30. Juli 2007
Alles eure Schuld!
Es gibt doch diese Geschichte, wo ein Kind in klirrender Kälte, dem seine Mutter vergessen hat, Handschuhe anzuziehen, sich trotzig denkt: “Daran ist sie selbst schuld, wenn mir jetzt die Hände abfrieren.”
Daran musste ich denken, als ich heute dieses las:
Dass die Unternehmen über einen Mangel an Fachkräften klagen, bezeichnete Buntenbach als „unerträglich“. Wenn es tatsächlich einen Fachkräftemangel gäbe, hätten die Firmen ihn selbst verschuldet, weil sie zu wenig in Aus- und Weiterbildung investiert hätten. „Aus dieser Verpflichtung dürfen wir Wirtschaft und Politik angesichts von immer noch 3,7 Millionen Arbeitslosen und gut 200.000 unversorgter Altbewerber um eine Lehrstelle nicht entlassen“, sagte sie.
Ich bin geneigt, der guten Frau in der Analyse teilweise zuzustimmen. Zu viele Unternehmen haben in ihrem Drang, Kosten zu senken, Bildung und Ausbildung als besonders geeignete Sparmaßnahme entdeckt. Denn man kann nach guter Trittbrettfahrermanier gewinnen, wenn man selbst nicht ausbildet, sondern sich die von anderen Ausgebildeten gegen ein geringes Plus einkauft. Bildung, und das spräche zumindest tendenziell für staatliches Engagement, entpuppt sich hier als “öffentliches Gut”. Mein Lieblingsklub muss das gerade schmerzlich erfahren: Seine im eigenen Internat halb-groß gewordenen Jungprofis werden in Scharen von anderen Vereinen abgeworben. Fairerweise muss man da allerdings sagen: Nicht immer zum Schaden des Vereins…
Andererseits wäre auch zu berücksichtigen, dass die Voraussetzungen derjenigen, die da ausgebildet werden sollen, immer schlechter werden und man einem Unternehmen kaum zumuten kann, erst grundlegende Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen vermitteln und die geschmähten “Sekundärtugenden” einfordern zu müssen. Aber akzeptieren wir die Schuldzuweisung mal als wenigstens teilweise berechtigt.
Wen bestraft unsere Politik dann, wenn sie deswegen den Zuzug ausländischer Fachkräfte verhindert? Nur die Unternehmen, die zu wenig aus- und fortgebildet haben? Oder nicht etwa auch die Arbeit”nehmer”, die durch dieses Wachstumshemmnis um ihre Jobs gebracht werden?
Um nicht falsch verstanden zu werden (aber da mache ich mir keine Illusionen nach jüngsten Begebenheiten): Dass der Ruf nach ausländischen Fachkräften nicht nur allzu bequem, sondern auch allzu oft allein dem Wunsch nach billigeren Angestellten zu verdanken ist (viele meinen nicht “Fachkräftemangel”, sondern Mangel an “billigen Fachkräften”), ist mir auch klar. Nur wieder: Was hilft’s, wenn die inländischen, “zu teuren” Fachkräfte dennoch nicht eingestellt werden? Weil z.B. die Produktivität deren Gehaltskosten (die meilenweit von deren Nettogehalt entfernt sind, das nur mal am Rande) nicht hergibt?
Schuldzuweisungen mögen moralische Befriedigung verschaffen. Aber sie lösen keine Probleme.
Nachtrag: In mein Horn stößt auch Andreas Theyssen bei der FTD.
Verfasst von Rayson um 18:38 Uhr in der Kategorie Bildungspolitik, Politik, Wirtschaftspolitik (Trackback)