Einer geht noch

Es gehört zu den hervorstechendsten Eigenschaften des Sozialstaates, durch Umarmen zu erdrücken.

Ein besonders schönes Beispiel ist die Logik des Präsidenten der Deutschen Rentenversicherung, Herbert Rische, der auch die Selbständigen in die Gesetzliche Rentenversicherung zwingen will. Natürlich nur zu deren Bestem, das er ebenso natürlich kennt - im Gegensatz zu den Betroffenen selbst.

Zunächst bestimmt er mit dem Weitblick und der analytischen Schärfe, wie sie nur eine Funktionärskarriere im Staatsdienst verleiht, dass einige der Selbständigen ja gar keine richtigen Unternehmer seien. Klar, denn der richtige Unternehmer beutet Arbeitnehmer aus und macht Riesengewinne - da zählen Freiberufler und “Kleinselbständige” mit bescheidenem Einkommen, aber hochgeschätzter Unabhängigkeit natürlich nicht dazu. Wo kämen wir denn da hin, wenn Menschen mit geringem Einkommen sich nicht unter die Fittiche der wohlmeinenden Sozialbürokratie begeben müssten, damit diese ihnen hilft, dauerhaft abhängig zu werden?

Faszinierend und originell ist aber vor allem die Art und Weise, wie er die Selbständigen vor Altersarmut retten will: Er möchte gerade die, die angeblich zu wenig Geld haben, zwingen, in eine unrentable Anlage zu investieren. Die Differenz zum Ertrag einer Eigenvorsorge über andere Anlageformen ist dann vermutlich das Entgelt für die hilfreiche Beratung des Bürokraten. Aber ich glaube, die angestrebte Lösung ist eine ganz andere: Sobald die jetzt noch Selbständigen, weil sie die Beiträge für die gesetzliche Rente nicht ohne weiteres aufbringen können, alle zu Hartz-IV-Empfängern gemacht wurden, ist für Herrn Rische und den Staat, für den er steht, die Welt wieder in Ordnung. Während sich gleichzeitig zig Kommissionen und Experten darüber Gedanken machen, wie man wiederum diese Hartz-IV-Empfänger von Sozialabgaben entlasten kann, damit sie einen Anreiz besitzen, mehr zu arbeiten.

Wer sich solcher Fürsorge rühmen kann, braucht keine Notfälle mehr.

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9 Kommentare zu “Einer geht noch”

  1. 29.05.2007 | 12:47

    Wobei man durchaus sagen muss, dass es total unsolidarisch ist, wenn ein Teil der Menschen gezwungen werden kann, Geld in bürokratischen Löchern zu versenken, während ein anderer Teil das (noch) nicht tun muss.
    Die sozialistische Moral ist doch eingängig: Wenn schon Misere, dann aber auch alle! Das ist nur gerecht!

  2. 29.05.2007 | 14:36

    Mein Text zu dem Thema ist von 08:15 und ich war damit erster:

    http://blog.diehl-information.de/frmBeitragAnzeigen.aspx?Nummer=448

    Soll ich jetzt eine Abmahnung schreiben? ;)

    Im Ernst: Es ist mal wieder erdrückend, wie fürsorglich der Staat ist.

  3. stefanolix
    29.05.2007 | 15:45

    Alle diese Modelle für Selbstständige haben eines gemeinsam: zahlen darf der Selbstständige vom ersten Tag an mindestens genauso viel wie der Angestellte. Aber seine Rahmenbedingungen sind immer schlechter.

    Würde Herr Rische seinen Vorschlag ehrlich formulieren, dann lautete er so: Ich bin für eine drastische Erhöhung der Steuern und Abgaben [von Selbstständigen], um auf diese Weise mehr Geld in die Sozialkassen zu bekommen.

  4. 29.05.2007 | 15:52

    Natürlich. Es ist wie immer bei solchen Funktionären: Die Gruppe, zu deren angeblichem Wohl etwas geschehen soll, ist nie wirklich gemeint. Die Chancen stehen sogar gut, dass genau die beschissen werden soll.

    Selbstverständlich zielt der Herr Rische auf das Geld der gutverdienenden Selbständigen. Bei den Geringverdienern würde er, wie auch VolkerD richtig auf seinem Blog geschrieben hat, mit seiner Aktion für den Staat ein Minusgeschäft abschließen (wobei das Minus nicht in der Kasse seines Ladens auftauchen würde, sondern beim Steuerzahler). Ich weiß jetzt nur nicht, ob ich es schon als Erfolg betrachten soll, dass er nicht mit der Neid-, sondern mit einer Mitleidsnummer gekommen ist.

  5. 29.05.2007 | 16:03

    ich als selbständiger handwerker bin ja bereits 18 jahre zwangsrentenversichert. mal abgesehen davon daß mich das eher in die altersarmut treibt denn helfen könnte ein vernünftiges auskommen in der rente zu haben, spornt sowas natürlich immer wieder zur schwarzarbeit an, die laut § 2 Satz 1 Nr. 8 SGB VI mit der versicherungspflicht eigentlich bekämpft werden soll. irrwitzig.

  6. 29.05.2007 | 17:13

    …seh ich auch so. man wird ja regelrecht aufgefordert und ermuntert, Steuern und Sozialbeiträge zu hinterziehen! ohne Schwarzarbeit wäre Deutschland echt arm dran…

  7. 30.05.2007 | 8:59

    Bemerkenswert übrigens, dass neben dem Artikel in der FTD in einer Umfrage 47% der Abstimmenden FÜR die Versicherungspflicht der Selbständigen sind…

  8. googlehupf
    30.05.2007 | 9:54

    Na ob das alles Selbständige sind die da abstimmen?

  9. 30.05.2007 | 11:32

    Natürlich nicht.

    Aber offensichtlich gibt es eine große Minderheit, die es lieber sieht, wenn es Anderen genau so schlecht ergeht, wie ihnen selbst…

    Womit wir wieder beim Eingangskommentar von Boche wären.

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