30. Juli 2007
Ponto
Heute vor 30 Jahren wurde Jürgen Ponto von der RAF ermordet. Dazu drei Links:
Zwei Wochen später und nach heftigen Diskussionen innerhalb der RAF über die Ursachen des Fehlschlags gingen bei mehreren Zeitungen Schreiben ein - anders als alle anderen Erklärungen der RAF sind sie handschriftlich unterzeichnet - von “Susanne Albrecht - aus einem Kommando der RAF”:
“Zu Ponto und den Schüssen, die ihn jetzt in Oberursel trafen, sagen wir, dass uns nicht klar genug war, dass diese Typen, die in der Dritten Welt Kriege auslösen und Völker ausrotten, vor der Gewalt, wenn sie ihnen im eigenen Haus gegenüber tritt, fassungslos stehen.”
(Quelle: Beginn des “Deutschen Herbstes”. Vor 30 Jahren wurde der Bankier Jürgen Ponto von RAF-Terroristen erschossen. Von Oliver Tolmein, Deutschlandradio Kalenderblatt vom 30. Juli 2007. Hörenswerte O-Töne!)
WELT ONLINE: Was erwarten Sie von den einstigen RAF-Terroristen?
Ponto: Da kann ich mir nur noch konjunktivische Erwartungen vorstellen. Man könnte die Courage zu den richtigen Worten und nicht die Verharmlosung falscher Taten erwarten. Man könnte von Frau Mohnhaupt erwarten, dass sie sich gegen Herstellung und Verkauf eines T-Shirts mit ihrem Konterfei im Shop des Zürcher Dada-Hauses wehrt. Man könnte von Christian Klar etwas weniger PR-Netzwerk erwarten oder von den Tätern zum Beispiel mal ein „Bekennerschreiben“ zu diesem Rechtsstaat, dem sie lebenslange Unterstützung zu verdanken haben. Hier trifft das Wort „lebenslang“ zu. Man hätte auch warnende Appelle an die folgenden Generationen erwarten können. Ein weiteres Zeichen wäre die Bereitschaft zur Aufklärung, nicht nur der polizeilichen, sondern vielleicht auch zur literarisch-szenischen gewesen.
WELT ONLINE: Wie meinen Sie das?
Ponto: Dazu gehören zum Beispiel Informationen über romantische Gitarrenabende auf griechischen Inseln (zur Erholung vom Morden und Vorbereitungen zum Entführen), die vielen DDR-Ausflüge, die lauen Pariser Abende, samt Begegnungen mit anderen Terror-Organisatoren. Die mangelnde Freiwilligkeit zur Aufklärung und die Unaufrichtigkeit dieser Geheimnisträger bilden den gespenstischen Beigeschmack und die Verletzung, die bleibt.
(Quelle: Deutscher Herbst: Jürgen Pontos Tochter über die RAF. Von Miriam Hollstein, Die Welt)
Es sind bemerkenswerte 43 handgeschriebene Seiten, die im Frühjahr dieses Jahres aus dem Nachlass des früheren Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) auftauchen und die zeigen, wie akkurat Susanne Albrecht ihren neue Vergangenheit einstudierte. “Als ich zwei Jahre alt war”, schreibt die 1980 in die DDR geflüchtete Terroristin, “wurde am 26. 3. 53 meine Schwester Sabine geboren. Weil meine Mutter jetzt ganz mit uns beschäftigt war, holte mein Vater eine Angestellte ins Geschäft [] Wir bekamen jeder einen Holzroller und durften dann auf der Straße Roller fahren.” Aus Albrechts Vater, einem in Hamburg sehr erfolgreichen Anwalt für Seerecht, wird in der Legende “ein zwar reicher Mann, aber er hatte sich ausgerechnet, dass er mit seinem mittleren Geschäft in Zukunft der Konkurrenz der großen Kaufhäuser nur schwer standhalten würde”. Deswegen habe er “beschlossen, eine neue Existenz in Kanada aufzubauen”.
(Quelle: RAF: Wie aus Susanne die Ingrid wurde. Vor 30 Jahren erschossen RAF-Terroristen Jürgen Ponto. Unter den Attentätern: Susanne Albrecht. Neue Stasi-Unterlagen belegen, wie akkurat sie sich in der DDR eine neue Identität zulegte. Von Wolfgang Gast, die tageszeitung)
Verfasst von Marian Wirth um 11:05 Uhr in der Kategorie Geschichte, Politik, Presse / SPON- und taz-Blog, Sprache (Trackback)