Ein rosa TASS-Korrespondent

Neue Entwicklung: Die FTD hat den hier besprochenen Text von ihrer Website genommen. Man kann ihn aber hier noch lesen.

Über den betriebswirtschaftlichen Unfug eines Lucas Zeise konnte man ja noch schmunzeln. Aber seine Ausflüge in die Außenpolitik sind dann nur noch erschreckend.

Als in Russland noch eine KPdSU das Sagen hatte, konnte ich linke Sympathie für das dortige Regime ja irgendwie einigermaßen nachvollziehen. Warum Typen wie Zeise aber weiter so tun, als regiere in Moskau ihr ideologisches Vorbild und führe einen heldenhaften Kampf gegen den bösen US-Imperialismus, kann ich jetzt beim besten Willen nicht mehr begreifen.

Der Text selbst lässt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig.

Da ist Putin nicht nur ein lupenreiner Demokrat (alles, was aussieht, als spreche es dagegen, ist in Wirklichkeit Jelzins Schuld), sondern auch ein tapferer Kämpfer gegen die Ausbeutung seines Landes, der von einer gleichgeschalteten westlichen Presse nur kritisiert wird, weil er westlichen Energiemultis Konkurrenz macht. Dass die Esten nicht ständig einem Symbol von Jahrzehnten sowjetischer Fremdherrschaft begegnen möchten, entlarvt faschistische Tendenzen. Und selbstverständlich hat Putin Recht, wenn er die Unterbindung von gewaltlosem Protest mit der Verfolgung von Randalierern gleichsetzt.

Der wahre Feind ist - hm, nicht der Westen, denn das sind wir, inklusive des famosen Herrn Zeise, ja irgendwie auch… Dann eben nochmal: Der wahre Feind sind die finsteren Mächte, die Europa zu einer Konfrontationspolitik gegenüber Russland treiben und zu einem Unterstützer der aggressiven Außenpolitik der USA machen. Leute wie dieser gefährliche Kouchner (neuer französischer Außenminister) z.B., der die “Ärzte ohne Grenzen” nur deswegen mitgegründet hat, um seinem üblen Hang zur rücksichtslosen Verbreitung der Menschenrechte den passenden Deckmantel zu verleihen. Der Mann war für den Irakkrieg, das sagt ja alles.

Und dann natürlich die Frechheit, in ehemaligen Ländern des Warschauer Paktes ein Raketenabwehrsystem einzurichten, ohne den alten Imperialherrn vorher um Erlaubnis zu fragen.

Dann allerdings wird es im Verhältnis zu Russland ganz finster. Die Bundesregierung ist dabei, das einzig nennenswert Positive der Vorgängerregierung Schröder zu verspielen - den Frieden im Osten.

Ich ahne, welche Art Frieden der Zeise meint.

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20 Kommentare zu “Ein rosa TASS-Korrespondent”

  1. 22.05.2007 | 9:47

    Ich habe nicht wenig Lust, diesem Zeise das Russische Tagebuch der ermordeten Politkovskaja um die Ohren zu hauen. Und zwar heftig.

  2. der gute don
    22.05.2007 | 10:20

    Es ist eine Fehlwahrnehmung, wenn man Russlands Demokratiedefizit mit Putin in Zusammenhang bringt.

    Das muß in der Tat bitter sein, ein lupenreiner Demokrat, gefangen in den Strukturen seines starken Staats. Leid kann er einen tun der Herr Putin. Auch wegen der fachistischen Balten, die einfach nicht einsehen wollen, das die Russen sie immer wieder von den finsteren Mächten dieser Erde befreit haben. Undankbare Drecksbande diese Balten.

  3. Hardy
    22.05.2007 | 12:59

    Ich frage mich, ob Zeise geistig wirklich so “Wirr” denkt, oder ob er ein genügend hohes Bestechungsgeld für diesen Unsinn erhielt.

  4. 22.05.2007 | 13:09

    Das habe ich mich ganz ernsthaft auch gefragt, wollte aber nicht gleich eine der “Goldenen Diskussionsregeln” ins Spiel bringen… Aber eigentlich glaube ich nur, dass das ein Linker ist, der den Feind seines Feindes zu seinem Freund erklärt.

