Grenzen des Individualismus

Es gibt, zumindest für mich, einen Punkt, an dem das Konzept der Freiheit des Einzelnen Einschränkungen hinnehmen muss: wenn der Einzelne nicht geschäftsfähig ist. Ich bin mir bewusst, dass dies ein gefährliches Einfallstor für Ideologien aller Art ist, aber das hilft nicht weiter: Menschen mit der Seele eines Kindes dürfen nicht denselben Gesetzen unterliegen wie erwachsene Menschen. Natürlich lautet der Einwand sofort: Wo ziehst du die Grenze? Die unspektakuläre, aber vielleicht verblüffend liberale Antwort: individuell.

Es gehört zu unserem kulturell vererbten Wissen, dass Kinder nicht so behandelt werden können wie Erwachsene. Der Gesetzgeber hat dem sogar jenseits formaler Grenzen explizit Rechnung getragen, indem er trotz der Herabsetzung der Volljährigkeit auf 18 Jahre strafrechtlich noch die Anwendung des Jugendstrafrechts bis zum 21. Lebensjahr zugelassen hat. Und ich muss ehrlicherweise gestehen, dass das meiner Selbstwahrnehmung entspricht: Ich war angeblich volljährig vor der Ableistung meines Wehrdienstes. Wenn ich mir rückblickend vor Augen führe, wie sehr mich dieser Wehrdienst verändert hat, dann kann ich darüber nur milde schmunzeln. Damit will ich der Bundeswehr keine positive Magie zusprechen, aber ein Abiturient ist eben nicht schon qua Alter ein erwachsener Mensch - dazu bedarf es noch viel mehr dessen, was man landläufig Lebenserfahrung nennt, und was man meiner Meinung nach natürlich mindestens ebenso gut im Zivildienst gewinnen kann (um hier keine unnötigen Fronten zu eröffnen, nur weil ich von meiner Erfahrung rede). Dagegen spricht nicht die Erkenntnis, dass die Geschlechtsreife immer früher eintritt. Im Gegenteil, das vergrößert das Problem noch: Wir hinken biologisch unserer kulturellen Entwicklung deutlich hinterher. Das ist einerseits das Geheimnis des menschlichen Erfolgs, andererseits aber auch eine Art Fluch: Menschen haben Probleme, die nur Menschen haben können.

Und legt nicht gerade unsere Kultur uns eine Verzögerung des Erwachsenwerdens nahe? Dazu müsste man Erwachsenwerden mal definieren. Ich versuche das mal durch zwei Stichworte: Realismus und Verantwortung. Als Erwachsener mache ich mir keine Illusionen über mit besonderen Kräften ausgestattete Wesen, die meine Probleme für mich lösen. Und ich nehme, weil ich das Recht dafür bewusst beanspruche, die Konsequenzen meines Handelns für mich und für andere in Kauf.

Der Prozess gegen die Mörder des jugendlichen Gefangenen in Siegburg offenbart da einige Abgründe. Die Täter, soweit sie sich äußern, zeigen keinerlei Anzeichen von Reife. Das muss Fragen aufwerfen. Die einen werden sagen. dass das Wegsperren offensichtlich keine Lösung sei. Die anderen, dass viel zu spät eingegriffen worden sei. Ich fürchte, dass beide Seiten Recht haben. Nicht, weil liberal im liberalen Sinn liberal wäre, sondern weil unsere Gesellschaft nun einmal die ist, die sie ist. Es nutzt mir nichts, mir ein Röpkesches Ideal von kleinen Gemeinschaften zurechtzuträumen, wenn die Politik die Illusion des allzuständigen Zentralstaats in den Köpfen verankert hat. Das Fatale ist allerdings, dass es sich hier wirklich um eine Illusion handelt. Der Wohlfahrtstaat war sehr erfolgreich darin, alle konkurrierenden herkömmlichen Institutionen zu zerstören. Er hat aber seine Versprechen nicht halten können.

Trefflicherweise ist die einzig als realistisch suggerierte Option ein “viel hilft viel”. Die Versäumnisse des Zentralstaats werden durch mehr Zentralisierung beantwortet. Frau Schavan hat schon mal serviert. Dabei wäre genau das Gegenteil angesagt: Eine Rückkehr zu der Art von Gemeinschaft, wie sich sich freiwillig und spontan bildet. Und wo sich der Einzelne auch mehr wahrgenommen fühlen kann als in den Mühlen einer zentralstaatlichen Bürokratie. “Überwachung” wird zur Verhinderung von Missbrauch immer nötig sein. Wir haben allerdings die Wahl, ob sie informell oder formell wahrgenommen wird. Die informelle Variante ist dabei nicht nur erfolgreicher, sondern auch unschädlicher.

