Historischer Rückblick: die gen-freie Landwirtschaft in der UdSSR

Normalerweise ist das Schlagwort “gen-freie Landwirtschaft” eine (absurde) sprachliche Schlamperei, geboren aus dem durchaus un-politischen Drang zur griffigen Formulierung. Gemeint ist eine Landwirtschaft, in der keine transgenen Pflanzen oder Tiere verwendet werden.

Es gab allerdings tatsächlich in einem großen Staat Bestrebungen, nicht etwa “nur” die “Gentechnik” aus der Landwirtschaft zu verbannen, sondern gleich die ganze Genetik - eine im wahrsten Sinne des Wortes “gen-freie” Landwirtschaft. Ich meine damit die gut 30-jährige Vorherrschaft des Lyssenkoismus in der UdSSR. Kaum zu glauben, aber von den 30er Jahren bis 1962 wurde an Schulen, Fachschulen und Hochschulen gelehrt:

Die Vererbung ist eine Eigenschaft des gesamten Organismus. Es existieren keine diskreten Erbanlagen oder Gene.

Biologen, die in Übereinstimmung mit experimentellen Befunden an der Genetik festhielten, wurden als “unwissenschaftliche bürgerliche Metaphysiker” beschimpft, erhielten Berufsverbote oder kamen, bei Kontakt zu “imperialistisch-faschistischen” ausländischen Biologen ins Arbeitslager (ab 1941 war die Genetik “faschistisch”, weil die Rassenlehre der Nazis auf den Mendelschen Regeln beruhte).
Bis etwa 1930 hatten die Genetiker der jungen UdSSR international einen guten Ruf - allen voran Tschetwerikow, einer der Begründer der Populationsgenetik, (1940 Arbeitsverbot und Verbannung), und der experimentelle Genetiker Wawilow, der in den 30ern Lyssenkos Hauptgegner war (1940 auf Geheiß Lyssenkows verhaftet, 1943 im Straflager gestorben).
Da aber jeder Versuch scheiterte, das wissenschaftliche Problem des Vererbungsmechanismus mit Hilfe des dialektischen Materialismus ideologisch befriedigend zu lösen, gerieten die Genetiker in den Verdacht “bürgerliche Idealisten” zu sei, die an ein (damals noch nicht praktisch nachgewiesenes) “metaphysisches Konstrukt” namens Gen glaubten.
Zum Pech für die experimentellen Genetiker wurden erst in den 30er Jahren ertragreichere neue Getreidesorten in Kenntnis der Mendelsche Regeln gezüchtet - und zwar ausgerechnet in den USA. (Vor allem waren es “Hybrid-Sorten” mit doppeltem Chromosomensatz. Wenn aber in den Chromosomen gar keine genetischen Informationen stecken, weil es ja gar keine Gene gibt, dann macht die ganze Hybridzüchterei keinen Sinn. Vermutlich handelt es sich also um eine Desinformationskampagne des Klassenfeindes, der die wahren Geheimnisse seiner ertragreichen und robusten neuen Getreidesorten hinterlistig für sich behält.)
Während der Hungersnöte um 1930 fiel es Radikalen leicht, die unter anderem mit der Fruchtfliege Drosophila experimentierenden Biologen zu verurteilen - weil sie sich mit “unnützen Fliegen” abgaben, anstatt sich um die Landwirtschaft zu kümmern.
Der Agronom Trofim Denissowitsch Lyssenko “entdeckte” 1928 eine landwirtschaftliche Arbeitstechnik, die er “Jarowisation” nannte, bei der man Ernten von Wintergetreide auch bei Aussaat im Frühjahr erhält. (Tatsächlich ist diese Methode, genannt Vernalisation, welche Feuchtigkeit und tiefe Temperaturen einsetzt, schon seit 1854 bekannt und wurde in den zwanzig Jahren vor Lyssenko intensiv studiert. Ihre Nützlichkeit wurde grotesk überschätzt.) Lyssenko war der Ansicht, Wintergetreide durch geeignete Umwelteinflüsse in Sommergetreide umgewandelt zu haben. Auf dieser Überzeugung baute er eine Vererbungslehre auf, deren Kernsatz lautete:

Durch veränderte Umwelt- und Lebensbedingungen können erbliche Veränderungen induziert werden. Der Charakter der Veränderungen ist dem Charakter der induzierenden Bedingungen adäquat.

