30. Juni 2007
Nachträge zum Lyssenkoismus
Ein paar Ergänzungen zu meinem Artikel über den Lyssenkoismus.
In der UdSSR galt von den 30er Jahren bis 1962 die “Vererbungstheorie” Lyssenkos von Staats wegen als offizielle Lehrmeinung (in Öffentlichkeit außerhalb der biologischen Forschung sogar bis 1964), ab 1938 wurden Biologen, die nicht dieser Lehre anhingen, verfolgt, ab 1948 galt jeder, der an Lyssenkos Theorien zweifelte, als Staatsfeind. Lyssenko hatte den Fortschritt der sowjetischen Biologie, von der Pflanzenzucht bis in die Medizin hinein, massiv behindert und ist mitverantwortlich für die chronisch schlechte Produktivität der sowjetischen Landwirtschaft und damit indirekt für mehrere Hungersnöte. An den Folgen der Lyssenko-Zeit leidet die russische Landwirtschaft noch heute. Er gilt heute als Beispiel für einen ideologisch verirrten, pseudo-wissenschaftlichen Scharlatan, dem es gelang, in den Genuss massiver politischer Protektion zu kommen.
Wenn man z. B. Medwedjews berühmte Dokumentation “Der Fall Lyssenko” liest, drängen sich Parallelen zu aktuellen Vorgängen zwischen Wissenschaft und Politik auf. Damit aber der Begriff “Lyssenkoismus” nicht zu einer weiteren sinnentlehrten Worthülse wie der Begriff “Neoliberalismus” oder zu einer argumentativen “Keule” wie “Faschismus” verkommt, kommt man über eine Begriffsklärung nicht herum.
Der Lyssenkoismus zeichnete sich gegenüber anderen Fällen, in denen sich die Politik in die Wissenschaft einmischte, durch zwei Merkmale aus:
- Alle nicht mit Lyssenkos Lehre übereinstimmenden Theorien und Forschungsergebnisse wurden von Staats wegen unterdrückt.
- Lyssenkos Lehre war eine von Fachleuten leicht zu entlarvende Pseudowissenschaft. (So konnten sich Lyssenkos “Theorien”, nachdem sie ab 1964 (zwei Jahre nach Lyssenkos Entlarvung) nicht mehr “offizielle Lehrmeinung” waren, nicht einmal ein Jahr lang an den Hochschulen und Fachschulen halten, so einfach war es, seine “Ergebnisse” experimentell zu wiederlegen.)
Nur wenn diese beiden Merkmale zutreffen, sollte man meiner Ansicht nach von “Lyssenkoismus” sprechen. Die Unterordnung wissenschaftlicher Erkenntnis unter die Wunschvorstellungen der Politik im Allgemeinen könnte man, in Analogie zu “faschistiod” vielleicht (augenzwinkernd) “lyssenkoid” nennen.
Nehmen wir als Beispiel den Vorschlag einige australische Umweltschützer, die die Leugnung des durch den Menschen verursachten Klimawandels auf eine Stufe mit der Leugnung des Holocaustes stellen wollen (was in vielen Ländern einem Verbot der “Klimaleugnung” gleichkäme). Würde so ein Vorschlag Gesetz, trifft der erste Punkt des Lyssenkoismus eindeutig zu, der zweite, der der Pseudowissenschaftlichkeit, jedoch nicht.
Streng genommen ist der durch menschliche Aktivitäten stark gestiegene CO2 und andere “Klimagase” ein (ungewolltes) “Experiment”, und die Annahme, dass das zu eine globalen Erwärmung mit katastrophalen Folgen führt, eine “Hypothese”. (Es klingt zynisch, aber so ist es.) Nur durch Beobachtung lässt sich klären, inwieweit sie zutrifft. Es spricht im Moment viel dafür, dass sie zum Teil zutrifft, also weder gilt: “wenn wir so weiter machen, gefährden wir den Fortbestand der Menschheit” noch “wir können ruhig so weiter machen wie bisher, am Klima ändert das nichts” - was die Lage für gern grob vereinfachende Ideologen nicht einfach macht.
