Sie lieben uns doch alle

Ein gewisser Herr Zängl, seines Zeichens Soziologe, fühlt sich dazu berufen, wieder einmal das Templimit auf Autobahnen herbeizuschreiben. Und ein Herr Pander vom “Spiegel” ist ob des Gesinnungsgenossen so erfreut, dass er gar nicht mehr auch nur den Anschein journalistischer Distanz erwecken möchte.

Die Argumente, die gegen ein Tempolimit vorgebracht werden, entkräftet Zängl gleich zum Auftakt.

Da wissen die Leser doch gleich, woran sie zu sein haben: Zängl hat recht, und die anderen haben unrecht.

Die Behauptung, ein Tempolimit würde nicht zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr beitragen, hält Zängl für menschenverachtend. “Weltweit zeigen Beispiele, dass bei einem Tempolimit die Unfallzahlen zurückgehen und damit die Zahl der Verletzten und Toten im Straßenverkehr.”

Gleich mal kräftig die Moralkeule geschwungen, so ist’s Recht, damit man gar nicht erst in die Gefahr gerät, Gegenmeinungen zuzulassen. Natürlich hat Herr Zängl aber recht, wenn er darauf hinweist, dass geringere Geschwindigkeiten zu weniger Unfällen und weniger Personenschäden führen. Nur: Erstens gilt das Argument für jede aktuelle Geschwindigkeit über Null – auch ein Limit von 50 km/h ist im Vergleich zu einem von 30 km/h demnach “menschenverachtend”. Zweitens antwortet Herr Zängl auf einen selbst gebauten Strohmann, denn “mehr Sicherheit” muss natürlich relativ gesehen werden.

Und da kommen wir zum zweiten Punkt. Es ist geradezu ein Meisterstück aufklärerischen Journalismus, wie der Herr Pander es den ganzen Artikel über schafft, die Zahl der in Deutschland jährlich auf Autobahnen Getöteten nicht zu nennen. Ich bin nicht so gewieft und nenne sie: Es waren 2005 genau 645 Personen. Klar ist jeder Verkehrstote einer zu viel, aber im Vergleich zu den anderen Straßen in Deutschland, auf denen im Jahr 2006 insgesamt 4.462 Menschen gestorben sind, erscheinen die Autobahnen doch relativ sicher, gerade wenn man dann noch bedenkt, dass über sie zwei Drittel des Verkehrs abgewickelt werden. Zumal der Trend trotz wachsenden Verkehrsaufkommens stetig nach unten zeigt. Die Zahl der Toten je Milliarde gefahrener Kilometer hat sich auf deutschen Autobahnen zwischen den Jahren 1980 und 2004 von 10 auf 3 verringert (insgesamt von 35 auf 8). Die Zahlen finden sich übrigens bei Destatis: Details bis 2005, Status 2006.

Ebenso traurig wie erhellend ist auch diese Zahl: 70 Prozent aller tödlichen Unfälle ereignen sich auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit.

Gemeint kann angesichts der gesamten Zahlen nur sein (die Formulierung wird m.E. bewussst offen gehalten): 70% der tödlichen Unfälle auf Autobahnen. Doch was sagt uns diese Zahl, wenn anfangs im Text als weitere Widerlegung eines dieser stupiden Gegenargumente triumphierend verkündet wird:

doch auf rund zwei Drittel der etwa 12.000 Autobahnkilometern in Deutschland darf unbeschränkt gerast werden.

Zwei Drittel, das sind rund 67%. Wir stehen also vor der “ebenso traurigen wie erhellenden” Erkenntnis, dass auf den 33% Autobahn mit Tempolimit immer noch 30% der tödlichen Unfälle geschehen.

Doch die Bundesanstalt für Straßenwesen hat die Erhebung der Durchschnittsgeschwindigkeit auf Autobahnen seit Jahren eingestellt. Der letzte Wert stammt aus dem Jahr 1995, da lag das Durchschnittstempo bei 134 km/h. “Wer heute auf der rechten Spur mit 120 km/h fährt und beobachtet, wie auf der linken Spur gebolzt wird, kann sich ungefähr ausmalen, wo der Durchschnittswert heute wohl liegt”, sagt Zängl.

