Man stelle sich vor…

Bei Zettel kommentierte Thomas Wolf ein Zitat von Gregor Gysi (”"Wer hätte denn das 1989/90 gedacht, dass wir Bestandteil einer gesamtdeutschen Linkspartei werden, und morgen ist es soweit.”) wie folgt:

Der Mann hat recht. Keiner hätte das gedacht. Warum das jetzt in der Öffentlichkeit so wenig problematisiert wird, will mir einfach nicht in den Kopf.

Man stelle sich vor, die NSDAP wäre 1945 nicht verboten worden, sondern hätte sich nur umbenannt in, sagen wir, “Partei des Demokratischen Nationalsozialismus” (PDNS).

Man stelle sich vor, es gäbe von Vertretern dieser Partei Rechtfertigungen der folgenden Art zu hören: “Wir distanzieren uns klar und deutlich von unserer Vergangenheit. Wir glauben immer noch an den Sieg des Nationalsozialismus, aber nicht in seiner autoritären Form. Wir vertreten jetzt einen demokratischen Nationalsozialismus. Ganz klar, in der Vergangenheit ist viel passiert, was nicht in Ordung war. Der Krieg, und die KZs, und das mit den Juden und so, das war ganz klar nicht in Ordung. Das sagen wir auch ganz deutlich. Aber die Grundidee halten wir immer noch für richtig. Also Schwamm drüber. Wir versuchen’s einfach nochmal.”

Man stelle sich weiter vor, Karl Dönitz, mittlerweile auch als Berliner Wirtschaftssenator gescheitert, hätte sich gut fünfzehn Jahre später hingestellt und gesagt: “Wer hätte denn das 1945 gedacht, dass wir Bestandteil einer gesamtdeutschen Rechtspartei werden, und morgen ist es soweit.”

Man stelle sich vor….aber man kann es sich halt nicht vorstellen. Das ist es ja.

Ich versuche jetzt schon ein paar Minuten, an dieser Analogie etwas grundlegend Falsches zu finden. Aber es gelingt mir einfach nicht.

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47 Kommentare zu “Man stelle sich vor…”

  1. 19.06.2007 | 19:25

    selbstverständlich können sie an dieser analogie nichts grundlegend falsches finden, denn aus dieser spricht wieder einmal die angst der systemakteure

  2. 19.06.2007 | 20:08

    Aha.

  3. der gute don
    19.06.2007 | 21:00

    Der Sozialismus scheint wieder salonfähig geworden zu sein. Und das Gefühl lässt mich nicht los, daß jeder der sich von den SED Ideologen nicht ausdrücklich distanziert ihre Duldung begünstigt. Nie stand ich einem liberalen Parteibeitritt so nahe wie nach diesem Wochenende.

  4. 19.06.2007 | 21:06

    Komm, guter don, wir im selben Kreisverband, das wäre doch was ;-)

  5. cadoz
    19.06.2007 | 21:14

    Ohne Verbot, Nürnberger Prozess und dem “Wirtschaftswunder” wäre es wohl auch so gekommen. Was Deutschland nach der Wende fehlte, war ein lang anhaltender Aufschwung.

  6. Thomas Wolf
    19.06.2007 | 21:20

    Dann will ich mich, wenn’s erlaubt ist, mal selbst kommentieren.

    Der Einwand, der natürlich kommen wird: Man wird mir vorwerfen, ich hätte durch die “Gleichsetzung”, vielleicht schon durch den “Vergleich” von NS-Diktatur und SED-Herrschaft erstere “verharmlost”, wenn nicht gar “legitimiert”. Mein Beitrag, so werden die Vorwürfe lauten, sei eine “Verhöhnung” der NS-Opfer usw.

    Ist natürlich Quatsch mit Soße.

    Zuerst einmal habe ich gar nichts “gleichgesetzt”. Verglichen habe ich allerdings schon.

