Wieder mal was zu Jazz

Gestern durfte ich den einzigen Auftritt von Medeski Scofield Martin & Wood in Deutschland genießen - natürlich in Karlsruhe zum “Zeltival” (am 04.08.07 um 20.03 Uhr auf SWR2 zu hören).

Es war wirklich ein Rausch von Rhythmen und Tönen, der dem staunenden, aber teilweise munter mittanzenden und -wippenden Publikum da geboten wurde. Ob alt (Scofield) oder jung (Rest) - im Jazz war alles eins. Und je oller, je doller - im Drang zum Experimentieren blieb Altmeister John Scofield dem “Junior” John Medeski nichts schuldig, im Gegenteil. Karlsruhe ist angesagt, Leute :-)
Dazu passt die neue Spyro-Gyra-CD, die ebenfalls gestern in meinem Briefkasten landete, wie die Faust aufs Auge. Der neue Drummer scheint den Jungs gut zu tun. Sie verstecken ihren unstillbaren Hang zur Harmonie diesmal in ungewohnteren Umgebungen, und Bonny B. bringt sogar noch Reggae in die Combo (und scheint in Sachen Steel-Drum-Herrschaft Dave Samuels vergessen machen zu wollen). Für meinen Geschmack eine der bemerkenswertesten SG-CDs der letzten Jahre. Ich wünsche mir so sehr, dass die Jungs sich wieder mal auf eine Europa-Tour begeben…

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10 Kommentare zu “Wieder mal was zu Jazz”

  1. Max
    4.07.2007 | 14:14

    Ah ja, beim Zeltival hab ich schon viele interessante Bands kennen gelernt, z.B. auch CatEmpire mit einer Mischung aus Funk, Folk und einem breiten Spektrum an Instrumenten und Rhythmen. :)

    Als kleine Schwester des “Das Fest” verlacht, finde ich hat es doch oft eine bessere Auswahl an Künstlern (wenn man mal von dem Main-Act dieses Jahr absieht, auf den ich mich schon freu) :)

  2. 5.07.2007 | 8:42

    Typisch, daß zum Thema Jazz hier dann kaum jemand kommentiert, das ist dann wohl doch zu frei für die meisten Liberalen ;-) ….

  3. stefanolix
    5.07.2007 | 10:48

    Als Dresdner kann ich das so nicht ganz stehenlassen: wir haben bei uns jedes Jahr im Mai das größte Dixieland-Festival in Europa (wobei der Begriff »Dixieland« hier weiter gefasst ist als in New Orleans).

    Mit der Politik würde ich das nicht gern vermischen. Man hört ja manchmal solche gehässigen Dinge wie »Angegrauter Sozi-Lehrer mit Schlabberpulli hört Dixielandmusik und trinkt dazu Kamillentee«. Das ist alles Quatsch. Bei den großen OpenAir-Konzerten in der »Jungen Garde« vor mehreren tausend Leuten geht es einfach nur darum, dass man Rhythmus und Spaß hat. Genauso ist es beim Straßen-Dixieland.

    In ganz speziellen Stunden höre ich auch mal »elitären« Jazz, aber dazu muss wirklich die Stimmung passen und die Zeit vorhanden sein. Ehrlich gesagt würde ich im Zweifel eher die Semperoper oder ein klassisches Konzert bevorzugen.

  4. 5.07.2007 | 11:28

    @MR

    Also ob das bei euch Linken anders wäre ;-)

    Jazz ist immer Minderheitenprogramm, und dann meist auch noch ein sehr zerfasertes. Dixie z.B. mag ich nun wieder gar nicht, aber das kann daran liegen, dass man auf NDR2 immer damit traktiert wurde, als es noch keinen privaten Rundfunk gab…

    Zum Glück ist es was für Minderheiten, muss man sagen, denn auf diese Weise kann ich sowas beim Zeltival sehen und muss nicht in irgendeine [Sponsor]-”Arena” fahren, wo ich die Protagonisten entweder nur als winzigen Punkt ganz hinten oder auf einer Leinwand wahrnehmen kann.

  5. 5.07.2007 | 12:43

    @Stefanolix:

    Als Adorno schrub, daß Jazz-Hörer nur marschieren wollen, hatte er, glaube ich, vor allem Dixie und Swing im Kopp ;-) … wobei er später auch gegen zwanghaftes Improvisieren lästerte. Aber das gehört auch nicht zu seinen Ruhmesdenkertaten.

    Aber abgesehen davon, das hatte ich mit Rayson schon mal irgendwo, ist die Geschichte des Jazz in ehemaligen “Ostblock”-Staaten eine noch ungeschriebene, aber verdammt spannende. Weil der eben die Möglichkeit bot, gegen stumpfe Parolen anzumusizieren über eine formale Auflösung des Materials, Töne und Klänge, was ja noch radikaler ist als die berühmten “grünen Elefanten”. Das ist als Praxis aktueller denn je, behaupte ich mal.

