“Cicero” in fünf Stunden

Heute hatte ich mal wieder ausgiebig Muße, ohne diese mit Bloggen überbrücken zu können. Das heißt auch “Bahnfahrt”. Ok, es gibt UMTS. Für BASE-Nutzer aber nur provisorisch, und außerdem habe ich keine Lust, der Welt zu zeigen, dass der Typ im Anzug nebenan sich auch gerne “Rayson” nennt. Also habe ich eine andere Gegenstrategie, und die lautet: Lies, was du sonst nicht liest. Also z.B. die “Zeit”. Oder, wie heute, “Cicero”.

Und ich weiß nicht, lag’s an den Umständen oder an der Lektüre selbst, diesmal blieb bis zum Erreichen des kurfürstlichen Heimatbahnhofs ein frustrierter Rayson zurück. Danach ließ ich mich von einem dubiose in Arabisch verfasste Bücher lesenden Taxifahrer nach Hause kutschieren - und “Cicero” war erstmal egal. Bis jetzt. Denn ich fühle den bloggerischen Drang, die Welt an meinem Frust teilhaben zu lassen.

Ich werde all das überspringen, was mich nicht die Bohne interessiert hat. Das war schon genug, hat aber wohl mehr mit meiner bevorzugten Eigenschaft als Banause zu tun. Steigen wir ein in die Rubrik “Berliner Republik”. Auf Seite 52 versucht sich eine Frau Cathrin Wilhelm (ach, was waren das noch für Zeiten, als die Katrins noch “Katrin” oder wenigstens “Kathrin” hießen) an einer Analyse der Hintergründe der Wirtschaftsminister in den deutschen Ländern. Mit der notorischen NRW-Ausnahme Christa Thoben handelt es sich dabei ausschließlich um Männer. Was die Autorin zur Bemerkung veranlasste:

Mit einer Ausnahme verfügen alle Probanden über ein Y-Chromosom in doppelter Ausführung.

Ich weiß nicht, was die Frau Wilhelm, ihres Zeichens “Unternehmensberaterin und freie Autorin” weiß, aber entweder sind diese Minister medizinische Wunder oder weisen eine numerische Chromosomenaberration auf mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:850 auf, was in beiden Fällen eine Sensation wäre. Oder die gute Frau Wilhelm leidet unter dem landesweiten Effekt der Halbbildung. Ich weiß aber, was wahrscheinlicher ist.

Überspringen wir den Teil, wo der unvermeidliche Frank A. Meyer mindestens ebenso unvermeidlich entweder gegen etwas Konservatives oder etwas Liberales geifert (diesmal: die römisch-katholische Kirche).

Kommen wir lieber direkt zur Frage “Wer ist Deutschlands bester Ministerpräsident” (Seite 62)?
Wen würden Sie fragen, wenn Sie eruieren müssten, wie beliebt der Ministerpräsident von, sagen wir mal, Sachsen-Anhalt ist? Die Sachsen-Anhaltiner? Oder eher den Rest Deutschlands? Richtige Antwort - leider hat sich “Cicero” für den Rest Deutschlands entschieden, und so dürfte außerhalb Sachsen-Anhalts die größte Aufgabe gewesen sein, den Namen des entsprechenden Herrn herauszufinden (im konkreten Fall: Der Mann heißt Wolfgang Böhmer). Klar - das jeweilige Bundesland durfte mitentscheiden, aber gefragt wurden alle. Wie sinnvoll. Das Ergebnis verrate ich nicht. Es ist eh nix wert.

Kommen wir zur Rubrik “Kapital” und dem Schweizer Schriftsteller Urs Widmer. Wenn ich das Drumherum richtig verstanden habe, will uns dieser Mensch vermitteln, dass erstens mittlerweile eine Sprache der Wirtschaft in unsere Köpfe Einzug hält, die zweitens nicht nur militaristisch ist, sondern auch “präfaschistisch”. Ich muss mich aufs “Drumherum” beziehen, weil der Text selbst ein Beispiel für einen ideellen Windbeutel par excellence ist: Ein Minimum an Substanz voluminös aufgeblasen. Der Text wird seinem Anspruch in keinem Moment gerecht, geschweige denn seiner Aussage. Hier sonderte ein Typ selbst Slang ab, der unter seinesgleichen vielleicht goutiert werden mag, vor dem Hintergrund dessen, was er zu entlarven vorgibt, aber fürchterlich peinlich daherkommt. Sollte jemand wild auf Selbstmordattentate sein und das Machwerk verteidigen wollen, liefere ich gerne die Steckschüsse nach. Oh, wie martialisch war das denn formuliert…

Treffend dagegen muss man die Sektion “Salon” nennen, die ich auch wirklich mit Gewinn gelesen habe. Vielleicht, weil sich die Autoren nicht an einer Botschaft verheben mussten.