Das Bestreben christlich-fundamentalistischer Kreise, den Kreationismus in die Lehrpläne der US-Schulen einzuführen, kann man tatsächlich als Vorstufe des Lyssenkoismus bezeichnen, da (1.) Politiker den Schulen vorschrieben, was als wissenschaftliche Tatsache zu gelten hat, und (2.) der “klassische” Kreationismus, der die Genesis nicht als Mythos oder Gleichnis, sondern als wortwörtlich nehmenden Tatsachenbericht auffasst, eine leicht zu wiederlegende Pseudowissenschaft ist, während “Intelligent Design” (Eingriff eines Schöpfergottes in die biologische Entwicklung) zwar eine interessante und theologisch befriedigende metaphysische Lehre sein mag, aber von der Kategorie her nun mal keine prinzipiell widerlegbare naturwissenschaftliche Theorie ist, also im Biologie-Unterricht nichts verloren hat, und schon gar nicht als allein gültige Lehre.
Dennoch ist das nur eine “Vorform”, denn der Lysenkoismus war nicht nur in der Praxis, sondern auch in seinem Anspruch zugleich Wissenschaft und Staatsdoktrin. Anders ausgedrückt: Lysenkoismus kann nicht ohne diktatorische Gewaltherrschaft existieren.
Der Lyssenkoismus in der DDR
Außerhalb der UdSSR konnte der Lyssenkoismus nur in der Volksrepublik China bis etwa zum Sturz Maos wirklich Fuß fassen. Inwiefern die Verfolgung “bourgeoiser” Wissenschaftler während des “Großen Sprung nach vorn” oder der “Kulturrevolution” wirklich der Lehre Lyssenkos geschuldet war, ist ungewiss, denn unter Mao galt selbst ein systemtreuer Intellektueller, sogar wenn er ein ehemaliger Arbeiter war, stets als potenziell unzuverlässig (weil durch seine geistige Arbeit “seiner Klassenherkunft entfremdet”).
Selbstverständlich versuchte die sowjetischen Führung, nachdem Lyssenkos Lehre 1948 als einzig zulässige “Wahrheit” galt, alles, um in ihrem direkten Einflußgebiet, d. h. in den sozialistischen Ländern, auch die nach ihrer Meinung mit dem dialektischen Materialismus übereinstimmenden Auffassungen von Lyssenkos “mitschurinschen Biologie” durchzusetzen. So auch in der gerade gegründeten DDR, wo vor allem im Schulwesen sehr bald die bisherige “klassische” Genetik verdrängt wurde.
Dennoch waren die Ideen des Lyssenkoismus nicht sehr tiefgreifend und folgenschwer verbreitet gewesen, obwohl zahlreiche Schullehrbücher in den 1950er Jahren dieses Gedankengut enthielten und es an den biologischen Fachinstituten der Universitäten zu jener Zeit praktisch unmöglich war, genetische Vorlesungen abzuhalten. Andererseits aber wurden an den Forschungsinstituten der Akademie der Wissenschaften eine exakte genetische Forschungsarbeit fortgeführt und wissenschaftlicher Nachwuchs auf diesem Gebiet ausgebildet.
Der führende Pflanzengenetiker der DDR, Akademiemitglied Hans Stubbe, verheimlichte 1951 in seinem Bericht über seine Gespräche mit Lyssenko an das ZK der SED nicht, dass er die herkömmliche “formale” Genetik der “fortschrittlichen” mitschurinschen Biologie als wissenschaftlich gerechtfertigt vorzog.
Stubbe startete zu dieser Zeit im Gaterslebener Institut neben der Weiterführung seiner Arbeiten auf dem Gebiet der Mutationsforschung ein umfangreiches Forschungsprogramm, um experimentell begründetes Material für die sich anbahnenden harten Auseinandersetzungen zu erhalten. In keinen Fall der umfangreichen Versuchsreihe an verschiedene Nutzpflanzen gelang es, die (angeblichen) sowjetische Forschungsergebnisse zu reproduzieren. Dem Zentralinstitut für Genetik und Kulturpflanzenforschung der DDR gelang es, vor allem dank dieser praktischen Widerlegung Lyssenkos, seine wissenschaftliche Autonomie zu sichern - der DDR-Pflanzenzucht blieb der “Lyssenko-Schock” weitgehend erspart.
