Gedanken zum Sinn (2)

Mittlerweile bin ich schon ein gutes Stück weitergekommen in Hans-Werner Sinns Anleitung zur Rettung unseres Vaterlandes. Ich habe mich von ihm überzeugen lassen, dass eine Gewerkschaft, die mit den Mitteln des Flächentarifvertrags und des Kündigungsschutzes ausgestattet ist, eigentlich nichts anderes ist als ein durch Gesetze eingerichtetes und geschütztes Kartell - denn auf dem Arbeitsmarkt erfüllen Gewerkschaften schließlich genau diese Funktion. Ja, sie halten die Löhne Preise deutlich höher, als sie sein würden, wenn sie gemäß Angebot und Nachfrage bestimmt würden - und sorgen damit dafür, dass in vielen Fällen Unternehmen pleite gehen (oder gar nicht erst entstehen), weil sie ihre Produkte/Dienstleistungen nicht zu den Preisen anbieten können, die der Markt hergibt.

Das ist alles sehr logisch. Interessant ist aber Sinns doppelter Lösungsansatz:

(1) Öffnungsklauseln sollen, so fordert er, zwingender Bestandteil jedes Tarifvertrages werden; mithin sollen also die Flächentarifverträge verschwinden (denn nichts anders täten sie in diesem Fall) und durch ausschließlich unternehmensbezogene Tarifverträge ersetzt werden.

Konkret sollte der Gesetzgeber die Tarifpartner zwingen, in jeden Tarifvertrag eine wirksame Öffnungsklauusel aufzunehmen, die den einzelnen Betrieben die Möglichkeit gibt, auf dem Wege einer freiwilligen betrieblichen Vereinbarung zwischen Betriebsrat und Vorstand auch nach unten hin vom Tarifvertrag abzuweichen, wenn die betrieblichen Belange dies erfordern.

Hier konstruiert Sinn eine Art von Schicksalsgemeinschaft zwischen dem Unternehmen (vertreten durch den Vorstand) und seiner Belegschaft (vertreten durch den Betriebsrat). Alle gemeinsam, also Unternehmer/Inhaber/Aktionäre, Vorstand, Belegschaft und Betriebsrat, ermitteln die betrieblichen Belange - die durch die Marktsituation in Konkurrenz zu anderen, ähnlichen Schicksalsgemeinschaften bestimmt werden - und legen anhand dessen die Bedingungen ihrer Zusammenarbeit fest. Ist die Marktsituation des Unternehmens gut, so können höhere Löhne gezahlt werden, weil einfach mehr da ist. Ist sie schlecht, ist Verzicht angesagt, um das Wohl der Gemeinschaft zu erhalten und weiterzuleben, um an einem anderen Tag bessere Ergebnisse einzufahren.

Dies ist natürlich eine Sichtweise, die man auf ein Unternehmen haben kann; nicht zuletzt ist es auch die Sichtweise, die in Deutschland besonders verbreitet zu sein scheint. “Der Bayer” und “Der Daimler” sind mehr als Aktiengesellschaften, sie sind eben solche Schicksalsgemeinschaften - ein Unternehmer, eine Marke, ein Name, viele Menschen, alle vereinigt unter einer Fahne, gemeinsam im Kampf auf dem Weltmarkt. Eine Unternehmensvorstellung, die auch Krupp und Thyssen, die Ruhrkohle und viele andere deutsche (und ausländische, vor allem japanische) Unternehmen gepflegt haben. Klassenkampf spielt hier keine Rolle, das Individuum ebenfalls nicht; gemeinsam ist man stark, und man steht zusammen, unter allen Bedingungen und in jeder Lage.

(2) Er fordert aber auch, den Kündigungsschutz abzuschaffen. Der Kündigungsschutz, so analysiert Sinn zurecht, ermöglicht es den Gewerkschaften erst, hohe Lohnforderungen durchzusetzen - selbst, wenn diese “zu hoch” sind (in dem Sinne, dass sich dann für die Kapitaleigner kein rechter Gewinn mehr erzielen lässt), schadet er den Mitgliedern der Gewerkschaft nicht unmittelbar, weil sie nicht entlassen werden. Sinn schreibt weiter:

Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen jederzeit zufrieden mit dem Arbeitsverhältnis sein, und wenn es eine Seite nicht mehr ist, dann muss sie in der Lage sein, das Verhältnis zu beenden.

Hier kommt nun plötzlich eine ganz andere Vorstellung des Arbeitsmarktes zum Tragen - war zuvor noch das Wohl und Wehe des Unternehmens, des gemeinsamen Projektes, das Maß aller Dinge, so ist es nun das individuelle Interesse. Die Arbeitnehmer, die in der ersten Forderung nicht das Maximum aus dem Unternehmen herauspressen sollten und wollten, um dessen Zukunft zu erhalten, sollen nun jederzeit entlassen werden können, wenn der Arbeitgeber nicht mehr zufrieden mit dem Arbeitsverhältnis ist. Nicht mit ihnen, wohlgemerkt; sie können fleißig sein wie eh und je, aber wenn irgendwo grünere Wiesen locken, dann muss man sich von ihnen trennen können. Nichts mehr also mit der Schicksalsgemeinschaft, nichts mehr mit der Konkurrenz zu anderen Unternehmern und deren Mitarbeitern, sondern nun plötzlich jeder für sich, und Gott für uns alle.

Das ist das Hauptproblem, das ich mit Sinn in diesem Abschnitt habe - mal denkt er in Unternehmen als quasi korporativistischen Einheiten, in denen man sich fest aneinander bindet und gemeinsam denkt, mal ist es nur noch die individuelle Beziehung zwischen Arbeitgeber und dem (einzelnen) Arbeitnehmer, die er betrachtet. Er erwartet also gewissermaßen Arbeitnehmer, die in schlechten Zeiten an die Zukunft des Unternehmens (und ihre Kollegen) denken, die Verzicht üben und für bessere Tage kämpfen - und gleichzeitig nicht murren, wenn sie dann vor die Tür befördert werden, wenn sich eine bessere Gelegenheit bietet, Gewinn zu machen. So funktioniert das aber nicht - auch, wenn Gewinn natürlich das Ziel derjenigen ist, denen das Unternehmen gehört.

Entweder, die Arbeitnehmer sind Geschäftspartner, die eben das Maximum herausholen wollen, und sich dazu auch mit anderen zusammentun, um ihr Ziel zu erreichen - oder sie sind Partner in einer Gemeinschaft, mit der man gemeinsam alle Klippen des Weges umsegelt, um zusammen ein gemeinsames Ziel anzusegeln. Das beste beider Welten geht nicht; “there’s no such thing as a free lunch”, wie Rayson gerne betont.

Zum nachvollziehbaren Einwand, dass die Kritik Sinns am Kartell der Gewerkschaften nach wie vor Bestand hat, möchte ich folgendes anfügen:

Jegliche Gewerkschaften (und ihre Macht) aufzulösen, würde extrem ungleiche Verhältnisse auf dem Markt auslösen. Der eine Marktteilnehmer (der Arbeitgeber) kann sich dem Markt fernhalten, und sein Verlust ist lediglich entgangener Gewinn. Er braucht also nur zu warten, bis die Verzweiflung der Arbeitnehmer (deren Verlust ihr Lebensunterhalt ist) genügt, um sich in einen verzweifelten Wettbewerb gegeneinander werfen. Er kann sie dann gegeneinander ausspielen (insbesondere dann, wenn wir Sinns Vorschlägen folgen und den Sozialstaat auch weitgehend zurückbauen). Das ist wohl kaum ein fairer Wettbewerb.

Wollten wir also wirklich fairen Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt haben (und da akzeptiere ich jetzt ja schon, dass Menschen und ihre Arbeitskraft wie eine Ware gehandelt werden können, was mir schwerfällt), so bräuchten wir nicht etwa Öffnungsklauseln, sondern kumulierte, marktfähige Anbieter von Arbeitskraft. Diese wären ein Mittelding zwischen Gewerkschaften und Zeitarbeitsunternehmen - miteinander konkurrierende, nicht kartellorganisierte Einheiten, die menschliche Arbeitskraft zu fairen Marktbedingungen anbieten, aber nicht an bestimmte Unternehmen gebunden sind, sondern allen einen gleichen Zugriff auf diese “Ware” bieten würden.

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53 Kommentare zu “Gedanken zum Sinn (2)”

  1. 29.07.2007 | 6:57

    > … so bräuchten wir nicht etwa
    >Öffnungsklauseln, sondern
    >kumulierte, marktfähige Anbieter von
    >Arbeitskraft. Diese wären ein
    >Mittelding zwischen Gewerkschaften
    >und Zeitarbeitsunternehmen …

    –> das zu realisieren wäre gan einfach: Jeder neue Arbeitnehmer in einer Firma muß Mitgleid der dort “herrschenden” gewerkschaft werden. Das ist im übrigen NICHTS, was ich unterstützen würde, denn auch das ist ein Schlag gegen das Individuum.