Nicht viel höher, wenn überhaupt. Der gute Mann vergisst, dass seitdem der Straßenverkehr erheblich zugenommen hat. Wenn ich, wie ich es öfters mal tue, von Hamburg nach Karlsruhe fahre und dabei anstrebe, so oft wie möglich ca. 160-170 km/h zu erreichen (mehr ist mir meist zu stressig, weil man immer mit Idioten rechnen muss, die einen zu spät sehen), werde ich die gesamte Strecke lang von nicht mehr als zehn bis zwanzig Fahrzeugen überholt (Überschreitungen von Tempolimits mal außen vor). Da auf der rechten Spur Lkw-Geschwindigkeit und auf der mittleren, so vorhanden, nur wenig schneller gefahren wird, ergibt meine Rechnung ein anderes als das von Herrn Zängl gewünschte Ergebnis. Ein einziges Mal bin ich, da ich sonntags eine relativ freie Strecke erwischte, gefahren, was das Auto (damals ein Toyota Avensis) hergab, und das waren ca. 200 km/h Spitze. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit betrug am Ende 130 km/h. Da mag jeder eine Ahnung davon bekommen, wie hoch dieser Wert allgemein sein wird.

Zum Klimaaspekt der Debatte sage ich jetzt mal nichts, das ist an anderen Stellen schon genug behandelt worden.

Letztlich scheint es aber eine Soziologen-Krankheit zu sein (sorry, Karsten!), als überlegener Menschheitsbeglücker aufzutreten. Herr Zängl weiß genau und vor allem besser, was die Kunden der Automobilindustrie nicht nur wollen, sondern auch zu wollen haben. Dazu packt er in guter, alter Club-of-Rome-Tradition Apokalypse-Szenarien aus der Mottenkiste:

“Irgendwann kommt der Tag, an dem die Menschen vor dem Problem stehen werden, ihre Wohnung warm zu kriegen oder überhaupt noch ein Verkehrssystem aufrecht zu erhalten. Und wenn dieser Tag da ist, werden unsere Nachfahren uns verfluchen.”

Selbst die Anpassungsfähigkeit des deutschen Michels an noch so absurde Beschlüsse seiner Obrigkeit darf da als Argument nicht fehlen:

Selbst politisch schätzt Zängl das Risiko eines Tempolimits gering ein. “Ich glaube, dass auf ein Tempolimit in Deutschland ein halbes Jahr Maulerei folgen würde – und danach herrschte Ruhe und alle wären zufrieden.”

Amen.

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10 Kommentare zu “Sie lieben uns doch alle”

  1. 23.06.2007 | 16:27

    Naja, bei mir ist es ja nur die *angewandte* Sozialwissenschaft, insofern bin ich von den Vorwürfen gegen die “theoretischen” Soziologen nicht ganz so direkt betroffen… Und Deinen Anmerkungen zu Herrn Zängl kann ich eigentlich auch nur zustimmen.

  2. Spruance
    23.06.2007 | 17:56

    Sagemal, können die eigentlich alle nicht rechnen? Und dann dürfen die sich auch noch Wissenschaftler nennen? Die Leute, die irgendwann ichre Wohnung nicht warm kriegen, werden auf solche Typen wie Zängl fluchen, denn wenn der den allgemeinen Stand unserer Wissenschaft reräsentiert, dann gute Nacht…

  3. 23.06.2007 | 18:09

    @Karsten

    Man muss wohl ehrlicherweise auch sagen, dass der Soziologe hier wohl nicht als Soziologe, sondern als Mitglied einer “pressure group” gesprochen hat. Was wiederum typisch für Soziologen ist… ;-)

  4. cadoz
    23.06.2007 | 20:51

    Ich glaub das das wegholzen aller Bäume am Straßenrand einen größeren Einfluß hat auf die Sicherheit der Autofahrer, als eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen. Und warum wird nicht der Ausbau von Bundesstraßen zu Autobahnen gefordert, wenn Sicherheit wirklich das Ziel ist?

