Volksempfänger

Es gibt Leute, die treten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖR) ein, weil dieser Vielfalt garantiere. Ich frage mich da zwar immer noch, wer denn entscheidet, was zu dieser Vielfalt gehört und was nicht, aber nun gut. Der Punkt ist: Ich glaube nicht, dass die Macher des ÖR das auch so sehen. Ich glaube vielmehr, dass die sich als Volkserzieher verstehen. Wie auch jetzt bei der Frage, ob man die “Tour de France” weiter übertragen soll.

Die Älteren unter uns werden sich noch an die guten, alten Dampfradiozeiten erinnern, als es nur zwei bundesweite Fernsehsender gab, ein regionales Drittes und was die Nachbarn so zustande brachten (bei mir hieß der DDR - meine Lieblingsrothäute waren zunächst Gojko Mitic und dann “Sudel-Ede“, meine Lieblings-Comedy die “aktuelle kamera”, wo Nachrichtensprecher mit todernster Miene die lustigsten und altväterlichsten Formulierungen zustande brachten…). Mancher Blogger vermisst diese Zeiten noch heute.

Aber was hieße das jetzt? ARD und ZDF haben sich kartellverdächtig abgesprochen, nicht mehr live vom wichtigsten Radrennen der Welt zu berichten. In den guten, alten Zeiten hätte das bedeutet: Wir könnten es uns nicht mehr anschauen. Sogar der eben noch nostalgische Blogger kann sich da dem Eindruck einer Bevormundung nicht mehr verschließen. Die Elite ist beleidigt, und als Folge soll der Pöbel büßen.

Wir wollen nicht vergessen: Es handelt sich um dieselben Anstalten, die sich noch vor zwei Jahren als unkritische Bejubler eben dieses Sports hervorgetan haben, obwohl schon damals dem kritisch denkenden Menschen und noch mehr dessen Ideal, dem “kritischen Journalisten”, hätte klar sein müssen, dass nicht nur Training und Mineralwasser diese Höchstleistungen hervorbringen. Alleine die Häufung von angeblichen Asthmatikern in einem Leistungssport war schon lächerlich.

Vielleicht ist es also das schlechte Gewissen, das die beiden Sender zu dieser Maßnahme veranlasst? Eine Art Purgatorium - man reinigt und züchtigt sich durch niedrige Einschaltquoten? Auch da ist sicher etwas dran.

Man sagt, man habe sich zurückgezogen, “weil” es einen Dopingfall gegeben habe. Und dass man hoffe, dass “das System jetzt endlich klar Schiff mache”. Das System, das da eben noch kräftig gefördert wurde. Der US-Regierung nimmt man - gerne auch bei ARD und ZDF - sowas übel. Und indirekt hat man mit der beabsichtigten Wirkung des Ausstiegs eingestanden, dass man sich von der Rolle des neutralen Berichterstatters längst entfernt hat

Dopingfälle gab es schon immer, und nicht nur im Radsport. Wie lange braucht man eigentlich, um eine Ansammlung von Bäumen als Wald zu erkennen? Als “kritischer Journalist”? Können wir davon ausgehen, dass zukünftig auch bei Dopingfällen in der Leichtathletik oder bei anderen olympischen Sportarten die Übertragung abgebrochen wird? Oder gar die nächste Fußball-WM (denn welche Ethik sollte gerade in diesem Millionenspiel die Versuchung verhindern?) Und wenn ja, warum? Weil die Macher des ÖR ihre Zuschauer für genau so dämlich halten wie sich selbst? Irrtum - die sind nicht dämlich. Die wissen, dass da gedopt wird. Und zwar durch die Bank. Sie können nur nicht so gut heucheln. Deswegen gucken sie zukünftig Eurosport und SAT.1. Es ist nämlich das Spektakel, das sie anzieht. Ein Spektakel, an dem ARD und ZDF kräftig mitgezimmert haben. Jetzt ist es in der Welt. Das Publikum in der Arena wusste immer, dass die Darbietung den Gladiatoren letztlich nicht gut tut. Aber sie genossen die Aufführung. Dumm, wenn man so die eigene Rolle als Zauberlehrling vorgehalten bekommt, nicht wahr, ARD und ZDF?

