Der Mythos lebt - Nachtrag zum ESC

Findige Blogger haben nachgerechnet, welche Verteilung sich beim Eurovision Song Contest ergeben hätte, wenn der “Ostblock” nicht mitgestimmt hätte. Tatsächlich hätte das an den ersten beiden Plätzen und am schlechten Abschneiden der westlichen Länder fast nichts (die Türkei wäre mit der Ukraine auf Platz 2 gleichgezogen) geändert. Der Triumph über die “Mär vom Ostblock” ist aber vielleicht etwas zu voreilig verkündet.

Ich habe die Berechnung anhand der im Web dokumentierten Stimmvergabe nachvollzogen, aber als weitere fiktive Gemeinschaft mal den “Ostblock” selbst aufmarschieren lassen. Die Gegenüberstellung von dessen Abstimmungsergebnis mit dem der “Alt-Staaten” lässt einige Effekte viel besser sichtbar werden. Was zu erwarten ist, wenn man Teilmengen miteinander und nicht mit der Gesamtmenge vergleicht.

Auffallend ist z.B. die krass unterschiedliche Bewertung der Beiträge der Türkei, Weißrusslands, Mazedoniens, Sloweniens und Schwedens. Hier wage ich die These, dass die betreffenden Länder ihre Punktzahlen im Wesentlichen auch dann bekommen hätten, wenn statt eines Sängers nur jemand aufgetreten wäre, der die ersten Seiten des Telefonbuchs der jeweiligen Landeshauptstadt vorgelesen hätte. Da haben Türken für Türken gestimmt, Russen für Russen, Ex-Jugos für Ex-Jugos und Skandinavier für Skandinavier. Wer jetzt noch glaubt, es ginge hier um die Beiträge selbst, lernt wahrscheinlich auch noch Gedichte für den Weihnachtsmann auswendig.

Der Türken-Effekt fällt hier deswegen auf, weil die Türken, die nicht in der Türkei leben, bzw. die Nachfahren türkischer Abstammung sich fast ausschließlich in den westlichen “Alt-Staaten” befinden und die Türkei in keine Nachbarschaftshilfe auf Gegenseitigkeit eingebunden ist. Sonstige Nationen, die ebenfalls über starke Kohorten in anderen Staaten verfügen wie eben der Sieger Serbien (Woher kommt der Kellner in Österreich und der Schweiz? Oh, 12 Punkte, was ein Zufall…), fallen nicht so auf, weil zum “Gastarbeiter-Effekt” auch noch der “Nachbarschaftseffekt” dazukommt. Man kann Serbien zukünftig ebenso wie Russland einen sicheren Platz unter den ersten drei vorhersagen, selbst dann, wenn der Beitrag mal nicht europaweit so positiv aufgenommen wird dieser.

Ich wiederhole mich: Wer nach Ländern abstimmen lässt und dabei mit Flaggen herumfuchtelt, darf sich nicht wundern, wenn er auch genau das bekommt.

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10 Kommentare zu “Der Mythos lebt - Nachtrag zum ESC”

  1. 16.05.2007 | 0:38

    Ist Dir langweilig?

  2. pele
    16.05.2007 | 3:07

    Einige Leute wollen es einfach nicht einsehen und versuchen weiter, eine Entschuldigung für das schlechte Abschneiden ihrer “Schützlinge” zu “erfinden”!
    Klar gibt es Länder, die von gewissen Länder meistens ne hohe Punktzahl kriegen.
    Z.b. gibt DE an der Türkei die volle Punktzahl, wie letztes Jahr (davor waren es glaube auch 12 oder zumindest 10) und sehr wahrscheilich gibt es auch nächstes Jahr die Vollen!
    Oder schauen wir zu Frankreich (Pl. 22, 19 Pts.)Frankreich kriegte von Andorra 8 Punkte, die zweithöchste Punktzahl für FR betrug 4 Punkte. Ist ja klar, dass FR von Andorra die Punkte nicht nur wegen dem Lied unf der Performence, was ja wirklich grässlich war, kriegte! Übrigens, ein Jahr davor kriegte FR keinen Punkt von Andorra. Da war FR noch schlechter und holte nur 4 Punkte.
    Aber all dies, sind nur Einzelfälle, das haben die meisten Länder. Es sind aber diesmal 42 Länder am Start gewesen, somit gleicht sich das mehr oder weniger aus. Ansonsten müssten wir immer die gleichen Sieger haben! Haben wir aber nicht! Finnland, das letztes Jahr noch gewonnen hat, wurde diesmal 17.
    Und nur auf die Bühne gehen und aus dem Telefonbuch vorlesen oder die 3 min. die Fahnen schwingen oder sonst nen Sch3iss singen, würde sicher sofort Konsequenzen nach sich ziehn, da bin ich mir sicher. Es kommt also schon darauf an, ob der Vortrag gut ist oder nicht.
    Früher war das gleiche öde Thema, einfach zwischen Nord und Süd und schon damals, bewies die Statistik was anderes, als die Leute glaubten zu wissen!
    Und wenn wir schon von Fairnis reden, dann sollten wir mal die garantierte Finalteilnahme von Deutschland, Frankreich, Spanien und GB abschaffen. Dies ist nämlich wirklich unfair. Alles andere regelt sich von selbst.

