Antiglobalisierungshorror

Das Anti-Globalisierungstheater in seiner vereinfachten, für die Medien gerade noch vermittelbaren Form kennt vier Protagonisten: die Armen, die Bösen, die Guten und die Dummen. Der Handlungsrahmen besteht darin, dass die Guten (Attac & Co.) die Armen (Afrikaner) dadurch retten, dass sie gegen die Dummen (Politiker) demonstrieren, damit diese etwas gegen die Bösen (Finanzkapitalisten) tun.Die Medien wissen nicht so recht, wie sie die Guten nennen sollen - Globalisierungsgegner? Globalisierungskritiker? Anti-Globalisierungsbewegung?

Nun hat Spiegel Online die Guten (Attac & Co.) gefragt, “wogegen sie konkret protestieren - und wie sie die Welt verändern wollen” (PROTEST GEGEN GLOBALISIERUNG: Wie die G-8-Kritiker die Welt umbauen wollen. Von Susanne Amann, Spiegel Online, 02. Juni 2007)

Für mich ist die Wortwahl bezüglich der Guten (Attac & Co.) klar. Ich nenne sie Globalisierungsfeinde. Dabei lege ich zwei gängige Definitionen von Globalisierung zugrunde, nach denen Globalisierung “die Integration von Märkten” und “internationale Arbeitsteilung” ist.

Die Antworten der befragten Organisationen sind sich so ähnlich, dass der Umstand, dass es mehr als eine globalisierungsfeindliche Organisation gibt, nur auf den Narzissmus von einzelnen Gründerpersönlichkeiten zurückzuführen sein dürfte.

Die Maßnahmen zur Weltrettung sind die folgenden:

1.) Schaffung einer “demokratisch legitimierten” UNO-Weltregierung

2.) Einschränkung der Kapitalfreiheit durch (weitere) Steuern, Abgaben und Gebühren

3.) Einschränkung der Warenfreiheit durch Abschottung nationaler Märkte

Am gruseligsten ist für mich die Vorstellung einer “demokratisch legitimierten” Weltregierung unter UNO-Mandat. “Demokratisch legitimiert” setze ich deshalb in Anführungszeichen, weil sich zum einen “die Welt” niemals auf für alle verbindliche demokratische Grundsätze einigen und es keine freie, geheime und gleiche Wahl weltweit geben wird und zum anderen eine demokratische Legitimation einer nach den Vorstellungen der Globalisierungsfeinde gebildeten UNO-Weltregierung ins Leere läuft, da eine solche Weltregierung dermaßen durch internationale Abkommen gefesselt wäre, dass es für sie und damit auch für das Weltwahlvolk nichts mehr zu entscheiden gäbe.

Einmal davon abgesehen, dass die Vorstellung einer UNO-Weltregierung völlig illusorisch und utopisch ist, wäre die UNO so ziemlich die letzte Organisation, in deren Hände ich die Weltregierung übertragen wissen wollte (zugegeben, eine Weltregierung unter FIFA-Mandat wäre noch schlimmer). Und nach der Vorstellung der Globalisierungsfeinde soll es ja auch nur ein Teil der UNO sein, dessen Grundsätze übernommen werden sollen, nämlich der “gute” ILO-Teil, während der “böse” WTO-Teil abgeschafft gehört.

Bezüglich der Einschränkung der Kapital- und Warenfreiheit verstehe ich eines nicht: Wenn man sowohl für neue Steuern und Abgaben ist, als auch für die Abschottung von Märkten - warum protestiert man dann ausgerechnet gegen die G8?

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23 Kommentare zu “Antiglobalisierungshorror”

  1. n0b0dy_at_home
    3.06.2007 | 9:19

    naja…

    “die welt ist groß, mein geist so klein…
    passt nur eine meinung rein…”

    zum glück kann man die “bild”en…

  2. 3.06.2007 | 10:07

    Man kann es sich natürlich auch einfach machen mit all jenen, denen die momentane Art der Globalisierung nicht behagt. Man nehme die widerlegbaren Argumente (die es überall gibt), mische mit einigen sich selbst überschätzenden Figuren (die es auch überall gibt), tue noch ein paar vermummte steinewerfende Kriminelle dazu und fertig ist das Bild vom angst- und neidzerfressenen Globalisierungsfeind.

