28. Juni 2007
Historischer Rückblick: die gen-freie Landwirtschaft in der UdSSR
Normalerweise ist das Schlagwort “gen-freie Landwirtschaft” eine (absurde) sprachliche Schlamperei, geboren aus dem durchaus un-politischen Drang zur griffigen Formulierung. Gemeint ist eine Landwirtschaft, in der keine transgenen Pflanzen oder Tiere verwendet werden.
Es gab allerdings tatsächlich in einem großen Staat Bestrebungen, nicht etwa “nur” die “Gentechnik” aus der Landwirtschaft zu verbannen, sondern gleich die ganze Genetik - eine im wahrsten Sinne des Wortes “gen-freie” Landwirtschaft. Ich meine damit die gut 30-jährige Vorherrschaft des Lyssenkoismus in der UdSSR. Kaum zu glauben, aber von den 30er Jahren bis 1962 wurde an Schulen, Fachschulen und Hochschulen gelehrt:
Die Vererbung ist eine Eigenschaft des gesamten Organismus. Es existieren keine diskreten Erbanlagen oder Gene.
Biologen, die in Übereinstimmung mit experimentellen Befunden an der Genetik festhielten, wurden als “unwissenschaftliche bürgerliche Metaphysiker” beschimpft, erhielten Berufsverbote oder kamen, bei Kontakt zu “imperialistisch-faschistischen” ausländischen Biologen ins Arbeitslager (ab 1941 war die Genetik “faschistisch”, weil die Rassenlehre der Nazis auf den Mendelschen Regeln beruhte).
Bis etwa 1930 hatten die Genetiker der jungen UdSSR international einen guten Ruf - allen voran Tschetwerikow, einer der Begründer der Populationsgenetik, (1940 Arbeitsverbot und Verbannung), und der experimentelle Genetiker Wawilow, der in den 30ern Lyssenkos Hauptgegner war (1940 auf Geheiß Lyssenkows verhaftet, 1943 im Straflager gestorben).
Da aber jeder Versuch scheiterte, das wissenschaftliche Problem des Vererbungsmechanismus mit Hilfe des dialektischen Materialismus ideologisch befriedigend zu lösen, gerieten die Genetiker in den Verdacht “bürgerliche Idealisten” zu sei, die an ein (damals noch nicht praktisch nachgewiesenes) “metaphysisches Konstrukt” namens Gen glaubten.
Zum Pech für die experimentellen Genetiker wurden erst in den 30er Jahren ertragreichere neue Getreidesorten in Kenntnis der Mendelsche Regeln gezüchtet - und zwar ausgerechnet in den USA. (Vor allem waren es “Hybrid-Sorten” mit doppeltem Chromosomensatz. Wenn aber in den Chromosomen gar keine genetischen Informationen stecken, weil es ja gar keine Gene gibt, dann macht die ganze Hybridzüchterei keinen Sinn. Vermutlich handelt es sich also um eine Desinformationskampagne des Klassenfeindes, der die wahren Geheimnisse seiner ertragreichen und robusten neuen Getreidesorten hinterlistig für sich behält.)
Während der Hungersnöte um 1930 fiel es Radikalen leicht, die unter anderem mit der Fruchtfliege Drosophila experimentierenden Biologen zu verurteilen - weil sie sich mit “unnützen Fliegen” abgaben, anstatt sich um die Landwirtschaft zu kümmern.
Der Agronom Trofim Denissowitsch Lyssenko “entdeckte” 1928 eine landwirtschaftliche Arbeitstechnik, die er “Jarowisation” nannte, bei der man Ernten von Wintergetreide auch bei Aussaat im Frühjahr erhält. (Tatsächlich ist diese Methode, genannt Vernalisation, welche Feuchtigkeit und tiefe Temperaturen einsetzt, schon seit 1854 bekannt und wurde in den zwanzig Jahren vor Lyssenko intensiv studiert. Ihre Nützlichkeit wurde grotesk überschätzt.) Lyssenko war der Ansicht, Wintergetreide durch geeignete Umwelteinflüsse in Sommergetreide umgewandelt zu haben. Auf dieser Überzeugung baute er eine Vererbungslehre auf, deren Kernsatz lautete:
Durch veränderte Umwelt- und Lebensbedingungen können erbliche Veränderungen induziert werden. Der Charakter der Veränderungen ist dem Charakter der induzierenden Bedingungen adäquat.
. Es ist ein “modernisierter” Lamarkismus, der die Vererbung erworbener Eigenschaften vertritt - modernisiert insofern, indem er gegen die experimentelle Widerlegung des klassischen Lamarkismus mittels zahlreicher Hilfshypothesen “immunisiert” wurde.