    Aber die Zusammenfassung von Sinn’s Thesen sind schon interessant; meine Meinung, dass der Herr irgendwelche Versatzstücke zusammenmurkst und daraus etwas zu rühren, was seiner Klientel (und nur dieser) bekommt, hat sich verfestigt. Schädlich ist nur, das dieser Mampf als Idealdiät für die BRD verkauft wird.

  2. 29.07.2007 | 8:31

    Ich kann das Tamtam um die Kündigungsfristen nicht verstehen. Wenn ich mir die gesetzlichen Fristen anschaue, dann sind die Kündigungsfristen in den ersten zwei (fünf) Jahren ein (zwei) Monat/e.

    Das als Hindernis für kurzfristige Einstellungen, weil man gerade jemanden für einen unübersehbaren Zeitraum bracht, ist für mich nicht nachvollziehbar.

    Und die längeren Kündigungsschutzfristen sind die in Tarifverträgen.

    Weiterhin möchte ich nicht die Gesichter der Chefs sehen, wenn die Arbeitnehmer wie in den USA von heute auf morgen kündigen. Als freier Mitarbeiter hatte ich das gerade erst erlebt, wie dumm der Kunde guckt, wenn er einen fest eingeplant hatte. Da wird dann einem der Eindruck vermittelt, man würde die Firma im Stich lassen etc. Aber andersherum wird Verständnis erwartet.

  3. micha42
    29.07.2007 | 8:49

    @Marc: Ich meine, es gibt weniger Tamtam um die Kündigungsfristen (oobwohl: bei 3 oder mehr Monaten wohl auch das), sondern vor allem um die Möglichkeit, jemanden unter Beachtung dieser Fristen einfach so, ohne sich groß rechtfertigen oder Abfindungen zahlen zu müssen, kündigen zu können, und zwar auch nach Ablauf der Probezeit.

  4. 29.07.2007 | 11:28

    Hallo,

    wollte einmal nachfragen, ob ich dein Blog auf meiner Site: http://www.liberphil.wordpress.com verlinken darf?

    Mfg,

    liberphil

  5. 29.07.2007 | 12:10

    Unser Blog. Und natürlich steht es jedem nach Belieben frei, uns zu verlinken.

  6. Parker8
    29.07.2007 | 12:18

    Der eine Marktteilnehmer (der Arbeitgeber) kann sich dem Markt fernhalten, und sein Verlust ist lediglich entgangener Gewinn. Er braucht also nur zu warten, bis die Verzweiflung der Arbeitnehmer (deren Verlust ihr Lebensunterhalt ist) genügt, um sich in einen verzweifelten Wettbewerb gegeneinander werfen.

    Und das steht da jetzt schon mehrere Stunden, ohne von einem Mitglied der Glaubenskongregation zurecht gerückt worden zu sein! Nee, nee.

  7. 29.07.2007 | 12:28

    @Parker8:

    Die sind alle im Wochenende. Und viele von ihnen bei diesem Thema vielleicht gar nicht so religiös, wie Du meinst.

    @Marc:

    Um die Fristen geht es kaum, sondern mehr darum, dass es hierzulande sehr schwierig ist, Arbeitnehmer aus betrieblichen Gründen vor die Tür zu setzen.

    @VolkerD:

    Ich habe da eher etwas genossenschaftliches im Sinne. Miteinander konkurrierende Gewerkschaften, die auch faktische Anbieter von Arbeitskräften sind. Ein Gedanke, der mir schon länger im Kopf herumspinnt, den ich aber irgendwann noch einmal ausformulieren muss.

  8. Henning Baumann
    29.07.2007 | 14:15

    Ich habe das Buch noch nicht gelesen und zum Weltbild von Prof. Sinn kann ich mich auch nicht äußern. Aber ich kann den Dualismus, wie du ihn hier Sinn unterstellst, nicht erkennen.

    Sinn verlangt in den Textstellen von niemanden ein Verhalten das gegen dessen eigene Interessen gerichtet ist. Er dreht sich in seinen Aussagen die Welt auch nicht so, wie er sie gerne hätte. Sinn tritt in den zitierten Aussagen für eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes ein. Warum sollten Maßnahmen, die auf Gütermärkten zu inferioren Ergebnissen führen, gerade auf dem Arbeitsmarkt superiore Ergebnisse erzeugen? Warum sollen Mindestpreise für Arbeit einen anderen Effekt haben als Mindestpreise für Brot, Milch, Autos? Warum sollte Jemand gezwungen sein gegen seine Interessen Vertragsverhältnisse aufrecht zu erhalten?

    Um dein Beispiel des Segelns aufzugreifen. Warum schließt du aus das der Kapitän des Schiffes und seine Mannschaft keine Gemeinschaft und individuelle Geschäftsverträge haben können? Die einzelnen Matrosen ordnen sich dem Kollektiv und dessen Ziel(zB Sieg bei einem Rennen) unter, weil sie sich davon einen Nutzen versprechen(Heuer, Entlohnung, Ruhm, Gemeinschaftsgefühl etc - vielleicht alles zusammen). Jedes Indiviuum wird dabei selbst entscheiden, wie weit es die Entscheidungen des Kapitäns mitträgt(Verringerung des Lohns, Mehrarbeit etc). Dennoch kann es irgendwann ratsam werden, die Mannschaft, das Team, die Gemeinschaft zu verlassen und bei einem anderen Kapitän anzuheuern(Wenn die dortige Gemeinschaft attraktiver wirkt, eine höhere Entlohnung lockt, oder die Siegchancen höher liegen). Umgekehrt, kann der Kapitän auch zu dem Entschluss gelangen, dass ein anderer Matrose geeigneter für die jeweilige Aufgabe sei oder dass die Schiffskasse nicht mehr ausreicht für soviele Matrosen.
    Natürlich kann der Entschluss, die Mannschaft zu verlassen und bei einem anderen Schiff anzuheuern oder Matrosen zu entlassen um die Schiffskasse zu entlasten Fehlentscheidungen sein. Das weiß man aber erst ex post.

    Mannschaft, Team, Belegschaft, das sind keine starren Gebilde. Sie werden regelmäßig verändert und müssen verändert werden, um sich den Herausforderungen einer dynamischen Wirtschaft zu stellen. Im Fußball zum Beispiel ist es Gang und Gebe Trainer und Spieler von Saison zu Saison und in der Saison selber auszutauschen. Je flexibler diese Veränderung funktioniert umso eher entstehen erfolgreiche Teams. Nichts anderes fordert Sinn: Liberalisierung und Flexibilität. Ob Unternehmen dann eine Hire and Fire Politik oder die der engen Bindung fahren, ist völlig ihnen überlassen und welchen Erfolg sie damit haben. Wer ex ante sagt, nur die Hire&Fire würde sich herausbilden, der läuft meiner Meinung nach mit ideoligischen Scheuklappen durch die Welt. Es ist gut möglich, dass sich eine Vielfalt entwickelt. Jedes Unternehmen kann eigene Konzepte entwickeln oder von Unternehmen mit erfolgreicher Personalpolitik kopieren um selber erfolgreich zu sein.

    Zur Auflösung der Gewerkschaften:

    Die Aufgabe von Gewerkschaften ist es nicht, gleiche Verhältnisse auf dem Markt zu schaffen. Was immer du damit auch meinst. Sondern die Privilegien ihres Klientel zu sichern. Alle anderen sind davon ausgeschlossen und leiden im Endeffekt darunter, dass Unternehmen marktferne Preise für Arbeit zahlen und deshalb weniger Arbeitnehmer beschäftigen. Gewerkschaften sind im Grunde höchst asozial und illiberal, wenn ihre Macht zu groß wird oder staatlicherseits unterstützt wird.(Ein schönes Beispiel ist zur Zeit die Lokführergewerkschaft) Das Aufbrechen des Kartells und freier Wettbewerb zwischen verschiedenen Gewerkschaften würde imho Abhilfe schaffen. Das ähnelt ungefähr deinem letzten Absatz, denke ich.

