Gedanken zum Sinn (1)

Normalerweise brauche ich nur wenige Stunden, maximal zwei Tage, um ein Buch zu lesen - es ist schon nett, wenn man gelernt hat, “quer” zu lesen, ein kleiner Kniff, der wirklich gut funktioniert. Es gibt aber Bücher, bei denen das nicht funktioniert. Das sind vor allem die Bücher, in denen einem jede Seite wieder mit gut fundierten, klugen Argumenten begegnet, die mit Daten und Fakten belegt unheimlich dicht argumentieren - und bei denen man Zeile für Zeile darauf hofft und wartet, sie widerlegen zu können.

Wie man in der Spalte rechts lesen kann, lese ich im Augenblick “Ist Deutschland noch zu retten?” von Hans-Werner Sinn. Ich bin noch nicht einmal zu einem Viertel durch die Lektüre gekommen, und schon jetzt habe ich Magenschmerzen. Denn das, was Sinn schreibt, ist für mich gleichzeitig sehr überzeugend und völlig inakzeptabel. Sehr überzeugend, weil er die Probleme, die unsere Volkswirtschaft im Rahmen von EU und Globalisierung zu bewältigen hat, eindrücklich beschreibt, weil er die üblichen Argumente für Konjunkturprogramme und Heile-Welt-Getue eindrucksvoll widerlegt. Völlig inakzeptabel, weil sein erster Lösungsvorschlag einer Katastrophe gleichkommt: Wir müssen, so Sinn, die Löhne in diesem Land im Schnitt um 15% kürzen. Natürlich nicht für die am Besten ausgebildeten Arbeitnehmer; deren (hohe) Löhne können fast unverändert bleiben oder sogar weiter steigen. Dafür aber müssen die Löhne für schlecht ausgebildete Arbeiter (vulgo auch “Arme” genannt) sogar um 30% gekürzt werden, wenn wir uns wettbewerbsfähig halten wollen. Im Mittelfeld kommen dann die 15% zum Tragen.

Die Spreizung zwischen wohlhabenden und eher armen Bürgern unseres Landes, sagt Sinn, ist bei weitem noch nicht groß genug; die Armen müssen mehr verzichten, die Reichen noch mehr dazu bekommen, damit wir attraktiv für Investitionen werden - die Einnahmen aus eigener Arbeit müssen sinken, die Gewinne aus Kapitalerträgen hingegen deutlich steigen, damit unsere Volkswirtschaft wieder wächst. Und all das belegt er anhand von Fakten und (für mich) eigentlich nicht zu widerlegenden logischen Schlüssen.

Die mich natürlich dazu führen, zu fragen, was dem Großteil der Menschen in diesem Land ein Wachstum der Volkswirtschaft eigentlich bringen soll, wenn es ausschließlich denjenigen zugute kommen soll, die jetzt schon zum Oberen Zehntel der Reichtumsskala liegen, während es den unteren drei Zehnteln nur einen Verlust bringen wird? Sicher, ich kenne die Antwort - und die bezieht sich auf die Kinder, nein, wohl eher auf die Enkel derjenigen, die heute auf ihren einen Urlaub im Jahr verzichten sollen, damit das Obere Zehntel sich seinen dritten Urlaub weiter leisten kann - in absehbarer Zeit wird es einen “Trickle-Down-Effekt” geben, der auch für diese Nachfahren einen steigenden Wohlstand garantieren wird.

Das ist wohl das Problem mit der Volkswirtschaftslehre - sie rechnet nicht in Jahren und nur ansatzweise in Jahrzehnten, sondern vielmehr in Generationen. Und wer ist wohl wirklich bereit, sein ganzes Leben lang auf Wohlstand zu verzichten, damit seine Enkel (von denen noch gar nicht klar ist, zu welchem Zehntel des Wohlstands sie gehören werden) es einmal besser haben? Zu einer Zeit, in der man selbst vielleicht gar nicht mehr lebt? Von welchem Menschen, der nicht in einer Ideologie von “Du bist nichts, Deine Volkswirtschaft ist alles” lebt, wollen wir das eigentlich verlangen?

