31. Mai 2007
Gretchenfrage, persönlich beantwortet
Der “Spiegel”, die “Konfettikanone der Demokratie” (MartinM), wird von Bloggern oft kritisiert bis verächtlich gemacht, insbesondere dessen Online-Version. Die Zeitschrift selbst aber schafft es anscheinend immer noch, Debatten zu initiieren und zu beeinflussen. Kaum erscheint dort ein Artikel über radikale Atheisten, greifen Blogs dieses Thema auf. Ich empfehle insbesondere die (mir selbst manchmal etwas zu sehr) philosophisch fundierte Diskussion bei Zettel.
Offensichtlich scheint Glaube immer noch zu entzweien. Dass es radikale Moslems gibt, die meinen, aufgrund ihres Glaubens zu allerlei Dingen verpflichtet zu sein, die unsereins weder mit den Menschenrechten allgemein noch konkret mit unserem Grundgesetz für vereinbar hält, haben wir ja nun in den letzten Jahren deutlich mitbekommen. Es soll auch noch sogenannte fundamentalistische Christen geben, die zumindest verbal ebenfalls Positionen vertreten, die in einem demokratischen Rechtsstaat fehl am Platze sind, auch wenn der Versuch der praktischen Umsetzung solcher Thesen sich wohl in äußerst überschaubaren Grenzen hält und eher zu sehr individuellen Dramen innerhalb eines derartigen Umfelds führt als zu offener Gewalt gegenüber anderen.
Im Internet allgemein, also auch in der Blogosphäre, habe ich zusätzlich noch Bekanntschaft gemacht mit Menschen, die nicht nur nicht glauben, sondern die sich auch noch berufen fühlen, gegen Glauben zu agitieren und glaubende Menschen anzugreifen oder lächerlich zu machen. Der “Spiegel” liefert mit seiner Story für Nichteingeweihte den Hintergrund dieser “Bewegung”. Viele der “Argumente”, mit denen die Radikalatheisten in Diskussionen gewinnen wollen, kamen mir sehr bekannt vor, weil ich sie schon öfters gehört habe. Nicht zuletzt vom Kollegen jo@chim vom A’Team, der sich trotz einer wohl unvermeidlichen Übung in mit Ignoranz (= bewusstes Nichtwissenwollen) gepaarter aggressiver Ablehnung aber insgesamt um eine ausgeglichene, liberale Sichtweise bemüht.
Da ich mit dem Niveau der philosophischen Diskussion bei Zettel eh nicht mithalten kann, nutze ich die Chance eines Blogs, in dem ich Schreibberechtigung habe, um ein paar sehr persönliche Anmerkungen dazu machen.
Als Christ kann ich mich frühestens mit Anfang 20 bezeichnen. Zunächst hatte ich eben das geglaubt, was mir meine Vertrauens- und Respektspersonen erzählt haben, und etwas später, quasi als Gegenreaktion, dann auch mal nichts mehr. Mit ähnlichen Begründungen übrigens, wie sie mir heute von atheistischen “brights”Schlaumeiern triumphierend serviert werden. Anlässlich der Beerdigungen meiner Großeltern, die wegen des strengen Atheismus meines Großvaters, der zuletzt an der Reihe war, nur von einem Trauerredner begleitet waren und mir entsprechend trostlos vorkamen, horchte ich sozusagen in mich hinein, um zu ergründen, was ich in meinem tiefsten Inneren fühlte und dachte. Ich stellte fest, dass da immer noch ein Glaube schlummerte, dass mir das Feld der Vernunft und der Wissenschaft, das ich zuvor noch so beschworen hatte, auf meine wirklich wichtigen Fragen keine Antworten geben konnte. Weit davon, richtig überzeugt zu sein, identifizierte ich zunächst die Begleitumstände meiner Konfession, die ich mit der Taufe erworben hatte, als Hindernis, mich näher mit dem Christentum zu beschäftigen. Zuviel Regeln, zuviel Formalismus, zuviel Scheinheiligkeit, zuviel Lebensferne. Mir war klar, dass die Antworten, die ich suchte, nicht in der simplen Einhaltung von Regeln liegen konnten, dass ein simples Abhaken von Verpflichtungen nicht der Weg sein kann. Wobei, das sei hier zur Ehrenrettung des römischen Katholizismus gesagt, die tatsächliche Person des Pfarrers eine ähnliche Rolle spielt wie die des Mathematiklehrers: Es ist leicht, aus dem Stoff etwas Unattraktives zu basteln, aber einigen gelingt es trotzdem, Faszination zu erzeugen. Ich hatte das Glück, in meiner neuen Gemeinde auf einen sehr charismatischen Pfarrer zu treffen (ein schwuler Ami übrigens), dem man sofort abnahm, dass das, was er sagte, von einem tiefen Glauben geprägt war. Damit war der Grundstock gelegt. Ich empfand zum ersten Mal das Christentum als wirklich etwas Positives und Bereicherndes und die Gemeinschaft der Gemeinde als etwas Angenehmes. Letzteres hatte allerdings sicher auch damit zu tun, dass bei uns damals im Norden so gut wie niemand in meine neue Konfession hineingeboren wurde - man war unter Konvertiten, also unter Menschen, die sich unvermeidlich Gedanken gemacht haben mussten.