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5 Kommentare zu “Grenzen des Individualismus”

  1. Libero
    2.08.2007 | 7:05

    @Rayson

    ich bezweifele, ob Röpke Ideal nur ein Traum ist. Ich bezweifele, ob der Wohlfahrtsstaat alle konkurrierenden Institutionen zerstört hat. Tut mir leid, aber ich halte das für oberflächliches Denken. Es ist die Frage, ist er der Sensenmann dieser Institutionen oder nur der Totengräber. Ich antworte mit Totengräber.

    Eine Rückkehr zu der Art von Gemeinschaft, wie sich sich freiwillig und spontan bildet.
    Niedlich, wenn man wie Hayek nicht viel von Phasenwandel versteht. Auch eine freiwillige Bildung setzt einen wachstumsfähigen Keim voraus. Eine homogene Keimbildung ist selten, heterogene Keimbildung ist wahrscheinlich, heißt aber nicht Staat. freiwillig und spontan, daß klingt so anstrengungslos. Dann frag mal die menschlichen Keime, wieviel Anstrengung es erfordert, eine Schule wieder aufzurichten. Keimbildung und Keimwachstum setzt immer Anstrengungen voraus. Erst dann setzt der wachsende Keim Energie frei. Je mehr der Keim wächst, um so mehr muß man dann die Spannungen in ihm beachten.

    Der Phasenwandel von der Gesellschaft vor 1945 zur liberalen Gesellschaft ist in Deutschland nie vollendet wurden. Die Chance bestand nur solange, wie die alten Institutionen geschwächt waren. Das waren etwas über 10 Jahre.

    Das Fundament jenseits von Angebot und Nachfrage wurde nicht gelegt, aufgrund der Konzentration auf den materiellen Wiederaufbau schlicht und einfach vernachlässigt. Das war nicht die Schuld der Liberalen, die durchdachten und mahnten. Aber auch sie haben zu spät an das Fundament gedacht. Der Wandel der Regeln ist eine Sache, der Wandel im Denken die entscheidende Sache.

    Röpkes Ideal ist sehr von dem Erleben der Gemeinschaften in den ländlichen kleinteiliger Regionen der Schweiz geprägt. In den Großstädten ist das schwieriger, kleine Gemeinschaften aufzubauen. Selbst dann, wenn durch die Architektur das Miteinanderwohnen ideal vorgegeben ist, ist es mit den Gemeinschaften leider nicht mehr weit her. Wenn die menschlichen Keime nicht immer wieder Nachfolger finden, zerfallen solche Gemeinschaften. Selten sind es mehr als 10 %, die vorangehen und Mühe haben, wenigstens ein 1/3 dazu zu bewegen, mitzumachen. Der Rest folgt mehr lustlos. Diese Lustlosigkeit ausklingen zu lassen, ist richtig harte Arbeit.

    Wenn man in einer Sackgasse ist, muß man zur Wegkreuzung zurück und den anderen Weg zu beschreiten. Im Augenblick lese ich, wenn ich Zeit habe, die ersten Jahrgänge von Ordo und die vier Bände Ordnung der Wirtschaft. Mich beeindruckt immer mehr Franz Böhm, ein nobler Mensch von seltener Integrität.

  2. 2.08.2007 | 14:22

    “Als Erwachsener mache ich mir keine Illusionen über mit besonderen Kräften ausgestattete Wesen, die meine Probleme für mich lösen.”

    Wenn ich in dem Zusammenhang an die Wesen “Markt” und “Staat” denke, laufen aber nur sehr wenige Erwachsene auf der Welt herum.

  3. 2.08.2007 | 20:24

    @Libero

    Es ist die Frage, ist er der Sensenmann dieser Institutionen oder nur der Totengräber. Ich antworte mit Totengräber.

    Ich würde zumindest an der Mittäterschaft festhalten wollen.

    Ich glaube auch nicht, dass die unmittelbaren Jahre nach 1945 die Ursache des Problems sind. Der Abriss des Alten und die Verherrlichung des Staates begann in der Zeit der ersten “Großen Koalition” und mit ihr.

  4. 2.08.2007 | 20:26

    @classless

    Der Markt ist kein Wesen, sondern eine praktische Umschreibung für das, was ist, wenn Menschen eigenverantwortlich und freiwillig wirtschaften. Und damit wären wir wieder beim Thema.

  5. Libero
    2.08.2007 | 21:59

    @Rayson
    Die Abwehr gegen die Ordoliberalen begann wesentlich früher.

    Aus Jux und Tollerei kommt man nicht auf solche Titel

    Wir fordern von Regierung und Bundestag die Vollendung der Sozialen Marktwirtschaft

    Das war 1953

    Wir fordern eine zielklare Wirtschafts- und Sozialpolitik

    Das war 1955

    Ich bleibe bei Totengräber.

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