Alles eure Schuld!

Es gibt doch diese Geschichte, wo ein Kind in klirrender Kälte, dem seine Mutter vergessen hat, Handschuhe anzuziehen, sich trotzig denkt: “Daran ist sie selbst schuld, wenn mir jetzt die Hände abfrieren.”

Daran musste ich denken, als ich heute dieses las:

Dass die Unternehmen über einen Mangel an Fachkräften klagen, bezeichnete Buntenbach als „unerträglich“. Wenn es tatsächlich einen Fachkräftemangel gäbe, hätten die Firmen ihn selbst verschuldet, weil sie zu wenig in Aus- und Weiterbildung investiert hätten. „Aus dieser Verpflichtung dürfen wir Wirtschaft und Politik angesichts von immer noch 3,7 Millionen Arbeitslosen und gut 200.000 unversorgter Altbewerber um eine Lehrstelle nicht entlassen“, sagte sie.

Ich bin geneigt, der guten Frau in der Analyse teilweise zuzustimmen. Zu viele Unternehmen haben in ihrem Drang, Kosten zu senken, Bildung und Ausbildung als besonders geeignete Sparmaßnahme entdeckt. Denn man kann nach guter Trittbrettfahrermanier gewinnen, wenn man selbst nicht ausbildet, sondern sich die von anderen Ausgebildeten gegen ein geringes Plus einkauft. Bildung, und das spräche zumindest tendenziell für staatliches Engagement, entpuppt sich hier als “öffentliches Gut”. Mein Lieblingsklub muss das gerade schmerzlich erfahren: Seine im eigenen Internat halb-groß gewordenen Jungprofis werden in Scharen von anderen Vereinen abgeworben. Fairerweise muss man da allerdings sagen: Nicht immer zum Schaden des Vereins…

Andererseits wäre auch zu berücksichtigen, dass die Voraussetzungen derjenigen, die da ausgebildet werden sollen, immer schlechter werden und man einem Unternehmen kaum zumuten kann, erst grundlegende Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen vermitteln und die geschmähten “Sekundärtugenden” einfordern zu müssen. Aber akzeptieren wir die Schuldzuweisung mal als wenigstens teilweise berechtigt.

Wen bestraft unsere Politik dann, wenn sie deswegen den Zuzug ausländischer Fachkräfte verhindert? Nur die Unternehmen, die zu wenig aus- und fortgebildet haben? Oder nicht etwa auch die Arbeit”nehmer”, die durch dieses Wachstumshemmnis um ihre Jobs gebracht werden?

Um nicht falsch verstanden zu werden (aber da mache ich mir keine Illusionen nach jüngsten Begebenheiten): Dass der Ruf nach ausländischen Fachkräften nicht nur allzu bequem, sondern auch allzu oft allein dem Wunsch nach billigeren Angestellten zu verdanken ist (viele meinen nicht “Fachkräftemangel”, sondern Mangel an “billigen Fachkräften”), ist mir auch klar. Nur wieder: Was hilft’s, wenn die inländischen, “zu teuren” Fachkräfte dennoch nicht eingestellt werden? Weil z.B. die Produktivität deren Gehaltskosten (die meilenweit von deren Nettogehalt entfernt sind, das nur mal am Rande) nicht hergibt?

Schuldzuweisungen mögen moralische Befriedigung verschaffen. Aber sie lösen keine Probleme.

Nachtrag: In mein Horn stößt auch Andreas Theyssen bei der FTD.

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16 Kommentare zu “Alles eure Schuld!”

  1. 30.07.2007 | 18:59

    Wirtschaftsprognosen sind - wie alle Prognosen - ein Blick in den Nebel. Ob der Zuzug billiger Fachkräfte mehr bringen würde als “nur” einen weiteren Lohndumpin - diesmal bei Hochqualifizierten - gehört dazu.

    Nach allem was ich von den “innovativen” Rationalisierungsmaßnahmen deutscher Unternehmen mitbekommen habe (= Leute entlassen), kann ich mir NICHT vorstellen, dass der so oft beschworene Fachkräftemangel mehr ist als eine weitere Propagandaashow zum weiteren Abbau von (angeblich) zu teurem Personal bzw. dessen Umschichtung

  2. 30.07.2007 | 19:22

    @ Rayson
    Stößt Andreas Theyssen auch in dein Horn wenn er sagt: “… dann muss man sich eben doch auf einen Mindestlohn einlassen.”?

  3. 30.07.2007 | 19:26

    @Klaus

    Mir sind Mindestlöhne egal. Ich werde durch sie nicht arbeitslos.

