Trojaner bis Biometrie sehr kritisch.
    Aber ich sehe eher das umgekehrte Problem: Die Leute haben zu wenig Angst davor. Deswegen kann die Politik die Bürgerrechte abbauen.
    Und ich sehe derzeit niemanden, der sich irgendwie einschüchtern ließe - für die G8-Kritiker sind das doch im Gegenteil Steilvorlagen.

  5. 16.05.2007 | 16:56

    Einige davon sind ja bis vor kurzem Bundesminister gewesen …

    Stimmt auffällig. Und wenn ich mich an den “Otto-Katalog” erinnere, versuchte zumindest einer genau das zu machen, was er damals als Gefahr an die Wand malte. Was belegt, dass sich bei seinem Denken nur die Vorzeichnen änderten.

    Auch wenn ich kein “G8-Gegner” bin - eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie sehe ich selbst bei den ganz harten Prostlern nicht. Und von unseren (Un-)Politikern sehe nur die dort “Terroristen”, die sie unbedint sehen wollen.

  6. R.A.
    16.05.2007 | 17:05

    @MartinM:
    Ich sehe auch nicht, daß die G8-Protestler die Demokratie gefährden, auch neuer Terrorismus ist nicht abzusehen.

    Aber die “ganz normale” Gewalttätigkeit der Linken, mit regelmäßiger Randale, verletzten Polizisten, abgefackelten Autos - das paßt schlecht zur hypersensiblen Weinerlichkeit der üblichen Betroffenen.

    Wenn es normal wäre in Deutschland, daß Gewalttäter auch dann normal verfolgt und verurteilt werden, wenn es einen politischen Hintergrund gibt.

    Und wenn es normal wäre, daß Politiker sich nicht mit solchen Tätern solidarisieren könnten, ohne politisch im Abseits zu landen.

    Dann würde es vielleicht auch nicht zu den bescheuerten Überreaktionen von Schäuble und Co. kommen.

  7. Llarian
    16.05.2007 | 17:39

    @David, googlehupf:
    Zum einen würde ich gerade das Gegenteil hoffen, es wäre allzu schön solche Probleme doch irgendwann effizient lösen zu können. (wenn ich das Problem erst gelöst und patentiert habe, werdet ihr alle zahlen bis ihr schwarz werdet…..*geifer*)
    Zum anderen, wie kommen die Herren dazu, sich das zu wünschen ? Ich kenne diverse Verschlüsselungstechniken, die nicht auf NP-Problemen basieren. Meines Wissens ist selbst für elyptische Kurveen (die ja doch recht populär sind im Moment) unbekannt, ob die Entschlüsselung in NP liegt.

  8. der gute don
    16.05.2007 | 17:42

    da darf der LInk ja nicht fehlen ;-)
    http://www.bigbrotherawards.de

    Und hier der Mann, der in den 70ern und 80ern noch selbst gegen den “Überwachungsstaat” gekämpft und die Volkszählung als Rechtsbruch bezeichnet hat:
    http://www.bigbrotherawards.de/2005/.life/

  9. 16.05.2007 | 19:19

    “Ich kenne diverse Verschlüsselungstechniken, die nicht auf NP-Problemen basieren.”

    OK, das ist beruhigend. Ich kenne mich mit Kryptographie nicht besonders aus, dachte aber bisher, daß NP-Probleme eine sehr zentrale Rolle spielen.

  10. Llarian
    16.05.2007 | 22:10

    @David: Ich sollte mich eigentlich auskennen, hab aber gerade festgestellt Unsinn geredet zu haben. Natürlich liegen auch die elyptischen Kurven in NP, ich war schon vorher abgebogen und hab mir Gedanken um NP-Vollständigkeit gemacht, die aber unwichtig ist, wenn P=NP gilt, da dann jedes Problem Problem innerhalb von NP auch NP-vollständig ist.

    NP-Probleme spielen in der (heutigen) Kryptographie in der Tat eine wichtige Rolle. Eine echte NP-Maschine wäre geradezu eine Wundermaschine, denn sie rät die richtige Lösung und beweist sie anschliessend. Das setzt aber vorraus, sie beweisen zu können. Wenn ich zwei Nachrichten in eine Nachricht kodiere und der Schlüssel die Nachricht selektiert, aber nur der Emfänger den Schlüssel hat, welche ist dann richtig ? Das kann ich auch mit x Nachrichten machen. Du würdest dann immer beweisen können, ob eine bestimmte angefragte Nachricht enthalten ist, nie aber welche gemeint war. Das kann man zum Beispiel mit einem One-Time-Pad (OTP) erreichen, mit eine der ältesten Formen der Kodierung und mathematisch UNknackbar.
    Simpel gesagt: Würde eine NP-Maschine gefunden (was praktisch gleichbedeutend mit P=NP wäre), dann würden wir lediglich andere Kryptographie haben. Aufwendiger, aber immernoch sicher.

    Das zeigt übrigens auch die ganze Absurdität dieses Polizeistaates ala Schäuble. Keine der Maßnahmen, die die sich vorstellen, kann jemanden auch nur behindern, der sich genügend Hintergrund verschafft hat. Kleinkriminelle kann man so vielleicht jagen, aber Terroristen werden sich davon kaum beeindrucken lassen.

    Wir haben allerdings heute beim Mittagessen eine wirklich gute Verwendung für den Bundestrojaner gefunden. Wenn mir demnächst ne Platte abraucht, könnte ich im Innenministerium nachfragen, ob ich einen Backup haben kann.