Aber welche Alternativen gibt es? Und damit meine ich nicht Alternativen wie die, die Oskar L. denjenigen, die ihm zuhören wollen, jeden Tag präsentiert. Nicht die einfachen Alternativen der Realitätsverweigerung, die von der Politik erwarten, einfach weiterzumachen wie früher oder sogar noch einen draufzusatteln beim ausschließlich nationalen Blick auf längst internationale Zusammenhänge. Auch nicht die einfachen Alternativen des Stammtisches, der jeden, der nicht verzichtet, als moralisches “Schwein” sieht, wenn er über einem gewissen Wohlstandsniveau liegt… sondern echte Alternativen, die innerhalb dieser Welt liegen und gangbar sind, wenn wir eine globalisierte Welt mit einbeziehen?

Die meisten dieser Alternativen will Hans-Werner Sinn mir innerhalb der nächsten Kapitel noch verderben, soviel habe ich verstanden. Die mit der Bildungsoffensive, die aus uns allen plötzlich hochqualifizierte Leute machen wird, hat er schon weitgehend zerstört. Schauen wir mal, was aus der Alternative mit der internationalen Zusammenarbeit in Bezug auf Menschenrechte, grundlegenden Arbeitsschutz und Gewerkschaftsfreiheit wird.

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37 Kommentare zu “Gedanken zum Sinn (1)”

  1. 24.07.2007 | 8:08

    Prof. Sinn macht das, was viele (deutsche ?) Wissenschaftler machen: Theorien aufstellen, die nicht oder schwer lösbare Schwierigkeiten ausblenden, aus diesem Modell einen Lösungsansatz entwickeln und sich dann wundern, dass das wunderbare Theorie-Gebäude schon durch sehr laue Realitäts-Lüftchen ins Schwanken kommt.

    Sinn und andere Wirtschaftswissenschaftler “vergessen” genau das, was du beschreibst: Die psychologische Wirkung ihrer Thesen.

    Analyse brillant, Lösung Murks.

  2. 24.07.2007 | 8:57

    Ist Sinn eigentlich Sozialist? Oder was gehen ihn die Löhne an?

    Wenn er tatsächlich das Herumplanen in der Lohngestaltung als Lösung wirtschaftlicher Probleme anpreisen sollte, dann passt er doch recht gut zu Oskars Kommunistentruppe.

    Aber es könnte natürlich sein, dass VolkerD richtig liegt - wir haben hier vielleicht nur den Prototyp eines Elfenbeinbewohners. Mit guter Analyse und miserablen weil merkwürdigen Therapievorstellungen. (War es bei Marx nicht ähnlich? Der erkannte im Rückblick, dass das Privateigentum Freiheit gebracht hatte - und schlug für die Zukunft vor, es abzuschaffen.)

  3. NUB
    24.07.2007 | 9:27

    Sinn kann ja nichts dagegen machen, wenn die Gewerkschaften alle streiken und eine Wandlung zu “südamerikanischen Verhältnissen” einsetzt, die so einen wie den Lafontaine an die Macht bringen.

    Die ersten Anzeichen des Realitätsverweigerung, die Dir, Karsten, aufgefallen sind, haben damit etwas zu tun. Alles, was in Deutschland nicht so gut läuft, wird im Zweifelsfall dem Kapitalismus angelastet, selbst wenn die strukturelle Ausgestaltung ganz weit weg ist vom Kapitalismus. So haben die Menschen den Eindruck, sie müssten sich gegen den Kapitalismus immer mehr zur Wehr setzen, obwohl der Staat, in dem sie leben, den Kapitalismus immer mehr verfälscht und unkenntlich macht, bis gar nichts mehr von ihm übrig ist.

    Z.B. bis es keinen Arbeitsmarkt mehr gibt, sondern festgelegte Löhne, staatlich vergebene oder per Subvention gekaufte Jobs… Aber den Menschen wird immerzu erzählt, das alles seien die Auswirkungen des Kapitalismus. Und wenn etwas gut funktioniert, war es eine gute Politik! Was sonst. Auch der Rentner, der von seiner Rente nicht vernünftig leben kann, der Kranke, der sich über den Sparzwang in Krankenhäusern ärgert, sie alle sehen nicht Staatsversagen, sondern Raubtierkapitalismus als ersten Schuldigen. Der Boden ist bereitet.

    Daher ist eigentlich auf lange Sicht, bei einer pessimistischen Prognose für Deutschland eher mit einem Lafontaine-Regime zu rechnen als mit Laissez-faire-Ansätzen, die die Menschen in Ruhe lassen und die das Korsett entfernen, mit dem wir leben. Was ja auch überraschend positive Effekte haben könnte, wenn man eine Komplett-Umgestaltung wagen würde… Aber das kommt wohl nicht. Da müssten sich die Menschen erst mal von der Idee entfernen, die (globalisierte) Wirtschaft sei etwas, das ihre Regierung in ihr Sozialsystem und in ihre Kontrollmechanismen integrieren könne und müsse.