    Der Vergleich als solcher hat erstmal gar nichts skandalöses. Vergleichen kann man alles mit allem. Ich kann Hitler mit Mutter Theresa vergleichen (oh Schreck!), werde dann aber schnell zu der Feststellung kommen, dass die beiden nicht viel miteinander gemeinsam haben und gut.

    Entscheidend ist, hinsichtlich welcher Eigenschaft (has berühmte “tertium comparationis”) ich zwei Dinge vergleiche und zu welchem Ergebnis ich dabei komme.

    Wenn ich etwa darauf hinweise, dass sich Bush und Hitler insofern gleichen, als sie beide Hundehalter sind bzw. waren, dann ist dieser Vergleich vielleicht nur von begrenztem Erkenntniswert, unstatthaft oder ehrenrührig ist er jedoch nicht.

    Wenn ich hingegen Bush und Hitler daraufhin vergleiche, inwieweit die von ihnen verantwortete Politik verbrecherische, inhumane, monströse, mörderische, barbarische Züge trägt/trug, wie weit außerhalb eines jeden zivilisierten Grundkonsenses sich beide dadurch stellen/stellten, und wenn ich bei diesem Vergleich zu dem Ergebnis komme - wie dies etwa Leute, die mit “Bush=Hitler”-Transparenten auf Demos mitlaufen, implizit tun - dass zwischen den beiden hinsichtlich der genannten Punkte keine signifikanten Unterschiede bestehen, dann ist ein solcher Vergleich verwerflich, beleidigend und dumm.

    Verglichen habe ich also die SED mit der NSDAP, und zwar hinsichtlich des Umgangs mit diesen Parteien nach dem Ende der jeweils von ihnen verantworteten Diktaturen. Das Ergebnis meines Vergleichs war, dass ich hinsichtlich des “tertium comparationis” keinerlei Gemeinsamkeiten zwischen beiden feststellen konnte.

    Nicht verglichen oder gar “gleichgesetzt” habe ich die beiden Parteien bzw. ihre Regime jedoch hinsichtlich der Intensität, Frequenz und allgemeinen Verabscheuungswürdigkeit ihrer Verbrechen.

    Natürlich war die NS-Diktatur um ein Vielfaches grausamer, unmenschlicher und verdammenswerter als die SED-Diktatur.

    Darum geht es hier jedoch auch gar nicht.

    Hier geht es einzig und allein darum, mit welcher Nonchalance, mit welcher Unverfrorenheit sich einer wie Gysi ins Fernsehen stellt und mit einem einzigen Satz das ganze Geschwafel von der Abkehr, von der Erneuerung, vom “demokratischen Sozialismus” entlarvt.

    ”Wer hätte denn das 1989/90 gedacht, dass wir Bestandteil einer gesamtdeutschen Linkspartei werden, und morgen ist es soweit.”

    Wir.

    Das sind die SED-Bonzen.

    Das sind die Stasi-Schergen.

    Das sind die Mauermörder.

    Und keinen in der Medienöffentlichkeit interessiert es.

    Keinen interessiert es.

    Darum geht es.

  7. 19.06.2007 | 21:39

    Danke, Thomas. Jetzt weiß ich wirklich, warum ich an dem Kommentar nichts Falsches fand.

  8. 19.06.2007 | 21:47

    Übrigens gehört die Diskussion mit etwas mehr Recht zu Zettel - ich habe die Kommentare hier vor allem für die offen gelassen, die mich persönlich beschimpfen wollen oder die eine durch die Abwesenheit grundsätzlicher Moderation eher direktere Diskussion bevorzugen.

  9. der gute don
    19.06.2007 | 21:54

    @TW

    Wir.

    … sind alle Gottlieb und Babette Biedermanns

    Das sind die SED-Bonzen.

    Die Herren Schmitz und Eisenring tun was sie immer tun. Jetzt auch auf Bundesebene.