  4. 30.07.2007 | 20:11

    Dass der Ruf nach ausländischen Fachkräften nicht nur allzu bequem, sondern auch allzu oft allein dem Wunsch nach billigeren Angestellten zu verdanken ist (viele meinen nicht “Fachkräftemangel”, sondern Mangel an “billigen Fachkräften”), ist mir auch klar.

    Den Wunsch finde ich auch nicht wirklich verwerflich, ich bin nicht der Meinung, dass der falsche Pass ein legitimer Grund ist, Leute vom heimischen Arbeitsmarkt auszuschließen.

  5. 30.07.2007 | 20:16

    @ Rayson
    Mir sind Mindestlöhne auch egal. Ich werde arbeitslos auch ohne sie. Fröhliches Steuernzahlen ;-)

  6. DDH
    30.07.2007 | 22:06

    Sehr klug argumentiert, Rayson! Dafür einfach mal ein Lob! :-)

  7. 30.07.2007 | 22:37

    Gemäß der Lerntheorie würde Deine Lösung (lassen wir sie die Fachkräfte einfach im Ausland holen) aber natürlich zu der Lernerfahrung fühlen, dass man mit dieser Strategie (nicht ausbilden, weil’s zu teuer ist, dann jammern und die benötigte “Ware” trotzdem bekommen) sehr gut fährt.

    Von den sozialen Problemen mal ganz abgesehen, wenn frisch zugewanderte in Massen die besten Arbeitsplätze belegen, während die, die schon länger hier sind, sehen, dass ihre Kinder nie einen Ausbildungsplatz finden konnten und nun in der Arbeitslosigkeit landen.

    Eine bessere Lösung habe ich aber auch gerade nicht zu bieten.

  8. admin
    30.07.2007 | 22:44

    @Karsten

    Ich bin mir der Problematik von Trittbrettfahrer-Logik durchaus bewusst. Aber ich bestehe dann doch darauf, dass ich nicht etwa eine einfache Lösung propagiere, sondern mich im Gegenteil gegen deren ebenso einfache Negation wende.

    Mir liegt aber viel daran, Fehlschlüsse als solche offenzulegen. Zum Beispiel die, dass die Ausländer den Deutschen irgendetwas wegnähmen.

  9. Libero
    31.07.2007 | 0:19

    @Rayson

    du bist nicht auf Ballhöhe

    Wolfgang Münchau: Einfach zu schön
    “Zweitens, der Schweinezyklus im Arbeitsmarkt greift wieder voll. Ich erinnere mich an ein Gespräch vor drei Jahren mit einer Gruppe junger Diplom-Ingenieure. Sie sagten, fast der ganze Jahrgang von Elektrotechnikern werde in die Arbeitslosigkeit entlassen. Bei den Maschinenbauern sehe es besser aus, bei den Informatikern und Mathematikern sei die Lage katastrophal. Heute hören wir von akutem Mangel an Ingenieuren und düsteren Langzeitprognosen. Die Wahrheit ist, dass wir mal Überschüsse an Ingenieuren produzieren, dann wieder einen akuten Mangel haben, also einen typischen Schweinezyklus generieren ähnlich wie einst bei Lehrern. Der Grund ist unsere Überspezialisierung auf einige wenige Bereiche.

    Keine Volkswirtschaft der Welt kann so flexibel sein, dass sie innerhalb von einem Jahr Zigtausend hoch qualifizierte Ingenieure generiert, die dann im Abschwung mit ebenso großer Freude die Straßen kehren. Junge Menschen verhalten sich völlig rational, wenn sie dem Ingenieurmangel-Märchen nicht glauben. Wer jetzt ein Ingenieurstudium aufnimmt, wird mitten im nächsten Abschwung abschließen. Da kann man gleich Sozialpädagogik studieren.”
    http://financialtimes.de/meinung/leitartikel/:Kolumne%20Wolfgang%20M%FCnchau%20Einfach/221493.html

    So ist es auch. Schon mal das Wort Einstellungsstopp gehört? So über 5 Jahre. Wie weltfremd Münchau ist, sieht man daran, das er glaubt, es liegt an der Überspezialisierung. Wenn ich mir ansehe, wo meine Studienkollegen hin diffundierten, kann von Spezialisierung nicht die Rede sein. Sowohl geographisch als auch hinsichtlich der Branchen. Wie Hö immer sagte, wenn sie Morgen Margarine herstellen sollen, dann werden sie sie herstellen. Bei einem traf das auch zu.

    Auch der VDI sieht das Problem bei den Unternehmen.