    Ohne einem Ende der Staatsgläubigkeit keine grundlegenden Reformen [Rückzug der Politik, mehr Geld den Bürgern lassen], sondern nur Reförmchen, die auf lange Sicht nicht überzeugen können oder eben die Schere zwischen Arm und Reich nur weiter auseinander treiben. Woran dann wieder der böse Kapitalismus schuld ist. Die Funktion läuft in Richtung Sozialismus.

  4. NUB
    24.07.2007 | 9:30

    PS: Was dann übrigens beweisen würde, dass Politik rechtzeitig das Richtige tun muss, wenn es um die Gesamtwirtschaft geht. Sonst ist es aus.

  5. 24.07.2007 | 9:34

    Mal locker bleiben Leute. Sinn schreibt, soweit ich mich erinnere, nicht, dass die Löhne von irgendjemand um 15 % gesenkt werden sollen. Vielmehr stellt er richtig fest, dass die staatliche Beeinflussung des Lohnfindungsprozesses und die daraus folgenden Lohnrigiditäten das Problem sind. Mit Sicherheit würde eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes und eine Neuorganisation des sozialen Sicherungssystems mit dann hoffentlich geringeren Kosten auch zu einer Senkung von Löhnen in der einen oder anderen Branche oder Qualifikationsgruppe führen. Aber nicht überall und auch nicht auf Dauer, weil sich der Arbeitsmarkt entsprechend anpassen würde und die Produktivität der dann beschäftigten Arbeitnehmer steigen würde. Sinn mag nicht gerade der klassische Liberale sein, aber ihm staatlich (oder akademisch) erzwungene allgemeine Lohndrückerei vorzuwerfen, grenzt schon an eine eigenartige Art der Lektüre. Vielleicht hilft es ja das Buch ganz durchzulesen.

  6. Libero
    24.07.2007 | 9:37

    Prof. Sinn ist einer der Volkswirte, die alles von Außen wahrnehmen. Unternehmen und Bildung.

    Es gibt sehr wohl Möglichkeiten, die Bildung der meisten Heranwachsende zu verbessern und vor allem zu verhindern, daß Heranwachsende ohne Abschluß oder mit Abschluß, aber ohne verwertbares Wissen, in das Berufsleben eintreten. Das klappt selbst mit den Heranwachsenden der Menschen, die aus einer dörflich geprägten Umgebung nach Deutschland kommen. Diese Herausforderung ist nicht neu in Deutschland.

    In der Praxis erprobte Bildungskonzepte gibt es genug, auch in Deutschland. Ihre Ausweitung scheitert an der staatlichen Gängelung der Schule, einer der wenigen Punkte, wo ich Rothbard zustimme.

    Das die innere Freiheit innerhalb der Unternehmen nicht unbedingt geeignet ist, um das Potential der Mitarbeiter zu stimulieren und zu nutzen, ist eigentlich auch bekannt. Es gibt sehr wohl Unternehmen, in denen sich das geändert hat, aber das ist sehr an die Personen an der Spitze gebunden

    Sinn hat in der Schule gelebt, dann in der Hochschule als Lernender und lebt schließlich als Lehrender in universitären bzw Institutsmilieu. Seine Erfahrungen außerhalb des Schulumfeldes stammen aus dem elterlichen Taxibetrieb. Ich finde nicht, das das reicht. Es ist etwas ganz anderes, im Studium zu jobben oder später seinen erlernten Beruf im Wirtschaftsleben zu nutzen. Es gibt auch bei den Naturwissenschaftlern und Ingenieuren Professoren, die die Schule nie verlassen haben. Es sind selten die Innovativsten.

    Ein Handikap der Lehrer in Deutschland ist es, das sie die schulische Umgebung eigentlich nicht verlassen haben. Das ist zu wenig, um Heranwachsende in das Leben zu begleiten, wo sie Lebensprüfungen und nicht Schulprüfungen bestehen müssen. Bei lehrenden Volkswirten scheint der Verbleib im Umkreis des schulischen Biotops die Regel zu sein. Ich bedauere jeden Tag, den ich zu lange in der Glasglocke Uni verbracht habe. Das ist das Biotop der denkenden Orchideen, wenn die Lehrenden nicht wenigstens in die wirtschaftliche Praxis zurückkehren. Ich würde Sinn zum Wirtschaftsminister ernennen. Da würde er den gleichen Praxisschock erleiden wie Schumpeter, der in der Praxis scheiterte.

