3. Juni 2007
Berliner Kollegen
Vor etwa 15 Jahren ging ein entfernter Bekannter von mir nach der Schule zur Polizei, und schnell hatte er seine Berufung gefunden: Er trat in die Bereitschaftspolizei ein und gehörte fortan zu jener bedauernswerten Gruppe innerhalb unserer Staatsmacht, die mit ihrer eigenen Gesundheit für den Schutz von friedlichen Demonstranten und Zuschauern einstehen.
Jens, so hieß dieser Bekannte, war nie ein großer Freund gewalttätiger Aktionen; er hatte bei der Polizei gelernt, wie man sich andere “vom Leib hält” oder ihre Gewalt beendet, aber er war immer froh, wenn ein Einsatz ohne Gewalt zuende ging. Ich habe mich dann mehrfach auf Partys mit ihm über seinen Job unterhalten, auch im Vorfeld von Einsätzen - und ich weiß heute noch, dass er jedes Mal sehr besorgt war, wenn er wusste, dass die Berliner Bereitschaftspolizei anwesend sein würde. Oder gar ein “Berliner Kollege” die Einsatzleitung hatte. Denn unter den “BePos” war allgemein bekannt, dass die Berliner nicht sehr viel von Deeskalation halten, dass ihre Führungsebene vor allem schnelle Lösungen für Konflikte sucht und viele der einfachen Polizisten nicht viel weniger gewaltbereit sind als die Gegner auf Seiten radikaler Demonstranten.
Diese Informationen habe ich mir über die Jahre hinweg immer einmal wieder von Polizisten bestätigen lassen, die ich bei verschiedenen Anlässen kennen gelernt habe. Der Tenor war immer gleich: Die Berliner Polizei hat ihre ganz eigene Geschichte und ihre ganz eigene Situation in einer Stadt, in der schon kleine Demos fast immer zu gewalttätigen Ausschreitungen führen. Und entsprechend handeln sie auch; eine Demonstration ist für sie kein Schutzeinsatz, sondern ein Gefecht.
Diese Informationen lassen mich folgendes Zitat (und die Antwort des Autors) aus “Zettels Raum” etwas anders sehen:
Die Berliner Polizeieinheit 31139/Einsatzhundertschaft 25 wurde laut RAV dabei beobachtet, wie sie Festgenommene in Einsatzfahrzeugen knebelte und fesselte, um jegliche Kontaktaufnahme nach Außen zu verhindern.
Ich habe die Berichterstattung im britischen Sender “Sky News” verfolgt, die von britischer Gelassenheit und Objektivität gekennzeichnet war. Alle an dieser Sendung beteiligten Reporter haben gesagt, daß die Polizei sich stundenlang um äußerste Zurückhaltung bemüht hatte.
Es ist nämlich so, dass der bayrische Einsatzleiter, der sich und seine Einsatzkräfte stundenlang auf “äußerste Zurückhaltung” eingeschworen hatte, mitten im Einsatz ausgetauscht und durch einen Berliner Kollegen ersetzt wurde. Insofern ist also sehr gut vorstellbar, dass sowohl Sky News als auch die von Zettel zitierte “Junge Welt” richtige Darstellungen liefern; von dem Moment an, als der Einsatzleiter ein Berliner war, änderte die Polizei ihre Strategie vermutlich nicht nur ein wenig, sondern vollständig: Von Zurückhaltung hin zum offenen Gefecht, bei dem man keine Rücksicht auf Verluste nahm.
Es war sicherlich ein Fehler, angesichts einer bekannt großen Gruppe von gewaltbereiten Demonstranten aus dem In- und Ausland nur mit minimaler Polizeipräsenz zu beginnen - denn das setzte nur die bedauernswerten Beamten, die von Anfang an in der Nähe des “Schwarzen Blocks” eingesetzt waren, einer großen Gefahr aus. Doch der Strategiewechsel mitten im Einsatz, hin zu einer Strategie des offenen Gefechts, dürfte die bereits vorhandene Gewalt sicher erheblich ausgedehnt haben.
Wobei man allerdings sagen muss, dass dies eine immer noch akzeptable Reaktion der Einsatzkräfte war, die sich natürlich gegen die Angriffe aus den Reihen der Demonstranten verteidigen mussten. Sogar Peter Wahl von ATTAC musste zugeben, dass die Aggressionen und die Provokationen eben nicht aus den Reihen der Polizei, sondern vielmehr aus der Mitte der Demonstration heraus kamen. Ob es allerdings eine unvermeidbare Entwicklung war, darüber werden die Experten aus den Innenministerien und Polizeibehörden noch zu diskutieren haben.
Verfasst von Karsten um 19:39 Uhr in der Kategorie Innenpolitik, Politik (Trackback)