  11. 16.05.2007 | 23:39

    @R.A.
    Eines der Hauptprobleme der Terrorhysterie wie der Polizeistaatshysterie ist die Staatsgläubigkeit. Da sind wir uns hoffentlich einig (und einig mit -ky).
    Ja, ich kenne einige selbstmitleidige Staatsopfer vom Dienst, und einige gehören sogar zur autonomen Szene. Allerdings: nach allem, was mir bekannt sind, genießen Kravallnicks und Steinenschmeißer (aus der 4. oder 5. Reihe) und ähnliche “Helden” da keinerlei Respekt.

    Zum Fall Otto Schily: damals wie heute hat er die Vorstellung des allmächtigen Staatsapparates. Damals, als er noch Terroristen verteidigte, empfand er ihn als übermächtige Bedrohung - die er in der reale existierenden BRD so nie war. (Siehe auch das -ky-Zitat.) Später, als Minister, hatte er nach wie vor die Idee von alles wissenden, alles könnenden übermächtigen Staatsapparates - und es war dieses Mal sein Apparat. Das Polizei und Geheimdienste gar nicht das leisten konnten bzw. dürften, was er von ihnen verlangte, übersah er. Schily war und blieb ein autoritärer und staatsgläubiger Machtmensch.

    Sein Nachfolger Schäuble ist ein beinahe tragischer Fall. Vor dem Attentat war er ein durchaus vernünftiger konservativer Politiker, heute ist er der Angstbeißer der Nation. Es spricht nicht für die große Koalition, dass der Mann einen so wichtige Ministerposten erhielt.

    [ironie]
    Ich gehe, pessimistisch wie ich bin, natürlich von P = NP aus, und auch davon, dass die besten Mathematiker alle für die NSA arbeiten, wo natürlich auch 90% der weltweiten Computerkapazität zu finden ist. und das die NSA deutschen Geheimdiensten bei der Terorfahndung jederzeit uneingeschränkt Amtshilfe leistet[/ironie] Selbst unter diesen einigermaßen paranoiden Vorraussetzugen wäre eine routinemäßige Durchprüfung sämtlicher verschlüsselten Laufwerke einfach nicht machtbar.

  12. 17.05.2007 | 9:51

    Da sich hier ein ganzer Teil der Diskussion um Festplattenverschlüsselung dreht:

    Auch wenn der Vortrag Jacob Appelbaums vor dem CCC zur Festplattenverschlüsselung inzwischen über ein Jahr alt ist, ist er nicht nur nach wie vor sehr informativ, sondern nebenbei für IT-Affine auch recht amüsant.

    Mit der Festplattenverschlüsselung ist es ganz allgemein aber so eine Sache. Die Vorstellung zumindest in diesem Bereich unsichtbar zu sein, zumindest in diesem Bereich nicht überwacht werden zu können, könnte nur allzu schnell als Illusion zerstört werden. Denn wenn die Verschlüsselung von Dateisystemen zum gängigen Repertoire der zu Überwachenden werden sollte, ist es doch durchaus vorstellbar, dass (wie in England oder eingeschränt in den USA) bezüglich des Schlüssels das Recht zu schweigen eben abgeschafft wird …

    Eine ganz andere Frage ist in diesem Zusammenhang noch das der politischen Gewichterverteilung. Interessiert sich für Datenschutz & Co. wirklich “niemand”? — Könnte es nicht sein, so ein optimistischer Geselle in mir, dass der von/über jeden Menschen gelagerte Datenvorrat schon sehr bald ein Ausmaß annehmen wird, das den normal durchs Netz streifenden Bürger erschrecken lässt und damit Datenschutz zu Wählerstimmen werden lässt? Ich denke bei diesem Datenvorrat dabei nicht unbedingt an Sicherheitsbehörden, sondern eher an Google, Amazon, etc. — So wie die eigene Telefonnummer, zum Gut geworden ist, weil der x-te Anruf eines Call-Centers am Ende auch noch meinen geduldigen Großvater auf die Palme brachte, so könnte es doch auch mit Kaufempfehlungen und benutzerorientierter Werbung sein …

    Vielleicht, so schreibt der (hoffnungslose?) Optimist in mir, wird Datenschutz ja das Thema, so wie Umweltschutz in den frühen 80ern das Thema wurde. Und so wie damals eine Partei entstand, könnte ja wieder eine Partei entstehen … und wenn schon nicht das, so verlagert vielleicht eine schon bestehende gelbe Partei ihren Schwerpunkt wieder ein bisschen mehr zur Rechtspolitik …

  13. cadoz
    17.05.2007 | 10:40

    Abschreckung und die damit verbundene Angst vor der Strafe ist notwendig in der Bekämpfung von Straftaten. Gesetze und Regeln wären ziemlich nutzlos, wenn sie nicht auch menschliches Verhalten beeinflußen.
    Die unmöglichkeit der Entschlüsselung und Auswertung aller Daten dürfte hoffentlich dazu führen, daß der Staat seine Mittel effizient und nur bei Verdachtsmomenten nützt.
    Aber natürlich bleibt hier das geringe Risiko staatlicher Willkür, welches schon alleine aus Prinzip ein schweres Gewicht auf der Waagschale der Freiheit ist.

  14. der gute don
    17.05.2007 | 18:36

    Deutschland 2030. Die regierende sozialistische Ökopartei entlässt die Opposition aus dem Reichstag. Der Bundestag und alle demokratischen Institutionen werden aufgelöst. Dank gut vorbereiteter umfassender Datensammlungen und anschließender Rasterfahndung durch regierungsnahe und exekutive Einrichtungen konnten Bürger mit reaktionär liberalen Gedankengut im Vorfeld ausgemacht und bereits wenige Stunden später festgesetzt werden. Um die von der Mehrheit gewollte Verfassungskorrektur und Übernahme aller Regierungsgeschäfte durch ein Zentralkomitee nicht zu stören, werden sie in Präventivhaft genommen. Die BRD ist tot. Lang lebe Sonnenblumenland.

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