  3. pele
    16.05.2007 | 3:16

    Noch zu Russland und Serbien. Also, Serbien war wirklich gut und Russland rockte auch die Halle. 3 hübsche Girls, gutes Lied, gute Performence! Ihr gute Klassierung ist also berechtigt!
    Wir hätten auch lieber unsere Monröschen geschickt!

  4. 16.05.2007 | 6:41

    David,

    nee, det is’ sein Hobby. Hatta letztes Jahr ooch schon rescherschiert.

  5. R.A.
    16.05.2007 | 10:35

    @Rayson:
    Deine Statistik ist interessant, deckt aber Deine Schlußfolgerungen nur teilweise.

    Deutlich und wohl unbestreitbar ist wohl der Türkei-Effekt (den ich ihnen übrigens durchaus gönne, weil das ansonsten ein eher isoliertes Land ohne Freunde ist).

    Den Skandinavien-Effekt würde ich gerne glauben - da aber überhaupt nur Schweden und Finnland dabei waren, würde ich denen kein Telephonbuch raten.

    Auch die übrigen Effekte sind statistisch nur schwach nachweisbar.

    Insgesamt wären alle diese Thesen eigentlich nur plausibel, wenn man die Abweichungen über mehrere Jahre betrachtet.

    Bei jedem Einzelbeispiel kann es auch einfach nur an der Musik liegen …

    Im übrigen: Regionale Korrelationen müssen nicht unbedingt auf blinden Nationalismus zurückzuführen sein (der z. B. bei Jugoslawien eigentlich auch sehr merkwürdig wäre).

    Es kann auch einfach daran liegen, daß die Musiker vielleicht in der Region bekannter sind.

    Weiß jemand, ob z. B. slowenische Musiker nicht öfters mal im serbischen Fernsehen auftreten? Wäre ja möglich, und wäre ein sehr legitimer Grund, daß sie dort dann auch Fans haben.

  6. 16.05.2007 | 11:41

    @pele: “!” ist nicht das einzige deutsche Satzzeichen. Versuch doch auch mal andere, zur Abwechslung.

    @Marian: Das war mir bisher entgangen.

    Ich würde auch gerne noch was inhaltliches schreiben, aber irgendwie ist mir das Thema ja so egal…

  7. 16.05.2007 | 12:01

    @R.A. (und auch ein wenig pele)

    da aber überhaupt nur Schweden und Finnland dabei waren

    Mit abgestimmt haben aber auch die Halbfinalisten (wird gerne übersehen), also z.B. ebenso Dänemark und Norwegen. Außerdem habe ich nicht behauptet, dass es zum Gewinnen reicht.

    Bei jedem Einzelbeispiel kann es auch einfach nur an der Musik liegen

    In den von mir genannten Fällen halte ich das für unwahrscheinlich. Russland z.B. ist konstant unter den ersten dreien (wie auch diesmal von mir vorhergesagt), und mit Serbien wird es genau so sein. Zum Gewinnen reicht das allein nicht (es gewinnt, was europaweit Punkte sammelt), aber es bessert die Ausgangslage ganz enorm.

    Im übrigen: Regionale Korrelationen müssen nicht unbedingt auf blinden Nationalismus zurückzuführen sein (der z. B. bei Jugoslawien eigentlich auch sehr merkwürdig wäre).

    Es kann auch einfach daran liegen, daß die Musiker vielleicht in der Region bekannter sind.

    Das Argument wird gerne angeführt und mag im Einzelfall auch zutreffen wie bei Ruslana damals. Lassen wir das einfach mal so stehen und glauben, dass diese Länder immer nur bekannte Künstler hinschicken. Aber erstens wäre es nur eine Bestätigung meiner These, dass es zu großen Teilen eben nicht auf den Beitrag selbst ankommt, und zweitens sprechen andere Indizien, nämlich die offensichtliche Bedeutung des Wettbewerbs für das nationale Selbstbewusstsein in den fraglichen Ländern, wie sie in den Reaktionen deutlich wird, eher dagegen.