. Es ist ein “modernisierter” Lamarkismus, der die Vererbung erworbener Eigenschaften vertritt - modernisiert insofern, indem er gegen die experimentelle Widerlegung des klassischen Lamarkismus mittels zahlreicher Hilfshypothesen “immunisiert” wurde.
Lysenko hatte alle Trümpfe in der Hand:
Er war ein echtes Bauernkind, er kümmerte sich in der Hungersnot nicht um “Fliegen”, sondern um das Getreide (tatsächlich hatte er einige Erfolge bei der Zucht von winterhartem Weizen), seine “Theorie” passte haargenau zum dialektische Materialismus, er verstand immerhin soviel von Genetik, um gegen sie erfolgreich polemisieren zu können - allerdings war Lyssenkos Spruch, Genetiker seien “Fliegen-Liebhaber und Menschenhasser” bei weitem der Wirksamste - und er hatte gute Beziehungen zum Geheimdienst NKWD. Für die Propaganda war er ein Held. Schließlich wurde er von Stalin zu seinem persönlichen Landwirtschaftsberater ernannt. Dass er systematisch Versuchsergebnisse fälschte, um seine “Theorie” zu “erhärten”, brauchte ja niemand zu wissen. Auf seine Anweisung hin wurden erhebliche Flächen mit Weizen bepflanzt, die dafür klimatisch nicht geeignet waren, z. B. im nordrussischen Taigagürtel, in dem allenfalls Gerste und Hafer gedeihen. Die dadurch hervorgerufenen Missernten verschärften die ohnehin schlechte Ernährungslage der russischen Bevölkerung deutlich, es kam zu Hungersnöten.
Nachdem Lyssenko 1938 Präsident der Akademie für Landwirtschaftswissenschaften geworden war, ließ er seine Gegner, die Genetiker, systematisch verfolgen. Ab ca. 1941 war seine Theorie “offizielle Lehrmeinung”. Im August 1948 organisierte er eine Sitzung der Akademie für Agrarwissenschaften, auf der er, mit ausdrücklicher Rückendeckung Stalins, die “sowjetfeindliche” Wissenschaft der Genetik offiziell zur verbrecherischen Pseudowissenschaft erklärt wurde. Eine Periode erzwungenen Gehorsams gegenüber den von Lyssenko und seinen Anhängern in schneller Folge aufgestellten, oft absurden, “Theorien” auf allen Gebieten der Biologie begann.
Obwohl sein Stern unter Chruschtschow zu sinken begann, bleiben seine “Erkenntnisse” weiterhin die einzig gültige biologische Lehrmeinung in der UdSSR. Bis Mitte der 50er Jahre strahlte der Lyssenkoismus auch auf andere sozialistische Länder aus, konnte sich aber außerhalb der UdSSR nirgendwo völlig durchsetzen.
Erst 1962 wurden seine wissenschaftlichen Fehlinterpretationen und Fälschungen sowie seine Politik der politischen Ausgrenzung wissenschaftlicher Kritiker durch prominente Naturwissenschaftler, darunter Jakow Seldowitsch, Witali Ginsburg und Pjotr Kapiza, offengelegt. Lyssenko, ohnehin dem Pensionsalter nahe, wurde daraufhin von Chruschtschow entlassen. Unter dem Eindruck der Erfolge der “neue Biologie” und der Entdeckung des “genetisches Codes” versuchte die UdSSR nun hektisch an die internationale Entwicklung anzuknüpfen. Während die Umstellung des Unterrichtsstoff an Schulen und Hochschulen erstaunlich schnell gelang, fehlte es der UdSSR nicht nur in der biologischen Forschung an Fachleuten - weil gut 30 Jahre keine Pflanzengenetik mehr gelehrt worden war, befand sich die Pflanzenzucht im desaströsen Zustand. Noch zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Lyssenkoismus lagen die Hektarerträge der sowjetischen Landwirtschaft weit hinter Westeuropa, aber auch hinter den weniger “lysenkogeschädigten” anderen RGW-Ländern zurück - die UdSSR war praktisch ständig auf Getreideimporte angewiesen, in guten Jahren “unauffällig” aus RGW-Ländern, in schlechten gegen Gold aus Kanada, den USA , Australien, Westeuropa und sogar aus dem einstigen “Hungerland” Indien.
Auch die ökologische Verwüstungen riesiger Gebiete Innerasiens sind zum Teil “Erbstücke” Lyssenkos - direkt durch bodenzerstörende Anbaumethoden wie das lyssenkosche Tiefpflügen, indirekt durch Mangel an biologischem Grundwissen, was z. B. zu unnötig großem Herbiziteinsatz, Erosion und vergleichsweise enormen Wasserverbrauch führte.