  7. 24.07.2007 | 9:37

    @SteffenH

    Meine Polemik beruhte auf dem, was Karsten als Interpretation geschrieben hatte. Das Buch habe ich nicht gelesen.
    So klingt das natürlich schon ganz anders.

  8. NUB
    24.07.2007 | 9:38

    dass die staatliche Beeinflussung des Lohnfindungsprozesses und die daraus folgenden Lohnrigiditäten das Problem sind.

    Wenn das so ist, hat Sinn aber die Rechnung immer noch ohne die Gewerkschaften gemacht; und ohne die Linkspartei.

  9. 24.07.2007 | 9:40

    Übrigens, für alle die mehr darüber wissen wollen, was Arbeitsmärkte bestimmt, was der Staat hier und da versauen kann und ob eine “Bildungsoffensive” tatsächlich der letzte Knall im All ist kann ich nur William Lewis Mehrländerstudie “The Power of Productivity” empfehlen.

  10. 24.07.2007 | 9:53

    @SteffenH:
    Eigentlich schreibt Herr Sinn einfach nur nicht, wie die Löhne gesenkt werden sollen - dass sie aber runter müssen, stellt er schon als ziemlich alternativlos dar. Und was er schreibt, klingt nicht nach der “einen oder anderen Branche”, sondern nach Löhnen, die flächendeckend fallen müssten, um “Deutschland zu retten”.

    Sollte jetzt aber jemand aus meinem Artikel verstanden haben, ich nähme an, dass Sinn eine Art staatlicher Lohnsenkungsgesetze fordere - so habe ich das nicht verstanden und wollte das auch nicht so weitergeben. Er gibt nur einen Ausblick, was “wir” als Gesamtgesellschaft, nicht als Staat, seiner Auffassung nach tun müssten, um wirtschaftlich wieder Anschluss zu finden.

  11. 24.07.2007 | 9:54

    @NUB:

    Was das betrifft, hatte Sinn auch nicht die Absicht, sich bei den Linken und den Gewerkschaft anzubiedern. Ganz im Gegenteil, von der Seite hat er für dieses Buch tüchtig einstecken müssen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil die Fraktion bei der Lektüre auch nicht über den unbequemen Prolog hinweggekommen ist.

    @Libero:

    Da ist was dran, aber gerade Sinn gehört nicht zu den krassen Elfenbeinturmbewohnern. Immerhin basiert seine Analyse auf umfangreichen empirischen Studien zur Wirkung von Lohnersatzleistungen auf das Arbeitsangebot etc. Sinn empfiehlt letztlich strikte Staatsenthaltung aus den Arbeitsmärkten und ein soziales Sicherungssystem, was so wenig wie möglich Einfluss auf die Lohnfindungsprozesse ausübt. Das wäre, da muss ich als Semielfenbeintürmer mal ganz wild spekulieren, genau die Lösung, nach der sich die Mehrzahl der Unternehmer sehnen würde (naja, manch einer nicht, weil man sich mit den Gewerkschaften mitunter schön die Konkurrenz vom Leib kungeln kann). Insofern denke ich, man sollte mit dem Vorwurf der Praxisferne etwas vorsichtiger umgehen. Die besten Kenner der Sonne sind auch nie auf ihr herumgewandert.

  12. 24.07.2007 | 9:56

    @Karsten

    Wer ist denn “die Gesamtgesellschaft”? Und wie tut man als “Gesamtgesellschaft” etwas?
    ;-)

  13. 24.07.2007 | 9:56

    @SteffenH:
    Oh, und ich habe durchaus vor, über den Prolog hinauszukommen… vielleicht ist Dir ja auch aufgefallen, dass ich kein “Sinn-Bashing” betreiben will, sondern in ihm Gegenteil ja sehr überzeugend finde. Beängstigend überzeugend. :(

  14. 24.07.2007 | 9:57

    @Boche:
    Das Ganze ist die Summe seiner Teile. Und wenn jeder Teil sich an gewisse Vorschläge hält, die ihn betreffen, wird auch das Ganze sich nach diesen Vorschlägen richten.