    @Rayson:

    Na, die “Exis” als Vorhut des Jazzhörertums in Europa waren aber schon eher links (was die Swing-Jugend war, das wäre auch ein spannendes Thema). Ansonsten stimmt das aber, daß man da noch andere Welten betreten kann als die gängigen Pop-Welten, mache ich selbst viel zu selten … aber mein Ernst Bloch verehrender “Werte & Normen”-Lehrer, so’n Langhaariger, hat sich in den Sixties auch immer mit Freunden zum Jazz-Hören getroffen.

  6. 5.07.2007 | 12:58

    @Rayson: Zur Ergänzung - Von Medeski Scofield Martin & Wood gibts auf der Website ein paar tolle Belege für die Klasse der Band zum Reinhören (komplette Stücke).
    http://www.mmw.net/music.jsp
    Good to Go-G scheint wunderbar zu sein. Hab’ schon mal reingehört ;-)

    @MomoRules: Wir reden doch hier nicht über Free Jazz :-)

  7. stefanolix
    5.07.2007 | 13:27

    Beim Dixieland gibt es große Qualitätsunterschiede, was man gerade an der unterschiedlichen Interpretation und Improvisation der Standardstücke merkt.

    Rayson, was Du da gehört hast, war vermutlich in dem Stil gehalten, den ich manchmal als die »Verschlagerung« des Dixieland bezeichne. Das ist so unangenehm weichgespültes Zeug wie die verschlagerte Volksmusik (authentische Volksmusik kann sehr gut sein, verschlagerte Volksmusik bringt mich zum Würgen).

    Außerdem kommt Dixie live natürlich ganz anders rüber. In unserer Freilichtbühne hat man einen ziemlich guten Blick und der Sponsor schenkt kühles Bier aus. Wir sprechen bei so einem Konzert von 5.000 bis 6.000 Menschen, mit einer XYZ-Arena hat das nix zu tun. Bei der Dixieland-Parade machen übrigens bis zu 100.000 Menschen mit.

    MomoRules, man kann natürlich nicht sagen, dass der Dixie ein Nest des Widerstandes gegen den Kommunismus war. Eher war es doch so, das sich die Leute ihre Musik gesucht haben — und gern auch den Jazz gesucht haben. In den letzten zehn Jahren der DDR war die Kulturszene ziemlich offen; man konnte wirklich recht freie Konzerte und Theateraufführungen erleben. Dass das MfS auch in diesen Kreisen viel gspitzelt und manipuliert hat, ist leider die andere Seite …

  8. 5.07.2007 | 14:07

    @stefanolix

    Ich will wirklich niemandem Dixie madig machen. Klar gibt es da auch diese “Verschlagerung”, und live ist Jazz eh immer besser als in drei Minuten gepresst, aber ich kriege schon die Krätze, wenn ich ein Banjo und eine Klarinette zusammen auf der Bühne sehe ;-)

    @Horst

    Danke für den Tipp! Aber über Free Jazz reden wir hier auch: “Medeski Scofield Martin & Wood” glitten da durchaus mal hin.

  9. 5.07.2007 | 14:41

    @Stefanolix:

    Ich meinte auch gar nicht speziell die DDR, da waren’s ja eher Blues-Messen, viel auch in Rock und Punk (letzteres ab ‘85 dann auch nicht mehr im selben Sinne unter Beschuß wie noch bis dahin - habe allerdings tatsächlich sehr viele Bilder aus Stasi-Archiven über die Szene gesehen, die war in der Tat durchsetzt. Am absurdesten ja bei Die Firma, wo - ich kann das jetzt nicht verifizieren, ist Hörensagen - der Bandname als Stasi-Karrikatur gemeint war, die sich aber, wie sich hinterher wohl, so wurde mir berichtet, herausstellte, wechselseitig bespitzelten).

    Meine Eltern hatten immer Freunde in Polen, in Prag, in Bratislava, die Jazz schon als Insel des Anderen, sozusagen, erlebten.

    @Horst.

    Auch die nicht ganz so freejazzigen Formen sind ja immer noch wat anderes als Eisler-Hymnen oder ‘nen Violinquartett von Mozart.

    Habe allerdings mal ‘ne Monteverdi-Oper hier in Hamburg gesehen, wo sie sehr auf die “folkloristischen” Elemente Wert legten, und da die Notation im Barock offenkundig noch nicht so ausgefeilt war, gab’s auch Raum auch für’s Improvisierte. Das war der Knaller. Und hat viel mit Freiheit zu tun …

  10. stefan
    18.07.2007 | 0:19

    Um den Kreis zu schließen: Jeder der sich ernsthaft mit Meister Sco auseinandergesetzt hat kann eindeutig erkennen, daß auch New Orleans Jazz zu seinen Roots gehört. Dieser Stil ist eine der Quellen , ohne die auch kein moderner Jazz existieren würde. Für einen Musiker ist Dixie
    nichts weiter als Traditionspflege und ernsthafte Jazzmusiker sind oft sehr traditionsbewußt. (Scofield respektiert mit Sicherheit die Spielweise von Eddi Condon und ähnlichen Jungs)

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