    Für mich persönlich hat sich dieses Wochende aber etwas verändert. Irgendwie wurde für mich “in der Welt da draußen” eine Grenze überschritten, die ich kommentarlos hinzunehmen nicht länger bereit bin. Auf meinem Dachboden wird jedenfalls keine Zündelei geplant.

    @rayson
    Komm, guter don, wir im selben Kreisverband, das wäre doch was

    *grins* alleine das wäre vermutlich der Spaß schon wert. In 3 Wochen gehe ich auf das monatliche Treffen des Ortverbands und schau mir das mal an.

  10. 19.06.2007 | 22:09

    Lieber Rayson,

    ich freue mich, wenn hier weiterdiskutiert wird.

    Das ergibt sich halt mal so, mal so. Wenn Blogs - was ich vielleicht in diesem Fall so sagen darf - “befreundet” sind, dann sehe ich erst recht darin nicht das geringste Problem.

    Das Thema selbst scheint mir immer wichtiger zu werden. Die Kommunisten haben es bisher verstanden, den meisten Bürgern Sand in die Augen zu streuen, was ihre eigentlich Ziele angeht.

    Es wird Zeit, daß die anderen Parteien aufwachen. Und wer weiß - vielleicht können wir kleinen Blogger gelegentlich ja vielleicht sogar etwas dazu beitragen? :)

    Sehr herzlich, Zettel

  11. 19.06.2007 | 22:16

    vielleicht verstehe ich den liberalismus ja wirklich nicht, z.B. weiß ich jetzt überhaupt nicht mehr, welche partei liberal ist oder ob es eine solche partei überhaupt gibt..

  12. 19.06.2007 | 22:33

    Liberal ist im liberalen Sinne nicht nur liberal…

  13. 19.06.2007 | 23:12

    Bis darauf vielleicht, dass die Linkspartei nun mal nicht die NSDAP ist?

    Ich versuche jetzt schon ein paar Minuten, an dieser Analogie etwas grundlegend Falsches zu finden.

  14. 19.06.2007 | 23:25

    Klar. “wie” heißt nie “ist gleich”. Und weiter?

  15. Thomas Wolf
    19.06.2007 | 23:47

    Bis darauf vielleicht, dass die Linkspartei nun mal nicht die NSDAP ist?

    Hat auch niemand behauptet. Nicht mal im Ansatz. Wenn ich sage “Ich trinke gerne Rheinwein, wie schon der alte Goethe”, dann kommen Sie doch auch nicht und werfen mir vor, ich sei Goethe, habe den Zauberlehrling geschrieben, aufgrund meines Werther die Selbstmorde unzähliger junger Männer zu verantworten, den Faust II viel zu unverständlich angelegt und sei überhaupt daran schuld, dass Sie sich in der Schule über der Iphigenie langweilen mussten.

    So ist das mit Vergleichen.

  16. 19.06.2007 | 23:50

    -Gödel was a Logician
    -Boole was a Logician
    -I am a Logician
    -I am Gödel, I am Boole.

  17. 20.06.2007 | 0:11

    Was uns konkret sagt?

  18. 20.06.2007 | 0:45

    Daß man von Vergleichbarkeit nicht auf Identität schließen sollte.

  19. 20.06.2007 | 1:15

    in einer analogie werden „ähnliche strukturen oder zusammenhänge in einen zusammenhang gestellt” - was also sind die ähnlichkeiten von nsdap und der linken? was soll der vergleich aussagen?

    m.E. soll er lediglich diskreditieren und mir erscheint es als ausgesprochen schlechtes stilmittel, einen solchen vergleich zu ziehen.

  20. Thomas Wolf
    20.06.2007 | 7:23

    Steffino-

    die Ähnlichkeit liegt darin, dass jede der beiden Parteien aufgrund einer kollektivistischen Ideologie in Deutschland eine totalitäre Herrschaft errichtet hat. Nachdem beide Regime gescheitert waren, wurden sie von einem, tatsächlich sogar von dem selben, in so ziemlich jeder Hinsicht überlegenen - pragmatisch, moralisch - System abgelöst.