Was hätte man sich wünschen wollen? Vielleicht, dass der ÖR weiter berichtet. Aber eben so, wie er vorgibt zu berichten. Also nicht wie sonst, sondern kritisch. Mal untersuchen, wie oft z.B. ein Rasmussen kontrolliert wird. Wie oft er bei Kontrollen anzutreffen war. Ob es Blutwerte von ihm gibt. Mit welchen Ärzten er zusammenarbeitet. Und so weiter. Und wenn Rasmussen das “Gelbe Trikot” verliert, dieselben Daten für den neuen Spitzenreiter parat haben. Das wäre Journalismus. Es geht um den Zuschauer, ihr Erzieher. Den sollt ihr nämlich informieren und euch nicht vor ihm als Gralshüter aufspielen, die ihr nicht seid.

Jetzt werden also SAT.1 und Eurosport berichten. Wer “kritische Berichterstattung” will, ist bei diesen Sendern an der falschen Adresse. Aber beim ÖR eben auch.

Ähnliche Beiträge


10 Kommentare zu “Volksempfänger”

  1. 19.07.2007 | 21:38

    Super Text! Ich habe gerade Spiegel Online gelesen und mich schon gefragt, wann ihr etwas dazu schreiben würdet. Ist schon merkwürdig, dass man Sat1 vor zwei Tagen noch wegen angeblich bedrohter Vollversorgung die Lizenz entziehen will und sich jetzt darüber aufregt, dass sie mehr Versorgung bieten als die ÖR-Sender. Was Rundfunkfreiheit ist, scheinen wohl die ÖR-Sender bestimmen zu wollen.

  2. 19.07.2007 | 22:21

    Und bitte, bitte lasst die Doping-Probe negativ sein. Dann hätten sich ARD und ZDF schön vergriffen. Das wäre mir wirklich ein Fest wert!

  3. Parker8
    19.07.2007 | 22:42

    Der wirkliche Super-GAU für ARD und ZDF wäre ja, wenn sich Klöden anschickte, das Ding zu gewinnen.

  4. 19.07.2007 | 22:51

    Dass ausgerechnet Quotenstruwe von der ARD sich aus der Reserve lockte, dem ein Exklusiv-Interviewrecht inklusive Auftritt im Tigerentenclub ein 100.000 DM (oder waren es €) Scheck an Doping-Ulle wert war, um diese Entscheidung zu verkünden, ist schon nicht mehr grotesk.

    Mehr:
    http://euckenserbe.blogspot.com/search?q=Doping-Ulle
    und natürlich
    http://fdogorg.h1265755.stratoserver.net/index.php/2191/

  5. 20.07.2007 | 0:10

    [...] In Sachen Volkserziehung will sich die Politik natürlich nicht überbieten lassen. Diese Ansammlung von Anmaßungen sollte sich jeder Selbstdenker auf der Zunge zergehen lassen, bevor er das nächste Mal überlegt, ob er überhaupt wählen geht und wenn ja, was er dann wählen soll. [...]

  6. 20.07.2007 | 9:59

    Auch von mir ein Lob für den Text. Insbesondere für die klare Äußerung, dass der Doping-Skandal für die Zuschauer quasi zur Sensation dazugehört. Mal ehrlich, wenn das Risiko für die Sportler der Grund für die öffentliche Besorgnis wäre, dann müssten einige andere sonst unverdächtige Sportarten wie Formel 1 oder Abfahrtskilauf schon lange von der Programmliste gestrichen sein. Wenn es aber nicht das Gesundheitsrisiko ist, warum sieht man dann Doping nicht als eine biologische Alternative zum Schrauben an der Technik? Fairness? Dopen kann jeder.

  7. 20.07.2007 | 13:04

    Auch beim “Schrauben an der Technik” gibt es Regeln, im Falle der Formel 1 sogar besonders strenge. Aber: diese Regeln sind Sache des Veranstalters, und es ist auch Sache des Veranstalters, dafür zu Sorgen, dass die Regeln eingehalten werden.
    Das Publikum stimmt “mit den Füßen” ab - und zwar langfristig eher zugununsten der reinen Sensation. Ich erwarte in vielen Sportarten eine “zweigeteilte” Szene.

    Nehmen wir das extreme Beispiel einer Randsportart, die mich normalerweise herzlich wenig interessiert: Body-Building. Zuminderst in der “physique” Klasse (der, bei der auf Muskelmasse geschaut wird) kann man getrost davon ausgehen, dass alle Teilnehmer “stoffen”, was die Leber hält - egal, was sie erzählen, und egal, was eventuelle Doping-Tests beim Wettbewerb ergeben.
    Irgendwann gab es dann einige Body-Builder, die diesen Stoff-Zirkus nicht mehr mitmachten. Es entstand eine Gegenbewegung, genannt “Natural Body Building”, bei der die Doping-Kontrollen nicht nur Alibifunktion haben. Natürlich kann auf natürliche Weise nicht so schnell so gewaltig viel Muskelmasse aufgebaut werden, als mit “Stoffzugabe” - das heißt, die absolute “Leistung” wird geringer sein. Im Body-Building hat sich damit jene Zweiteilung der “Szene” ergeben, die ich künftig auch für andere Sportarten erwarte: auf der einen Seite die “Freakshow”, die vor allem die Sensationgier befriedigt, auf der anderen der “Sport”, weniger spektakulär, dafür aber “sauber”.