  5. Parker8
    22.05.2007 | 13:35

    Muss ja tatsächlich hoch brisant gewesen sein, die Kolumne. Ich jedenfalls kann sie bei ftd.de schon nicht mehr finden.

  6. 22.05.2007 | 13:44

    Mist! Jetzt haben wir vom BLOG für Zensur bei der FTD gesorgt.

  7. 22.05.2007 | 13:45

    Danke für den Hinweis! Mir fiel vor einer Stunde schon auf, dass sie auf keiner der Übersichtsseiten der FTD mehr verlinkt war. Da war sie aber noch als eine der Zeise-Kolumnen aufgeführt. Jetzt ist sie ganz verschwunden.

  8. der gute don
    22.05.2007 | 14:27

    Bei Google wurde sie bereits indiziert (Position 1) aber nicht ge-cache-t:

    google link

  9. 22.05.2007 | 14:30

    Ich habe jetzt ganz oben im Text einen Link angeführt, der noch funktioniert.

  10. R.A.
    22.05.2007 | 14:56

    Jetzt erst einmal schnell den Text sichern, bevor er ganz verschwindet.

    Kann man eigentlich die Formulierung “Nachbar Rußland” als Freud’schen Verschreiber einordnen?
    In meinem aktuellen Atlas jedenfalls finde ich Rußland nicht unter Deutschlands Nachbarstaaten.
    Nur im Geschichtsatlas …

  11. 22.05.2007 | 15:01

    Vielleicht aus EU-Sicht.

  12. Johannes
    22.05.2007 | 18:46

    Lucas Zeise ist öfters mal Autor bei der taz und bei attac-Veranstaltungen aktiv.
    Nun, dann trifft er dort den Heiner Geißler!
    Bloß, wer liest denn eigentlich die FTD?
    Die Jungs von Gazprom und der Schröder?

  13. Parker8
    22.05.2007 | 23:06

    Nachdem ich ihn nun gelesen habe: In allen Hinsichten liegt der Kommentar von Zeise nicht falsch.

    Mich stört auch die Nachzüchtung der Russophobie hierzulande, die allerdings nicht wie seinerzeit in alle Schichten ausstrahlt. Es ist beklagenswert, wie sich stellenweise eine politische Korrektheit durchzusetzen beginnt, in der die ethnisch-orientierte Sichtweise der mittelosteuropäischen Neu-EU-Länder übernommen wird.

    Jedes dieser Länder hatte sein - durchaus schmerzvolles - Verhältnis zur Sowjetunion. Aber dass daraus resultierende antirussische Ressentiments nun den Maßstab für die deutsch-russischen Beziehungen abgeben sollen, das ist nun wirklich ein vollkommen verfehlter Ansatz. Ich würde nie einen Politiker wählen, der solchermaßen die deutsche Russland-Politik ausrichtet.

    Die Amerikaner pushen überall, wo das geht, antirussische Kräfte, weil sie durch Image-Beschädigung einen Player weniger bekommen wollen. Siehe Ukraine, siehe Georgien. Mit Recht opponiert Russland dagegen - das traditionell ein viel entspannteres Verhältnis zu ethnischer Vielfalt hat als die neuen Staaten.

    Russland braucht sich auch nicht von Kreisen im Westen diktieren zu lassen, wann es sich durch Raketen bedroht zu fühlen hat und wann nicht. Diese Art der Außenpolitik - Zeise brandmarkt sie als aggressiv - ist mindestens anmaßend.

  14. 22.05.2007 | 23:26

    @Parker8

    Ganz ehrlich: Ich finde es schade, dass du meinst, aus Zeises Kolumne diese Position ableiten zu müssen.

    Aber irgendwie wundert es mich nicht: Du vertrittst ökonomisch ähnliche Positionen. Dahinter scheint tatsächlich eine einheitliche Ideologie zu stecken.

