28. Juni 2007
“Cicero” in fünf Stunden
Heute hatte ich mal wieder ausgiebig Muße, ohne diese mit Bloggen überbrücken zu können. Das heißt auch “Bahnfahrt”. Ok, es gibt UMTS. Für BASE-Nutzer aber nur provisorisch, und außerdem habe ich keine Lust, der Welt zu zeigen, dass der Typ im Anzug nebenan sich auch gerne “Rayson” nennt. Also habe ich eine andere Gegenstrategie, und die lautet: Lies, was du sonst nicht liest. Also z.B. die “Zeit”. Oder, wie heute, “Cicero”.
Und ich weiß nicht, lag’s an den Umständen oder an der Lektüre selbst, diesmal blieb bis zum Erreichen des kurfürstlichen Heimatbahnhofs ein frustrierter Rayson zurück. Danach ließ ich mich von einem dubiose in Arabisch verfasste Bücher lesenden Taxifahrer nach Hause kutschieren - und “Cicero” war erstmal egal. Bis jetzt. Denn ich fühle den bloggerischen Drang, die Welt an meinem Frust teilhaben zu lassen.
Ich werde all das überspringen, was mich nicht die Bohne interessiert hat. Das war schon genug, hat aber wohl mehr mit meiner bevorzugten Eigenschaft als Banause zu tun. Steigen wir ein in die Rubrik “Berliner Republik”. Auf Seite 52 versucht sich eine Frau Cathrin Wilhelm (ach, was waren das noch für Zeiten, als die Katrins noch “Katrin” oder wenigstens “Kathrin” hießen) an einer Analyse der Hintergründe der Wirtschaftsminister in den deutschen Ländern. Mit der notorischen NRW-Ausnahme Christa Thoben handelt es sich dabei ausschließlich um Männer. Was die Autorin zur Bemerkung veranlasste:
Mit einer Ausnahme verfügen alle Probanden über ein Y-Chromosom in doppelter Ausführung.
Ich weiß nicht, was die Frau Wilhelm, ihres Zeichens “Unternehmensberaterin und freie Autorin” weiß, aber entweder sind diese Minister medizinische Wunder oder weisen eine numerische Chromosomenaberration auf mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:850 auf, was in beiden Fällen eine Sensation wäre. Oder die gute Frau Wilhelm leidet unter dem landesweiten Effekt der Halbbildung. Ich weiß aber, was wahrscheinlicher ist.
Überspringen wir den Teil, wo der unvermeidliche Frank A. Meyer mindestens ebenso unvermeidlich entweder gegen etwas Konservatives oder etwas Liberales geifert (diesmal: die römisch-katholische Kirche).
Kommen wir lieber direkt zur Frage “Wer ist Deutschlands bester Ministerpräsident” (Seite 62)?
Wen würden Sie fragen, wenn Sie eruieren müssten, wie beliebt der Ministerpräsident von, sagen wir mal, Sachsen-Anhalt ist? Die Sachsen-Anhaltiner? Oder eher den Rest Deutschlands? Richtige Antwort - leider hat sich “Cicero” für den Rest Deutschlands entschieden, und so dürfte außerhalb Sachsen-Anhalts die größte Aufgabe gewesen sein, den Namen des entsprechenden Herrn herauszufinden (im konkreten Fall: Der Mann heißt Wolfgang Böhmer). Klar - das jeweilige Bundesland durfte mitentscheiden, aber gefragt wurden alle. Wie sinnvoll. Das Ergebnis verrate ich nicht. Es ist eh nix wert.
Kommen wir zur Rubrik “Kapital” und dem Schweizer Schriftsteller Urs Widmer. Wenn ich das Drumherum richtig verstanden habe, will uns dieser Mensch vermitteln, dass erstens mittlerweile eine Sprache der Wirtschaft in unsere Köpfe Einzug hält, die zweitens nicht nur militaristisch ist, sondern auch “präfaschistisch”. Ich muss mich aufs “Drumherum” beziehen, weil der Text selbst ein Beispiel für einen ideellen Windbeutel par excellence ist: Ein Minimum an Substanz voluminös aufgeblasen. Der Text wird seinem Anspruch in keinem Moment gerecht, geschweige denn seiner Aussage. Hier sonderte ein Typ selbst Slang ab, der unter seinesgleichen vielleicht goutiert werden mag, vor dem Hintergrund dessen, was er zu entlarven vorgibt, aber fürchterlich peinlich daherkommt. Sollte jemand wild auf Selbstmordattentate sein und das Machwerk verteidigen wollen, liefere ich gerne die Steckschüsse nach. Oh, wie martialisch war das denn formuliert…
Treffend dagegen muss man die Sektion “Salon” nennen, die ich auch wirklich mit Gewinn gelesen habe. Vielleicht, weil sich die Autoren nicht an einer Botschaft verheben mussten.
Verfasst von Rayson um 22:10 Uhr in der Kategorie Politik, Presse / SPON- und taz-Blog (Trackback)