    Nach dem Systemwechsel, und das ist der Umstand, auf den es mir hier ankommt, wurde mit beiden Parteien unterschiedlich umgegangen. Die eine wurde verboten, die von ihr vertretene Ideologie, ihre soziale Utopie galt als dauerhaft diskreditiert. Die andere bestand weiter und kann nun fleißig an der Rückkehr zu macht basteln.

    Sie mögen das für richtig halten. Sie mögen finden, dass die von der SED vertretene Ideologie wertvoll genug ist, dass ihr Scheitern nicht gründlich genug war, um sie es nicht noch einmal versuchen zu lassen. Dieser Meinung kann man sein.

    Ich bin dieser Meinung nicht.

    Ausgangspunkt meines Kommentars war, dass auf dem und um den Gründungsparteitag herum mehr als deutlich zu erkennen war, wie wenig weite Teile dieser Partei sich - entgegen ihren wiederholten Beteuerungen - von ihren alten Ideen, Denkmustern, Phrasen entfernt hat, und wie sehr sie die eigene Geschichte annimmt und affirmiert und sich in der Kontinuität der alten SED sieht.

    Im oben zitierten Gysi-Zitat wird diese Erkenntnis exemplarisch deutlich.

    Was mich nun umtreibt ist weniger die kaum überraschende Erkenntnis, dass Kommunisten Kommunisten bleiben, sondern mehr, dass die mediale Öffentlichkeit sich nicht um diese Zusammenhänge schert. Immerzu hört man nur, welche strategischen Implikationen die neue Parteigründung haben wird etc. Worauf m.E. viel zu wenig hingewiesen wird, ist, wie viel SED, personell wie ideell, tatsächlich noch in der Linkspartei steckt.

  21. 20.06.2007 | 8:37

    Das Gysi-Zitat ist wirklich die Spitze!
    Da hat sich Häuptling Gespaltene Zunge offensichtlich im Triumphrausch verplappert und ausversehen die Wahrheit ausgeplaudert.

  22. 20.06.2007 | 11:33

    ‘die linke’ hat also aufgrund einer kollektivistischen ideologie in deutschland eine totalitäre herrschaft errichtet - aha, alles klar. ich bin dann mal weg ;-)

  23. 20.06.2007 | 11:38

    Umbenennungsparteitage waren nicht ganz umsonst. Manchem reicht ein neues Etikett auf der alten Sch…

  24. R.A.
    20.06.2007 | 12:14

    Auf dern ersten Blick hat die SED es geschafft, sich noch ein Stück weiter als neue Kraft darzustellen.

    Ich habe aber so ein Gefühl, das könnte kontraproduktiv ausgehen.

    Die Umbenennung zur PDS konnte man noch ganz gut als “Schlußstrich und Neuanfang” verkaufen.

    Inzwischen sieht die dauernde Umbenennerei schon nach Spuren-verwischen aus, das kann man auch so sagen.

    Ich bin jetzt wieder dazu übergegangen, nur von “SED” zu sprechen - ist doch keinem zuzumuten, sich den jeweils tagesaktuellen Namen zu merken.

  25. Thomas Wolf
    20.06.2007 | 12:52

    ‘die linke’ hat also aufgrund einer kollektivistischen ideologie in deutschland eine totalitäre herrschaft errichtet - aha, alles klar. ich bin dann mal weg ;-)

    Natürlich nicht. Habe schlampig gelesen. Mea culpa.
    Nochmal kurz zusammengefasst: ‘die linke’ hat noch nicht “aufgrund einer kollektivistischen ideologie in deutschland eine totalitäre herrschaft errichtet” (würde das aber gern, wenn sie dürfte). Das mit der totalitären Herrschaft war natürlich die SED. Die hat sich ein paar Mal umbenannt, sich aber meiner Meinung nach trotz aller Lippenbekenntnisse nicht grundlegend gewandelt. Deswegen finde ich es nicht in Ordnung, wenn nun allenthalben so getan wird, als wäre das auch nur eine ganz normale Partei.