  15. 24.07.2007 | 9:59

    @Karsten

    Das ist mir zu mystisch. Ich übergebe da gern an MomoRules.
    ;-)

  16. 24.07.2007 | 10:04

    @Boche:
    Was ist denn ein “Unternehmen”? Wenn das etwas unternimmt, steht da plötzlich ein mystischer Avatar auf und kauft ein, produziert oder vertreibt die Waren? Wie handeln Vereine? Oder der Staat? Eben auch über die Summe ihrer Teile. Das hat nichts mit Mystizismus zu tun.

  17. 24.07.2007 | 10:07

    @Karsten

    Ich denke doch, dass ein Unternehmen eher dem Staat ähnelt, oder? Schließlich gibt es in jedem Unternehmen und auch in jedem Verein definierte Entscheidungsträger. Hier über das Eigentum mit Macht versehen, dort über die demokratische Abzählregel unter den Mitgliedern.

  18. NUB
    24.07.2007 | 10:10

    SteffenH

    Mir ging es eigentlich mehr darum, ob es realistisch ist, dass Schritte in die richtige Richtung unternommen werden und welche Hindernisse auf diesem Weg zu erwarten sind.

  19. Libero
    24.07.2007 | 10:12

    @SteffenH

    Praxiserfahrung bedeutet, daß die Weitsicht von Unternehmen und Unternehmern auch begrenzt ist. Nicht nur die des Staates und der Bürokraten. Du hast ja auf deinem Blog das Beispiel der Ansiedlungsförderung zu recht angeprangert. Aber ähnlich kurzsichtig denken auch viele, die ihr Leben in der Wirtschaft zugebracht haben.

    Deine Begeisterung hinsichtlich William W. Lewis kann ich nicht teilen. Ich kenne nicht das Buch, nur den Artikel im Quarterly von McKinsey. Wenn ich nur GDP per capita lese, zweifele ich an seinen Schlußfolgerungen hinsichtlich der Bildung.

    Whatever the faults of the US education system, on-the-job training clearly compensates for them.

    Das ist eine auf die Gegenwart gerichtete Anwendung der Bildung. Ist das amerikanische Verbesserungswesen mit dem japanischen vergleichbar. Auf die Zukunft gerichtete Anwendungen der Bildung fehlen.

    If illiterate Mexican immigrants can reach world-class productivity levels building apartment houses in Houston, illiterate Brazilian workers can do so in São Paulo.

    Herr Lewis sucht sich passende Beispiele aus. Das ist Bibelarchäologie auf die Ökonomie übertragen. Ist Widerspruch keine Leidenschaft der Volkswirte?

  20. 24.07.2007 | 10:14

    Kopf hoch Karsten. War ja auch nicht als Kritik an dir, sondern als Kritik an der Lesart der Vorschläge von Sinn gemeint. Sinns Ziel ist die Steigerung der Produktivität des Einzelnen und der Gesellschaft. Die Hemmnisse deckt er in seinem Buch auf. Wenn diese nach seinem Rezept, das im übrigen das Rezept fast aller Ökonomen ist, beseitigt werden, steigt die Produktivität und das Ergebnis wird neu verteilt. Wie das am Ende genau aussieht weiß auch er nicht genau, aber eins ist sicher. Diejenigen mit einer hohen Arbeitsproduktivität werden mehr verdienen als diejenigen mit einer niedrigen. Das ist im übrigen heute nicht anders, nur wird heute das Produktivitätspotential der Deutschen bei weiten nicht voll ausgenutzt. Also sollte man vorsichtig sein, dass Sinn meint um Reicher zu werden müssten wir alle erstmal ärmer sein. Das macht nun wirklich keinen Sinn.

  21. Libero
    24.07.2007 | 10:24

    MGI found that a lack of capital to finance investment isn’t the main constraint on growth in poor economies.
    Er erwähnt nicht mal DeSoto. Freiheit für das Kapital

    Poor countries thus don’t have to wait until they build bigger and better school systems and educate a whole generation of workers. Nor do they need to wait for more development aid from rich countries. If local businesses followed the proven approaches for organizing production and managing a workforce, poor countries could grow much faster than most people realize.

    Das ist natürlich richtig,

    Lewis hat meiner Meinung falsch argumentiert. Bildung ist notwendig, aber nicht immer hinreichend. Ohne das ein Mensch es gelernt hat, Lebensprüfungen zu bestehen, sind noch so gute Resultate bei Schulprüfungen nur ein Nachweis für inaktives Wissen.