    Von “Russophobie” kann doch nun wirklich nicht die Rede sein. Alle mir bekannten Kritiker konzentrieren sich auf die Politik der Putin-Herrschaft, und auch die estnische Regierung hat für ihr unsensibles Verhalten Kritik der “westlichen Presse” auf sich gezogen (was Zeise schlicht negiert). Da etwas von “ethnisch-orientiert” zu faseln, halte ich mindestens für polemisch, in Wirklichkeit aber für schlimmer. Dass sich die Politik westlicher Staaten daran ausrichten würde, ist dann nur noch ein Witz. Meinetwegen ein im Konjunktiv formulierter.

    Was die Amerikaner “pushen”, darüber sollte man sich wirklich unterhalten. So lange “antirussisch” gleichzusetzen ist mit “demokratisch”, scheint mir das Problem jedenfalls nicht bei den USA zu liegen. Und ich finde nicht, dass Russland “zu Recht” gegen die Nichtakzeptanz gefälschter Wahlen opponiert.

    Russland braucht sich auch nicht von Kreisen im Westen diktieren zu lassen, wann es sich durch Raketen bedroht zu fühlen hat und wann nicht.

    Können Staaten fühlen? Aber nun gut, tun wir mal so. Dann gilt aber gleichermaßen, dass berechtigte Sicherheitsinteressen des Westens nicht auf jedes russische Gefühl Rücksicht zu nehmen haben. Du nennst das Recht auf Selbstverteidigung “anmaßend”. Nehme ich zur Kenntnis.

    Zeise scheint nicht allein zu stehen - er kann wenigstens in Teilen auf linke Sympathie hoffen. Das finde ich wirklich bemerkenswert.

  15. Parker8
    23.05.2007 | 0:11

    Sowas ist mit “anmaßend” gemeint: In Oslo, Rice dismissed Russian concerns over Washington’s plans to deploy anti-missile defenses in Europe as “ludicrous.”

  16. 23.05.2007 | 0:16

    Sie hätte auch “vorgeschoben” sagen können. Denn bei allem Verständnis für “russische Gefühle”: Wie eine Handvoll Abwehrraketen Russlands Sicherheit beeinträchtigen sollen, wissen noch nicht einmal die russischen Militärs.

  17. der gute don
    23.05.2007 | 8:35

    @parker8

    Auch wenn ich persönlich das diplomatische “Bewerben” für den Raketenschild mit solchen Äußerungen für ziemlich unglücklich halte, kann ich daraus weder eine prinzipielle anti-russische Politik noch eine Anpassung “Europas an die aggressive Außenpolitik Washingtons” erkennen.

    Genauso wie viele andere Menschen nehme ich mir heraus die Administration der USA punktuell zu kritisieren, genauso wie ich mir (ok, fast flächendeckend) die eigene Regierung vornehme. Die Administration Putin ist aber ein ganz anderes Kaliber, hier werden Menschenrechte regelmässig mit Füssen getreten und eine Spur von Inhaftierungen und Morden an Regierungskritikern zieht sich durch das Land. Wenn das Aufzeigen und Diskutieren dieser Zustände von Anderen als eine Anpassung “Europas an die aggressive Außenpolitik Washingtons” bezeichnet wird, kann ich gut damit eben. Trotzdem halte auch ich eine solche Betrachtung für ideologisch vernebelt.

  18. 23.05.2007 | 12:09

    Zugegebener Maßen bin ich nicht in der Lage ein genügend differenziertes Bild der außenpolitischen Verflechtungen zu zeichnen, bin aber doch der Auffassung, dass es eine “Russophobie” in der Form eigentlich nicht gibt. Die Kritik an der (durch Putin repräsentierten und betrieben) russischen Politik hat doch nicht erst vor ein oder zwei Jahren begonnen. Auch wenn sich Schröder und Putin sehr oder zu gut verstanden haben, war selbst während des Schulterschlusses nach 9/11 beispielsweise die Kritik am russischen Vorgehen in Tschetschenien nie verstummt. Gleiches gilt für Putins Medienpolitik und auch Wirtschafts-, bzw. Enteignungspolitik. Letztlich ist “der Mann vom KGB” schon seit Amtsantritt umstritten.

