27. Juni 2007
Studentenstatistik
In der Geschichte der DDR gab es einen Zeitabschnitt, in dem man den Kindern von Akademikern die Aufnahme eines Studiums erschweren wollte. Arbeiter- und Bauernkinder sollten damals möglichst in großer Zahl studieren. Die Kinder von Professoren, Ingenieuren oder Ärzten sollten sich dagegen erst in der Produktion »bewähren«. Den Pfarrers- und Dissidentenkindern wollte man die Aufnahme eines Studiums möglichst schwer machen.
Die Kinder der Professoren, Ingenieure und Ärzte wollten natürlich trotzdem gern studieren. Das führte zu absurden Zuständen: der Sohn eines Bauingenieurs betonte in seiner Bewerbung, dass der Vater am staatlich gelenkten Wohnungsbauprogramm mitarbeitete und die Tochter einer Ärztin schrieb, dass ihre Mutter vorher als Krankenschwester gearbeitet hatte. Damit konnten die Schulen nämlich den Anteil der nicht akademisch gebildeten Eltern erhöhen und dem Schein war Genüge getan.
Aus ideologischen Gründen musste ein absurdes Theater aufgeführt werden, damit dem Staatsapparat passende Zahlen geliefert werden konnten. Natürlich haben die meisten Akademikerkinder irgendwann doch studiert. Eine ostdeutsche Pfarrerstochter ist zuerst Physikerin und dann Bundeskanzlerin geworden. Aber im Rückblick erinnert man sich an staatlich verordnete Heuchelei und an die nutzlos verschwendete Zeit.
Die Kinder der Parteibonzen zählten selbstverständlich zur Arbeiterklasse, auch wenn beide Eltern mit einem Hochschulabschluss in Marxismus-Leninismus ausgestattet waren und noch nie ein Werkzeug angefasst hatten. Ja, auch in der DDR konnte man virtuos mit Statistiken umgehen …
Nach der Wende durfte man zunächst hoffen, dass dieser Zustand nicht länger andauern würde. Wer die Hochschulreife erreicht hatte, sollte sich nach Fähigkeit und Neigung für ein Studium entscheiden können. Heute bin ich nicht mehr so sicher, ob das immer so bleiben wird. Vielleicht muss mein jüngerer Sohn eines Tages angeben, dass sein Vater vor dem Studium eine Lehre auf dem Bau absolviert hat. Denn das Interesse an der Herkunft der Studenten ist so groß wie nie. Der Sozialbericht zur Lage der Studierenden ist mehr als 500 Seiten lang und einige Politiker leiten daraus die Schlussfolgerung ab, dass zu viele Akademikerkinder studieren.
Warum befasst sich eigentlich niemand mit den wirklich spannenden Fragen? Warum kam noch keine Studie an die Öffentlichkeit, in der Wissenschaftler bekannt geben, dass viele Kinder von Handwerksmeistern überraschend hohe handwerkliche Fähigkeiten an den Tag legen? Man könnte sogar nachweisen, dass diese Kinder in vielen Fällen selbst erfolgreiche Handwerker werden.
Als Leser einer solchen Studie würden wir wohl mit den Schultern zucken. Natürlich geben Handwerker ihre Werte und ihre Fähigkeiten an die Kinder weiter. Natürlich helfen sie ihren Kindern beim Lernen, beim Arbeiten und beim Sammeln von Erfahrungen. Was sollten sie denn sonst tun? Das Handwerk hat schließlich trotz Kammerzwang und übermäßiger staatlicher Regelungswut immer noch einen goldenen Boden.
Eine Statistik über die Häufigkeit der Entwicklung »reinblütiger« Akademikerkinder zu jungen Akademikern sagt uns also streng genommen auch nichts Neues. Warum werden diese Statistiken dann so gern veröffentlicht und warum wird so oft daraus zitiert? Sind die Zahlen wirklich so besorgniserregend und kann man daraus die Notwendigkeit politischen Handelns ableiten? In der DDR-Zeit habe ich gelernt, dass der Begriff »Akademikerkind« offensichtlich eine Definitionsfrage ist: entweder man erfasst den erlernten Beruf oder man erfasst den höchsten Abschluss.
Wenn ich so einen Bericht in die Hand bekäme, würde ich zuerst einmal nachsehen, wer eigentlich als Akademikerkind gilt. In Deutschland gibt es reiche Akademiker, arme Akademiker, reiche Nicht-Akademiker und arme Nicht-Akademiker. Aber es gibt auch Partnerschaften zwischen einem Professor und einer Krankenschwester oder einer Ärztin und einem Buchhalter. Werden deren Kinder zu den Akademikerkindern gezählt? Geht es nach der Mutter oder nach dem Vater? Oder setzt sich Akademikerblut immer durch?
Praktischerweise kann der komplette Bericht als PDF-Datei heruntergeladen werden. Bildet Euch eine Meinung über die Zahlen. Und dann entscheidet selbst, ob die Verdichtung der Ergebnisse auf vier Zahlen noch zur Statistik oder schon zur Unpolitik gehört:
In Deutschland entscheidet die soziale Herkunft ganz maßgeblich über den Bildungsweg; bei der Verteilung von Bildungschancen gibt es eine soziale Polarisierung. 83 von 100 Akademiker-Kindern studierenden, aber nur 23 von 100 Kindern aus Familien ohne akademische Tradition. Die neue Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) bestätigt: Das deutsche Hochschulsystem ist sozial selektiv. DSW-Präsident Prof. Dr. Rolf Dobischat fordert: soziale Öffnung der Hochschulen, mehr BAföG, mehr Unterstützung für die Studentenwerke.
Das Zitat stammt von der Hauptseite der Studentenwerke und steht unter dem Titel Ungleiche Bildungschancen: Neue Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks . Eine direkte Verknüpfung habe ich nicht gefunden und im eigentlichen Artikel fehlt dieser Abschnitt.
Statistische Daten: 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (PDF, 500 Seiten, ca. 3 MByte).
Verfasst von stefanolix um 09:40 Uhr in der Kategorie Bildungspolitik, Grundsatzfragen, Sprache (Trackback)