    Es mag eine Paranoia sein, aber ich sehe hinter der Forderungen einer Geschwindigkeitsbegrenzung einen Neoluddismus.

  5. 24.06.2007 | 9:13

    “Wenn ich, wie ich es öfters mal tue, von Hamburg nach Karlsruhe fahre und dabei anstrebe, so oft wie möglich ca. 160-170 km/h zu erreichen (mehr ist mir meist zu stressig, weil man immer mit Idioten rechnen muss, die einen zu spät sehen)”

    Anderen wird es mit mehr als 120-130 schon zu stressig sein. Und damit haben wir das Problem. Die hohen Geschwindigkeitsdifferenzen. 80, 120, 160. Immer schnell genug, um den anderen zu überholen. Nur warum soll der, der 120 fahren will immer vor dem mit 160 kuschen und am Ende immer 80 fahren?

    Und wenn ich so höre (habe kein Auto, fahre daher selber sehr, sehr selten), was Autofahrer erzählen (alles sehr wissenschaftlich, jaja ;-) ), die aus Dänemarkt, kommen, dann fährt es sich dort viel entspannter wegen dem Tempolimit. Und sobald man wieder nach D kommt wird es hektisch auf der Autobahn.

  6. R.A.
    24.06.2007 | 11:26

    Wenn man den SpOn-Artikel liest fragt man sich, ob dieser Zängl die wesentlichen Argumente GEGEN ein Tempolimit überhaupt kennt – vom “widerlegen können” mal ganz zu schweigen.

    Man muß aber vermuten, daß ein Sozialwissenschaftler nicht nur generell für das Thema völlig ungeeignet ist, sondern auch speziell von Verkehrssystemen nichts versteht.

    Ein Straßensystem mit Milliardenkosten auf Hochgeschwindigkeit auszulegen – um dann darauf langsam zu fahren, das wäre ähnlich bescheuert wie die übliche Praxis, den Hochgeschwindigkeitszug ICE auf Bummelstrecken verkehren zu lassen.

    Nur mal als Beispiel: Von Saarbrücken aus ist man per Bahn schneller in Paris als im halb so weit entfernten Frankfurt.

    Übrigens sind es dann meistens die Zängls dieser Welt die sich aufregen, wenn die Leute dann lieber den Flieger nehmen …

  7. 24.06.2007 | 19:21

    Das nicht vorhandene Tempolimit hat nichts – aber wirklich gar nichts – mit den Unfallzahlen zu tun. Die Verkehrsunfallstatistik wird seit Jahren systematisch manipuliert. Die Datenfelder der polizeilichen Verkehrsunfallaufnahme legen den Beamten nämlich ständig nahe die Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit als wahrscheinliche Ursache anzugeben, auch wenn diese gar nicht ursächlich war.

    Die allermeisten Verkehrsunfälle sind Unfälle im fließenden Verkehr. Das alleine sollte einem schon zu denken geben. Aber zur besseren Erklärung helfe ich noch ein wenig nach:
    Es ist nicht die Geschwindigkeit, der ursächlich ist für die meisten Unfälle, weil sich ja alle Fahrzeuge bewegen.
    Wenn es zum Unfall kommt, dann weil die Reaktionszeit eines Fahrers nicht ausgereicht hat, die langsamere Bewegung der voranfahrenden Fahrzeuge richtig einzuschätzen. Es ist also nicht die Geschwindigkeit, denn die wäre vor allem dann einschlägig, wenn der Fahrer auf Grund der Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert.

    Es sind die Abstandsunterschreitungen, die in Wahrheit ursächlich für die vielen Verkehrsunfälle sind.

    Aber interessiert das jemanden? Ließen sich dann noch solche Unsummen an Bußgeldern einnehmen?

  8. LukeNukem
    24.06.2007 | 22:14

    Markus Oliver schrieb:
    > Es sind die Abstandsunterschreitungen, die in Wahrheit ursächlich für die vielen Verkehrsunfälle
    > sind.