    Zur Sensationsgier: die gibt es, und zwar reichlich. Dennoch hat z. B. die Formel 1 nicht dadurch an Attraktivität verloren, dass sie heute für die Fahrer sicherer ist als vor 20 Jahren, als mehrere tödliche Unfälle pro Saison üblich waren. Das Risiko gehört zum Nervenkitzel dazu, aber es muss nicht unbedingt ein tödliches Risiko sein. Eine ähnliche Entwicklung - mehr Sicherheit ohne Rückgang des Publikumsinteresses - gab es im Wintersport bei den Bobs und Rodlern.

    Dem Ziel eines “sauberen Sports” ist, da bin ich einer Meinung mit Rayson, mit einem wirklich kritischen Journalismus, der bei herausragenden Leistung nachhakt und den Zuschauer über die Rechecheergebnisse informiert, weitaus mehr geholfen, als mit scheinheiligen Boykottaktionen. Gilt nicht nur für Doping, sondern auch für Bestechung - grade bei den olympischen Spielen ein überaus ergiebiges Thema für Sportjournalisten, denen der Sport am Herzen liegt.

  8. stefanolix
    20.07.2007 | 21:33

    Ich bin ja auch ein engagierter Hobbysportler und ich laufe auch gern mal bei einem “Volkswettkampf” mit. Natürlich dope ich nicht. Aber wenn ich mir dann um des Beweises willen jeden Tag Urin und jede Woche Blut abnehmen lassen müsste, würde ich mir ein anderes Hobby suchen. Wenn man in einem Bericht liest, dass bei der Kontrolle der Telekom-Fahrer angeblich Hotelpersonal durch den Raum gelaufen ist: das kann doch bei allem Verständnis für Dopingbekämpfung auch nicht normal sein.

  9. Christoph
    23.07.2007 | 10:39

    Ich kann dem Beitrag nicht meine volle Zustimmung geben, da er meiner Meinung nach fehlerhaft, zu einseitig, ja teilweise sogar polemisch ist.

    Z. B. der Vorwurf, ARD und ZDF haben bisher immer die Tour de France unterstützt, obwohl man wusste das gedopt wurde. Dieser Vorwurf ist polemisch. Durch den Verzicht der Liveberichterstattung wollen sie allen Beteiligten zeigen, dass es langsam wirklich 1 Minute vor 12 ist. Die ganzen Beteuerungen der Teams scheinen nicht ehrlich genug, das System ist noch nicht aufgebrochen. Nimmt man ihnen die Plattform, so geht es plötzlich um viel Geld für die Teams, Sponsoren und Fahrer.

    Ergo: Sie tun jetzt etwas. Das als Verlogen hinzustellen, erachte ich als überheblich. Wo sind die Beweise dafür! Ob es das Richtige ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Mir wäre auch lieber, sie würden weiter übertragen. Aber nach nun 9 Jahren Doping-Supergaus und den nicht vorhandenen Erfolgen zur Verhinderung dieser ist eine Misachtung der Tour de France keine ganz so schlechte Maßnahme. Es scheint den ÖR also doch um die Gesundheit der Gladiatoren zu gehen.

    Übrigens: Ein Gremium aus Politik und Vertretern von Minderheiten bestimmen die Inhalte der Sender. Es geht nicht immer um Einschaltquoten.

    Und man kann auch über die Tour de France in den normalen Nachrichten berichten. Man muss das nicht unbedingt live machen. Ergo: Die ÖR berichten nach wie vor über den Radsport, nur nicht mehr live. Sie haben sich also nicht von der Berichterstattung verabschiedet, wie hier unterstellt wird.

  10. R.A.
    23.07.2007 | 11:16

    @MartinM:
    > Im Body-Building
    > hat sich damit
    > jene Zweiteilung
    > der “Szene”
    > ergeben …
    Interessant.

    Und dann die entscheidende Frage: Zu welchem Teil der Szene kommen mehr Zuschauer, Werbegelder, Reporter etc.?

Bad Behavior has blocked 724 access attempts in the last 7 days.