    Polen sucht Einwanderer
    http://ftd.de/politik/europa/:Polen%20Einwanderer/233188.html

    Wird wohl nichts weiter übrigbleiben, als aus den schwierigen Heranwachsenden Facharbeiter und Ingenieure zu machen. Das geht, aber nicht mit der üblichen deutschen Schule.

  10. 31.07.2007 | 0:31

    @Rayson (Du bist heute aber oft der “admin”…):

    Natürlich nehmen diese Einwanderer den Deutschen etwas weg. Nämlich die Lernerfahrung für die Unternehmer, dass es so, wie sie es jetzt veranstalten, einfach nicht funktionieren kann. Das ist aber natürlich kein “wegnehmen” im engeren Sinne, und sicherlich nicht das, was Du meintest.

    Ansonsten habe ich Dir, glaube ich, keine “einfache Lösung” vorgeworfen, sondern nur darauf hingewiesen, dass man die Sache auch noch unter einem anderen langfristigen Blickwinkel betrachten kann als dem, dass wir die Ingenieure jetzt halt brauchen. Und dass ich keine bessere Lösung habe (mithin also die einfache Negation auch nicht befürworte), habe ich auch zugegeben.

    Wobei immer noch die Frage ist, ob die Ingenieure überhaupt kämen. Ich sage nur “Green Card”… :(

  11. Libero
    31.07.2007 | 0:34

    Polens Arbeitgeber fürchten Fachkräftemangel
    http://ftd.de/politik/europa/:Polens%20Arbeitgeber%20Fachkr%E4ftemangel/233197.html

    Ich sollte mir mal wirklich ansehen, wie es so ist, in der Grünfließniederung bei Bromberg zu leben. Wenn die polnische Aussprache nicht so vertrackt wäre, wäre das eine echte Option.

    Dzien dobre und ein herzliches guten Morgen für die Andersgläubigen

  12. R.A.
    31.07.2007 | 9:42

    > Bildung, und das
    > spräche zumindest
    > tendenziell für
    > staatliches
    > Engagement,
    > entpuppt sich
    > hier als
    > “öffentliches
    > Gut”.
    Aber überhaupt nicht.
    Es ist im Gegenteil ein überaus privates Gut.

    Deswegen ist es auch der übliche populistische linke Unsinn, den die Buntenbach hier abläßt.

    Wieso sollte ein Unternehmen viel Geld in die Ausbildung eines Menschen investieren, der dann sofort kündigen und den Nutzen dieser Ausbildung mitnehmen kann?

    Es kann nicht darum gehen, ob nun Firmen oder Staat schuld sind: Da der Nutzen von Bildung immer stärker beim Individuum bleibt, ist auch das Individuum für seine eigene Qualifikation und Produktivität verantwortlich.

    Siehe dazu die gestrige Diskussion um die Zukunft der Arbeitswelt.

    Ein völlig anderes Problem ist das mit dem Schweinezyklus, da hilft nur mehr Flexibilität, d.h. auch dort Abbau von “normalen” Festanstellungen.

  13. 31.07.2007 | 14:13

    @R.A.

    Genau: Dadurch, dass derjenige, der in die Bildung seines Mitarbeiters investiert, nicht sicher ist, ob er die Früchte seiner Investition erntet, entsteht eine Trittbrettfahrermentalität, die dazu führt, dass das Gut “betriebliche Aus- und Weiterbildung” nicht in dem Maß angeboten wird, das sich bei kooperativem Verhalten als optimal herausstellen würde.

    Damit ist das System unserer Berufsausbildung quasi zum Scheitern verurteilt, wenn es nicht gelingt, Zahler- und Nutzerkreise in Verbindung zu bringen, was in Zeiten höherer Mobilität auf allen Seiten immer schwieriger wird.

    Deswegen wird der Staat einspringen müssen, die Sache zu organisieren.

  14. 31.07.2007 | 14:17

    Warum sollte ein privates Angebot nicht machbar sein? Es müssen ja nicht die Unternehmen selbst machen. Die organisieren ja auch nicht die Realschule.

  15. 31.07.2007 | 14:23

    Warum sollte ein privates Angebot nicht machbar sein?

    Zunächst: “Staatliche Organisation” heißt nicht automatisch auch “staatliches Angebot”. Aber wenn das Trittbrettfahrerverhalten private Kooperation verhindert, scheinen mir nicht viel mehr Alternativen zu bleiben.

  16. 31.07.2007 | 14:28

    Die Kooperation kann man ja auf Auszubildenden und Ausbilder beschränken. Zwischen beiden ist das Risiko des Trittbrettfahrens ja kaum gegeben.
    Also private Berufsschulen, die für ihre Leistung bezahlt werden.

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