3. Juli 2007
Bildungsgrenzen
Kaum diskutiert man über Bildung, beschwört man die alten Geister herauf: Hier die Befürworter des dreigliedrigen Schulsystems, dort deren Gegner.
Wobei die Gegner meist nicht auf etwa ein zweigliedriges System abzielen, sondern auf eins mit nur einer Schulform. Das dreigliedrige System hat tatsächlich den Mangel, sozusagen zwischen den Fronten zu stehen. Denn das beste aller Schulsysteme sähe so aus: Jeder Schüler bekommt einen Privatlehrer an die Seite gestellt, der die Begabungen dieses Schülers bestmöglich fördert und seine Schwächen bestmöglich kompensiert. Der Übergang auf weiterführende (Hoch-)Schulen wäre dann durch Tests geregelt, die diese Schulen selbst definieren. Das wäre die perfekte Chancengerechtigkeit. Noch perfekter, sie beim Kindergarten beginnen zu lassen, der dann natürlich Pflicht wäre (ach, wie sich die Forderungen von Experten der pöhsen, neo-neo-neoliberalen Bertelsmann-Stiftung und hundsgewöhnlichen Linken doch gleichen können…).
Dem gegenüber stehen zwei Extreme.
Extrem 1: Wir trennen nach der vierten Klasse in doof, weniger doof und intelligent. Damit stellen wir sicher, dass die Doofen, die weniger Doofen und die Intelligenten unter sich sind und sich gegenseitig nicht behindern, während ihnen eine schulische Betreuung zuteil wird, die diesen drei Gruppen entspricht.
Extrem 2: Alle gehören in eine Schule, alle lernen das Gleiche, alle können das Gleiche, und im Verfahren “learning by Pilzzucht” wird alles Herausragende abgeschnitten. Am Ende stehen nur noch angeblich Superbegabte.
Dummerweise können wir beide Extreme erleben. Das dreigliedrige System ist in Wirklichkeit allzu oft eins, das Erfolgreiche und Gescheiterte kennt. Erfolgreich ist, wer es ins Gymnasium schafft, gescheitert ist, wer es nicht schafft. Innerhalb der Gescheiterten gibt es dann noch die mit Hoffnung (Realschule) und die ohne (Hauptschule). Wobei das extrem grob geschnitzt ist: Es gibt Bundesländer, in denen es zwar schwieriger ist, ins Gymnasium zu kommen, die aber andererseits ihren Hauptschulabsolventen echte Perspektiven eröffnen können, während es andere Länder gibt, wo bei beidem das Gegenteil der Fall ist.
Während es wiederum bestimmte Gesamtschulen gibt, die mit modernen Methoden alle ihre Schüler zu guten Leistungen bringen, denen aber andererseits solche gegenüberstehen, die ihren Schülern lediglich gute Noten verschaffen ohne die Leistung dahinter.
Daraus können wir schließen: Es liegt nicht am System, sondern daran, wie nahe es jeweils dem Ideal gebracht wird. Es ist falsch, aus ideologischen Gründen auf ein dreigliedriges System zu bestehen, ohne es in Richtung einer höheren Durchlässigkeit zu ändern. Und es ist falsch, nur in der Abschaffung des dreigliedrigen Systems das Heil zu sehen, ohne darauf zu achten, wie die nötige Differenzierung zwischen den Begabungen erzeugt wird.
Was also tun? Für Liberale liegt die Antwort auf der Hand: “Geben Sie Schulfreiheit, Sire!” Akzeptieren wir als Liberale und Nicht-Libertäre mal die staatliche Zuständigkeit für das Bildungsniveau. Dann wäre doch ein System denkbar, in dem der Staat bestimmte Qualifikationsgrenzen festlegt, es aber den Schulen überlässt, wie dieses es erreichen. Jeder Schüler bekommt einen “Bildungsgutschein”, der ihn dazu berechtigt, die bestmögliche Qualifikation zu erreichen. Schulen, ob privat oder staatlich, sind autonom in der Gestaltung ihrer Lehrpläne und der Akzeptanz von Bewerbern, ihr Budget wird sonst aber nur (es sei denn, weitere Quellen bestünden) durch die Zahl der eingereichten Bildungsgutscheine bestimmt.
Ob wir so weit gehen müssen wie Dänemark, wo es keine Schulpflicht gibt, ist eine andere, aber nicht zu ignorierende Frage.
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Verfasst von Rayson um 20:21 Uhr in der Kategorie Bildungspolitik, Politik (Trackback)