    Ein Gegenbeispiel zu Lewis Argumentation ist die Landwirtschaft, übrigens nicht nur in den Entwicklungsländer. Da fehlt es fast immer an Know-How, wenn ein bäuerlicher Betrieb nicht sein Ertragspotential ausschöpfen kann, ohne seine langfristige Ertragsbasis zu gefährden. Es sind manchmal lächerliche Kleinigkeiten, die den Erlös verringern.

  22. Llarian
    24.07.2007 | 10:42

    Das klingt erstmal, Elfenbeinturm oder nicht, nach einem sehr spannenden Buch. Ich bin fast überredet, entgegen jedwelcher Angewohnheit, mal eins dieser Staatsuntergangsbücher zu kaufen.

    Aber ich glaube, die essentielle Kernfrage, um die es beim Kapitalismus/Sozialismus im Bezug auf das Retten geht, ist viel einfacher und grundlegender als 15% Lohnkürzung hier oder Kündigungsschutz da. Es ist die Frage, wieviel man als Gesellschafts sehr langfristig investieren will. Oder ob man konsumieren will. Hohe Löhne und viele Sozialleistungen sind unabhängig von jeder Gerechtigkeitsfrage Konsum. Niedrige Löhne und wenig Sozialleistungen können zwar auch Konsum sein, sind in der Regel aber Investitionen.
    Lafontaine und Co wollen eine Gesellschaft, die rein auf Konsum ausgerichtet ist. Das geht, und da soll man sich nicht vertun, eine Zeit lang sogar ganz gut. Andere wie vermutlich Sinn (ich habe das Buch ja nicht gelesen), ziehen eine Gesellschaft, die viel investiert, vor.
    Langfristig fahren investive Gesellschaften zweifelsfrei besser. Damit lässt sich allerdings nicht jeder überzeugen.

  23. Libero
    24.07.2007 | 11:04

    @Llarian
    Langfristig fahren investive Gesellschaften zweifelsfrei besser.
    Das kommt darauf an, was man unter investieren versteht. Nehmen wir an, wir verdoppeln den Kapitalzufluß zu den Finanzmärkten. Wir haben doch jetzt schon eine Inflation der Vermögenswerte. Mehr Kapital zu investieren macht nur dann Sinn, wenn mit dem Wachstum des Kapitalflusses auch die Anlagemöglichkeiten mit guter Rendite wachsen. Wenn ich mir ansehe, wofür in der Finanzwirtschaft Geld investiert, Aktienrückkauf, Preiswetten, überteuerte Vermögenswerte, dann gibt es wohl kaum ein Mangel an Kapital, aber sehr wohl an guten Anlagemöglichkeiten.

    Können Investitionen auf Konsum verzichten?

  24. R.A.
    24.07.2007 | 11:06

    Ohne eine Zeile von Sinn gelesen zu haben habe ich hochgradig den Eindruck, daß das völlig realitätsfern ist.

    Schon in den letzten Jahren war es so, daß die Tarifparteien die internationale Wettbewerbsfähigkeit durch Lohnzurückhaltung halbwegs erhalten konnten (es ist doch kein Zufall, daß der deutsche Durchschnittslohn inzwischen deutlich unter dem vergleichbarer westeuropäischer Länder liegt.)
    - damit aber nur teilweise kompensieren konnten, was der Staat an neuen Belastungen aufdrückte.

    Diese Belastungen sind aber zum größten Teil nicht direkt monetär (d.h. in Form von Lohnzusatzkosten meßbar), und daher scheinen sie bei Sinns Rechnungen nicht aufzutauchen.

    Sie sind aber in der Praxis ein ganz wesentlicher Kostentreiber und Wettbewerbshindernis.

    Wir könnten einen enormen Produktivitätszuwachs erzielen, wenn das gesetzliche Chaos bei Arbeitsrecht, Aufsicht, Reporting-Pflichten etc. zurückgeschnitten würde.

    Es ist doch ein Irrsinn, noch weiter auf Lohn zu verzichten, weil die Betriebe zu viel Bürokratie bezahlen müssen.

    Denn aus höheren Löhnen könnte man eine ganze Menge an wenig qualifizierter Arbeit anheuern, die nicht so ohne weiteres durch billige Auslandskonkurrenz zu ersetzen ist - die hiesige Gastronomie läßt nicht in Minsk kochen.