    Die Darstellung des Funktionierens des Marktes empfinde ich als moralisch aufgeladen und ideologiebelastet. Ich hätte nicht erwartet so eine “Analyse” auf einem liberalen Blog zu lesen. Arbeitnehmer als hilflose Opfer gieriger, ihre machtausspielender Arbeitgeber(=Kapitalisten) halte ich für ein simplizistisches und menschenverachtendes Weltbild. Millionen von Menschen wird abgesprochen, für ihr eigenes Wohl die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sie werden damit zu kleinen Kindern gemacht, die ein Väterchen Staat und ein Mütterchen Gewerkschaft brauchen, dass für sie sorgt und sie beschützt. Arbeitgeber sind keine homogene Gruppe oder eine einzige Identität, sondern stehen miteinander in Konkurrenz um Arbeitskräfte. Mit dem “lediglich” entgagenen Gewinn werden Investitionen bestritten, Arbeitnehmer eingestellt oder er wird an die Eigentümer ausgeschüttet, die ihrerseits Investieren und Konsumieren.

    Noch ein Wort zum “fairen” Wettbewerb. Was ist fair daran, dass andere Arbeitnehmer besser Computerprogramme programmieren können als ich? Was ist fair daran, dass andere wesentlich attraktiver sind als ich und Millionen als Models oder Schauspieler verdienen können? Was ist fair daran, dass es Menschen gibt, die Atomreaktoren bauen können? Was ist daran fair, dass ein Chinese für 1 $ pro Tag 10h lang Nike Schuhe näht? Bei all den genannten Beispielen haben andere einen unfairen Vorteil mir gegenüber im Wettbewerb um einen Arbeitsplatz. Ich sag dir, nichts ist daran fair. Die Forderung nach Fairness führt konsequenter Weise in die Forderung nach absoluter Gleichheit der Menschen im Ergebnis und in der Ausgangslage. Kommunismus.
    Kurt Vonnegut schrieb dazu eine satirische Geschichte “Harrison Bergeron” , indem durch das zentrale Störausgleichamt des Staates jede Art von Unterschiedlichkeit nivelliert wird. Intelligente Menschen werden mit einem Funkempfänger alle 20 sec drangsaliert, damit sie keinen ungerechten Vorteil aus ihren Gehirnen ziehen. Ballettänzer bekommen Säcke mit Eisenschrot umgehangen etc.
    Fairness oder soziale Gerechtigkeit sind nur Phantome eines freiheitsfeindlichen Weltbilds. Mit ihnen lassen sich andere Menschen ausgrenzen und dämonisieren, als “neoliberal” als unmoralische Betrüger, die nur durch “unfaire” Mittel auf Kosten der anderen Erfolg haben. Diese Ideen sollten meiner Meinung nach nicht zu den Leitbildern werden, wie Wirtschaft organisiert sein sollte. Wohin diese Ideen führen hat die Geschichte sollte uns die Geschichte grausam gelehrt haben.
    Ich unterstelle dir nicht, dass du Kommunist bist, oder mit deiner Forderung eine solche Entwicklung begrüßt. Ich will dir nur klarmachen, wohin es führen kann.

  9. stefanolix
    29.07.2007 | 14:52

    Die Forderung nach Fairness führt noch nicht in den Kommunismus, sondern erst die Forderung nach unbedingter Gleichheit. Fairness (im Sinne des Einhaltens von Spielregeln wie auch im Sinne der Gültigkeit dieser Spielregeln) ist meiner Meinung nach eine Grundlage der Marktwirtschaft.

    Nebenbei gesagt führt natürlich auch der Kommunismus nicht zur Gleichheit. Kommunismus ist die Herrschaft einer alles erdrückenden Bonzenpyramide über das entrechtete und auf niedrigem Niveau gleichgemachte Volk.

  10. 29.07.2007 | 15:14

    Ah, doch nicht alle im Wochenende.

    Lieber Henning,
    dass Kommentatoren direkt erst mal versuchen, mir den Begriff des “Liberalen” abzusprechen, bin ich mittlerweile bereits gewohnt. Insofern rege ich mich darüber nicht mehr auf; auch nicht darüber, wenn mir implizit eine Nähe zum Kommunismus unterstellt wird. Letzteres zeigt nämlich vor allem, dass derjenige, der schreibt, wenig Ahnung vom Kommunismus hat.

    Diese Nummer mit dem “Die Welt ist eben nicht fair, und das ist auch gut so” habe ich in letzter Zeit auch schon öfter mal gehört. Eigentlich nur von Leuten, die persönlich von dieser Unfairness profitierten. Eine gewisse Fairness aber gehört zu den Idealen jeder moralisch einwandfrei argumentierenden Haltung zu Politik und Gesellschaftsordnung. Ich bewege mich da allerdings nicht im Bereich von “von jedem, was er kann und für jeden, was er braucht”, sondern mehr im Sinne von John Rawls und seiner “Theory of Justice”. Ein Autor, der eigentlich des Kommunismus unverdächtig ist und generell eher als Liberaler geführt wird. Aber gut, für Mises waren ja auch Karl Popper und die Mont Pèlerin Society irgendwann nur noch eine “Bande von Sozialisten” - weil ihnen eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in der sich nur noch der Stärkste im Wettkampf durchsetzen soll, nicht als die ideale erschien.

    Arbeitnehmer als hilflose Opfer gieriger, ihre machtausspielender Arbeitgeber(=Kapitalisten) halte ich für ein simplizistisches und menschenverachtendes Weltbild.

    Ich halte es für ziemlich menschenverachtend, wenn im Abstand weniger Wochen immer mal wieder zehntausende Menschen ihrer Existenzgrundlage (ihrer Arbeit nämlich) beraubt werden - nicht etwa, weil ihre Arbeit keinen Gewinn mehr brächte, sondern weil die Rendite im Vergleich zu anderen Ländern/Unternehmen/Märkten schlicht nicht hoch genug ist. Bitte unterstell mir kein unrealistisches und ideologisches Weltbild, wenn Du solche Fakten nicht zur Kenntnis nehmen willst. Mit einem Blick auf das Große Ganze und das mögliche rechnerischen Wachstum der Volkswirtschaft geben wir keine Antwort auf die Probleme der nun freigesetzten Menschen, die die Abtragung für ihre Häuser und Autos nicht mehr leisten und in manchen Fällen sogar nur mit Mühe noch ihren Lebensunterhalt finanzieren können. Von Konzernen, die vorher in Mission Statements von der “großen Familie” gesprochen haben, die sie darstellen. Natürlich in einer Zeit, als Arbeitskräfte knapp waren und man nach Möglichkeiten suchte, Mitarbeiterbindung ohne höhere Bezahlung nach Marktpreisen zu erreichen.

    Wobei ich im Übrigen das Recht der Konzerne verteidige, so zu handeln - sie sind schließlich nur ihren Aktionären verpflichtet und müssen deren Rendite erhöhen. Wenn man die Sache so sieht, dann darf man aber auf der anderen Seite nicht so großspurig von den Interessen reden, die Vorstand und Belegschaft verbinden; das einzige echte Interesse des Mitarbeiters ist es, vom Unternehmen für möglichst wenig Arbeit möglichst gut bezahlt zu werden. Genau, wie umgekehrt.

    Zur konkreten Sache mit den Tarifverträgen auf Betriebsebene: Wenn der Arbeitgeber einfach seine Belegschaft austauschen kann, wenn diese zu hohe Lohnforderungen stellt, dann macht jeder Tarifvertrag wenig Sinn. Dann ist es nämlich ebenso gut, wenn einfach jeder Einzelne mit dem Unternehmen verhandelt - und das wird bei geringer Arbeitslosigkeit zu horrenden Löhnen führen (der Arbeitnehmer weiß ja, das er begehrt ist) und bei hoher Arbeitslosigkeit zu Hungerlöhnen (denn dem Arbeitnehmer wird schon vorgeführt, dass er überhaupt nicht begehrt ist). Das mag bei Waren zu Ergebnissen maximaler Effizienz führen. Es geht aber um Menschen.

    Wobei unsere Lösungsideen ja interessanterweise gar nicht so weit auseinander liegen. Von Einheitsgewerkschaften bin ich nämlich auch nicht so begeistert. Ihre Probleme sind mir nämlich bekannt - die hättest Du mir nicht erläutern brauchen. Das hat H-W Sinn schon getan. Und Westerwelle. Und etliche Leute vor ihnen.

  11. 29.07.2007 | 15:21

    Ach, eins noch:

    Arbeitgeber sind keine homogene Gruppe oder eine einzige Identität, sondern stehen miteinander in Konkurrenz um Arbeitskräfte.

    Schöne Sichtweise, wenn man zufällig zu denjenigen gehört, um die noch konkurriert wird, weil man eine gewisse, immer noch begehrte, Ausbildung hat. Aber weniger schön, wenn man die Realität erlebt, in der den Menschen deutlich klar gemacht wird, dass sie glücklich sein dürfen, überhaupt zu arbeiten, weil sie jederzeit ersetzbar sind. Da wird nicht konkurriert, da wird erpresst. Allen schönen ökonomischen Theorien zum Trotze.

