2. August 2007
Die Strapazen der Entführung
In der SPD gibt es ja tatsächlich Leute, die meinen, Frank-Walter Steinmeier sei ein geeigneter Kanzler-Kandidat. Meiner Meinung nach ist er noch nichteinmal ein geeigneter Außenminister. Sei es, dass es um die CIA-Aktivitäten auf deutschem Boden geht oder um die Fälle al-Masri und Kurnaz oder seine Reisen nach Zentral-Asien - jedes Mal werde ich das Gefühl nicht los, dass ungefähr genau das Gegenteil dessen der Wahrheit entspricht, was unser Herr Außenminister in die Mikrofone verlautbart. In dem Fall der in Afghanistan ums Leben gebrachten deutschen Geisel steht seit heute fest, dass Steinmeier in der Tat genau das Gegenteil der Wahrheit verkündet hat:
“Wir müssen davon ausgehen, dass einer der entführten Deutschen in der Geiselhaft verstorben ist. Nichts deutet darauf hin, dass er ermordet wurde, alles weist darauf hin, dass er den Strapazen erlegen ist, die ihm seine Entführer auferlegt haben.”
Frank-Walter Steinmeier am 21. Juli 2007; (O-Ton immer noch im Tagesschau-Archiv verfügbar).
Auf diese Version des Tatablaufs gab es auch schon damals nicht den geringsten Hinweis; im Gegenteil gab es Berichte darüber, dass der Leichnam mindestens eine Schußwunde aufweise.
Heute dann das:
“Auf das noch lebende Opfer wurde nach dessen Zusammenbruch zwei Mal geschossen”, heißt es in der Erklärung. Danach seien noch vier weitere Schüsse auf den Körper des Opfers abgefeuert worden. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) reagierte mit Erschütterung auf das Ergebnis der Obduktion. “Die letzten Stunden des Verstorbenen waren ein Martyrium. Seine Entführer haben ihn grausam in den Tod getrieben, seinem Leben schließlich in verbrecherischer Weise ein Ende bereitet”, sagte Steinmeier am Donnerstag während seiner Westafrika-Reise in Accra (Ghana). “Dieses Verbrechen darf nicht ungesühnt bleiben.”
Na klar, die deutsche Öffentlichkeit darf schon mal hin und wieder ab und zu gelegentlich aus taktischen Erwägungen mit Erklärungen abgespeist werden, die nicht ganz oder nur zum Teil oder eigentlich überhaupt nicht der Wahrheit entsprechen. Vor allem dann, wenn es um Menschenleben geht. Das Problem mit Steinmeier ist nur, dass er praktisch zu 100% aus Taktik besteht. Vielleicht müssen sogar heutzutage die Außenminister alle Taktiker sein, zumal es ja gar nicht mehr möglich ist, wie Genscher vor 20 Jahren fünfminütige O-Töne ohne jeden Aussagegehalt in der Tagesschau unterzubringen.
Aber schon wieder einen Taktiker als Kanzlerkandidat? Nein, danke.
(Jaja, ich kenne den Broder-Kommentar zum Thema; meiner Meinung nach ein uninspirierter, langweiliger Kommentar von der Stange, der es dann mittels KZ-Vergleich noch zum Aufreger schafft. Gähn.)
Verfasst von Marian Wirth um 21:56 Uhr in der Kategorie International, Rochus, Sprache (Trackback)