    Es scheint auch so, daß Sinn völlig unterschätzt, welche Begabungsreserven wir derzeit durch Mängel im Schulsystem vergeuden.

    Nicht jeder kann studieren - aber schlechte Schulen und fehlende Sprachförderung verhindern, daß viele Leute fast ins Analphabetentum abrutschen, die durchaus einen ordentlichen Lehrberuf machen könnten.

  25. Libero
    24.07.2007 | 11:23

    @R.A.
    Ohne eine Zeile von Sinn gelesen zu haben habe ich hochgradig den Eindruck, daß das völlig realitätsfern ist.
    Das Urteil verändert sich nicht beim persönlichen Kontakt. Ich hatte das Vergnügen einer zweifachen email-Antwort. Immerhin, er reagiert auf Beiträge.
    Es scheint auch so, daß Sinn völlig unterschätzt, welche Begabungsreserven wir derzeit durch Mängel im Schulsystem vergeuden.
    Wie wahr. Schule ist eine wenig elegante Art gewurden, Menschen durch den mentalen Fleischwolf zu drehen. Das liegt unter anderem an der staatlichen Gängelung, aber nicht nur. Lehrer bilden eigentlich nur eine Herde, aber kein Kollegium. Sie sind auf lernwillige Schüler vorbereitet, aber nicht geübt, mit brachialen verbalen oder körperlichen Widerstand bzw mit subtilen Widerstand von Schülern umzugehen. Hinzu kommt, das viele den falschen Beruf gewählt haben. Zu Lehren ist primär eine didaktische und keine methodische Aufgabe.

  26. Libero
    24.07.2007 | 11:41

    Begeisterte Zustimmung aus der englischsprachigen Welt für the german allstar-gloomster Hans Werner Sinn

    A misdiagnosis of Germany’s malaise
    http://www.ft.com/cms/s/b75a656c-387e-11dc-bca9-0000779fd2ac.html

    A gloomster’s lament
    http://www.economist.com/books/displaystory.cfm?story_id=9468975

  27. Libero
    24.07.2007 | 11:52

    etwas offtopic, aber passt zum Thema des Endzeitlers

    Niedrige Geburtenrate - aber viele Kinder
    http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/artikel/790/124608/print.html

  28. 24.07.2007 | 13:05

    Ich habe dieses Buch wohl vor ein paar Jahren mal gelesen und es steckt noch irgendwo in einem Stapel. Wenn ich mich richtig erinnere, schlägt Sinn keine wirkliche Kürzung der Löhne vor, sondern eben genau das, was in den letzten Jahren auch passiert ist: ein langsameres Ansteigen und längere Arbeitszeiten. Dadurch, dass in anderen Ländern die Löhne schneller steigen, verschwindet auch dann der Unterschied.

    Eine Analyse (wie groß ist der Abstand?) ist eben noch keine Handlungsanweisung (welchen Weg sollen wir einschlagen?).

    Aber was die Frage nach dem Wachstum betrifft: Wenn es keins gäbe, würde die untere Teil auch absolut gesehen ärmer. Und Wachstum ist auch noch die einzige Ausrede, die den Konkurs der Gesetzlichen Rentenversicherung verhindert.

  29. Libero
    24.07.2007 | 14:05

    @rayson
    Dieser langsamere Anstieg ist bei den gegenwärtigen Wechselkursen des € eine echte Hilfe. Hat Sinn das überhaupt in seiner Überlegungen berücksichtigt? Das die Entwicklung der Währung alles seine schönen Veränderungen schnöde entwertet?

  30. 24.07.2007 | 14:07

    @libero:

    Die Zauberformel heißt “learning by doing”. Und es sind die richtigen Anreize nötig für mehr Bildung und nicht umgekehrt. Hier in Deutschland sollen alle Kinder zu potentiellen Nobelpreisträgern ausgebildet werden, nur haben sie später keinen Anreiz daraus auch was nutzbringendes zu machen. Die Überflieger setzten sich folgerichtig dorthin ab, wo die Perspektiven winken. Bildung ist kein Selbstzweck und führt eben nicht von sich aus zu mehr Produktivität und Wachstum. Das kann ich Lewis Buch entnehmen.

  31. Parker8
    24.07.2007 | 16:01

    Déclinologie heißt das Genre in Frankreich. Muss man ein Faible für haben. Aber dass sich MIT Press für sowas hergibt!? Wer in den USA weiß schon ein Jahre altes Buch piefiger Onkel-Ökonomie über Deutschland zu schätzen?