Dennoch: Auch nach dem Übertritt war ich mehr auf dem Weg zum Christen als wirklich einer. Evangelikale bestehen ja gerne auf einem Erlebnis der “Wiedergeburt”, von dem man an Jesus Christus als Herrn für das eigene Leben anerkennt. Ich könnte mit so etwas nicht so richtig dienen, weil das bei mir ein Prozess war. Allerdings einer, der entlang von Wegmarken verlief. Dazu zählte zunächst der Anlass des Übertritts. Jahre später aber hatte ich, im Zusammenhang mit der schließlich tödlichen Erkrankung meiner Mutter, zum ersten Mal ein Traumerlebnis von frappierender Intensität. In diesem Traum, wo mir zunächst viel Unheimliches begegnete, sprach ich zum ersten Mal ohne rituellen Anlass ein Bekenntnis zu Jesus Christus aus, dem ein so starkes Gefühl der Befreiung folgte, dass es auch nach dem Aufwachen noch nachwirkte. Von dem Moment an wusste ich, dass ich diesen Weg konsequent weitergehen würde. Es folgten ein paar Jahre, in denen ich mich in meiner Freizeit mit dem Neuen Testament beschäftigte. Und zwar nicht etwa, wie sich das vielleicht unser atheistisches Klein-Fritzschen vorstellen würde, kritiklos und autoritätshörigen Herzens, sondern mit ähnlichen Methoden, wie ich sie bei der Interpretation anderer Texte gewohnt war. Natürlich war dazu etwas Hintergrundwissen nützlich, aber eben nicht als Machtwort, sondern als Information. Verblüfft stellte ich dann fest, dass dieser Jesus jemand war, der gar nicht so abgehoben daherkam, wie mir bislang erzählt wurde, sondern einer, dessen Radikalität in sich logisch und überzeugend wirkte. Über allem stand zudem die unverkennbare Größe dieses Mannes, wie sie in den Evangelien deutlich wird.
Selbstverständlich ist das alles kein zwangsläufiger Weg zum Glauben. Selbstverständlich könnte ich mich auch mit Erklärungen meiner Wegmarken zufrieden geben, die psychologisch und neurobiologisch basiert sind. Und selbstverständlich könnte ich auch der These der historisch-kritischen Methode der Exegese folgen, dass in den Evangelien nur sehr wenig Original-Jesus vorkommt. Aber wenn ich mich einmal auf Jesus eingelassen habe, ihm vertraue und damit auch glaube, dann muss ich das nicht. Dann kann ich z.B. auch in wahrscheinlich später Verfasstem Glaubenswahrheiten entdecken. Wenn ich offen für mehr bin, darf ich hinter vorgeblich Trivialem mehr finden, als andere sehen würden. Mit gutem Grund übrigens: Wer annimmt, ausgerechnet einer Körperfunktion, die wie alle anderen auch lediglich eine Antwort der Evolution auf die Herausforderungen des Lebens auf diesem Planeten ist, müsse ein Exklusivrecht auf Erkenntnis zugestanden werden, braucht dazu wirklich entweder einen guten Schuss Ignoranz oder Naivität. Die Beschäftigung mit dem ganz Großen (Kosmos) und dem ganz Kleinen (Quantenmechanik) sollte hier instruktiv wirken.
Die Standardantwort des Atheisten wäre jetzt, dass ich in meinem Leben diese Stütze zu brauchen scheine, was nichts anderes sagen will, als dass ich nicht in der Lage wäre, dem Leben mit einer realistischen und selbstsicheren Einstellung zu begegnen. Also quasi die Kritik Nietzsches. Nun, wer mich kennt, würde so einen Unsinn nie erzählen, da bin ich mir ziemlich sicher. Die andere Alternative bestünde für den radikalen Atheisten darin, dass ich einfach nur ungebildet und dumm sei. Auch dem kann ich im Grunde gelassen begegnen: Selbsternannte Geistesriesen, die aber dann den Weg nach Rhodos nicht mehr finden, laufen einem jeden Tag über den Weg. Dennoch ist es etwas, auf das es wert ist, aufmerksam zu machen: Achten wir darauf, wer sich da über wen in Pejorativen ergießen und wer die Grundregeln üblicher Textinterpretation massiv verletzen muss. Von einer starken Position zeugt das nicht.
Wie also mit Glauben umgehen? Die Ansicht, dass Glaube “Privatsache” sei, ist ebenso überzeugend wie letztlich unhaltbar. Wer glaubt, bei dem wird das auch in seinem politischen und sozialen Handeln sichtbar werden. Der entscheidende Unterschied ist aber, ob jemand den eigenen Glauben zur Norm für andere machen will, sei es per “demokratischem” Mehrheitsentscheid oder nicht. Freie und offene Gesellschaften zeichnet aus, dass sie die Fragen des Glaubens unbeantwortet lassen, so dass jedem die Freiheit eingeräumt wird, seinen Glauben zu leben. Mit Freiheit ist hier aber nicht das Privileg gemeint, eigene Regeln des Zusammenlebens den sonst allgemein gültigen überzuordnen, nur weil man sie aus seiner Religion ableitet. Das Grundgesetz eröffnet mit der Religionsfreiheit nicht etwa Ausnahmemöglichkeiten, sondern setzt Kompatibilität voraus. Wo die nicht gegeben ist, muss man als freiheitsliebender Mensch und als offene Gesellschaft Stellung beziehen. Und notfalls auch in vollem Bewusstsein “religiöse Gefühle” ebenso verletzen wie faschistische oder kommunistische.
Verfasst von Rayson um 00:52 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Innenpolitik, Politik, Steckenpferde der Autoren (Trackback)