    Natürlich ist es nicht unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass man auch in El Salvador eine Gewerkschaft gründen kann, ohne von Adidas fristlos gekündigt zu werden, natürlich sind die Inder und Bangladeshis selbst schuld, wenn sie ihre Umwelt versauen und die Gesundheit ihrer Bevölkerung riskieren, weil sie sich beim Abwracken von Schiffen an ziemlich gar keine Schutzstandards halten und natürlich geht es uns nichts an, wenn sich in Afrika viele eine AIDS-Therapie nicht leisten können.
    Letzeres dann doch, wenn sich die Regierung des betreffenden Landes entschliesst, Generika selbst zu produzieren. Das geht natürlich nicht, TRIPS TRIPS.
    Gut, wenn es sich bei dem Medikament um ein patentgeschütztes gegen Milzbrand handelt und es sich bei den betroffenen nicht gerade um sowieso bald sterbende Neger, sondern um Kanadier und US-Amerikaner, dann kann man den Patentschutz schon mal unterlaufen. Und wenn der Konsument dann plötzlich anfängt, da einkaufen zu wollen, wo es am billigsten ist, dann findet man die Befürworter der Globalisierung edngültig in der ersten Reihe derer wieder, denen es um eine Abschottung geht. Kann doch nicht sein, dass man sich MP3 in Russland kaufen kann, oder Original-DVD aus den USA.

    Man kann es sich natürlich auch als Globalisierungs”feind” einfach machen
    q.e.d.

  3. R. A.
    3.06.2007 | 11:21

    @Markus:
    > Man nehme die widerlegbaren
    > Argumente (die es überall gibt),
    Man nimmt die Argumente und versucht sie zu widerlegen.
    Und wenn die Globalisierungsgegner nur so oberflächliche und intelligenzarme Argumente haben, daß sie problemlos widerlegt werden können - dann ist das eben nicht so wie überall.

    > mische mit einigen sich selbst
    > überschätzenden Figuren (die es
    > auch überall gibt), …
    Und wie überall wird es auch hier negativ bewertet, wenn sich eine Bewegung von Deppen dieser Art repräsentieren läßt.

    > tue noch ein paar vermummte
    > steinewerfende Kriminelle dazu
    Wer tut dazu?
    Weder die Medien noch hier der Kommentator Martin.

    Diese Kriminellen sind nun einmal ein genuiner Teil der “Protestbewegung”, und werden von den angeblich “friedlichen” Demo-Veranstaltern gerne geduldet, weil sie der Sache Publicity verschaffen.
    Nur wenn es dann aus dem Ruder läuft wie gestern, dann ist es wieder nicht recht.
    Aber grundsätzlich wäre attac ohne ein instrumentelles Verhältnis zur Gewalt nie eine wahrnehmbare Organisation geworden.

  4. 3.06.2007 | 11:43

    Der Westen wird aber auch nur schwer Schutzstandards in Bangladesh veranlassen können wenn die Arbeit dadurch teurer werden und die Arbeiter ihre Lohn&Brot verlieren, dann wieder zur Landarbeit zurückkehren und noch stärker an Armut zu kranken.

    Was wir definitv machen können sind das senken oder eliminieren von Schutzzöllen speziell im Agrarbereich. Aber da wirst du kaum einen Liberalen finden, der dagegen ist.

    Das verschenken von Wohlstand ohne die Nachhaltigkeit führt auch zu nix wie man leider an 40 Jahren Experimantal-Politik Afrika sehen kann. Einige wenige bereichern sich am Geld, der Rest geht leer aus.

    Fast schlimmer als die Armut ist für Entwicklungslädner aber die Abhängigkeit von Hilfszahlungen aus den reichen Ländern. Das macht sie nicht nur zu Marionetten in diversen Spielen (Sicherheitsrat, WTO etc.) sondern lässt sie auch nicht sich selbst weiterentwickeln.

    Mein Credo für die dritte Welt ist immer Hilfe zur Selbsthilfe, in verschiedensten Ausführungen. Natürlich gibt es nicht für jedes Problem eine einfache Lösung, aber eine sehr schöne ist doch diese hier.