Heute steht der Begriff Lyssenkoismus allgemein für die Unterordnung der wissenschaftlicher Erkenntnis unter die Wunschvorstellungen der Politik.

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13 Kommentare zu “Historischer Rückblick: die gen-freie Landwirtschaft in der UdSSR”

  1. 28.06.2007 | 20:53

    Boah! Welch Quell für zeitgenössische Analogien! Super - sowas liest man sonst kaum.

  2. stefanolix
    28.06.2007 | 22:39

    Und wer wundert sich jetzt noch über die Stellungnahmen der SED/PDS zur Gentechnik? Die alten Genossen kennen es nicht anders ;-)

  3. R.A.
    29.06.2007 | 11:09

    Ausgezeichneter Beitrag!

    Gibt es da außerhalb von Wikipedia zitierfähige Quellen im Internet?

    @stefanolix:
    Auch ein sehr interessanter Aspekt …

  4. googlehupf
    29.06.2007 | 11:42

    Toller Beitrag.

    Die Vokabel Lyssenkoismus wandert direkt in meinen Wortschatz. ;)

  5. Llarian
    29.06.2007 | 11:53

    Klasse Artikel, sowas würde ich gerne öfter hier lesen. Es sind derart viele Parallelen zur heutigen Zeit zu finden, dass man sich die Augen reibt sowas nicht gewusst zu haben.

  6. 29.06.2007 | 12:10

    R.A.: mein kleiner Aufsatz stützt sich auf das Buch von Shores A. Medwedjew - “Der Fall Lyssenko. Eine Wissenschaft kapituliert.” (Taschenbuchausgabe, dtv München, 1974 ISBN 3 455 05090 5 - dt. Erstausgabe bei: Hoffmann und Campe, Hamburg, 1971)
    Shores Alexandorwitsch Medwedjew war Biologe und in den 60er Jahren Direktor des Institutes für medizinische Radiologie in Obnisk bei Kaluga. Er war einer der wenigen international bekannten sowjetischen Genetik-Forscher der damaligen Zeit. Obwohl der Lyssenkoismus schon offiziell “in Ungnade” gefallen war, wurde Medwedjew nach der Veröffentlichung seine Manuskripte in den USA seines Postens enthoben.
    Ob es zitierfähige Texte über Lyssenko im Internet gibt, müsste ich noch herausfinden.

    Die SED/PDS bzw. “Die Linken” können sich nicht auf eine lyssenkoistische “Prägung” herausreden - weil der Lyssenkoismus die DDR in den 50er Jahren wie beschrieben “nur” in Ausläufern (in Form immer neuer landwirtschaftlicher “Wundermethoden” aus der ruhmreichen UdSSR) erreichte. Die biologischen Studiengänge der DDR bleiben der “bürgerlichen idealistischen” Genetik treu.

