Auslaufmodell Großgewerkschaft?

Die derzeitige Tarif-Auseinandersetzung zwischen der GDL und der Deutschen Bahn AG zeigen wieder einmal, dass “Kleingewerkschaften” eine Schlagkraft mobilisieren können, von der deutsche Großgewerkschaften nicht einmal zu träumen wagen.
Siehe z. B. tagesschau.de: Klein und mächtig?.
(Bevor jetzt die Fragen nach meiner Haltung in diesem Fall einsetzen: Ja, ich halte die Forderungen der Lokführer und des “fahrenden” Bahnpersonals für berechtigt. Ich bin sogar der Ansicht, dass der GDL-Verhandlungsführer Schell gegenüber dem Bahnchef Mehdorn der bessere Marktwirtschaftler ist. Gegenüber dem Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, der gleich nach dem Staat winselt allemal.)

Einer der Gründe für die relative Schwäche der Großgewerkschaften liegt daran, dass die Interessen ihrer Mitglieder bei Tarifverhandlungen nicht mehr unter einen Hut zu bekommen sind. Allenfalls “Tradionsgewerkschaften” wie die IG Metall, bekommen es (noch) hin. dass im Arbeitskampf die starken, weil unentbehrlichen, Gruppen den “Eisbrecher” machen, um einheitliche Tarifverträge zufriedenstellend für alle auszuhandeln. ver.di oder Transnet sind für diese Art Solidarität, vermute ich, schlicht zu heterogen zusammengesetzt. Fast wie auf der “anderen Seite” die schnell “zusammenfusionierten” “Welt-AGs” (Stichwort: Daimler-Crysler … )

Aber über die innergewerkschaftlichen Probleme mit der eigene Größe hinaus stellt sich die Frage: Sind die traditionellen Gewerkschaften Auslaufmodelle?. Ein Forschungsprojekt an der Uni Bremen untersucht neue Formen sozialer Bewegung vor dem Hintergrund neuer, zunehmend flexibilisierter Arbeitsformen.

Aber die alten Organisationen werden im Zuge der Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen in ihrer alten Rolle schleichend in zweierlei Weise “überflüssig”: Zum einen entwerten neue Formen der Unternehmensorganisation und der Organisation des Arbeitsprozesses tendenziell die Gewerkschaften als Verhandlungspartner. Zum anderen werden sich die Arbeitnehmer der Entmündigung durch die bürokratischen Organisationen bewusst. Und gleichzeitig drängen ihnen die neuen Formen der Arbeitsorganisation die Möglichkeit auf, sich an ihren individuellen Bedürfnissen statt an zunehmend abstrakt erscheinenden “Gesamtinteressen” zu orientieren. Dies bedeutet jedoch nicht das Ende sozialer Organisation.

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Genau das passiert im Moment mit der keineswegs neuen, sondern im Gegenteil besonders traditionsreichen Lokführergewerkschaft. Sie sieht nicht mehr ein, warum sie wegen eines (angeblichen) “Gesamtinteresses” weiter “Zurückhaltung” üben sollen.

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12 Kommentare zu “Auslaufmodell Großgewerkschaft?”

  1. 8.08.2007 | 21:31

    Wenn das Management seine Position teilweise zur Selbstbedienung nutzt, warum dann nicht auch die Funktioneseliten?

    Wenn ich etwas aus der Globalisierung gelernt habe, dann, a) gute Arbeit zu leisten und b) seinen Chef so gut es geht damit zu erpressen. Denn er wird einem Wohlverhalten und Vertrauen - siehe Siemens/BenQ - nicht danken.

  2. 8.08.2007 | 21:38

    Ich sage dazu nur: Olson, immer wieder Olson. Die Logik des kollektiven Handelns begünstigt Interessengruppen um so mehr, je kleiner sie sind.

  3. 8.08.2007 | 21:41

    @Marc

    Vertrauen ist eine gute Sache, wenn es den anderen nicht überfordert. Aber auch das “gute Arbeit leisten” wird allein nicht weiterhelfen. Arbeitnehmer müssen, wenn sie sich ganz und gar unabhängig von den Launen ihrer Chefs machen wollen, Unternehmer werden, also auf die Marktgängigkeit ihrer Dienstleistung achten. Das ist eine Umstellung, und es ist auch etwas aufwändiger, aber der Gewinn an Freiheit ist phänomenal.

  4. 8.08.2007 | 23:30

    Ich bin sogar der Ansicht, dass der GDL-Verhandlungsführer Schell gegenüber dem Bahnchef Mehdorn der bessere Marktwirtschaftler ist.

    Und ich dachte, Markt beruht auf freiwilligen Verträgen und nicht Erpressung. (Selbst, wenn letztere staatlich legitimiert ist und “Streik” heißt.)

  5. Buenavista
    9.08.2007 | 0:16

    @Boche

    Es gibt Theorien, und es gibt die Realität.
    Wenn Arbeitgeber Leuten den Lohn kürzt, die auf ihre Arbeit unbedingt angewiesen sind, ist das Erpressung?

    Wie nennt man das, was die T-Com mit ihren Mitarbeitern macht?

    Wenn Arbeitnehmer bei einem Arbeitgeber streiken, um Erhöhungen ihres (übrigens beschämende niedrigen) Lohns durchzusetzen, ist das Erpressung?

    Es ist Markt.

    Die Lokführer könnten natürlich auch alle kündigen. Aber ob das Herrn Mehdorn lieber wäre?

  6. 9.08.2007 | 8:28

    @Rayson: Ich meine das mit der guten Arbeit schon in deinem Sinne. Denn nur mit dieser “marktgängigen Dienstleistung” kann man mit Wechsel zu Konkurrenz drohen.