    Bei der Ex-Jugo-Hilfe sollte man bedenken, dass die “ethnischen Säuberungen” erstens doch nicht so effektiv waren und dass zweitens zwischen Ländern wie Montenegro und Slowenien ein Zusammengehörigkeitsgefühl etwaigen Hass, der sowieso immer nur von einer Minderheit ausgelebt wurde, deutlich übersteigen dürfte. Vielleicht gilt das sogar für das ganze Ex-Jugoslawien.

    Ungarn kann man auch noch als Beispiel nehmen. Wer glaubt, dass es Rumänen waren, die da für deren 12 Punkte gesorgt haben, sollte nochmal unter dem Stichwort “Vertrag von Trianon” in den Geschichtsbüchern nachschauen. Und die 10 Punkte aus Finnland führen sogar in eine gemeinsame Zeit hinter den Ural zurück…

    Aber irgendwie auch typisch deutsch. Wir definieren Nationalgefühl fast durchweg negativ und schauen schon besorgt, wenn es eher poppig-gefühlig als Fußballbegleiterscheinung auftaucht. Meinetwegen, ich brauch’s auch nicht. Aber wir sind dann auch noch so arrogant, dass wir es uns gar nicht vorstellen können, wie sehr anders das schon bei unseren Nachbarn ist.

  8. 16.05.2007 | 12:03

    @David

    Mich interessiert vor allem, wie nah Intuition und Daten beieinander liegen. Und in diesem Jahr noch besonders, weil diejenigen, die behaupten, dass die Intuition falsch läge, in den Publikationen außer der Blöd-Zeitung den Ton angeben.

  9. R.A.
    16.05.2007 | 13:20

    @Rayson:
    > wird gerne
    > übersehen
    Jou, habe ich.

    > Russland z.B.
    > ist konstant unter
    > den ersten dreien
    Offenbar führst Du da schon seit einigen Jahren eine Statistik - und das sind dann in der Tat tragfähige Belege.

    > Aber erstens wäre
    > es nur eine
    > Bestätigung meiner
    > These, dass es zu
    > großen Teilen eben
    > nicht auf den
    > Beitrag selbst
    > ankommt, …
    Der Beitrag besteht nicht nur abstrakt aus dem Lied, sondern Künstler und Interpretation sind mindestens so wichtig.

    Mit demselben Lied würde z. B. eine in Deutschland bekannte Sängerin wie Mireille Mathieu deutlich mehr Punkte kriegen als eine (für uns) unbekannte französische Sängerin.

    Darüber hinaus ist es wohl auch generell so, daß in verschiedenen Regionen unterschiedliche Musikgeschmäcker existieren.

    Wobei ich gar nicht bestreite, daß es wohl in diversen Regionen “nationale Freundschaften” gibt, die sich bei der Abstimmung auswirken.

    Daraus schließe ich: Wir sollten mehr Freunde haben.

    Das wäre auch außerhalb des Grand Prix sehr vorteilhaft.

  10. Markus Oliver
    16.05.2007 | 17:57

    Aus dem Bauch und einiger Erfahrungen mit Ausländern im Freundeskreis:
    Alle mir bekannten Personen aus dem EU-Umfeld-Ost stimmten ausschließlich nach nationalen Kriterien ab. Die Musik interessierte diese Leute in keiner Weise.
    Von denen, die nicht abstimmten - weil es sie - wie mich z.B. - schlichtweg nicht interessierte, kamen dann aber doch Äußerungen, die wieder in diese Richtung gingen. Griechische Bekannte von mir ließen sich gar zu dem Spruch hinreißen:
    “Wenn die blöden Zyperaner nicht für uns (gemeint war Griechenland) stimmen, dann können die Türken den Rest der beschissenen Insel gerne haben. (Anmerkung: Zwar stellen sich die Griechen nach Außen hin gerne auf die Seite der Zyperaner, nach Innen hin werden diese aber doch deutlich kritisiert.)

    Weitere Nationalitäten im meinem Umfeld waren Serben und Ungarn.

    Es gilt meiner Meinung nach die Faustformel: Je länger Ostblock-Mitglied, desto größer die Wahrscheinlichkeit für “nationales” Stimmverhalten.

    Die Franzosen und Spanier in meinem Umfeld stimmten ohne “nationale” Motive ab.

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