Anders in der Zoologie, wo der Zoologe, Lysenko-Anhänger, ehemalige Moskau-Emmigrant und zeitweilige Thüringer KPD-Sekretär Georg Schneider trotz seiner schlechten wissenschaftlichen Reputation (und eines fragwürdigen Doktortitels) deutlichen Einfluss auf die akademische Lehre hatte. Seine Stellung als Direktor des Ernst-Haeckel-Hauses (einer biologischen Forschungseinrichtung) und als Professor für Theoretische Biologie an der Universität Jena nutzte Schneider bis zu seiner Berufung in den diplomatischen Dienst 1959 überwiegend zur Propagierung der pseudowissenschaftlichen Theorien Lyssenkos. Da sein fachliches Niveau sichtlich gering war, richtete er wahrscheinlich außerhalb der Hochschulen mehr Schaden an unter seinen Studenten. Schneider agierten und agitierte vor allem außerhalb der Universität mit populärwissenschaftlichen Vorträgen, vor allem an landwirtschaftlichen Bildungseinrichtungen. Auch in Zeitschriften popularisierte er den “schöpferischen Darwinismus” Lyssenkos und dessen praktischer Anwendung in der Landwirtschaft. Daneben versuchte er mit Versuchen an Axolotln (Schwanzlurchen), Lyssenkos Lehre (vergeblich) zu “erhärten”. Zum Glück für akademische Lehre an der Uni Jena wirkte Georg Uschmann mit seinen biologiehistorischen Vorlesungen als Korrektiv. Bis zur Abberufung Schneiders 1959 bestanden beide völlig konträren Richtungen nebeneinander.
Da mit dem Tod Stalins die Lyssenko-Doktrin in ihrer Macht deutlich geschwächt war und auch in der DDR die wissenschaftliche Diskussion der Mitschurin-Biologie beendet wurde, waren die darauf basierenden, wenig erfolgreichen “agrobiologischen” Bemühungen Schneiders ebenfalls nicht mehr von Interesse.
In der DDR-Biologie herrschte in den 50er Jahren eine Art “doppelte Wahrheit”: in der Praxis arbeitete und lehrte man Genetik (einschließlich Molekulargenetik, vor deren Hintergrund Lyssenkos Behauptungen völlig absurd wirken), in der Theorie und im Schuluntericht passte man sich mehr oder weniger den Vorgaben aus Moskau an, während die (offiziellen) marxistischen Philosophen (offiziell) begeisterte Lyssenko-Anhänger waren.
Das Paradoxe der wissenschaftlichen Situation nahm am Ende der “Lyssenko-Ära” absurde Züge an: während im Juni in Leipzig philosophisch über Mitschurinsche (Lyssenkoistische) und Morganistische (klassische) Genetik diskutiert wurde, versammeln sich auf Einladung des Gaterlebener Instituts für Kulturpflanzenforschung in August einige der damals in West und Ost führenden Genetiker zu Diskussionen unter dem Thema “Struktur und Funktion des genetischen Materials”. Übertragen auf die Astronomie fast so absurd, als ob in Leipzig noch die Keplerschen Gesetze in Abrede gestellt würde, während in Gatersleben schon an Raumsonden gearbeitet wird.
Das trifft auch für einen anderen wichtigen gesellschaftlichen Bereich zu, in dem der Einfluß der Lyssenko-Ideologie seit etwa 1950 besonders stark war: die Volksbildung. Die “Gaterslebener” und “klassische” Genetiker aus einigen andere wissenschaftlichen Einrichtungen hielten in der zweiten Hälfte der fünfziger und in den sechziger Jahren vor dem Hintergrund der eigenen experimentellen Erfahrungen zahlreiche Vorträge im Rahmen der Lehrer-Weiterbildung und veröffentlichten Beiträge in der Zeitschrift “Biologie in der Schule”. Damit verbreiteten sie die Ergebnisse der internationalen genetischen Forschung an den Schulen.
Hierzu zwei Aufsätze aus der “Lomonossow”, herausgegeben von der Deutschen Assoziation der Absolventen und Freunde der Moskauer Lomonossow-Universität e. V. (DAMU), Heft 3 / 1999:
Im Spannungsfeld von ‘Deutscher Biologie’, Lyssenkoismus und evolutions-ideologischer Axolotl-Forschung.
Einige Bemerkungen zu wissenschaftspolitischen Aspekten genetischer Forschungen der fünfziger Jahre in der DDR im Zusammenhang mit der Lyssenko-Problematik.
Verfasst von MartinM um 16:51 Uhr in der Kategorie Geschichte, Grundsatzfragen, International, Politik, Umweltpolitik (Trackback)