  7. 9.08.2007 | 8:45

    Buenavista: Klar, was die T-Com mit ihren Mitarbeitern macht, ist faktisch Erpressung. Die möglich war, weil sehr viele T-Com-Mitarbeiter nicht die Möglichkeit haben “mit den Füssen abzustimmen”. Fragwürdig finde ich aber auch, dass ver.di den glatten Misserfolg ihrer Streikaktion - die T-Com hat ihre Agenda fast komplett durchbekommen - noch als “Erfolg” verkaufte. Nur nicht zugeben, wie schwach man ist …

  8. 9.08.2007 | 9:28

    @Buenavista

    Wenn Arbeitgeber Leuten den Lohn kürzt, die auf ihre Arbeit unbedingt angewiesen sind, ist das Erpressung?

    Definiere “unbedingt”. Ich bin ja nun auch ziemlich auf meine Arbeit angewiesen, seit ich ein Haus abzubezahlen und eine Familie zu ernähren habe. Ich fühle mich aber nicht derart in Abhängigkeit, dass ich erpresst werden könnte. Wenn der Arbeitgeber mich weniger braucht als ich ihn (und das scheint ja in dem von dir gemeinten Fall so zu sein), dann hat er natürlich eine bessere Verhandlungsposition. Aber ist das dann erpresserisch?

    Wenn Arbeitnehmer bei einem Arbeitgeber streiken, um Erhöhungen ihres (übrigens beschämende niedrigen) Lohns durchzusetzen, ist das Erpressung?

    Es ist Markt.

    Das ist Unsinn. Dann entspräche Markt tatsächlich dem Zerrbild, das seine Feinde zeichnen. Dann wäre Markt nichts weiter als das Prinzip, dass sich der Stärkere durchsetzt, ohne Regeln, ohne Verlass auf eingegangene Verträge.
    Die Lokführer haben Arbeitsverträge mit bestimmten Konditionen ja nicht aufgedrängt oder gar aufgezwungen bekommen. Sie haben sie eigenhändig unterzeichnet. Das soll nun, da der Staat ihnen die Möglichkeit gibt, sanktionslos vertragsbrüchig zu werden, nicht mehr gelten?

    Die Lokführer könnten natürlich auch alle kündigen. Aber ob das Herrn Mehdorn lieber wäre?

    Was Herrn Mehrdorn lieb ist, ist mir vollkommen schnurz. Ich weiß nur, dass dies die aus rechtlicher und moralischer Sicht anständige Vorgehensweise wäre, die nichts mit Erpressung zu tun hätte.

  9. 9.08.2007 | 19:16

    Nebenbei: Kleingewerkschaften müssten doch den Arbeitgeberinteressen nach den immer wieder gewünschten individuelleren Lohnabschlüssen doch entgegenkommen? Die wollen doch immer gerne weg vom Flächentarifvertrag? ;-)

  10. Buenavista
    9.08.2007 | 20:38

    @Boche

    Ist dir entgangen, dass die Verträge der Lokführer gewissermaßen “ausgelaufen” sind. Sie sind also überhaupt nicht vertragsbrüchig.

    Doch, der Markt funktioniert so.

    Nehmen wir mal an, Firma A will Auftrag an Firma B vergeben. Nehmen wir mal an, der “faire” Preis für den Auftrag wären 100000 Euro.

    Fall 1: Firma A ist in einer prekären Lage. Wegen Termindruck und Expertise kann nur Firma B den Auftrag erfüllen. Dummerweise weiß Firma B um die Lage von Firma A. Wird die Auftragssumme immer noch 100000 Euro sein?

    Fall 2: Firma A weiß, dass Firma B den Auftrag unbedingt braucht, weil sie sonst pleite geht. Firma A könnte den Auftrag auch an C, D oder E vergeben. Wird die Auftragssumme immer noch 100000 Euro sein?

    Erpressung? Warum?

    Und warum ist es “nur” Erpressung, wenn Arbeitnehmer eine gewisse Schwächeposition des Arbeitgebers “ausnutzen”? Ein Lokführer kann fast nur bei der Bahn beschäftigt werden. Ist es da nicht auch Erpressung, wenn der Arbeitgeber Dumpinglöhne diktiert, weil der Lokführer, wenn er sich nicht organisiert, keine Chance hätte, daran was zu ändern?

  11. 10.08.2007 | 0:25
  12. 10.08.2007 | 0:42

    Ist dir entgangen, dass die Verträge der Lokführer gewissermaßen “ausgelaufen” sind.

    Boche schrieb von Arbeitsverträgen, und dass die ausgelaufen sein sollen wäre mir auch neu, dann könnten sie die Bahn kaum sinnvoll bestreiken.

    Nehmen wir mal an, Firma A will Auftrag an Firma B vergeben. Nehmen wir mal an, der “faire” Preis für den Auftrag wären 100000 Euro.

    Wie komme ich denn auf den “fairen” Preis?

    Ein Lokführer kann fast nur bei der Bahn beschäftigt werden. Ist es da nicht auch Erpressung, wenn der Arbeitgeber Dumpinglöhne diktiert, weil der Lokführer, wenn er sich nicht organisiert, keine Chance hätte, daran was zu ändern?

    Es ging doch eher um das Streikrecht, nicht darum, dass sich die Lokführer organisieren. Ansonsten ist da aber etwas dran, hat Dirk auch hier schon angesprochen, mit einem freien Markt hätte die ganze Angelegenheit so oder so nichts zu tun.

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