6. August 2007
Staat vs. Unternehmer - Beharren gegen Innovation
Wie setzen sich Innovationen durch? Meist zerstörerisch im Schumpeterschen Sinne: Es sind eher nicht die alten Helden, die das Neue vorantreiben und von ihm profitieren. Unternehmer ist man nur einmal im Leben, und die alten Modelle hatten ihre Zeit. Es sind so gut wie immer andere, die Neuerungen einbringen und für alle verfügbar machen. Sei es, weil sie die Erfinder sind. Oder sei es, was viel häufiger der Fall sein wird und von Schumpeter auch als die eigentliche Rolle des Unternehmers gesehen wurde, weil sie als erste begreifen, dass eine Neuerung alte Modelle obsolet macht und neuen eine Chance gibt.
Für Fortschritt in der Datentechnik stand früher IBM, dann Microsoft. Heute ist es Google. Diese Namen stehen auch stellvertretend für Modelle: Während man mit IBM das Modell Mainframe (plus “dumme” Terminals”) verband, steht Microsoft für den alleskönnenden Einzelplatz-PC - in einer wagemutigen politischen Analogie also für den Wechsel vom Modell Obrigkeitsstaat zum freien Individuum. Google hingegen (und das, was man heute PR-technisch als Web 2.0 verkauft - siehe Anmerkung unten) wird assoziiert mit der freiwilligen Interaktion innerhalb des Netzes - also, nicht weniger wagemutig, einer Form spontan entstehender Institutionen. Nun wollen wir nicht zu markenhörig werden und uns immer vor Augen handeln, dass alle diese Namen mit konkreten Interessen zu tun haben. Eine gesunde Portion Skepsis ist also angesagt, aber sollte auch nicht davon abhalten, eigennutzmaximierend Chancen, auch der Kooperation, zu nutzen.
Aber der Prozess ist einer der Ablösung. Altes verschwindet (oder wird gezwungen, sich neu zu erfinden - wie z.B. IBM in einem langen und schmerzvollen Prozess), Neues entsteht. Wieviele der, gemessen am Börsenwert, größten 50 Unternehmen der USA oder Europas waren das schon vor 25 Jahren?
Und das ist das Problem mit dem, was wir “Staat” nennen. Da gibt es die radikalen Ablösungen nur in Form von Kriegen oder Revolutionen. Ansonsten überwiegt das Beharrungsvermögen. Stellen wir uns einmal vor, die Entwicklung des PCs hätte sich nach den Vorgaben von IBM richten müssen. Wo wären wir da heute? Ganz sicher hinge alle Welt noch an Mainframes, und wahrscheinlich hätte kein Individuum direkt Zugang zum Internet (das auch viel mehr dem ähneln würde, was wir aus einen Anfangsjahren kennen), sondern nur die Besitzer dieser Großrechner.
Der Staat hat nun aber die Macht, solche Vorgaben zu machen. Er hat im Laufe seiner Entwicklung - so es denn eine demokratische war: als dauerhafter Kompromiss - ein bestimmtes Schema verinnerlicht, in das er die Abläufe dieser Welt einzuordnen sucht. Und das notfalls auch erzwingt.
Beim Internet wird die Problematik, die aus diesem Konflikt zwischen staatlichem Beharrungsvermögen und gesellschaftlicher Entwicklung entsteht (wer da ein wenig Marx durchscheinen sieht, hat vielleicht nicht ganz Unrecht), offensichtlich. Sprechen wir pro domo, sprechen wir über das Internet. Tausende von Einzelpersonen haben plötzlich die Möglichkeit, ihre eigenen Gedanken und Ideen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ob und wie sehr diese Öffentlichkeit von diesen Gedanken Notiz nimmt, hängt von vielen Kriterien ab. Aber es gibt unter diesen Tausenden natürlich immer ein paar, die ein größeres Publikum anlocken.
Das geht staatlicherseits nicht. Wer sich an eine quasi unendliche Öffentlichkeit wendet, muss entweder Unternehmer oder Journalist sein, denn das war schon immer so. Und wem man beides nachweisen kann, der wird zum Sender vom Schlage eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder der SAT1-ProSieben-Gruppe erklärt. Dass diese beiden Funktionen nur Mittel sind, weiß der Staat nicht mehr - sonst käme vielleicht auch noch jemand auf die Idee, dass auch er nur Mittel ist, und das wäre ja nun ganz und gar verwerflich. Langer Rede, kurzer Sinn: Dass Bürger einfach so miteinander in Beziehung treten, ohne dass eine Obrigkeit darüber wachte, kann und darf nicht sein. Wo kämen wir denn da hin?
Da könnte ja schließlich jeder kommen!
Richtig, genau das ist die Idee… Und dass der Staat mit gerade der nicht zurecht kommt, ist der wahre Grund hinter all den gesetzes- und abmahnbewehrten Regelungen, mit denen man als Blogger heutzutage überzogen wird.
P.S.: Dass der Staat in seinem Beharrungsvermögen von den Anbietern überholter Modelle nicht nur unterstützt wird, sondern zu denen auch meist präferierte Beziehungen unterhält, macht das Problem nicht kleiner.
Anmerkung: Sowas wie das “Web 2.0″ schwebte schon vor über 10 Jahren der Firma “Sun” vor. Damals krähte kein Hahn danach, weil “Sun” zwar eine Technik propagierte (Java, Java-Applets), aber keine attraktive Anwendung dafür parat hatte. Google und Co. kamen von der anderen Seite, der Anwendung, und schon steht Java gegenüber den mehr HTML-nahen Techniken wie PHP und JavaScript etwas im Abseits. Ergänzung: Die mangelnde Verbreitung von Breitband-Zugängen wird auch eine Rolle gespielt haben: Dann war der Fehler von Sun, die propagierte Technik nicht dem Paradigmenwechsel von Microsoft angepasst zu haben, also dass wirklich auch jeder Einzelne partizipieren können muss.
(inspiriert durch diesen Eintrag im lawblog, der seinerseits auf Thomas Knüwer verweist)
Verfasst von Rayson um 19:01 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Grundsatzfragen, Politik, Wirtschaft (Trackback)