16. Mai 2007
Der Mythos lebt - Nachtrag zum ESC
Findige Blogger haben nachgerechnet, welche Verteilung sich beim Eurovision Song Contest ergeben hätte, wenn der “Ostblock” nicht mitgestimmt hätte. Tatsächlich hätte das an den ersten beiden Plätzen und am schlechten Abschneiden der westlichen Länder fast nichts (die Türkei wäre mit der Ukraine auf Platz 2 gleichgezogen) geändert. Der Triumph über die “Mär vom Ostblock” ist aber vielleicht etwas zu voreilig verkündet.
Ich habe die Berechnung anhand der im Web dokumentierten Stimmvergabe nachvollzogen, aber als weitere fiktive Gemeinschaft mal den “Ostblock” selbst aufmarschieren lassen. Die Gegenüberstellung von dessen Abstimmungsergebnis mit dem der “Alt-Staaten” lässt einige Effekte viel besser sichtbar werden. Was zu erwarten ist, wenn man Teilmengen miteinander und nicht mit der Gesamtmenge vergleicht.

Auffallend ist z.B. die krass unterschiedliche Bewertung der Beiträge der Türkei, Weißrusslands, Mazedoniens, Sloweniens und Schwedens. Hier wage ich die These, dass die betreffenden Länder ihre Punktzahlen im Wesentlichen auch dann bekommen hätten, wenn statt eines Sängers nur jemand aufgetreten wäre, der die ersten Seiten des Telefonbuchs der jeweiligen Landeshauptstadt vorgelesen hätte. Da haben Türken für Türken gestimmt, Russen für Russen, Ex-Jugos für Ex-Jugos und Skandinavier für Skandinavier. Wer jetzt noch glaubt, es ginge hier um die Beiträge selbst, lernt wahrscheinlich auch noch Gedichte für den Weihnachtsmann auswendig.
Der Türken-Effekt fällt hier deswegen auf, weil die Türken, die nicht in der Türkei leben, bzw. die Nachfahren türkischer Abstammung sich fast ausschließlich in den westlichen “Alt-Staaten” befinden und die Türkei in keine Nachbarschaftshilfe auf Gegenseitigkeit eingebunden ist. Sonstige Nationen, die ebenfalls über starke Kohorten in anderen Staaten verfügen wie eben der Sieger Serbien (Woher kommt der Kellner in Österreich und der Schweiz? Oh, 12 Punkte, was ein Zufall…), fallen nicht so auf, weil zum “Gastarbeiter-Effekt” auch noch der “Nachbarschaftseffekt” dazukommt. Man kann Serbien zukünftig ebenso wie Russland einen sicheren Platz unter den ersten drei vorhersagen, selbst dann, wenn der Beitrag mal nicht europaweit so positiv aufgenommen wird dieser.
Ich wiederhole mich: Wer nach Ländern abstimmen lässt und dabei mit Flaggen herumfuchtelt, darf sich nicht wundern, wenn er auch genau das bekommt.
Verfasst von Rayson um 00:06 Uhr in der Kategorie Kultur (Trackback)