    Das Medikamenten muss man wohl wirklich auch in liberaler Sicht noch ausführlich betrachten und nach einer passenden Lösung suchen. Bei sonstigem Schutz von geistigem Eigentum brauchen wir wohl nicht zu diskutieren, es ist für Liberale kein Problem wenn Musiklieder in Russland gekauft werden, so weit sie die Lizenzen dafür haben. Nur wenn nicht, gibt es da doch ein offensichtliches Problem. Auch dein Arbeitgeber wird doch von Produkten leben, die einzigartig sind und bei 1:1 Kopie schnell an Wert verlieren. Und damit auch viele Arbeitskräfte ihren Job.

  5. 3.06.2007 | 12:16

    @ Markus:

    >Natürlich ist es nicht unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass man auch in El Salvador eine Gewerkschaft gründen kann, ohne von Adidas fristlos gekündigt zu werden, natürlich sind die Inder und Bangladeshis selbst schuld, wenn sie ihre Umwelt versauen und die Gesundheit ihrer Bevölkerung riskieren, weil sie sich beim Abwracken von Schiffen an ziemlich gar keine Schutzstandards halten und natürlich geht es uns nichts an, wenn sich in Afrika viele eine AIDS-Therapie nicht leisten können.

  6. 3.06.2007 | 12:18

    Uups, da sollte eigentlich noch etwas kommen:

    Warum finden denn die Demonstrationen nicht in den Ländern statt, die es unterlassen den notwendigen institutionellen Rahmen für die Lösung dieser Probleme zu gewährleisten? Wohl weil die Menschen in diesen Ländern häufig andere Probleme haben, als viele der satten Globalisierungsgegner, die oft sogar zu faul zum Faktenstudium sind. Und weil die Lösung institutioneller Defizite nicht in das schlichte Weltbild vom bösen Kapitalismus passen.

    Menschen und deren Märkte passen sich an ihren Rahmen an und folglich auch deren Konsequenzen. Dort wo der Rechtsrahmen die Rentabilität von menschenwürdigen Arbeitsbedingungen und einer sauberen Umwelt verhindert, wird man lange auf eine Besserung der Verhältnisse warten können. Auch ohne Globalisierung. Wo es keine internationalen Finanzmärkte gibt finden keine Investitionen statt, also auch keine Investitionen in den Umweltschutz. Es gibt keine Automatisierung gefährlicher Arbeit, also auch keinen Arbeitsschutz. Man nenne mir ein Land, dass ohne Einbindung in die internationale Arbeitsteilung der Himmel auf Erden ist.

    Übrigens, extensiver Schutz von Patenten und intellektueller Eigentumsrechte und die damit verbundenen hohen Preise sind für alle ein Problem, nicht nur für die Entwicklungsländer. Nur das Letztere sich den Luxus mangels Produktivität ihrer Volkswirtschaften nicht leisten können. Ein Vorschlag an die Fraktion der Globalisierungsgegner: Wenn ihr die Politik schon nicht schnell ändern könnt, dann sammelt Geld und kauft die Patente, gebt sie frei und schon kann jeder nach Lust und Laune Generika für die Ärmsten der Armen produzieren.

  7. 3.06.2007 | 12:22

    @ hauptstadtstudent:

    betrifft: Musikdownload in Russland. So wie du dachte ich auch immer, bis ich das gelesen Boldrin & Levines “Against Intellectual Monopoly” habe.

  8. R. A.
    3.06.2007 | 12:29

    @hauptstadtstudent:
    > Was wir definitv machen können
    > sind das senken oder eliminieren
    > von Schutzzöllen speziell im
    > Agrarbereich. Aber da wirst du
    > kaum einen Liberalen finden, der
    > dagegen ist.
    Aber Du wirst viele Globalisierungsgegner finden, die dagegen sind.

    Ein Hauptgrund für die Gründung von attac in Frankreich war doch die Abwehr von Importen aus den Entwicklungsländern - deswegen wurde diese Organisation doch so heftig von Gewerkschaften und Bauernverbänden finanziert.

    Letztlich ist die “Fürsorge” der attacies für die Armen der Dritten Welt eine ganz widerliche Heuchelei.
    Wenn die nämlich erst einmal alle Standards bekommen, die attac oder DGB für sie fordern - dann sind sie natürlich nicht mehr konkurrenzfähig und werden ihre Waren erst recht nicht mehr verkaufen können.

    Das heimliche attac-Motto lautet: “Brot für die Welt - die Wurst für uns”.

