19. Juli 2007
Volksempfänger
Es gibt Leute, die treten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖR) ein, weil dieser Vielfalt garantiere. Ich frage mich da zwar immer noch, wer denn entscheidet, was zu dieser Vielfalt gehört und was nicht, aber nun gut. Der Punkt ist: Ich glaube nicht, dass die Macher des ÖR das auch so sehen. Ich glaube vielmehr, dass die sich als Volkserzieher verstehen. Wie auch jetzt bei der Frage, ob man die “Tour de France” weiter übertragen soll.
Die Älteren unter uns werden sich noch an die guten, alten Dampfradiozeiten erinnern, als es nur zwei bundesweite Fernsehsender gab, ein regionales Drittes und was die Nachbarn so zustande brachten (bei mir hieß der DDR - meine Lieblingsrothäute waren zunächst Gojko Mitic und dann “Sudel-Ede“, meine Lieblings-Comedy die “aktuelle kamera”, wo Nachrichtensprecher mit todernster Miene die lustigsten und altväterlichsten Formulierungen zustande brachten…). Mancher Blogger vermisst diese Zeiten noch heute.
Aber was hieße das jetzt? ARD und ZDF haben sich kartellverdächtig abgesprochen, nicht mehr live vom wichtigsten Radrennen der Welt zu berichten. In den guten, alten Zeiten hätte das bedeutet: Wir könnten es uns nicht mehr anschauen. Sogar der eben noch nostalgische Blogger kann sich da dem Eindruck einer Bevormundung nicht mehr verschließen. Die Elite ist beleidigt, und als Folge soll der Pöbel büßen.
Wir wollen nicht vergessen: Es handelt sich um dieselben Anstalten, die sich noch vor zwei Jahren als unkritische Bejubler eben dieses Sports hervorgetan haben, obwohl schon damals dem kritisch denkenden Menschen und noch mehr dessen Ideal, dem “kritischen Journalisten”, hätte klar sein müssen, dass nicht nur Training und Mineralwasser diese Höchstleistungen hervorbringen. Alleine die Häufung von angeblichen Asthmatikern in einem Leistungssport war schon lächerlich.
Vielleicht ist es also das schlechte Gewissen, das die beiden Sender zu dieser Maßnahme veranlasst? Eine Art Purgatorium - man reinigt und züchtigt sich durch niedrige Einschaltquoten? Auch da ist sicher etwas dran.
Man sagt, man habe sich zurückgezogen, “weil” es einen Dopingfall gegeben habe. Und dass man hoffe, dass “das System jetzt endlich klar Schiff mache”. Das System, das da eben noch kräftig gefördert wurde. Der US-Regierung nimmt man - gerne auch bei ARD und ZDF - sowas übel. Und indirekt hat man mit der beabsichtigten Wirkung des Ausstiegs eingestanden, dass man sich von der Rolle des neutralen Berichterstatters längst entfernt hat
Dopingfälle gab es schon immer, und nicht nur im Radsport. Wie lange braucht man eigentlich, um eine Ansammlung von Bäumen als Wald zu erkennen? Als “kritischer Journalist”? Können wir davon ausgehen, dass zukünftig auch bei Dopingfällen in der Leichtathletik oder bei anderen olympischen Sportarten die Übertragung abgebrochen wird? Oder gar die nächste Fußball-WM (denn welche Ethik sollte gerade in diesem Millionenspiel die Versuchung verhindern?) Und wenn ja, warum? Weil die Macher des ÖR ihre Zuschauer für genau so dämlich halten wie sich selbst? Irrtum - die sind nicht dämlich. Die wissen, dass da gedopt wird. Und zwar durch die Bank. Sie können nur nicht so gut heucheln. Deswegen gucken sie zukünftig Eurosport und SAT.1. Es ist nämlich das Spektakel, das sie anzieht. Ein Spektakel, an dem ARD und ZDF kräftig mitgezimmert haben. Jetzt ist es in der Welt. Das Publikum in der Arena wusste immer, dass die Darbietung den Gladiatoren letztlich nicht gut tut. Aber sie genossen die Aufführung. Dumm, wenn man so die eigene Rolle als Zauberlehrling vorgehalten bekommt, nicht wahr, ARD und ZDF?
Was hätte man sich wünschen wollen? Vielleicht, dass der ÖR weiter berichtet. Aber eben so, wie er vorgibt zu berichten. Also nicht wie sonst, sondern kritisch. Mal untersuchen, wie oft z.B. ein Rasmussen kontrolliert wird. Wie oft er bei Kontrollen anzutreffen war. Ob es Blutwerte von ihm gibt. Mit welchen Ärzten er zusammenarbeitet. Und so weiter. Und wenn Rasmussen das “Gelbe Trikot” verliert, dieselben Daten für den neuen Spitzenreiter parat haben. Das wäre Journalismus. Es geht um den Zuschauer, ihr Erzieher. Den sollt ihr nämlich informieren und euch nicht vor ihm als Gralshüter aufspielen, die ihr nicht seid.
Jetzt werden also SAT.1 und Eurosport berichten. Wer “kritische Berichterstattung” will, ist bei diesen Sendern an der falschen Adresse. Aber beim ÖR eben auch.
Verfasst von Rayson um 21:21 Uhr in der Kategorie Kultur, Politik (Trackback)