    Die Parallele zu heute, die ich bei weitem nicht nur bei den “Linken” sehe, besteht darin, dass es in den letzten Jahren wieder verstärkt Bestrebungen gibt, wissenschaftliche Erkenntnisse zugunsten ideologischen Überzeugungen zu unterdrücken.(Ein Beispiel für lyssenkoistisches Denken wäre das Vorgehen von Kreationisten, die versuchen, die darwinsche Evolutionstheorie aus den Schulunterricht zu verbannen.)

    Für die von mir an anderer Stelle erwähnte “ökologische Plattform” gilt z. B. dass eine Rettung der Menschheit vor dem “ökologischen Kollaps” nur durch weltweites öko-sozialistisches und deutlich autoritäres System zu verhindern ist. Das heißt, dass Anhänger dieser auf die früheren DDR-Dissidenten Wolfgang Haarich und Rudolf Bahro zurückgehenden Auffassung nach Kräften gegen alle Wissenschaftler polemisieren, die den “ökologischen Kollaps” auch ohne “Öko-Diktatur” für abwendbar halten. Ihnen fehlen aber die Machtmittel Lyssenkos - und der “Ökosozialismus” ist keine Pseudowissenschaft, sondern eine politische Ideologie. Von daher ist der Lyssenko-Vergleich nur als Analogie, nicht als Gleichsetzung, zu verstehen.

  7. 29.06.2007 | 12:47

    Ich habe mich zur Wende-Zeit mit Rudolf Bahro beschäftigt und ihn auch einmal bei einem Vortrag erlebt. Ihm ökodiktatorische Bestrebungen vorzuwerfen, erscheint mir aus der Erinnerung an seine Thesen falsch.
    Vielmehr war er doch ein Vertreter einer radikalen Graswurzel-Ausstiegs-Philosophie, die die von ihm als notwendig erachteten Veränderungen der Gesellschaft nur und ausschließlich durch persönliches Handeln erreichbar erscheinen ließ.

    Wie gesagt - das sind nur Erinnerungen an mal Gewusstes (und, ich gestehe: Geglaubtes). Vielleicht habe ich damals gewisse Dinge nicht erkannt.

  8. der gute don
    29.06.2007 | 12:54

    danke für den tollen Beitrag!

    Aus dem Wikipedia Eintrag:

    Als Lyssenko seine Arbeit in den 1930ern begann, befand sich die Landwirtschaft der Sowjetunion in einer schweren Krise. Die Kollektivierung der Bauernhöfe führte zu massiven Einbußen in der Getreideproduktion. Durch die Kollektivierung litt zunächst die Effizienz. Zudem lief sie gewaltsam ab – Hunderttausende wurden als „Kulaken“ deportiert – was den Widerstand der Bauern noch erhöhte. In der Ukraine, dem Heimatland Lyssenkos, herrschte eine Hungersnot, die Millionen von Menschen das Leben kostete.

    Politik bestimmt was Wissenschaft zu denken hat und Verstaatlichung führt zu massiven Effizienzverlusten.

    Das sollte man den SED’lern solange um den Kopf hauen, bis sie es kapieren. Oder eine Namensliste der Toten, für die Ihre linke Idee Verantwortung trägt. Aber die Listesammlung ist dann so dick, daß man sie mit einem Kran hochheben muß.

  9. R.A.
    29.06.2007 | 13:18

    @der gute don:
    > Das sollte man den
    > SED’lern solange um
    > den Kopf hauen, bis
    > sie es kapieren.
    Das wird nichts nützen.
    Die Grundthese dieser Leute ist doch, daß sie mit Stalin et al. nichts zu tun haben und dieser nur ihre genialen Ideen vermurkst habe.