  9. 3.06.2007 | 12:31

    @SteffenH

    Danke für den lesetipp, werde ich mir mal durchlesen (schon wieder Englisch ggrrrrr ;) )

    Aber eine kleine Diskussion über dieses Thema hatte ich schon mit Karsten von diesem Blog auf meinem Blog. Falls hier ein wenig Eigenwerbung erlaubt ist.

  10. 3.06.2007 | 12:32

    @Markus

    Und wenn der Konsument dann plötzlich anfängt, da einkaufen zu wollen, wo es am billigsten ist, dann findet man die Befürworter der Globalisierung edngültig in der ersten Reihe derer wieder, denen es um eine Abschottung geht. Kann doch nicht sein, dass man sich MP3 in Russland kaufen kann, oder Original-DVD aus den USA.

    Eigentlich ist die Kritik am billigen Konsum, oder die Ausblendung/Leugnung der dadurch entstehenden Vorteile ein Kernelement allfälliger “Globalisierungskritik”, vernichtet ja all unsere Arbeitsplätze und so…

    Bezüglich der Frage nach der Reichweite sogenannten “Geistigen Eigentums” und dem damit verbundenen Patentschutz für Medikamente habe ich keine abgeschlossene Meinung, auch von liberaler Seite gibt es da *afaik* durchaus Kritik an der bestehenden Lage. Nur wird bei solchen Diskussionen beständig die Frage ausgeblendet, inwieweit mit hohem Forschungsaufwand hergestellte Medikamente überhaupt entwickelt würden, gäbe es keinen Patentschutz.

  11. 3.06.2007 | 12:35

    @ hauptstadtstudent:

    >schon wieder Englisch ggrrrrr

  12. 3.06.2007 | 12:35

    und @ R.A.

    Herr Geissler sieht die attac eher liberal und meint, man wäre für jegliche Aufhebung von von Schutzzöllen und Subventionen.

    O-Zitat aus einem rs2-Interview (Radiosender in Berlin:

    Die Globalisierung schadet deswegen, weil die Weltökonomie keine Regeln kennt und in Folge dessen auch nicht verhindert, dass zum Beispiel die EU ihre eigenen Agrar-Produkte steuerlich so subventioniert, dass einheimische Produkte in Senegal oder Kenia auf dem Markt nicht mehr abgesetzt werden können. 70% der Tomaten-Bauern in Senegal haben ihren Job verloren, weil es in Senegal nur noch holländische Zwiebeln und französische Tomaten gibt oder fast nur noch und in Folge dessen steht Afrika zurecht auf der Tagesordnung aber das Problem des Abbaus der Agrarsubventionen wird leider Gottes in diesem Zusammenhang gar nicht erwähnt.

    Die Frage wie der heimatorientierte Teil der Attac dazu steht wenn die Bauern hier größtenteils arbetislos werden, wurde aber noch nicht beantwortet.

  13. 3.06.2007 | 12:37

    @ hauptstadtstudent:

    Ok, so lernt man html. “

  14. 3.06.2007 | 12:40

    Mist, so sollte man html lernen. Also das Gegenteil von > schneidet den Text ab, weshalb ich ständig diese kryptischen Kommentare sende. Er sollte heißen:

    Gib dir Mühe, wer sich an englische Literatur nicht wagt, dem entgeht zu viel.

  15. R. A.
    3.06.2007 | 12:59

    @hauptstadtstudent:
    Geißler ist ein seniler alter Spinner, dem es nur noch darum geht, weiter in die Talkshows eingeladen zu werden.
    Es gibt zwar bei attac auch Stimmen, die die EU-Subventionen kritisieren.
    Aber das ist halt das praktische bei attac: Jeder darf alles sagen, auch wenn es den Aussagen eines anderen attac-Sprechers konträr entgegensteht, eine klare Gesamtmeinung gibt es nicht (außer altlinke Trivialitäten der Art “Der böse Kapitalismus ist an allem schuld”).

    Im Kern ist attac Erbe der linken Spinner, die früher auf obskuren Flugblättern die Weltrevolution predigten und die auch jeder ignoriert hat - wenn sie nicht gerade randaliert haben.