  12. 29.07.2007 | 17:59

    Ich bewege mich da allerdings nicht im Bereich von “von jedem, was er kann und für jeden, was er braucht”, sondern mehr im Sinne von John Rawls und seiner “Theory of Justice”. Ein Autor, der eigentlich des Kommunismus unverdächtig ist und generell eher als Liberaler geführt wird.

    Ja, der Begriff “liberal” wird in der aktuellen Politischen Philosophie schon ziemlich strapaziert. Ist schon wieder etwas her, dass ich mich mit Rawls befasst habe, aber aus der Erinnerung heraus würde ich ihn als relativ lupenreinen Sozialdemokraten bezeichnen, was man in den USA im alltäglichen Sprachgebrauch halt unter “liberal” versteht.

  13. 29.07.2007 | 18:20

    Klar. Und Dahrendorf ist natürlich auch ein Sozialdemokrat. Aber Hoppe ist liberal. Weil nur die reine Lehre den Begriff “liberal” verdient hat.

  14. 29.07.2007 | 19:00

    Ich bin kein Hoppe-Fan und durchaus kein Anhänger der “reinen Lehre”, mein eigenes Weltbild ist auch nicht stringent philosophisch “lupenrein liberal” begründet, was immer man darunter verstehen mag. Aber wenn derart weitgehend Redistribution gerechtfertigt wird, tu’ ich mir mit der Attribuierung “liberal” nun mal schwer.

  15. 29.07.2007 | 19:23

    @Robroy:

    Öhm… der mit Hoppe war nicht so gemeint, wie er sich jetzt auch für mich liest. Ich wollte nicht sagen, dass Du Hoppe-Fan bist; mich wundert nur immer, wie man diesen Herrn mit Liberalismus in Verbindung bringen kann (was Du aber gar nicht getan hast). War also mehr ein kleines Genöle von mir… sorry.

    Im Übrigen gilt Rawls nicht nur Amerikanern als liberal, sondern auch deutschen Politologen.

  16. DDH
    29.07.2007 | 20:04

    Mitten in der Ferienzeit drohen jetzt die Gewerkschaften der Lokführer (angeführt von einem ehemaligen CDU-MdB!) und der Piloten mit Streiks. Da Streiks, sogenannte Arbeitskämpfe, prinzipiell nichts anderes sind als legalisierte Erpressung und institutionalisierter Bürgerkrieg, kann ein Staat, in dem es ein sogenanntes “Streikrecht” gibt (also die Verpflichtung von Arbeitgebern, Personen Geld zu zahlen, die ihre Arbeit einfach niederlegen und das Verbot, diese Personen einfach durch arbeitswillige Arbeitnehmer zu ersetzen) mitnichten als “Rechtsstaat” bezeichnet werden.

    Ein paar liberale Zitate mögen verdeutlichen, warum die Herrschaft der Gewerkschaften und die sogenannte “Tarifautonomie” nicht länger hingenommen werden dürfen wenn wir endlich wieder in einem freien Land leben wollen!

    «Die destruktionistische Funktion der Gewerkschaften ist niemals ernstlich bestritten worden. Es ist nie gelungen, eine Lohntheorie aufzustellen, aus der man die Folgerung ableiten könnte, daß durch den gewerkschaftlichen Zusammenschluß eine dauernde Erhöhung des Realeinkommens der Arbeiter erzielt werden könnte.»

    Ludwig von Mises, Die Gemeinwirtschaft, Jena 1922

    «Die gewerkschaftliche Politik der Arbeitsteilung, der Gewalt und der Sabotage hat an der Besserung der Lage der Arbeiter nicht das geringste Verdienst gehabt. Sie hat ihren Teil dazu beigetragen, daß das kunstvolle Gebäude der kapitalistischen Wirtschaft, in der sich das Los aller, auch das des ärmsten Arbeiters, von Tag zu Tag gebessert hat, in seinen Grundfesten erschüttert wurde.»

    Ludwig von Mises, Die Gemeinwirtschaft, Jena 1922

    «Die Macht der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter, vor der heute die Welt zittert, hat keine andere Grundlagen als die Macht anderer Tyrannen je gehabt hat; auch sie ist nichts als das Erzeugnis menschlicher Ideologien.»

    Ludwig von Mises, Die Gemeinwirtschaft, Jena 1922

    «Nicht nur die Praxis der Gewerkschaften ist destruktionistisch; schon der Grundgedanke, auf den sie sich aufbauen, ist es.»

    Ludwig von Mises, Die Gemeinwirtschaft, Jena, 1922

    «Der Augenblick dürfte auch in Deutschland schnell herankommen, da eine gesetzliche Eindämmung der gewerkschaftlichen Monopolmacht ebenso als eine nationale Existenzfrage erkannt wird wie in den Vereinigten Staaten und damit die größte Lücke in der Antimonopolgesetzgebung geschlossen werden muß.»

    Wilhelm Röpke, Gegen die Brandung, Zürich, 1959

  17. DDH
    29.07.2007 | 20:07

    Lest auch mal:

    Gerard Radnitzky: “John Rawls Theorie der Gerechtigkeit: Egalitarismus im philosophischen Gewand”, in Roland Baader, Hg., Die Enkel des Perikles. Liberale Positionen zu Sozialstaat und Gesellschaft, l995a, S. 33-49.

  18. 29.07.2007 | 20:18

    Soviel zur reinen Lehre… Mises, Mises, Mises.

    Im Übrigen, DDH, werden Streikende nicht weiterbezahlt, sondern erhalten eine Entschädigung aus den Streikkassen. Wir wollen doch bei den Fakten bleiben.

    Monopolgewerkschaften sind allerdings schon ein Problem, da sind wir uns ja einig.

    Was Rawls angeht… ich werde versuchen, das Ding von Radnitzky mal zu lesen, wenn ich den Band in der Bibliothek finden kann. Bin mal gespannt.

  19. Henning Baumann
    29.07.2007 | 20:39

    Hi Karsten,

    Fairness wie Stefanolix sie definiert, ist durchaus zuzustimmen, wenn mit Spielregeln nicht auch die vielen Eingriffe des Staates in den Markt gemeint sind. Ich meinte in deiner Argumentation aber einen anderen Begriff der Fairness verstanden zu haben.
    Ich geb zu der Hinweis auf Kommunismus war sehr dramatisierend, aber in der heutigen Zeit, wo nach immer mehr Staatseingriff und kollektivistische Maßnahmen gefordert wird, fand ich es schon angebracht, wollte dir aber wie in meinem letzten Satz gesagt nichts unterstellen.

    Ich gebe dir auch recht, dass einige Unternehmen eine zumindest fragwürdige Personalpolitik haben. Ich bin kein Verteidiger der Unternehmen, ich verteidige lediglich ihre unternehmerische Freiheit, wie du auch.
    Die Folgen von Arbeitsplatzverlust, die du beschreibst, sind real und für jeden einzelnen Betroffenen schlimm. Allerdings geschieht dies, TROTZ der ganzen “sozialen Gerechtigkeit” die wir uns in Deutschland leisten. Und meiner Meinung nach nicht nur trotz sondern größtenteilweise auch wegen. Sie behindern die Anpassungen die in der globalisierten Welt nötig sind, sie verhindern, dass die zehntausend Entlassenen möglichst schnell neue Arbeit finden, anstatt vom Staat abhängig zu sein. Und schlimmernoch diese ach so sozialen Errungenschaften behindern die große Masse der Geringqualifizierten ihre Arbeitskraft anzubieten. Vor dieser Menschenverachtung, kannst auch du die Augen nicht verschließen.

    Du hast übrigens Recht, viele Menschen können glücklich sein eine Arbeit zu haben, so beschissen sie auch bezahlt wird. Wenn ich sehe, wie Menschen in Indien oder China arbeiten müssen, dann weiß ich das ich soetwas selber niemals erleben möchte. Allerdings ist das mein wohlstandsverwöhnter Standpunkt. Die Arbeiter in diesen Unternehmen haben sicher eine ganz andere Einstellung zu ihrer Tätigkeit und deren Entlohnung. Für sie ist es die Chance der Armut zu entkommen und sich Wohlstand zu erarbeiten.

  20. Libero
    29.07.2007 | 20:54

    Menschenverachtend finde ich es, das die Lebensjahre von Heranwachsende verstreichen und am Ende keine Qualifikation vorhanden ist. Mit dem Argument, die wären ja ohnehin nicht bildungsfähig. Danach ihnen für ihre nicht vorhandene Qualifikation Arbeit anzubieten, ist dann natürlich wahre Humanität.

  21. T. Albert
    29.07.2007 | 20:55

    @Henning Baumann
    “Für sie ist es die Chance der Armut zu entkommen und sich Wohlstand zu erarbeiten.”

    -Warum geht man dann so mit ihnen um, wie es jeder hier weiss?