  26. 20.06.2007 | 17:33

    Ich verstehe - ihr wolltet nur ein wenig rumschmuddeln.

  27. 20.06.2007 | 17:41

    Und was treibst Du bei den Schmuddelkindern?

  28. 20.06.2007 | 21:51

    Was ich den Kommentaren ersehen: wie man es auch nimmt, die
    “Linken” haben immerhin einen hohen Unterhaltungswert. Nicht zu Verachten in der bunten Welt der Un-Politik und des politischen Boulevard-Journalismus. Und Lafontaine könnte, als begnadeter Demagogepardon, Populist und geübter Besserwisser, immerhin ein paar naive Nichtwähler oder noch naivere Protestwähler mobilisieren.
    Freuen wir uns auf unterhaltsame politische Realsatire vom Feinsten. Die Besetzung ist immerhin gut, Gysi und Lafontaine sind begnadete Schauspieler echte Profis.
    Ich halte von beiden nicht viel, aber interessanter als die Strucks und Müntes und Becks und Gabriels oder wie diese Politdarsteller mit Altreifen-Profil heißen, sind sie allemal.

  29. Parker8
    20.06.2007 | 22:19

    Die Gehaltsunterschiede in Deutschland sind laut OECD in den vergangenen Jahren größer geworden. In kaum einem Industrieland öffnet sich die Lohnschere mit solcher Geschwindigkeit. Nur in Ungarn, Polen, Südkorea und Neuseeland sei die Lohnschere zwischen 1995 und 2005 noch weiter auseinander gegangen, teilte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) heute nach Auswertung von Daten aus 20 Ländern mit.

    Auch der Anteil der Löhne an der Wirtschaftsleistung sank in Deutschland überdurchschnittlich stark. Er ging von 59,8 auf 56,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zurück. Im Durchschnitt von 20 OECD-Ländern gab er im gleichen Zeitraum nur von 61,6 auf 59,6 Prozent nach. SPON

    Echt besorgniserregend, dieser Kommunismus.

  30. der gute don
    20.06.2007 | 23:16

    Echt besorgniserregend, dieser Kommunismus.

    keine Ahnung, was fehlende Anreize in die eigene Ausbildung zu investieren und die zunehmende Substituierbarkeit des unteren Lohnsegments in Deutschland mit Kommunismus/Sozialismus/Linksruck zu tun haben? Keine Ahnung wie das Wirtschaftswachstum mit dem unteren Lohnsegment (=unqualifizierten Arbeitnehmern) korreliert ist? Und warum diese Korrelation die Scherenform hat?

    Dann schlage ich Dir vor zurück zum Parteiregiment und nochmal ein paar Parolen üben. Kehrt, marsch-marsch.

  31. der gute don
    20.06.2007 | 23:18

    ergänze:
    zunehmende Substituierbarkeit im globalen Wettbewerb.

  32. 21.06.2007 | 0:00

    Ich schlage vor, wir verstummen beschämt. Was sind schon die Opfer der DDR-Diktatur gegen zunehmende Gehaltsunterschiede.

  33. Thomas Wolf
    21.06.2007 | 7:39

    Ich schlage vor, wir verstummen beschämt. Was sind schon die Opfer der DDR-Diktatur gegen zunehmende Gehaltsunterschiede.

    Genau. Denn ungleich=ungerecht. Lieber alle gleich wenig als manche viel und andere noch mehr.