  16. Thomas Wolf
    3.06.2007 | 13:11

    zu Geißler:
    dass der Mann jetzt endgültig durchgeknallt ist, wird niemand bestreiten wollen, der ihn dieser Tage auf Phoenix “im Dialog” mit Alfred Schier gesehen hat. Das Video gibt’s hier:
    http://www.phoenix.de/videostreams/78890.htm

    Atemberaubend. Stellenweise blieb mir echt die Spucke weg.

  17. 3.06.2007 | 13:15

    Ich picke mir mal einen Punkt heraus:
    Die Abwrackwerften in Gujarat sind, unter Gesichtspunkten der Arbeitssicherheit, ein Alptraum. Und dass das nicht so weiter gehen kann - darüber sind wir uns wahrscheinlich einig.
    Das Abwracken ausgedienten Schiffe loht sich bei uns aufgrund des hohen Lohnniveaus nicht - und es ist bisher nur begrenzt mechanisierbar. Andererseits ist der Rohstoffwert eines Schiffes beachtlich. Indien bezieht 15% seiner Jahresproduktion an Stahl aus Schiffsschrott.
    Das schlechtest-mögliche Szenario ist das “protektionistische”: das könnte z. B. eine EU-Vorschrift sein, dass Schiffe der EU-Handelsflotte nur in Europa zerlegt werden dürfen.
    Der Status-quo sorgt immerhin dafür, dass das “Schwellenland” Indien billigen Stahl bekommt, und das in einer extrem armen Region wenigstens Arbeitsplätze entstehen - wie dreckig, gefährlich und mies bezahlt auch immer.
    Eine Teillösung liegt in internationalen Regelungen, z. B. durch die International Maritime Organization (IMO) - solche Standard sind leider erfahrungsgemäß nicht ohne wirtschaftlichen Druck durchzusetzen. Druck ausüben kann z. B. die Weltbank - die garantiert wieder als “Bösewicht” dargestellt wird, wenn es aufgrund des von ihr ausgeübten Drucks in Gujarat Massenentlassungen geben sollte.

    Das grundlegende Problem muss an Ort und Stelle gelöst werden, “wir” können bestenfalls unterstützen. Von Berlin aus lässt sich kein Streik in Gujarat organisieren. Was mir gerade bei den Abwrackwerten auffällt: dass der Prostest bei uns sich an plakativen Horrorbildern entzündet (Arbeiter, die in T-Shirt mit primitivem Werkzeug möglicherweise asbestverseuchte Kessel zerlegen usw.) - aber offen bleibt, wie repräsentativ diese Bilder sind, und außerdem offen lassen, ob die Abwrackarbeiter vielleicht nicht heilfroh über ihre Arbeit sind (wobei sie über bessere Arbeitsbedingungen ohne Zweifel froh wären).

    Um es auf den Punkt zu bringen: die “Globalisierungskritik” bei uns speist sich IMO viel zu sehr aus emotioneller “Betroffenheit”, aus - manchmal sorgfältig inszenierter - Empörung.
    Ein Hauptproblem dabei ist, dass die meisten Globalisierungskritiker weder mit noch für “die Armen dieser Welt” sprechen. Manchmal artet das sogar in “wohlwollenden Bevormundung” aus.

  18. 3.06.2007 | 13:23

    @Robroy

    Nur wird bei solchen Diskussionen beständig die Frage ausgeblendet, inwieweit mit hohem Forschungsaufwand hergestellte Medikamente überhaupt entwickelt würden, gäbe es keinen Patentschutz.

    Das ist das alte Problem mit dem statischen und eindimensionalen Denken. Man nimmt das, was man sieht, als Kuchen, den es nur noch zu verteilen gilt, und man ignoriert völlig die Rückkopplungen von Distribution und Allokation.

    Es ist in der Tat sehr unrealistisch anzunehmen, ein Unternehmen, das das große Risiko der Entwicklung eines neuen Wirkstoffes auf sich nimmt, würde die Möglichkeit, damit Erlöse zu erzielen, in das Belieben Dritter stellen. Dann würde ich mich als Boss ja geradezu hüten, irgendetwas gegen Malaria zu entwickeln, weil das Auftreten dieser Krankheit mit Armutm positiv korreliert (und nicht nur zufällig). Was SteffenH angedeutet hat, ist die einzig vernünftige, aber auch eine sehr unbeliebte Variante.