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22 Kommentare zu ““Cicero” in fünf Stunden”

  1. Buenavista
    28.06.2007 | 23:58

    الف ليلة وليلة

    Obskure arabische Bücher…

  2. 29.06.2007 | 0:05

    Dubios, nicht obskur…

  3. Buenavista
    29.06.2007 | 0:57

    Warum dubios? War ein Jihadi auf dem Cover?
    Oder könnte es auch was von Mahfus gewesen sein?

  4. 29.06.2007 | 2:41

    Kitab Al’Azif

  5. Buenavista
    29.06.2007 | 3:41

    Naturalmente, un manuscritto

  6. 29.06.2007 | 10:25

    lol @ David

  7. Hardy
    29.06.2007 | 16:53

    Stammt Frau Cathrin Wilhelm eventuell aus Bremen? Warum? Dazu ein Zitat von Richard Rogler, welches da lautete: “Was in Bremen Hochschulabschluss heißt, heißt in München Einschulung.”

  8. 30.06.2007 | 14:58

    “Unternehmensberaterin” und “freie Autorin” sind doch beides keine geschützten Titel. Vielleicht wurde Cathrin ja gerade erst eingeschult?

  9. DDH
    30.06.2007 | 23:12

    Der unvermeidliche Frank A. Meyer kriegt in der Weltwoche desöfteren von Christoph Mörgeli sein Fett weg. Und die empfiehlt sich auf längeren Bahnreisen sowieso! :-)

  10. Rahvin
    1.07.2007 | 1:02

    Jetzt hast du mich aber doch sehr neugierig gemacht, wer denn nun “Deutschlands bester Ministerpräsident” ist! Wowereit etwa…? ;)

  11. 1.07.2007 | 1:13

    MomoRules wird sich freuen, sage ich da nur. Und nicht nur der. Ansonsten verweise ich auf Google.

  12. der gute don
    1.07.2007 | 10:49

    Und nicht nur der.

    und nicht nur sie.

  13. 1.07.2007 | 13:51

    “und nicht nur sie.”

    Echt? Unter der Mail, die ich mal von ihm bekommen habe, stand auch jedenfalls Männername, wenn ich mich nicht sehr irre. Aber mir fällt gerade auch auf, wie egal mir das eigentlich ist.

  14. 1.07.2007 | 14:03

    Das kommt dabei raus, wenn man Sätze nachträglich ‘verbessert’. Sollte mir das abgewöhnen.

  15. 1.07.2007 | 16:29

    Wer bei MR öfters liest, wird kaum auf den Gedanken kommen können, dass es sich bei ihm um eine Frau handeln könnte.

  16. der gute don
    1.07.2007 | 16:50

    dachte ich hätte das bei che mal so verstanden - aber so wichtig ist es nun wirklich nicht.

  17. 1.07.2007 | 19:00

    @Rayson: Witzigerweise war mir bis auf diese eine Email nichts eindeutiges eingefallen, als ich die Antwort schrieb. Das ist inzwischen anders.

  18. 2.07.2007 | 9:57

    *träller* Schwule Mädchen… ;)

  19. 2.07.2007 | 10:10

    Ebend.

  20. 2.07.2007 | 11:26

    @Karsten: Tatsächlich fiel mir irgendwann Euer geplanter Club für übergewichtige, rauchende Schwule wieder ein. Das war dann eindeutig.

  21. 2.07.2007 | 12:14

    Um wieder ein klein wenig auf das Thema zurückzukommen: die letzte »Cicero«-Ausgabe war etwas besser. Darin ging es beispielsweise auch um das Aufdecken der Manipulation der öffentlichen Meinung in Sachen Weltklima (beteiligt waren z.B. die unzertrennlichen Achse-Autoren M & M). Das war gleichzeitig meine erste »Cicero«-Ausgabe. Die aktuelle Ausgabe habe ich mir nach Raysons Artikel natürlich nicht gekauft. Ich habe stattdessen wieder zur »BrandEins« gegriffen.

  22. LorenzF
    2.07.2007 | 20:47

    Zum Thema Schwule verbreitet sich gerade die neurechte Aktivistin Ellen Kositza in “eigentümlich frei”.

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