  34. 21.06.2007 | 9:11

    Chat, bei uns wird nicht herum»geschmuddelt«, aber wir spitzen natürlich bestimmte Themen zu. In einem anderen Beitrag und in den Kommentaren haben wir uns mit den möglichen Auswirkungen des Sozialismus und Kommunismus befasst. Ich bin davon überzeugt, dass alle Versuche wieder mit einer Diktatur nach Art der SED oder mit einer noch schlimmeren Diktatur nach der Art Stalins enden würden. Deshalb stehe ich auch dahinter, dass man auf diese Gefahr mit zugespitzten Vergleichen hinweist. Und im Zuspitzen bist Du ja auch manchmal ganz gut ;-)

  35. Parker8
    21.06.2007 | 12:20

    @der gute don
    keine Ahnung, was fehlende Anreize in die eigene Ausbildung zu investieren und die zunehmende Substituierbarkeit des unteren Lohnsegments in Deutschland mit Kommunismus/Sozialismus/Linksruck zu tun haben?

    Wenn das darauf abzielt, dass es eine international einmalige Sozial-Elimination im deutschen Bildungswesen gibt, bin ich damit einverstanden. Wenn Sie bloß sagen wollen, dass deutsche Proleten rekordverdaechtig faul geworden seien, und jetzt auch noch dreist per Kommunismus die Kohle fuer lau verlangen, dann nicht.

  36. 21.06.2007 | 12:59

    Entschuldige meine direkten Worte, Parker8, aber das Märchen von der »Sozial-Elimination« kann ich hier einfach nicht stehenlassen. Das soll kein Angriff gegen Deine Person sein, aber Deine Aussage ist undifferenziert und unangemessen. Ein komplexes Problem kann man nicht in so simplifizierender Art und Weise betrachten.

    Über dieses Thema gibt es übrigens eine interessante Diskussion (v.a. im unteren Teil) in den Archiven von Statler & Waldorf, wo ich mit Ben und einigen anderen Leuten zu Bildung und Bildungs-Chancen diskutiert habe.

  37. 21.06.2007 | 13:08

    Nebenbei, Parker8: dann bleibt noch die Frage, ob es im Kommunismus überhaupt Geld gibt und was man sich dafür kaufen kann ;-)

  38. Parker8
    21.06.2007 | 13:32

    Die Elimination faengt mit dem bizarren dreigliedrigen Schulsystem an, und sie zeigt sich dann auch an den Zahlen zur Herkunft der Studenten, wie sie gestern vorgelegt wurden: Das Studium wird zur Selbstreproduktion der akademischen Bildungsschichten”, sagt Rolf Dobischat, Präsident des deutschen Studentenwerks.

    Vor dem Hintergrund der demographischen Prognosen wird die wirtschaftliche Entwicklung wesentlich von dieser inzestuoesen Auszehrung bestimmt werden.

    (Die genannte Diskussion guck ich mir noch an.)

  39. Parker8
    21.06.2007 | 13:38

    @stefanolix
    Ich will auch nicht dem Kommunismus das Wort reden, sondern der Bereitschaft zur Analyse, warum der wieder in Mode kommt.

  40. 21.06.2007 | 13:53

    Sehr verständnisvoll. Das bringt uns dann zurück zur Analogie. Bringst du ähnliches Einfühlungsvermögen auch bei der Frage auf, wenn auch Nazis wieder in Mode kommen? Wäre ja witzig gewesen, wenn du z.B. in einem Beitrag, der sich gegen den Rechtsextremismus wendet, Auszüge aus der Kriminalstatistik zu Tätern mit Migrationshintergrund gebracht hättest.

  41. 21.06.2007 | 14:05

    Sicher wird das oft so dargestellt. Um diese Zahlen wird genauso viel Theater vollführt wie um die Zahlen zum Weltklima. Aber ich kann doch nichts dafür, wenn immer weniger Leute bereit sind, die Zahlen differenziert zu betrachten.

    Eine soziale Auslese ist schon deshalb nicht gegeben, weil zum einen die Akademiker-Eltern inzwischen schon lange nicht mehr zwangsläufig reich sein müssen und weil zum anderen lange nicht alle Gutverdienenden Wert auf eine Hochschulreife bzw. Hochschulausbildung legen. Ich erlebe auch selbst keine solche Auslese. Mein Sohn geht mit Kindern von Migranten und auch mit Kindern aus sozial schwächeren Stadtteilen auf das Gymnasium. Ich stehe zu der Aussage, dass hier in Dresden immer noch jedes leistungswillige und entsprechend leistungsfähige Kind zur Hochschulreife kommen kann, wenn auch die Eltern ihrer Rolle gerecht werden.