    Die “Lösungen” der Globalisierungsfeinde zeichnen sich ja meist auch dadurch aus, dass ein Dritter irgendetwas zu machen habe, nur man selbst eben nicht. Diese ganze “Deine Stimme gegen Armut”-Chose käme erst dann glaubwürdig rüber, wenn sie den Gates oder den Buffet geben würde statt nur irgendwo für eigene Alben zu werben und dabei die Regierungschefs aufzufordern, ihren Bürgern noch mehr Geld abzunehmen, um damit eine systematisch ineffiziente Entwicklungshilfe aufzublasen.

  19. 3.06.2007 | 13:26

    @MartinM

    Manchmal artet das sogar in “wohlwollenden Bevormundung” aus.

    Exakt. Ich hatte mir überlegt, ob ich zum selben Artikel einen Eintrag verfassen sollte (Marian hat das glücklicherweise erledigt), weil mein erster Gedanke war: “Neo-Kolonialismus”. Die armen, unmündigen Neger müssen vom wohlmeinenden, weisen und weißen Mann aus ihrem Elend befreit werden. So wie früher aus ihrem Dasein als “nackte Heiden”.

  20. 3.06.2007 | 15:06

    Die armen, unmündigen Neger müssen vom wohlmeinenden, weisen und weißen Mann aus ihrem Elend befreit werden. So wie früher aus ihrem Dasein als “nackte Heiden”.

    Man könnte das natürlich auch ganz anders sehen:

    Um hier Waren anbieten zu dürfen, muss man sich nicht nur an an TRIPS, sondern auch an die Menschenrechtskonvention der UNO halten, oder ist die auch schon wieder zu unliberal?

  21. 3.06.2007 | 17:31

    @Markus Ritter

    Um “hier” Waren anbieten zu “dürfen”, muss “man” sich nicht zunächst mal nicht “an TRIPS halten”. Mir ist auch nicht bekannt, dass Deutschland gerade Handelssanktionen gegen irgendwelche “Abtrünnige” verhängt.

    Und liberal wäre es, dir zu überlassen, bei wem du was nachfragst, statt es dir vorzuschreiben. Die UNO-Menschenrechtskonvention, nach eigener Definition ein “anzustrebendes Ideal”, ist da natürlich ein besonders hehres Kriterium. Du hast meinen vollen Respekt, wenn du deswegen auf saudi-arabisches und iranisches Öl oder russisches Gas verzichtest.

  22. 3.06.2007 | 19:19

    Um “hier” Waren anbieten zu “dürfen”, muss “man” sich nicht zunächst mal nicht “an TRIPS halten”.

    Erzähl das mal bspw. allofmp3, diversen Musik/DVD/Spiele-Importeuren, SanDisk, Generika-Herstellern, Parallelimporteuren, …

    Ausserdem wäre mir neu, dass vietnamesische Unternehmen die Überproduktion, die während der Produktion für europäische Hersteller anfällt, in die EU verkaufen dürfen. Es geht dabei nicht um gefälschte Markenkleidung, sondern um Überproduktion von “Markenkleidung”. Die Anzahl der Grenzbeschlagnahmeanträge liegt deutlich über 100.

    Grenzenlos ist der Handel aber auch mit marken-unverdächtiger Ware nicht. Wenn man auf die Idee kommt, ins Ausland billiger zu verkaufen als im Inland, oder wenn man zuviel exportiert, oder wenn die Erzeugnisse einfach qualitativ besser sind als die heimischen, dann hagelt es Strafzölle für Fahrradsattel, Speicherchips, Schuhe, Textilien, Sperrholz, Energiesparlampen, CD-Rohlinge, Stahlerzeugnisse …

    Ganz so grenzenlos ist der Handel nicht nur stellt man bei Beschränkungen nicht auf so unwichtige Dinge wie Menschenrechte ab, sondern auf die essentiellen wie dem Markenrecht.

  23. Max
    4.06.2007 | 13:25

    Immerhin in einem Punkt stimme ich mit den Globalisierungsfeinden überein, die WTO gehört abgeschafft =) Allerdings auch der Rest der UN gleich mit. Die UN ähnelt ein bisschen den Geschichtenerzählern von früher, mit dem einschneidenden Unterschied, dass man hier gezwungen wird zu bezahlen, auch wenn es einen nicht interessiert, denn bewegen wird sich durch das Gelaber meist eh nichts.

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