24. Juli 2007
Gedanken zum Sinn (1)
Normalerweise brauche ich nur wenige Stunden, maximal zwei Tage, um ein Buch zu lesen - es ist schon nett, wenn man gelernt hat, “quer” zu lesen, ein kleiner Kniff, der wirklich gut funktioniert. Es gibt aber Bücher, bei denen das nicht funktioniert. Das sind vor allem die Bücher, in denen einem jede Seite wieder mit gut fundierten, klugen Argumenten begegnet, die mit Daten und Fakten belegt unheimlich dicht argumentieren - und bei denen man Zeile für Zeile darauf hofft und wartet, sie widerlegen zu können.
Wie man in der Spalte rechts lesen kann, lese ich im Augenblick “Ist Deutschland noch zu retten?” von Hans-Werner Sinn. Ich bin noch nicht einmal zu einem Viertel durch die Lektüre gekommen, und schon jetzt habe ich Magenschmerzen. Denn das, was Sinn schreibt, ist für mich gleichzeitig sehr überzeugend und völlig inakzeptabel. Sehr überzeugend, weil er die Probleme, die unsere Volkswirtschaft im Rahmen von EU und Globalisierung zu bewältigen hat, eindrücklich beschreibt, weil er die üblichen Argumente für Konjunkturprogramme und Heile-Welt-Getue eindrucksvoll widerlegt. Völlig inakzeptabel, weil sein erster Lösungsvorschlag einer Katastrophe gleichkommt: Wir müssen, so Sinn, die Löhne in diesem Land im Schnitt um 15% kürzen. Natürlich nicht für die am Besten ausgebildeten Arbeitnehmer; deren (hohe) Löhne können fast unverändert bleiben oder sogar weiter steigen. Dafür aber müssen die Löhne für schlecht ausgebildete Arbeiter (vulgo auch “Arme” genannt) sogar um 30% gekürzt werden, wenn wir uns wettbewerbsfähig halten wollen. Im Mittelfeld kommen dann die 15% zum Tragen.
Die Spreizung zwischen wohlhabenden und eher armen Bürgern unseres Landes, sagt Sinn, ist bei weitem noch nicht groß genug; die Armen müssen mehr verzichten, die Reichen noch mehr dazu bekommen, damit wir attraktiv für Investitionen werden - die Einnahmen aus eigener Arbeit müssen sinken, die Gewinne aus Kapitalerträgen hingegen deutlich steigen, damit unsere Volkswirtschaft wieder wächst. Und all das belegt er anhand von Fakten und (für mich) eigentlich nicht zu widerlegenden logischen Schlüssen.
Die mich natürlich dazu führen, zu fragen, was dem Großteil der Menschen in diesem Land ein Wachstum der Volkswirtschaft eigentlich bringen soll, wenn es ausschließlich denjenigen zugute kommen soll, die jetzt schon zum Oberen Zehntel der Reichtumsskala liegen, während es den unteren drei Zehnteln nur einen Verlust bringen wird? Sicher, ich kenne die Antwort - und die bezieht sich auf die Kinder, nein, wohl eher auf die Enkel derjenigen, die heute auf ihren einen Urlaub im Jahr verzichten sollen, damit das Obere Zehntel sich seinen dritten Urlaub weiter leisten kann - in absehbarer Zeit wird es einen “Trickle-Down-Effekt” geben, der auch für diese Nachfahren einen steigenden Wohlstand garantieren wird.
Das ist wohl das Problem mit der Volkswirtschaftslehre - sie rechnet nicht in Jahren und nur ansatzweise in Jahrzehnten, sondern vielmehr in Generationen. Und wer ist wohl wirklich bereit, sein ganzes Leben lang auf Wohlstand zu verzichten, damit seine Enkel (von denen noch gar nicht klar ist, zu welchem Zehntel des Wohlstands sie gehören werden) es einmal besser haben? Zu einer Zeit, in der man selbst vielleicht gar nicht mehr lebt? Von welchem Menschen, der nicht in einer Ideologie von “Du bist nichts, Deine Volkswirtschaft ist alles” lebt, wollen wir das eigentlich verlangen?
Aber welche Alternativen gibt es? Und damit meine ich nicht Alternativen wie die, die Oskar L. denjenigen, die ihm zuhören wollen, jeden Tag präsentiert. Nicht die einfachen Alternativen der Realitätsverweigerung, die von der Politik erwarten, einfach weiterzumachen wie früher oder sogar noch einen draufzusatteln beim ausschließlich nationalen Blick auf längst internationale Zusammenhänge. Auch nicht die einfachen Alternativen des Stammtisches, der jeden, der nicht verzichtet, als moralisches “Schwein” sieht, wenn er über einem gewissen Wohlstandsniveau liegt… sondern echte Alternativen, die innerhalb dieser Welt liegen und gangbar sind, wenn wir eine globalisierte Welt mit einbeziehen?
Die meisten dieser Alternativen will Hans-Werner Sinn mir innerhalb der nächsten Kapitel noch verderben, soviel habe ich verstanden. Die mit der Bildungsoffensive, die aus uns allen plötzlich hochqualifizierte Leute machen wird, hat er schon weitgehend zerstört. Schauen wir mal, was aus der Alternative mit der internationalen Zusammenarbeit in Bezug auf Menschenrechte, grundlegenden Arbeitsschutz und Gewerkschaftsfreiheit wird.
Verfasst von Karsten um 01:19 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik, Wirtschaft, Wirtschaftspolitik (Trackback)