1. August 2007
Grenzen des Individualismus
Es gibt, zumindest für mich, einen Punkt, an dem das Konzept der Freiheit des Einzelnen Einschränkungen hinnehmen muss: wenn der Einzelne nicht geschäftsfähig ist. Ich bin mir bewusst, dass dies ein gefährliches Einfallstor für Ideologien aller Art ist, aber das hilft nicht weiter: Menschen mit der Seele eines Kindes dürfen nicht denselben Gesetzen unterliegen wie erwachsene Menschen. Natürlich lautet der Einwand sofort: Wo ziehst du die Grenze? Die unspektakuläre, aber vielleicht verblüffend liberale Antwort: individuell.
Es gehört zu unserem kulturell vererbten Wissen, dass Kinder nicht so behandelt werden können wie Erwachsene. Der Gesetzgeber hat dem sogar jenseits formaler Grenzen explizit Rechnung getragen, indem er trotz der Herabsetzung der Volljährigkeit auf 18 Jahre strafrechtlich noch die Anwendung des Jugendstrafrechts bis zum 21. Lebensjahr zugelassen hat. Und ich muss ehrlicherweise gestehen, dass das meiner Selbstwahrnehmung entspricht: Ich war angeblich volljährig vor der Ableistung meines Wehrdienstes. Wenn ich mir rückblickend vor Augen führe, wie sehr mich dieser Wehrdienst verändert hat, dann kann ich darüber nur milde schmunzeln. Damit will ich der Bundeswehr keine positive Magie zusprechen, aber ein Abiturient ist eben nicht schon qua Alter ein erwachsener Mensch - dazu bedarf es noch viel mehr dessen, was man landläufig Lebenserfahrung nennt, und was man meiner Meinung nach natürlich mindestens ebenso gut im Zivildienst gewinnen kann (um hier keine unnötigen Fronten zu eröffnen, nur weil ich von meiner Erfahrung rede). Dagegen spricht nicht die Erkenntnis, dass die Geschlechtsreife immer früher eintritt. Im Gegenteil, das vergrößert das Problem noch: Wir hinken biologisch unserer kulturellen Entwicklung deutlich hinterher. Das ist einerseits das Geheimnis des menschlichen Erfolgs, andererseits aber auch eine Art Fluch: Menschen haben Probleme, die nur Menschen haben können.
Und legt nicht gerade unsere Kultur uns eine Verzögerung des Erwachsenwerdens nahe? Dazu müsste man Erwachsenwerden mal definieren. Ich versuche das mal durch zwei Stichworte: Realismus und Verantwortung. Als Erwachsener mache ich mir keine Illusionen über mit besonderen Kräften ausgestattete Wesen, die meine Probleme für mich lösen. Und ich nehme, weil ich das Recht dafür bewusst beanspruche, die Konsequenzen meines Handelns für mich und für andere in Kauf.
Der Prozess gegen die Mörder des jugendlichen Gefangenen in Siegburg offenbart da einige Abgründe. Die Täter, soweit sie sich äußern, zeigen keinerlei Anzeichen von Reife. Das muss Fragen aufwerfen. Die einen werden sagen. dass das Wegsperren offensichtlich keine Lösung sei. Die anderen, dass viel zu spät eingegriffen worden sei. Ich fürchte, dass beide Seiten Recht haben. Nicht, weil liberal im liberalen Sinn liberal wäre, sondern weil unsere Gesellschaft nun einmal die ist, die sie ist. Es nutzt mir nichts, mir ein Röpkesches Ideal von kleinen Gemeinschaften zurechtzuträumen, wenn die Politik die Illusion des allzuständigen Zentralstaats in den Köpfen verankert hat. Das Fatale ist allerdings, dass es sich hier wirklich um eine Illusion handelt. Der Wohlfahrtstaat war sehr erfolgreich darin, alle konkurrierenden herkömmlichen Institutionen zu zerstören. Er hat aber seine Versprechen nicht halten können.
Trefflicherweise ist die einzig als realistisch suggerierte Option ein “viel hilft viel”. Die Versäumnisse des Zentralstaats werden durch mehr Zentralisierung beantwortet. Frau Schavan hat schon mal serviert. Dabei wäre genau das Gegenteil angesagt: Eine Rückkehr zu der Art von Gemeinschaft, wie sich sich freiwillig und spontan bildet. Und wo sich der Einzelne auch mehr wahrgenommen fühlen kann als in den Mühlen einer zentralstaatlichen Bürokratie. “Überwachung” wird zur Verhinderung von Missbrauch immer nötig sein. Wir haben allerdings die Wahl, ob sie informell oder formell wahrgenommen wird. Die informelle Variante ist dabei nicht nur erfolgreicher, sondern auch unschädlicher.
Verfasst von Rayson um 22:41 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Innenpolitik, Politik (Trackback)