    Am späten Abend mehr, ich muss erst mal weiterarbeiten …

  42. 21.06.2007 | 14:34

    @ stefanolix: Das ist eine Partei grauhaariger Rentner, viele mit Mösenbart à la DGB, eine Milieupartei also - mehr nicht. Schon gar nichts Braunes. Ich halte die Linkspartei trotzdem für notwendig, um ein bestimmtes gesellschaftliches Spektrum in deutschen Parlamenten abzubilden. Oder hast du geglaubt, die enttäuschten SPD-Wähler würden alle schnurstracks zum Westerwelle dahergerannt kommen? Diese Leute haben jetzt also auch ‘ne Repräsentanz, wie sich das in einer Demokratie gehört - und nun gilt auch für die: Hic Rhodus, hic salta. Die Zeit der Ein- oder Zweiparteienregierungen ist auf absehbare Zeit damit vorbei, alle Ideologen müssen kleine Brötchen backen oder eben in der Opposition rumgröhlen …

  43. der gute don
    21.06.2007 | 14:35

    @parker

    Wenn das darauf abzielt, dass es eine international einmalige Sozial-Elimination im deutschen Bildungswesen gibt,

    das Gegenteil ist in meinen Augen der Fall. In wenig anderen Ländern der Welt haben Menschen die gleichen Chancen ohne eigene Wirtschaftskraft eine herausragende Ausbildung zu bekommen wie in Deutschland. Da diese aber in der Tat Begabungen vorraussetzt, ist dies kein durch Geburtsrecht, sondern eine durch Verstand und/oder Fleiß vorrausgesetzte Qualifizierung. Das sich diese Förderung vornehmlich auf den hohen, bzw. höheren Bildungsbereich begrenzt ist zwar schade, angesichts des Anteils an der Wirtschaftslage des Landes aber verständlich.

    Stumpfe linke Parolen, Transferzahlungen von der Leistung des Einzelnden zu entkoppeln, sind in meinen Augen der falsche Weg. Anreize zur Leistungerbringung und effiziente (!) Maßnahmen zur Förderung der Bildung in den mittleren und unteren Qualifikationssegmenten die richtigen.

    Wenn Sie bloß sagen wollen, dass deutsche Proleten rekordverdaechtig faul geworden seien, und jetzt auch noch dreist per Kommunismus die Kohle fuer lau verlangen, dann nicht.

    Ob die für die unteren Lohnsegmenete ausgebildeten oder eben nicht ausgebildeten Menschen faul sind, weiß ich nicht. Manche wohl ja, viele wohl nein. Hohe Ansprüche an die eigene Lebensqualität hat mich Sicherheit heute fast jeder in diesem Land. Ich weiß nur, daß Ihre Arbeit von besser (oder gleich) qualifizierten Ausländern sehr schnell substituiert werden kann. Die Folge ist natürlich der Kampf zur Besitzstandwahrung, den die sozialistischen Rattenfänger mit nationalen Protektionismus beantworten. Frage mich, warum sie nicht sagen “Arbeit nur für Deutsche” statt “wir wollen den Mindestlohn”.

  44. Parker8
    21.06.2007 | 17:56

    @stefanolix

    Ich stehe zu der Aussage, dass hier in Dresden immer noch jedes leistungswillige und entsprechend leistungsfähige Kind zur Hochschulreife kommen kann, wenn auch die Eltern ihrer Rolle gerecht werden.
    recte: “gerecht werden können”

    @Rayson

    Klar interessiere ich mich für die Ursachen des Aufkommens politischer Strömungen.