  10. 29.06.2007 | 14:30

    Ja, Bahro vertrat wirklich eine radikale Graswurzel-Ausstiegs-Philosophie - und legte großen Wert auf persönliches Handeln bzw. die Einsicht in die Notwendigkeit. Er hatte eben schlechte Erfahrungen mit staatlichen Zwangsmaßnahmen gehabt und setzte buchstäblich auf ein quasi-religiöses Modell, eine weltweite “unsichtbare Kirche”. Seine Nähe zur “New Age”-Esoterik ist unübersehbar: zeitweilig war Bahro auch Anhänger Oshos (besser bekannt als Bhagwan Shree Rajneesh).
    Das Staatsmodell, dass sich Bahro als Ziel vorstellte, hat nur wenig Ähnlichkeit mit einer Demokratie - ich kenne sein Buch “Logik der Rettung”, und streckenweise überkommt mich dabei das kalte Grausen, nicht nur bei dem berüchtigten Zitat, in dem Bahro von einem “grünen Hitler” schrieb.
    Bahro schrieb etwas vom “Positiven, das im Nationalsozialismus verlarvt wäre” - und forderte, wegen der notwendigen Führergestalt, ein “neues 1933″.

    Kein Gedanke verwerflicher als der an ein neues 1933? Gerade der aber kann uns retten. Die Ökopax-Bewegung ist die erste deutsche Volksbewegung seit der Nazibewegung. Sie muß Hitler miterlösen, die seelische Tendenz, die er immer noch in uns ist.

    Dann beschreibt Bahro wodurch sich der “erlöste”, moralisch verbesserte Hitler vermeintlich vom alten unterscheidet. Aber auch Bahros Hitler 2.0 ist Diktator und mystisch überhöhter Volks(ver-)führer. So sehr ich Bahro und seinen Anhänger glauben möchte, dass sie auf die freie Entscheidung des Einzelnen entscheidenden Wert legen würden - für mich klingt das, was Bahro vor gut 20 Jahren in glühenden Farben beschrieb, nach dem “guten alten” faschistischen Führerkult, die Beschwörung der totalitären Einheit von Volk - auch wenn das frei nach Bhagwan “mystische Demokratie” genannte wird.

  11. 29.06.2007 | 14:37

    Ich muss das wohl nochmal mit meinen Augen von heute lesen. Ist ja wirklich erschreckend, was mir damals nicht sauer aufgestoßen ist…

  12. 29.06.2007 | 19:30

    Noch mal zu Bahro: das Zitat steht auf Seite 461 seines Buches “Logik der Rettung: Was kann die Apokalypse aufhalten?”, Edition Weißbrecht, Stuttgart, 1987. Dort schrieb er auch: “Ich halte die Frage nach dem Positivem, das vielleicht in der Nazibewegung verlarvt war und dann immer gründlicher pervertiert wurde, für eine aufklärerische Notwendigkeit, weil wir sonst von den Wurzeln abgeschnitten bleiben, aus denen jetzt rettendes erwachsen könnte.”
    Der Begriff vom “grünen Hitler”, den Bahro beschwören würde, stammt von zwei Autoren, die zwei extrem unterschiedliche Formen des Ökologismus anhängen: Jutta Ditfurth, ökologische Linke, die Bahro unumwunden einen “Ökofaschisten” nannte, und von Franz Alt, eigentlich Bahro-Anhänger (weshalb er Bahro auch nicht beim Namen nannte).

  13. 30.06.2007 | 16:51

    [...] Ein paar Ergänzungen zu meinem Artikel über den Lyssenkoismus. In der UdSSR galt von den 30er Jahren bis 1962 die “Vererbungstheorie” Lyssenkos von Staats wegen als offizielle Lehrmeinung (in Öffentlichkeit außerhalb der biologischen Forschung sogar bis 1964), ab 1938 wurden Biologen, die nicht dieser Lehre anhingen, verfolgt, ab 1948 galt jeder, der an Lyssenkos Theorien zweifelte, als Staatsfeind. Lyssenko hatte den Fortschritt der sowjetischen Biologie, von der Pflanzenzucht bis in die Medizin hinein, massiv behindert und ist mitverantwortlich für die chronisch schlechte Produktivität der sowjetischen Landwirtschaft und damit indirekt für mehrere Hungersnöte. An den Folgen der Lyssenko-Zeit leidet die russische Landwirtschaft noch heute. Er gilt heute als Beispiel für einen ideologisch verirrten, pseudo-wissenschaftlichen Scharlatan, dem es gelang, in den Genuss massiver politischer Protektion zu kommen. [...]

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