Lysenko hatte alle Trümpfe in der Hand:
Er war ein echtes Bauernkind, er kümmerte sich in der Hungersnot nicht um “Fliegen”, sondern um das Getreide (tatsächlich hatte er einige Erfolge bei der Zucht von winterhartem Weizen), seine “Theorie” passte haargenau zum dialektische Materialismus, er verstand immerhin soviel von Genetik, um gegen sie erfolgreich polemisieren zu können - allerdings war Lyssenkos Spruch, Genetiker seien “Fliegen-Liebhaber und Menschenhasser” bei weitem der Wirksamste - und er hatte gute Beziehungen zum Geheimdienst NKWD. Für die Propaganda war er ein Held. Schließlich wurde er von Stalin zu seinem persönlichen Landwirtschaftsberater ernannt. Dass er systematisch Versuchsergebnisse fälschte, um seine “Theorie” zu “erhärten”, brauchte ja niemand zu wissen. Auf seine Anweisung hin wurden erhebliche Flächen mit Weizen bepflanzt, die dafür klimatisch nicht geeignet waren, z. B. im nordrussischen Taigagürtel, in dem allenfalls Gerste und Hafer gedeihen. Die dadurch hervorgerufenen Missernten verschärften die ohnehin schlechte Ernährungslage der russischen Bevölkerung deutlich, es kam zu Hungersnöten.
Nachdem Lyssenko 1938 Präsident der Akademie für Landwirtschaftswissenschaften geworden war, ließ er seine Gegner, die Genetiker, systematisch verfolgen. Ab ca. 1941 war seine Theorie “offizielle Lehrmeinung”. Im August 1948 organisierte er eine Sitzung der Akademie für Agrarwissenschaften, auf der er, mit ausdrücklicher Rückendeckung Stalins, die “sowjetfeindliche” Wissenschaft der Genetik offiziell zur verbrecherischen Pseudowissenschaft erklärt wurde. Eine Periode erzwungenen Gehorsams gegenüber den von Lyssenko und seinen Anhängern in schneller Folge aufgestellten, oft absurden, “Theorien” auf allen Gebieten der Biologie begann.
Obwohl sein Stern unter Chruschtschow zu sinken begann, bleiben seine “Erkenntnisse” weiterhin die einzig gültige biologische Lehrmeinung in der UdSSR. Bis Mitte der 50er Jahre strahlte der Lyssenkoismus auch auf andere sozialistische Länder aus, konnte sich aber außerhalb der UdSSR nirgendwo völlig durchsetzen.
Erst 1962 wurden seine wissenschaftlichen Fehlinterpretationen und Fälschungen sowie seine Politik der politischen Ausgrenzung wissenschaftlicher Kritiker durch prominente Naturwissenschaftler, darunter Jakow Seldowitsch, Witali Ginsburg und Pjotr Kapiza, offengelegt. Lyssenko, ohnehin dem Pensionsalter nahe, wurde daraufhin von Chruschtschow entlassen. Unter dem Eindruck der Erfolge der “neue Biologie” und der Entdeckung des “genetisches Codes” versuchte die UdSSR nun hektisch an die internationale Entwicklung anzuknüpfen. Während die Umstellung des Unterrichtsstoff an Schulen und Hochschulen erstaunlich schnell gelang, fehlte es der UdSSR nicht nur in der biologischen Forschung an Fachleuten - weil gut 30 Jahre keine Pflanzengenetik mehr gelehrt worden war, befand sich die Pflanzenzucht im desaströsen Zustand. Noch zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Lyssenkoismus lagen die Hektarerträge der sowjetischen Landwirtschaft weit hinter Westeuropa, aber auch hinter den weniger “lysenkogeschädigten” anderen RGW-Ländern zurück - die UdSSR war praktisch ständig auf Getreideimporte angewiesen, in guten Jahren “unauffällig” aus RGW-Ländern, in schlechten gegen Gold aus Kanada, den USA , Australien, Westeuropa und sogar aus dem einstigen “Hungerland” Indien.
Auch die ökologische Verwüstungen riesiger Gebiete Innerasiens sind zum Teil “Erbstücke” Lyssenkos - direkt durch bodenzerstörende Anbaumethoden wie das lyssenkosche Tiefpflügen, indirekt durch Mangel an biologischem Grundwissen, was z. B. zu unnötig großem Herbiziteinsatz, Erosion und vergleichsweise enormen Wasserverbrauch führte.
Heute steht der Begriff Lyssenkoismus allgemein für die Unterordnung der wissenschaftlicher Erkenntnis unter die Wunschvorstellungen der Politik.
Verfasst von MartinM um 20:40 Uhr in der Kategorie Geschichte, Grundsatzfragen, International, Umweltpolitik (Trackback)