    Alleine deswegen habe ich nicht das Gefühl, dass antirussische Ressentiments die in mittel-ost-europäischen Ländern verbreitet sein mögen von der west oder mitteleuropäischen Öffentlichkeit einfach übernommen wurden.

    Auch habe ich nicht das Gefühl, dass die EU oder die USA gezielt gegen Russland “pushen”, sondern lediglich ihre Interessen, (wohl fast immer eine Stärkung der eigenen Position) verfolgen.
    Am Beispiel der orangenen Revolution in der Ukraine: Von “pushen” könnte man sprechen, wenn bspw. die EU diese Bewegung mit initiiert hätte. So weit mir bekannt, erfolgte aber lediglich eine Solidarisierung mit der orangenen Bewegung und keinerlei aktiver “Eingriff”.

    Doch endlich zur Gegenwart und dem Raketenabwehrschirm. Ich finde es erstaunlich, dass Militärs, die sich zu Wort melden, die ganze Geschichte als weit weniger kompliziert sehen, als sie in den Medien dargestellt wird. Gerade die Militärs müssten doch aber in einer das Militär, bzw. die Verteidigungspolitik betreffenden Angelegenheit aufschreien, wenn wirklich eine ausgemachte Krise ins Haus stände.

    Die Spannungen finden doch “nur” auf nach außen getragener diplomatischer Ebene statt. Weitaus spannender als die Frage nach dem Raketenabwehrschirm, die tag ein tag aus kommuniziert wird, sind beispielsweise die leicht abweichenden Zielsetzungen von Russland hier und den USA und der EU dort, im Fall des iranischen Atomprogramms, das, wenngleich zur Zeit kaum in den Schlagzeilen, rasante Fortschritte macht.

    Natürlich kann es sein, dass meine Einschätzung an der Realität vorbeigeht, aber ich habe wirklich das Gefühl, dass Russland, die EU und die USA viel zu viele gemeinsame globale Interessen haben, als dass hier “Finstere Mächte” gezielt Politik gegen Russland betrieben, - denn das wäre nunmal gegen das dem “Westen” eigene Interesse, weil der Westen in Russland einen weitaus verlässlicheren “Partner” hat, als bspw. in China - … und insofern, um endlich zu einem Schluss zu kommen, erscheint mir Zeises Vermutung, dass zur Zeit “der Frieden im Osten” (wie klingt das eigentlich!?) “verspielt” (das klingt noch schlimmer …) würde, lediglich abstrus. Die Grenze zwischen sensibel und hypochondrisch ist eben manchmal schmal …
    Aber auch zu Parker8 muss ich sagen: Ich denke die “Spannung” mit Russland ist lediglich eine “Spannung” und bei weitem keine Krise … und diese Spannung exisitert m.E. auch nicht durch das Übernehmen von antirussischen Ressentiments aus osteuropäischen Länder, aber das sagte ich ja bereits.

  19. der gute don
    23.05.2007 | 22:51

    aus der aktuellen Liste der Reporter ohne Grenzen:

    Das Land nimmt im Index für Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen Platz 147 von 168 ein, noch hinter Ländern wie Somalia und dem Kongo. In Russland werden Journalisten bedroht, verfolgt und ermordet.

  20. LukeNukem
    25.05.2007 | 0:08

    Es existieren keine militärischen oder anderweitigen rational verständlichen Gründe, warum Rußland sich in dieser Frage wie ein trotziges Kleinkind aufführt. Rußland ist offenbar daran interessiert, daß sich Europa und Nordamerika nicht vor Atomangriffen schützen können. Da könnte man ja mal fragen, warum das so ist und was Herr Putin und seine KGB-Kumpels damit bezwecken. Mir fällt da jetzt keine Antwort ein, für die mich Parker8 nicht der “Russophobie” zeihen würde. Mir fällt jetzt auch keine Antwort ein, die der russischen Seite zum Vorteil ausgelegt werden könnte. Vielleicht weiß Parker8 da mehr — aber ich mache mir halt so meine Gedanken, wenn mein Nachbar seinerseits massiv aufrüstet und andererseits versucht, mich beim Aufbau einer Abwehr zu verhindern.

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