  32. 24.07.2007 | 16:55

    @Rayson:

    Jein. Er merkt zwar selbst an, dass seine Vorschläge jenseits aller Mehrheitsfähigkeit sind und schlägt statt der Kürzung eben eine weitergehende Lohnzurückhaltung vor, als ausreichend empfindet er diese aber eigentlich nicht. Lohnzurückhaltung sieht er nur als eine Möglichkeit an, ein weiteres Abrutschen der deutschen Volkswirtschaft zu vermeiden. Und seien wir doch mal ehrlich: Angesichts der weiter fortlaufenden Inflation ist jede Nullrunde effektiv eine Lohnkürzung.

  33. 24.07.2007 | 17:12

    @Libero

    Wechselkursänderungen “entwerten” nicht die Anstrengungen, sie vergrößern, wenn sie dauerhafter Natur sind, das Problem höchstens. Oder besser: Sie zeigen dessen wahres Ausmaß. Allerdings ist die Wirkung ja nicht einseitig.

    @Karsten

    Aber das ist doch der Unterschied zwischen einer Handlungsanweisung und einer Analyse, dass die Handlungen, die realistischerweise durchsetzbar sind, nicht als ausreichend empfunden werden können.

    Und natürlich ist eine Stagnation bei Inflation eine reale Kürzung. Aber darauf, dass dies ganz anders empfunden wird als eine nominale Verringerung, bauen ganze keynesianische Modelle auf…

  34. 24.07.2007 | 20:12

    Gehören eigentlich Mieten auch zu Löhnen und werden dann auch durchschnittlich um 15 Prozent gesenkt?

    Und um noch billiger zukommen: Ich finde es interessant, wenn Vorschläge für Lohnkürzungen von gut verdienenden Beamten auf Lebenszeit kommen. Ich mag sowas gar nicht ernst nehmen, denn für sie selbst gelten praktischerweise ihre Vorschläge - sollten sie plötzlich doch umgesetzt werden - ja nicht.

  35. 24.07.2007 | 20:25

    @Marc

    Wie verändert sich die Nachfrage nach Mietraum bei einer 15%-igen Lohnsenkung?

    Das “Beamtenargument” war schon mal gut. Du hättest auch noch ein “Und wenn: Dem täte das ja nicht weh” hinterherschieben können. Aber ehrlicherweise muss man schon noch sagen, dass Sinn das nicht aus reinem Sadismus “fordert”, sondern versucht, Wege aufzuzeigen, die Arbeitslosigkeit zu verringern.

  36. 25.07.2007 | 21:01

    @Rayson: Immer diese eiskalt gegenfragenden Neoliberalen … ;-)

    Wie man durch ALGII schon beobachten kann, wird dann wohl der Markt für billige Studentenbuden knapp. Oder es werden mal wieder Wohnungen ohne Badewanne (Dusche reicht) und Balkon gebaut. Würde mir übrigens auch reichen. Für Balkon ist das Wetter überwiegend zu schlecht und Badewannen sind mir in der Regel zu kurz.

    Sicherlich sind das keine Ideen, nur um gemein zu sein. Und nichts neues. Prof. Walter von der Deutschen Bank hatte übrigens vor rund 15 Jahren mal eine 20-Prozent-Senkung vorgeschlagen.

    Ich sehe bei Lohnsenkungen nur das Problem, dass wir diesen Wettlauf nicht gewinnen können, denn doch sind unsere Winter kälter als die in Indien, werden also immer noch Löhne-treibende Heizkosten haben. Zudem verleiten niedrige Löhne dazu auf Innovationen zu verzichten, weils ja auch billig geht.

  37. 26.07.2007 | 0:54

    @Marc

    Wir können wohl auch zusätzlich davon ausgehen, dass normaler Wohnraum billiger würde.

    Es gibt aber keinen “Wettlauf” bei Lohnsenkungen. Löhne folgen immer der Produktivität. Deswegen steigen sie in den “Niedriglohnländern” sehr stark, zumindest bei gut ausgebildeten Arbeitnehmern, und stagnierten bzw. sanken bei uns. Wie in der Wirtschaftspresse zu lesen ist, reicht die Lohndifferenz für Standortverlagerungen nach Osteuropa z.B. in einigen Branchen und Tätigkeit nicht mehr als Begründung aus.

    Letztendlich hilft es nicht, das Problem zu ignorieren, wenn man es lösen möchte.

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