  22. stefanolix
    29.07.2007 | 21:09

    Libero schrieb:

    Menschenverachtend finde ich es, das die Lebensjahre von Heranwachsende verstreichen und am Ende keine Qualifikation vorhanden ist. Mit dem Argument, die wären ja ohnehin nicht bildungsfähig.

    Zu Bildung und Qualifikation gehören immer zwei. Von der Seite, die ein Bildungsangebot macht, hast Du schon gesprochen. Bei aller Kritik im Detail gibt es bei uns immer noch sehr umfangreiche Bildungsangebote.

    Der Schüler muss das Angebot aber nicht nur annehmen, er muss auch hart dafür arbeiten. Und wenn wir schon bei dem großen Wort »menschenverachtend« sind: wie würdest Du es denn umschreiben, wenn gerade diese Jungs ihre Lehrer fertigmachen und mobben? Die Lebensjahre verstreichen von selbst, da hast Du recht. Aber ist es nicht so, dass sich solche Jugendlichen die Chancen selbst jeden Tag etwas mehr kaputtmachen?

  23. 29.07.2007 | 21:18

    @Karsten

    War also mehr ein kleines Genöle von mir… sorry.

    Kein Problem

    Im Übrigen gilt Rawls nicht nur Amerikanern als liberal, sondern auch deutschen Politologen.

    Ich weiß - ich schrieb ja, er entspricht eher dem was die US-Amerikaner im alltäglichen Sprachgebrauch unter “liberal” verstehen, im Gegensatz zum deutschen/europäischen alltagssprachlichen Gebrauch.
    Neben dem und dem wissenschaftlichen Gebrauch gibt es dann eben noch meinen eigenes, subjektives Verständnis von dem, was Liberalismus ausmacht, und das steht staatlichem Interventionismus und Egalitarismus eher negativ gegenüber.
    Was ich mit alledem nur sagen wollte: Das Label “liberal” in der philosophisch/politikwissenschaftlichen Diskussion ist IMO allein noch lange kein Qualitätsmerkmal für einen Standpunkt, da dieses recht vielfältige, widersprüchliche Positionen umfasst

  24. 29.07.2007 | 21:36

    Da das gerade ein beispiel ist: Warum sollten denn die Lokführer als “Funktionselite” (neulich in diesem Zusammenhang gehört) das nicht ausnutzen, wenn ihnen von der Managerelite vorgelebt wird, nämlich zuzulangen solange es geht? Anscheindend ist ihre Arbeit ja wertvoller als gedacht, wenn ein Streiktag 500 Millionen Euro am Tag uns alle kostet.

  25. DDH
    29.07.2007 | 21:46

    @Karsten: Hihi, na das ist doch mein Job als Gralshüter der reinen Lehre! ;-)

    Allerdings ist für mich ganz persönlich Rothbard die “Linie”, Mises dürftest Du als undogmatischer Liberaler (und Anti-Anarcho!) ja doch einiges abgewinnen!
    btw.: Habe gerade Mises’ “Im Namen des Staates” gelesen, da stehen Sachen drin, die dem Statler-Waldord-A-Team-B.L.O.G-Spektrum ganz gut gefallen dürften, und den orthodoxen Libertären so garnich behagen. In ein paar Tagen kommt dazu ne Rezi, wirst überrascht sein! :-)

    Und damit kein Eindruck der Engstirnigkeit entsteht: ich freue mich auch über jeden Hayekianer, jeden Milton Friedman-Verehrer und über jeden Freund der Public Choice (Buchanan/Tullock) Theorie. Nur bei Rawls hört’s dann halt wirklich auf!

  26. Libero
    29.07.2007 | 22:37

    @stefanolix
    Offensichtlich kennst du keine Lehrer, die gerade bei diesen Schülern Erfolge erreicht haben. Ich gäbe dir recht, reine Wissensvermittler kommen bei solchen schwierigen Heranwachsenden nicht weiter. Die brauchen auch nicht unbedingt Lehrer, die brauchen eher eine Auszeit, zum Beispiel in einem Unternehmen. Ich kenne einen ehemals schwierigen Heranwachsenden , der auf dem Weg zu seiner ersten Million ist. Dem hat es dank dieser Auszeit geschafft, Orientierung im Leben zu finden.

    @Karsten

    Gerard Radnitzky - Zeitgenössische Gerechtigkeitstheorien unter der logischen Lupe
    http://www.gkpn.de/radnitzky_gerecht.htm

    Was mich an diesen ganzen Typen stört, ist ihr Lebensweg. Sie schreiben in elegischen Tönen von Markt, und Wettbewerb und Gerechtigkeit. Sie selbst haben erlebt Schule und Universität erst als Lehrende, dann als Lehrende. Mehr haben sie nicht erlebt.

    Ich habe den hochgelobten Mises gelesen. Arbeitsfreude und Arbeitsqual, Innen- und Außenarbeit. Dem guten Mann merkt man an, das er nie ein richtiges Unternehmen von innen erlebt hat. Ich kann nicht verstehen, wie Menschen, die diese Lebenserfahrungen gesammelt haben, diesen gequirlten Stuss für bare Münze nehmen. Der Mann war der Welt entrückt, daß war alles. Bezeichnend seine Lebenserinnerungen. So etwas kraftloses. Nicht zu vergleichen mit gegen die Brandung.

    @DDH, hast du das Buch gelesen, oder nur die Brille von Roland Baader aufgehabt? Wilhelm Röpke hat sich mit der gleichen Verve gegen Großunternehmen und Marktmonopole ausgesprochen.

  27. Libero
    29.07.2007 | 22:45

    B.V, Ch.1, Of the Expences of the Sovereign or Commonwealth in paragraph V.1.178
    In the progress of the division of labour
    http://www.econlib.org/cgi-bin/search.pl?query=%22In+the+progress+of+the+division+of+labour%22&book=smWN&x=0&y=0&andor=and&sensitive=no

    Dieser Text schildert auch Arbeitswelt, aber anscheinend anders, als es die meisten bisher erlebt haben. Dann seid froh, ich habe solche immer nur in den Semesterferien erlebt. Der Text ist natürlich nicht von Friedrich von Hayek oder gar von Ludwig von Mises, sondern von Adam Smith. Das ist die zweite Aussage über Arbeitsteilung, die weit entfernt von der bekannten Aussage steht.

  28. 29.07.2007 | 22:51

    @DDH:

    Oh, Namensschleudern. Das ist ein lustiger Sport. ;)

    Mein Hausheiliger ist Popper, aber Rawls würde ich auch einen Schrein bauen. Milton Friedman ist auch klasse. Mit Public Choice habe ich mich noch nicht genug beschäftigt, und Hayek und Mises sind… anregend, für meinen Geschmack aber zu elitär und oft überheblich.

    Aber Rothbard geht gar nicht…

    Insofern: Let’s agree to disagree. :)

  29. 29.07.2007 | 23:04

    @Henning:

    Ich sprach absichtlich von “Fairness”, weil der Begriff der “Gerechtigkeit” hierzulande eben sehr stark von der “sozialen Gerechtigkeit” überlagert wird, die oft (aber nicht immer) Gleichmacherei bedeutet. Aber faire Regeln müssen eben auch so sein, dass manche Marktteilnehmer vor Marktmissbrauch und einer rigorosen Ausnutzung einer stärkeren Marktposition anderer geschützt werden.

    Unsere soziale Marktwirtschaft ist in ihrer konkreten Ausführung nicht mehr an die Gegebenheiten angepasst, da stimme ich Dir durchaus zu. Ihr Grundgedanke allerdings, der eines Ausgleichs zwischen weitgehender Marktfreiheit und dem Schutz derer, die sonst durch Ausbeutung und Pauperismus bedroht wären, bleibt in meinen Augen bestehen. Jedoch, und da denke ich genau so wie Du und Sinn, müssen auch gering Qualifizierten Möglichkeiten geboten werden, ihre Arbeitskraft einzusetzen - und die Lösungen für das Problem, wie man sie vor Verarmung schützt, dürfen selbst keine noch größeren Probleme erzeugen.

    @Robroy:

    Dann wolltest Du also eigentlich sagen “Rawls gehört nicht zu dem, was ich mir persönlich unter Liberalismus vorstelle”, ja? Damit kann ich leben.

  30. 29.07.2007 | 23:06

    @Libero:

    Die “logische Lupe” habe ich mir auch ergoogelt, aber das ist ja nicht genau der von DDH benannte Text…

  31. T. Albert
    30.07.2007 | 1:57

    @DDH
    was ist eigentlich an Radnitzky und Hoppe u.a. so “pro-westlich”?