    @der gute don

    In wenig anderen Ländern der Welt haben Menschen die gleichen Chancen ohne eigene Wirtschaftskraft eine herausragende Ausbildung zu bekommen wie in Deutschland.
    Ganz anders die OECD, die zu dem Ergebnis kommt, dass in wenig anderen Ländern der Welt die ’sozioökonomische Herkunft’ eine solche Belastung darstellt.

  45. der gute don
    21.06.2007 | 18:09

    Ganz anders die OECD, die zu dem Ergebnis kommt, dass in wenig anderen Ländern der Welt die ’sozioökonomische Herkunft’ eine solche Belastung darstellt.

    Dann haben wir evtl eher sozioökonomische Vergleichsprobleme bzgl. der Normierung.

  46. 21.06.2007 | 23:04

    Eine Statistik, die uns nachweist, dass »reinblütige« Akademiker-Kinder meist ebenfalls zu Akademikern werden, ist etwa so wertvoll wie eine Studie über die überraschend hohen handwerklichen Fähigkeiten der Kinder von Handwerksmeistern: natürlich geben die meisten Eltern ihre Werte und ihre Fähigkeiten an die Kinder weiter. Was sollten sie denn sonst tun?

    Die größte Belastung für junge Leute ist nicht ihre Herkunft, sondern die Trägheit dieses Landes und speziell die Trägheit des Bildungssystems. Alle anderen Belastungen sollte ein junger Mensch wegstecken, wenn er die Hochschulreife ernsthaft anstrebt.

    Diese Bildungsstatistiken nerven mich inzwischen genauso wie die hysterisch gesteigerten Extrapolationen zum Thema Wetter und Klima. Würden all diese ach so tollen Soziologen in der gleichen Zeit je einem Schüler mit Migrationshintergrund geduldige Nachhilfe in Deutsch geben, täten sie wahrlich mehr für unser Bildungssystem …

    Das Wort »sozioökonomisch« ist in diesem Zusammenhang wenig hilfreich. Teilen wir das Wort in die soziale und die ökonomische Komponente auf: die soziale Komponente wird in den Studien meist am (höchsten) Bildungsabschluss der Eltern gemessen und für die ökonomische Komponente wird nach dem Netto-Einkommen des Haushalts gefragt.

    Dann haben wir also reiche Akademiker, arme Akademiker, reiche Nicht-Akademiker und arme Nicht-Akademiker. Wir haben uns aber noch nicht gefragt, ob es auch Partnerschaften zwischen einem Professor und einer Sekretärin oder einer Professorin und einem IHK-Betriebswirt gibt und wir wissen keine Antwort auf die Frage: gehen daraus nun Akademiker-Kinder oder Nicht-Akademiker-Kinder hervor? Geht es nach der Mutter oder nach dem Vater? Oder setzt sich Akademikerblut immer durch?

    Die Studien differenzieren offenbar nicht mehr, ob der Nicht-Akademiker nun ein Handwerker, eine Buchhalterin, ein Facharbeiter oder ein ALG-II-Empfänger ist. Es ist auch gleichgültig, ob der Akademiker ein hungerleidender Aushilfsjournalist, ein Ingenieur oder ein Chefarzt ist: sobald jemand einen Hochschulabschluss hat, wird er als Akademiker geführt. Insofern ist das Zahlenmaterial viel zu sehr verdichtet und man kann daraus keine wirklich fundierten Schlüsse ziehen.

    Da kann man besser gleich »Harry Potter« lesen und sich darüber freuen, dass dort auch Menschen zu Zauberern werden, die keine reinblütigen Eltern haben: sie müssen halt Talent mitbringen und sie müssen sich anstrengen ;-)

  47. 26.06.2007 | 11:43

    [...] etwas verspätet, aber sicher nicht zu spät für einen hinweis auf einen beitrag bei den bissigen liberalen, wo rayson zum einen einen zettel-kommentar zitiert, sich daraus aber auch eine gesunde diskussion ergeben hat. [...]

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