23. Juni 2007
Sie lieben uns doch alle
Ein gewisser Herr Zängl, seines Zeichens Soziologe, fühlt sich dazu berufen, wieder einmal das Templimit auf Autobahnen herbeizuschreiben. Und ein Herr Pander vom “Spiegel” ist ob des Gesinnungsgenossen so erfreut, dass er gar nicht mehr auch nur den Anschein journalistischer Distanz erwecken möchte.
Die Argumente, die gegen ein Tempolimit vorgebracht werden, entkräftet Zängl gleich zum Auftakt.
Da wissen die Leser doch gleich, woran sie zu sein haben: Zängl hat recht, und die anderen haben unrecht.
Die Behauptung, ein Tempolimit würde nicht zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr beitragen, hält Zängl für menschenverachtend. “Weltweit zeigen Beispiele, dass bei einem Tempolimit die Unfallzahlen zurückgehen und damit die Zahl der Verletzten und Toten im Straßenverkehr.”
Gleich mal kräftig die Moralkeule geschwungen, so ist’s Recht, damit man gar nicht erst in die Gefahr gerät, Gegenmeinungen zuzulassen. Natürlich hat Herr Zängl aber recht, wenn er darauf hinweist, dass geringere Geschwindigkeiten zu weniger Unfällen und weniger Personenschäden führen. Nur: Erstens gilt das Argument für jede aktuelle Geschwindigkeit über Null - auch ein Limit von 50 km/h ist im Vergleich zu einem von 30 km/h demnach “menschenverachtend”. Zweitens antwortet Herr Zängl auf einen selbst gebauten Strohmann, denn “mehr Sicherheit” muss natürlich relativ gesehen werden.
Und da kommen wir zum zweiten Punkt. Es ist geradezu ein Meisterstück aufklärerischen Journalismus, wie der Herr Pander es den ganzen Artikel über schafft, die Zahl der in Deutschland jährlich auf Autobahnen Getöteten nicht zu nennen. Ich bin nicht so gewieft und nenne sie: Es waren 2005 genau 645 Personen. Klar ist jeder Verkehrstote einer zu viel, aber im Vergleich zu den anderen Straßen in Deutschland, auf denen im Jahr 2006 insgesamt 4.462 Menschen gestorben sind, erscheinen die Autobahnen doch relativ sicher, gerade wenn man dann noch bedenkt, dass über sie zwei Drittel des Verkehrs abgewickelt werden. Zumal der Trend trotz wachsenden Verkehrsaufkommens stetig nach unten zeigt. Die Zahl der Toten je Milliarde gefahrener Kilometer hat sich auf deutschen Autobahnen zwischen den Jahren 1980 und 2004 von 10 auf 3 verringert (insgesamt von 35 auf 8). Die Zahlen finden sich übrigens bei Destatis: Details bis 2005, Status 2006.
Ebenso traurig wie erhellend ist auch diese Zahl: 70 Prozent aller tödlichen Unfälle ereignen sich auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit.
Gemeint kann angesichts der gesamten Zahlen nur sein (die Formulierung wird m.E. bewussst offen gehalten): 70% der tödlichen Unfälle auf Autobahnen. Doch was sagt uns diese Zahl, wenn anfangs im Text als weitere Widerlegung eines dieser stupiden Gegenargumente triumphierend verkündet wird:
doch auf rund zwei Drittel der etwa 12.000 Autobahnkilometern in Deutschland darf unbeschränkt gerast werden.
Zwei Drittel, das sind rund 67%. Wir stehen also vor der “ebenso traurigen wie erhellenden” Erkenntnis, dass auf den 33% Autobahn mit Tempolimit immer noch 30% der tödlichen Unfälle geschehen.
Doch die Bundesanstalt für Straßenwesen hat die Erhebung der Durchschnittsgeschwindigkeit auf Autobahnen seit Jahren eingestellt. Der letzte Wert stammt aus dem Jahr 1995, da lag das Durchschnittstempo bei 134 km/h. “Wer heute auf der rechten Spur mit 120 km/h fährt und beobachtet, wie auf der linken Spur gebolzt wird, kann sich ungefähr ausmalen, wo der Durchschnittswert heute wohl liegt”, sagt Zängl.
Nicht viel höher, wenn überhaupt. Der gute Mann vergisst, dass seitdem der Straßenverkehr erheblich zugenommen hat. Wenn ich, wie ich es öfters mal tue, von Hamburg nach Karlsruhe fahre und dabei anstrebe, so oft wie möglich ca. 160-170 km/h zu erreichen (mehr ist mir meist zu stressig, weil man immer mit Idioten rechnen muss, die einen zu spät sehen), werde ich die gesamte Strecke lang von nicht mehr als zehn bis zwanzig Fahrzeugen überholt (Überschreitungen von Tempolimits mal außen vor). Da auf der rechten Spur Lkw-Geschwindigkeit und auf der mittleren, so vorhanden, nur wenig schneller gefahren wird, ergibt meine Rechnung ein anderes als das von Herrn Zängl gewünschte Ergebnis. Ein einziges Mal bin ich, da ich sonntags eine relativ freie Strecke erwischte, gefahren, was das Auto (damals ein Toyota Avensis) hergab, und das waren ca. 200 km/h Spitze. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit betrug am Ende 130 km/h. Da mag jeder eine Ahnung davon bekommen, wie hoch dieser Wert allgemein sein wird.
Zum Klimaaspekt der Debatte sage ich jetzt mal nichts, das ist an anderen Stellen schon genug behandelt worden.
Letztlich scheint es aber eine Soziologen-Krankheit zu sein (sorry, Karsten!), als überlegener Menschheitsbeglücker aufzutreten. Herr Zängl weiß genau und vor allem besser, was die Kunden der Automobilindustrie nicht nur wollen, sondern auch zu wollen haben. Dazu packt er in guter, alter Club-of-Rome-Tradition Apokalypse-Szenarien aus der Mottenkiste:
“Irgendwann kommt der Tag, an dem die Menschen vor dem Problem stehen werden, ihre Wohnung warm zu kriegen oder überhaupt noch ein Verkehrssystem aufrecht zu erhalten. Und wenn dieser Tag da ist, werden unsere Nachfahren uns verfluchen.”
Selbst die Anpassungsfähigkeit des deutschen Michels an noch so absurde Beschlüsse seiner Obrigkeit darf da als Argument nicht fehlen:
Selbst politisch schätzt Zängl das Risiko eines Tempolimits gering ein. “Ich glaube, dass auf ein Tempolimit in Deutschland ein halbes Jahr Maulerei folgen würde - und danach herrschte Ruhe und alle wären zufrieden.”
Amen.
Verfasst von Rayson um 16:08 Uhr in der Kategorie Gesundheitspolitik, Politik, Rochus, Umweltpolitik (Trackback)