3. Juni 2007
Die “Konfettikanone” mal wieder …
Als ich das heute Vormittag bei SPON las, rieb ich mir verwundert die Augen - im Bericht über die Demo der Globalisierungskritiker (Randale in Rostock - 430 verletzte Polizisten) hieß es:
Als die ersten Autos brannten, stachelte ein Redner auf der Kundgebungsbühne die militante Szene noch mit klaren Worten auf: “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.”
Das wäre, wenn es denn wahr wäre, ein dicker Hund - tatsächlich machte die Story schon im “Dudelfunk” die Runde. Und der Beckstein (Innenminister und autoritärer Hardliner in Bayern) bezieht sich ebenfalls schon darauf. (Nachtrag: das hatte ich heute morgen so in den Radionachrichten verstanden. Ich kann, trotz einiger Web-Recherche, nicht bestätigen, dass sich Beckstein direkt auf diese angebliche Äußerung bezogen hätte.)
SPON hat auch ein “Minutenprotokoll der Krawalle”, wo es schon in der Überschrift heist: “Wir müssen den Krieg in diese Demo tragen”
Die Überschrift bezieht sich auf diesen Eintrag:
18:30 - Auf der Kundgebungsbühne stachelt ein Redner die militante Szene auf: “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.
Da rieb ich mir erst recht die Augen, denn just gestern, zwischen 17 und 19 Uhr, sah ich mir im Fernsehen die Live-Übertragung der Kundgebung auf phoenix an.
Ich kann mich an manche Äußerungen erinnern, denen ich nicht unbedingt zustimmen würde (vorsichtig gesagt), aber an so einen ungeheuerlichen Aufruf kann ich mich nicht erinnern. Oder anders gesagt: Für so dämlich halte ich selbst die Militanten unter den Demonstranten nicht.
Dass ich mich nicht getäuscht hatte, bestätigte ein Blick in das SPIEGEl-kritische Blog “Spiegelfechter”: SPON strickt an der Rostock-Legende. Spiegel-Online hatte offensichtlich ein Zitat des philippinischen Globalisierungskritikers Walden Bello (das außerdem schon um 17.17 fiel) zum Gewaltaufruf umgedichtet:
SPON meinte die Rede des philippinischen Globalisierungskritiker Walden Bello - Träger des alternativen Nobelpreises. Natürlich hat er nicht die Worte geäußert, die SPON ihm unterschieben will, sondern in einem vernünftigen Ton Kritik an der Vermeidung des Themas Irak-Krieg beim G8-Gipfel geübt:
“We have to bring the war right into this meeting - because without peace there can be no justice”.
Wie man dies mit - “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts” übersetzen kann, ist mir schleierhaft. Honi soit qui mal y pense.
Mir auch. Auch wenn ich keineswegs einer Meinung mit Bello bin.
Ob man, wie der “Spiegelfechter” darin einen bewussten “Spin” gegen die Globalisierungsgegner sieht, oder, wie ich, einen weiteren traurigen Schritt in Richtung belangloser Boulevardjournalismus: der Berichterstattung auf SPON sollte man mit größten Misstrauen begegnen.
Update: (übernommen vom “Spiegelfechter”):
Was ein kleiner Blog-Artikel doch erreichen kann - SPON hat sich 23 Stunden nach der Falschmeldung zu einer kommentierten Korrektur hinreißen lassen, in der sie den schwarzen Peter der DPA unterschieben. Nun ist es mit solchen Meldungen leider wie der Büchse der Pandora - sind sie erst einmal in Umlauf ist es unmöglich, sie zurückzuholen. Dennoch - Chapeau für diese “Gegendarstellung”. Der Vorwurf der mangelnden Sorfältigkeit oder gar Fahrlässigkeit bleibt stehen.
Jens Berger
Verfasst von MartinM um 14:19 Uhr in der Kategorie Presse / SPON- und taz-Blog (Trackback)