  32. 30.07.2007 | 9:54

    @Karsten

    Aber faire Regeln müssen eben auch so sein, dass manche Marktteilnehmer vor Marktmissbrauch und einer rigorosen Ausnutzung einer stärkeren Marktposition anderer geschützt werden.

    Das klingt ganz doll fair. “Rigorose Ausnutzung einer stärkeren Marktposition” - das ist bestimmt was Böses. Aber was genau ist eine stärkere Marktposition in deinen Augen?

  33. 30.07.2007 | 10:24

    @Boche:

    Nee, eine stärkere Marktposition ist nix Böses. Auch ihre Ausnutzung prinzipiell nicht. Aber auf einem Markt mit vielen Millionen Anbietern und wenigen tausend Abnehmern, auf dem für die Anbieter vom reinen Zustandekommmen eines Geschäfts ihr Leben (zumindest aber weite Teile davon) abhängt, für die Abnehmer aber nicht, herrscht schon eine Situation, die eine gewisse Ordnung benötigt.

    Ebenso auf einem Markt mit vielen Millionen Abnehmern, für die das gehandelte Gut lebenswichtig ist, und… sagen wir… fünf echten Anbietern, die herrlich kooperieren und keine große Lust auf Wettbewerb haben.

    Gar nicht zu sprechen von einem ähnlichen Markt, auf dem weitestgehend nur ein einziger Anbieter existiert, der noch dazu die Aufsicht darüber hat, wer die Markthalle eigentlich betreten darf.

  34. 30.07.2007 | 10:38

    @Karsten

    Absatz zwei und drei können wir, betrachten wir den Arbeitsmarkt, mangels Realitätsbezug ja gleich abhaken. (Und auch für andere Märkte - sofern sie diesen Namen verdienen - möchte ich da doch erst einmal konkrete Beispiele genannt sehen.)

    Zum ersten Absatz:
    Wenn man der Meinung ist, dass die Millionen Anbieter möglichst gute und faire Chancen haben sollten, einen Abnehmer zu finden, so sollte man doch alles dafür tun, dass die Abnehmer möglichst flexibel ihren Anbieter wechseln können, oder?

    Möglichst ungehinderter Wettbewerb ist ja die einzige logische Forderung, die man für das von dir postulierte Problem stellen kann.
    Wenn 20 Leute auf der Bank sitzen, während 11 Leute auf dem Spielfeld den Ruhm absahnen können, dann sollte die Möglichkeit, einen Platz unter diesen 11 zu bekommen, doch am besten nicht noch unerreichbarer werden, indem die Glücklichen, die bereits spielen, irgendwelche Schutzklauseln genießen, oder?

  35. R.A.
    30.07.2007 | 11:08

    Mein Verdacht aus der ersten Sinn-Diskussion verstärkt sich: Liberale Theoretiker sind genauso merkwürdig wie sozialistische.
    Man sollte keine Rezepte für Wirtschaft oder Arbeitsmarkt verkaufen, wenn man nicht selber eine entsprechende Lebenserfahrung hat.

    Ich stimme Karsten zu: Sinns Vorschläge sind bemerkenswert einseitig.

    Die Zukunft liegt aber m. E. sowieso nicht in einer Reform des Arbeitsrechts. Das ist politisch kaum durchsetzbar und wäre letztlich auch nur Kosmetik, weil die Denke die gleiche bliebe.

    Es werden wohl die “normalen” Festanstellungen insgesamt aussterben.
    Sie werden von allen Seiten angenagt: Von den 400-Euro-Jobs, von den Zeitarbeitsfirmen, von der zunehmenden Anzahl an Selbständigen - und nicht zu vergessen, auch bei den Führungskräften gilt nicht mehr wie früher das Ewigkeitsprinzip, Vorstände werden überraschend häufig gefeuert.

    Wenn die Arbeitnehmer selbständig werden, dann ändern sich die Spielregeln. Sie werden mehr Geld fordern und bekommen, und die Risiken dann auch
    offiziell selber tragen (während die Risiken heute auf sie abgeschoben werden, ohne daß sie darauf vorbereitet sind).

    Und es wird dann Zeit für “Gewerkschaften” oder Interessenvertretungen neuen Typs.
    Die ihren Mitgliedern im wesentlichen Service bieten: Rechtsberatung, Weiterbildung und Auftragsvermittlung.

    Und diese Organisationen werden keine Monopole bilden, aber trotzdem ein Gegengewicht gegen die Arbeitgeber bilden - weil diese es sich nicht leisten können, auf die dort organisierten Qualifikationen zu verzichten.

  36. 30.07.2007 | 11:18

    @R.A.

    Interessant fand ich auch den Gedanken, den ich, glaube ich, bei Bastiat entdeckt habe:
    Gewerkschaften werden wieder Volldienstleister für ihre Mitglieder und decken z.B. auch so etwas wie die Arbeitslosenversicherung ab. Denn nur innerhalb solcher Interessensverbände ist auch der Schutz vor Schmarotzern sinnvoll zu leisten, ohne gleich allen ALG-Beziehern die Rechte gravierend zu beschneiden, wie das ja bei Hartz4 in doch skandalöser Form geschieht.

  37. Libero
    30.07.2007 | 11:21

    @R.A.
    Man sollte keine Rezepte für Wirtschaft oder Arbeitsmarkt verkaufen, wenn man nicht selber eine entsprechende Lebenserfahrung hat.
    danke, ich dachte schon, ich bin der Einzige, der das so sieht.

    Die ihren Mitgliedern im wesentlichen Service bieten: Rechtsberatung, Weiterbildung und Auftragsvermittlung.

    Das überschneidet sich mit meiner Vorstellung. Es entstehen Unternehmen der Erwerbserhaltung und der Erwerbssuche, die auch die Aufgaben der Arbeitsagentur übernehmen.

  38. 30.07.2007 | 12:03

    Marktmacht ist nicht nur Frage der Quantität. Wir können vielmehr etwas anderes beobachten: Nachfrage ist mächtiger als Angebot. Das gilt auch auf dem Arbeitsmarkt, wenn wir mal das wirtschaftlich unsinnige Gequatsche von Arbeit”nehmern” und Arbeit”gebern” als solches beerdigen und vonAnbietern und Nachfragern von Arbeit reden.

    Die Entscheidung, welches Angebot zum Zuge kommt, hat immer der Kunde. Im Konsumbereich trifft er sie nach Nutzenerwägungen, im gewerblichen Bereich anhand von Renditegesichtspunkten. Das ist auch auf dem Arbeitsmarkt so. Die Funktion der Gewerkschaften besteht nun darin, diese Auswahlmöglichkeit mehr und mehr zu reduzieren, zuvörderst durch das Ausklammern des Lohnes als Unterscheidungsmerkmal, aber der damit verbundenen Logik gehorchend, auch durch Objektivierung von Qualifizierung. Im gewerkschaftlichen Idealbild kauft der Unternehmer dann nur noch ein normiertes Stück Arbeit. Diese Sichtweise, die ihm bei der Einstellung und Bezahlung also geradezu aufgedrängt wird, soll er bei Entlassungen aber tunlichst wieder vergessen…

    Aber ich habe gehört, dass es in Märkten trotz dieser grundsätzlichen Macht der Nachfrage auch erfolgreiche Anbieter geben soll. Dabei handelt es sich dann komischerweise um solche, die etwas anzubieten haben, das dem Nachfrager etwas nutzt. In diesem Bemühen, sich im Nutzen für die Nachfrager möglichst in den Vordergrund zu spielen, liegt das Geheimnis der Marktwirtschaft. Was dem Nachfrager nichts nutzt, kann ihm aber auch durch noch so viel Monopolisierung auf der Anbieterseite nicht aufgedrängt werden.

    Es ist daher unmöglich, sinnvoll über Arbeitsmärkte zu reden, ohne das Wort “Produktivität” in die Diskussion zu bringen. Löhne werden im Wettbewerb nicht durch Machtgefälle bestimmt, sondern durch die Produktivität. Sind für den Unternehmer die Kosten eines zusätzlichen Mitarbeiters höher als der mit ihm zusätzlich zu erzielende Gewinn (genauer: die Steigerung des Unternehmenswerts), wird er ihn nicht einstellen. Ist er niedriger, lockt er so lange zusätzliche Nachfrager an, bis er wieder mit dem Maßstab übereinstimmt.

    Und damit kommen wir zu einem weit verbreiteten Fehlschluss, dem m.E. auch Karsten unterliegt (abgesehen vom mitschwingenden “Kuchentheorem”), nämlich vom Handeln eines einzelnen Marktteilnehmers auf das Marktgeschehen selbst zu schließen, oder polemischer gesagt: BWL mit VWL zu verwechseln.