    Richtig. Deshalb ist die Schlußfolgerung von Marc,

    > [...] wenn ich so höre [...], was Autofahrer erzählen [...], die aus Dänemarkt, kommen, dann fährt
    > es sich dort viel entspannter wegen dem Tempolimit.

    nicht richtig. In Dänemark fährt es sich wegen des erheblich geringeren Verkehrsaufkommens entspannter, nicht wegen des Tempolimits — das ist nur eine Art optische Täuschung, weil der niedrigere Aufkommen und das Tempolimit dort miteinander einhergehen.

    Das kann man in Belgien und den Niederlanden sehr schön sehen: hier in der Nähe der Grenze (ich lebe in Aachen) ist das Autobahnfahren sehr entspannt und unhektisch, alle Leute sind lieb zueinander und wer gerade überholt hat, fährt freiwillig wieder auf die rechte Spur, ähnlich wie in Dänemark. Wer aber mal von Aachen Richtung Amsterdam, Rotterdam oder Brüssel gefahren ist, wird sehr schnell feststellen, daß es bei zunehmendem Verkehrsaufkommen schnell vorbei ist mit der gemütlichen Gondelei und der geschwindigkeitsbeschränkte Nordholländer sich im dichten Verkehr genauso verhält wie die Leute auf unseren Autobahnen.

    Wenn wir also etwas tun wollen, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen, dann sollten wir primär darauf schauen, daß das Verkehrsaufkommen sinkt. Dabei denke ich an die Verlagerung von Güterverkehr auf die Schiene, und an den mehrspurigen Ausbau von Autobahnen. In der Tat haben viele deutsche Autobahnen nämlich nur genau einen Fahrstreifen, und zwar den linken. Die rechte Spur ist komplett dicht und unbenutzbar, wegen einer schier endlosen Schlange von LKW, die zudem oft so nah aufeinander auffahren, daß gerade Autobahnunerfahrene sich nicht trauen, in die Lücken einzuscheren, und auch mir (früher ca. 60Tkm im Jahr) oft genug die Haare zu Berge stehen.

    Mit der Idee der Verlagerung auf die Schiene und den mehrspurigen Ausbau werden übrigens auch jene Umweltschützer glücklich, denen es nicht um radikale Fundamentalpositionen geht: weniger LKW bedeuten erheblich weniger Schadstoffbelastung. Und wenn die verbleibenden PKW zügiger und konstanter fahren können, werden die enormen Verluste gemindert, die durch das wiederholte Abbremsen und Beschleunigen entstehen. Ein Verkehrsteilnehmer, der konstant 150, 170 oder sogar 200 fahren kann, verbraucht dabei weniger Kraftstoff und stößt weniger Abgase aus, als dasselbe Fahrzeug, das auf derselben Strecke maximal 120 fährt, aber immer wieder auf 80, 90 oder 100 abgebremst und danach wieder beschleunigt werden muß.

  9. R.A.
    25.06.2007 | 10:14

    @Luke:
    > Mit der Idee der
    > Verlagerung auf die
    > Schiene und den
    > mehrspurigen Ausbau
    > werden übrigens auch
    > jene Umweltschützer
    > glücklich, …
    Leider nicht.
    Der vielbeschworene Umstieg auf die Schiene hat nämlich diverse Haken.
    Mal abgesehen von Inflexibilität des Bahn-Managements: DAS Hauptproblem sind die fehlenden Kapazitäten.

    Um einen nennenswerten Anteil des Frachtverkehrs auf die Schiene zu verlagern, müßten ganz massiv neue Bahnlinien gebaut werden.
    Und abgesehen von den fehlenden Finanzen: Gegen jede dieser Strecken würden dieselben Umweltschütze heftig protestieren und sie mit Prozessen um viele Jahre verzögern.

  10. R.A.
    25.06.2007 | 13:16

    Die ultimate Karikatur zum Thema Umweltschutz:
    http://dilbert.com/comics/dilbert/archive/dilbert-20070619.html

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