    Ein einzelner Marktteilnehmer kann zu einem beliebigen Zeitpunkt, an dem wir ihn irgendwo herausgreifen, eine beliebige Menge von Mist bauen. Dass aber alle Marktteilnehmer über einen langen Zeitraum Mist bauen, ist bei offenen Märkten höchst unwahrscheinlich, da sich immer ein raffgieriger Unternehmer finden würde, diese Situation dadurch auszunutzen, indem er weniger Mist baut. Auf diese Weise bewegt sich der Lohn immer entlang der Produktivität, auch ohne dass vielleicht der einzelne Unternehmer in der Lage wäre, diese Produktivität bei einem einzelnen Mitarbeiter überhaupt zu messen - er merkt es aber, wenn er den Fehler zu oft macht.

    Nehmen wir das Erpressungsbeispiel: Prima facie würde eine solche Situation vorliegen, wenn Unternehmer U seine Mitarbeiter vor die Entscheidung stellt, dass diese entweder auf x% Lohn verzichten oder er nach Polen geht und die Arbeitsplätze mitnimmt. Ich sage “prima facie”, weil natürlich auch das Gegenteil wahr sein kann. Es könnte sich um einen sehr sozial eingestellten Unternehmer handeln, der seinen altbewährten Mitarbeitern noch eine Chance geben will, obwohl in der konkreten Situation eine Verlegung des Unternehmens die Maßnahme der Wahl wäre. Was stimmt, Erpressung oder Chance, könnte man nur beurteilen, wenn man das Kalkül kennte, aufgrund dessen der Unternehmer seine Entscheidung trifft. Aber nehmen wir an, es handelt sich um einen fiesen Erpresser. Eine solche Lohnkürzung würde dann, wieder unter Wettbewerbsbedingungen, Nachfrager anlocken, die bei Einstellung dieser Leute wegen einer über den Lohnkosten liegenden Produktivität zusätzliche Gewinne erzielen könnten. Und zwar so lange, bis die die Lohnkosten wieder der Produktivität entsprechen. Eine solche Erpressung liefe dann letztlich ins Leere und würde insgesamt gesehen dem Unternehmen sogar schaden. Tatsächlich sind übrigens, so besagen Untersuchungen, Unternehmen gar nicht so begeistert von individuellen Lohnsenkungen bei sich. Sie bevorzugen die Anpassung an die Produktivität über die Zahl der Mitarbeiter, was ja auch dem gesellschaftlichen Konsens in Deutschland entspricht, der sich in Arbeitslosigkeit äußert.

    Ok, zugegeben, die Anpassungen verlaufen nicht in Echtzeit. Wenn ich beschreibe, wo Märkte von ihrer Funktion hin tendieren, heißt das nicht, dass dieser Idealzustand, dieses Gleichgewicht, tatsächlich existiert. Im Gegenteil, gut österreichisch würde ich eher annehmen, dass es für das Funktionieren von Märkten wichtig ist, nie wirklich in eine Gleichgewichtssituation zu kommen. Das heißt, es wird zu gegebenen Zeitpunkten immer Abweichungen geben wie z.B. die “natürliche” Arbeitslosigkeit. Aber sie können nicht von Dauer sein.

    Was heißt das für eine arbeit”nehmer”freundliche Politik? Lohnkosten und Produktivität sollten so einander angenähert werden, dass a) keine Anpassung über Arbeitslosigkeit erforderlich und b) der Lohn möglichst hoch ist. Das geht nur bei ausreichender Produktivität. Und für die wiederum sind eine möglichst hochwertige Ausbildung und Flexibilität auf der einen Seite sowie Attraktivität für Kapital auf der anderen Seite erforderlich. Die Vorschläge Sinns wären darauf abzuklopfen, wie weit sie diese Ziele fördern.

  39. R.A.
    30.07.2007 | 12:33

    @Boche:
    > Gewerkschaften
    > werden wieder
    > Volldienstleister
    > für ihre
    > Mitglieder …
    Wieder?
    Waren sie es einmal?
    Ganz ehrlich gemeinte Frage, ich weiß es nicht.

    Ich bin aber skeptisch, ob die Gewerkschaften einen solchen Wandel schaffen. Genau wie ich skeptisch bin, daß man das Arbeitsrecht wirklich reformieren kann.

    Ich sehe eher die Möglichkeit, daß beide Aspekte von neuen Strukturen abgelöst werden.

    > und decken z.B.
    > auch so etwas
    > wie die
    > Arbeitslosenversicherung
    > ab.
    Ich halte die ALV für eine der dümmsten Versicherungen überhaupt.
    Ich halte es für recht sinnlos, sich gegen so ein Risiko bei einem Dritten versichern zu wollen.
    Denn die Eintrittswahrscheinlichkeit und die Höhe des Schadens ist extrem unterschiedlich und sehr von individuellen Berufsentscheidungen abhängig. Das kann jeder nur für sich selber kalkulieren und entsprechende Rückstellungen bilden - ein Anbieter muß da viel zu hohe Risikoaufschläge fordern.

  40. R.A.
    30.07.2007 | 12:38

    @Libero:
    > Es entstehen
    > Unternehmen der
    > Erwerbserhaltung
    > und der
    > Erwerbssuche, die
    > auch die Aufgaben
    > der
    > Arbeitsagentur
    > übernehmen.
    Richtig. Wobei Betonung auf “AUCH” übernehmen liegen muß.
    Der größte Teil der AA-Aktivitäten ist natürlich überflüssig.

    Umgekehrt wird es so sein, daß solche Organisationen Funktionen übernehmen müssen, die momentan von den “Sklavenverleihern” bei den Selbständigen übernommen werden: Eine gewissen Qualitätskontrolle, daß die Selbständigen in ihrer Kartei auch liefern, was der Kunde haben will.

    Und die umgekehrt keine Vermittlungen mehr an Kunden vornehmen, die sich als unzuverlässig oder fies herausgestellt haben.

    Es gibt ja heute durchaus schwarze Schafe, die das AA und die Arbeitlosen systematisch ausnutzen: Mit langen Probearbeitszeiten, die wenig Lohn kosten und Zuschüsse bringen - und dann wird der Betreffende gekickt und der nächste Langzeitarbeitslose ausgebeutet.

  41. Libero
    30.07.2007 | 12:42

    @Rayson

    Nachfrage ist mächtiger als Angebot.

    Echt jetzt?

    1. alles gut und schön. Das war die schöne Welt, wo man noch durch Herstellung und Vertrieb von Produkte, Verfahren und Dienstleistungen sein Geld verdiente. Heute handelt man noch mit Unternehmen und kann damit eine Rendite erzielen, die wesentlich über den wirtschaftlichen Aktivitäten liegt. Fremdkapital rein, Eigenkapital raus. Solange es noch genügend Unternehmen gibt, daß man durch die Waschmaschinen jagen kann, ändert sich daran auch nichts. Da kannst du soviel Verbesserungen durchsetzen wie du willst, diese Kapital wird nicht mehr für den Auf- und Ausbau von Unternehmen investiert.

    2. Du berücksichtigst nicht, daß bei den Unqualifizierten Arbeiten die Anbieter und nicht die Nachfrager dominieren. Welches Risiko geht da ein Nachfrager ein, den Lohn zu senken. Keins, schon gar nicht, wenn er die Arbeiten verlagert.

    3. Die hochwertige Auswertung ist erst einmal nur ein Potential. Ob es mit hohem Wirkungsgrad genutzt wird, bestimmt nicht nur der einzelne, sondern auch das aufnehmende Unternehmen. Ich habe bis jetzt wenige Manager oder Unternehmensführer erlebt, die die Ursachen ein Underperforming ihres Unternehmens bei sich selbst gesucht haben, obwohl ihnen das sogar ihre Familie sagte und es für Beobachter klar ersichtlich ist.

    Was ist wichtiger, die hochwertige Ausbildung des Einzelnen oder seine Fähigkeit, die Leistung des Teams, in dem er arbeitet, zu optimieren?

  42. 30.07.2007 | 12:47

    @R.A.

    Wieder?
    Waren sie es einmal?

    Ich erinnere mich vage, dass Bastiat auf das zu sprechen kam, was in deutschen Landen damals wohl Innung hieß: Verbände einer Berufsgruppe, die sich gegenseitig unterstützten. Sofern man das nicht mit der damals wohl üblichen Abwesenheit eines freien Marktes verknüpft, könnte ich mir da eine interessante Variante der Selbsthilfe vorstellen.

    Ich bin aber skeptisch, ob die Gewerkschaften einen solchen Wandel schaffen.

    Der Wandel wird dann eben die Gewerkschaften erfassen. Oder sie gehen unter und machen Sinnvollerem Platz. Wer weiß.

    Ich halte die ALV für eine der dümmsten Versicherungen überhaupt.

    Darfst du ja.

  43. Libero
    30.07.2007 | 12:48

    @R.A.
    nochmals danke für den Realismus. Es gibt übrigens auch schwarze Schafe unter den Unternehmen, die Lieferanten für das Listung vortanzen lassen. Selbstverständlich kostenlos.

  44. 30.07.2007 | 12:49

    @Libero

    ad 1. Das ist kein “entweder oder”, sondern ein “sowohl als auch”. Und natürlich gehört eine Kapitalausstattung zu den Effizienzkriterien.

    ad 2. man Produktivität

    ad 3. man Wettbewerb

  45. Libero
    30.07.2007 | 12:57

    @Boche
    Meinst du Schulze Delitzsch Version des Genossenschaftswesens?

  46. 30.07.2007 | 13:01

    @Libero

    In etwa, ja.

  47. 30.07.2007 | 13:23

    Absatz zwei und drei können wir, betrachten wir den Arbeitsmarkt, mangels Realitätsbezug ja gleich abhaken. (Und auch für andere Märkte - sofern sie diesen Namen verdienen - möchte ich da doch erst einmal konkrete Beispiele genannt sehen.)

    Absatz zwei stellt den Strommarkt dar, Absatz drei den Markt für Schienentransporte.

    Möglichst ungehinderter Wettbewerb ist ja die einzige logische Forderung, die man für das von dir postulierte Problem stellen kann.

    Der ist bei Dir für jedes Problem die Lösung, das überrascht mich nicht. Ein völlig ungehinderter Wettbewerb aber löst das Problem nicht, sondern nur für diejenigen, die hineindrängen wollen, und für die Abnehmer, weil es ihre Preise beliebig drückt.

    Interessanter finde ich allerdings die von mir angedeutete Lösung über genossenschaftliche Organisationen, der ja wohl auch R.A., Libero und Du etwas abgewinnen können. Der richtige Weg dahin führt vielleicht über die Etablierung alternativer Gewerkschaften (Hirsch-Dunckersche Gewerkschaftsvereine), die sich nicht als Protagonisten des Klassenkampfes empfinden.

  48. 30.07.2007 | 13:33

    @Karsten

    Absatz zwei stellt den Strommarkt dar, Absatz drei den Markt für Schienentransporte.

    Richtig, das sind tatsächlich Märkte mit beschränkten Möglichkeiten zum Wettbewerb und mit gewissen Notwendigkeiten staatlichen Eingriffs.

    Der [Markt] ist bei Dir für jedes Problem die Lösung, das überrascht mich nicht.

    Wir sollten hier Argumente austauschen und nicht über deine Vorurteile diskutieren, meinst du nicht? Als Blog-Betreiber hat man ja auch eine gewisse Vorbildrolle zu erfüllen… ;-)

    Ein völlig ungehinderter Wettbewerb aber löst das Problem nicht, sondern nur für diejenigen, die hineindrängen wollen, …

    Ich übersetze das mal: Der “völlig ungehinderte Wettbewerb” nutzt nur den Arbeitslosen, nicht aber denen, die Arbeit haben.
    Da würde ich ja erst einmal sagen: Dann würde er ja den Bedürftigsten Nutzen bringen. Und dann würde ich sagen, dass dann auch denjenigen Nutzen erbracht ist, die eine Arbeit haben. Weil das Los der Arbeitslosigkeit dann ja nicht mehr so dramatisch wäre.

    …und für die Abnehmer, weil es ihre Preise beliebig drückt.

    Beliebig? Du bist sicher, dass das du das ökonomisch begründen kannst?

    Interessanter finde ich allerdings die von mir angedeutete Lösung über genossenschaftliche Organisationen, der ja wohl auch R.A., Libero und Du etwas abgewinnen können.

    Sofern der Wettbewerb dadurch nicht behindert wird, in dem diese Genossenschaft staatliche Macht benutzen, kann ich mir das tatsächlich als interessante Idee vorstellen.

  49. 30.07.2007 | 14:44

    @Boche:

    Wir sollten hier Argumente austauschen und nicht über deine Vorurteile diskutieren, meinst du nicht?

    Ich hab’ doch nur den Smiley vergessen… :)

    Beliebig? Du bist sicher, dass das du das ökonomisch begründen kannst?

    Natürlich nicht. “Weil es ihnen erheblich geringere Einkaufspreise für die “Ware Arbeit” ermöglicht”, hätte ich wohl schreiben sollen.

    Und dann würde ich sagen, dass dann auch denjenigen Nutzen erbracht ist, die eine Arbeit haben. Weil das Los der Arbeitslosigkeit dann ja nicht mehr so dramatisch wäre.

    Außer, dass sie in einer für sie ungünstigen Marktsituation jederzeit damit rechnen müssten, durch jemand günstigeren ersetzt zu werden oder auf Einkommen verzichten zu müssen. Däh.

  50. 30.07.2007 | 15:10

    @Karsten

    Ich hab’ doch nur den Smiley vergessen…

    Deshalb hatte ich ihn dann ja hinzugefügt. ;-)

    “Weil es ihnen erheblich geringere Einkaufspreise für die “Ware Arbeit” ermöglicht”, hätte ich wohl schreiben sollen.

    Gut, dass kann ich mangels ökonomischen Sachverstands nicht widerlegen. Abgesehen davon, dass ich dahinter die besagte Kuchen-Theorie vermute und dass ich denke, dass sich Flexibilität ja auch gegen die Abnehmer wenden kann, wenn sie das Produkt schlecht bezahlen.

    Außer, dass sie in einer für sie ungünstigen Marktsituation jederzeit damit rechnen müssten, durch jemand günstigeren ersetzt zu werden oder auf Einkommen verzichten zu müssen.

    Ja, sicher. Aber was ist die Alternative? Den Günstigeren zu benachteiligen, weil er später kommt? Und die Kosten des Bestandsschutzes auf alle abwälzen?
    Oder die Anforderung an den zu teuer Gewordenen, selbst günstiger zu werden oder sich umzuorientieren?

  51. R.A.
    30.07.2007 | 16:12

    @Karsten:
    > Außer, dass sie
    > in einer für sie
    > ungünstigen
    > Marktsituation
    > jederzeit damit
    > rechnen müssten,
    > durch jemand
    > günstigeren
    > ersetzt zu werden
    > oder auf
    > Einkommen
    > verzichten zu
    > müssen.
    Selbstverständlich.
    Chance und Risiko gehören untrennbar zusammen.

    Grundsätzlich: Es gibt immer Aufs und Abs, allgemein oder in speziellen Branchen.
    Es gibt Phasen da gibt es viel abzugreifen und solche, da geht es karg zu.

    Alle Versuche, den Markt hier einseitig (d.h. zum “Schutz” einer Gruppe von Marktteilnehmern) zu reglementieren können nicht verhindern, daß es beim “Ab” weniger Kuchen gibt. Sie können die Verluste nur anders verteilen (z. B. zu Lasten der Arbeitslosen).

    Das ist unterm Strich nicht gerechter (siehe Boches Beispiele), eher im Gegenteil - und hat diverse Nachteile.

    Denn das bedeutet auch, daß es im “Auf” weniger an Gewinnmöglichkeiten gibt. Und daß man entsetzlich teure und ineffiziente Mechanismen durchfüttert, die Sicherheit suggerieren, aber nicht bieten.

    Ob nun Gewerkschaften, Arbeitsrecht, ALV, Betriebsräte usw. - geht letztlich ALLES von dem ab, was der Arbeitnehmer erwirtschaftet, d.h. es mindert seine Einnahmen.

    Und damit seine Möglichkeit, selber vorzusorgen.

    Denn keine Versicherung und keine staatliche Maßnahme ist in Notzeiten so effizient und ertragreich wie der Rückgriff auf die eigenen Ersparnisse.

  52. DDH
    30.07.2007 | 17:54

    @T.Albert: Hab ich mich ungeschickt ausgedrückt? Nee, nich Hoppe und Radnitzky, aber Mises’ “Im Namen des Staates”, das ist ein Steinbruch für die Freunde von Achse des Guten, WMD, Freunde der offenen Gesellschaft etc.

    In Kürze mehr dazu!

    @Karsten: Popper markiert die Grenze. Für mich gerade noch liberal, für Hans-Hermann schon nicht mehr (der haßt den ja richtiggehend!). ;-)

  53. DDH
    30.07.2007 | 17:56

    @Libero: Und durch welche Brille betrachtest Du die Welt? Etwa die klassisch-liberal-minimaletatistische von Gerd Habermann? ;-)

    Habe das Röpke-Brevier gelesen und ein paar kleinere Aufsätze. Aber, verzeih mir, mir ist Röpke zwar nicht ganz unsympathisch, aber doch recht unsystematisch. Seine Liebe zur Schweiz jedoch verbindet mich mit diesem Autor! :-)

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