Zentralabitur^2

Etwas Panik habe ich ja beim Lesen dieses Artikels von FAZ.NET doch bekommen.

MP Oettinger und andere Unionspolitiker wollen ein bundesweites Zentralabitur. Weiter heisst es (in der RSS-Zusammenfassung):

Der Lehrerverband ist aber skeptisch und bezweifelt, dass das Vorhaben schnell umgesetzt werden kann.

Ich will auch nicht, dass es langsam umgesetzt wird. Nicht noch mehr Schulzentralismus.

Die Autorin des Kommentars “Zweifel am Zentralabitur” hat Recht, wenn sie schreibt:

Denn es müsste zunächst vergleichbare Lehrpläne für die drei letzten Gymnasialklassen geben, dann einheitliche Bildungsstandards und erst im letzten Schritt zentrale Prüfungen mit einem festen Erwartungshorizont und entsprechender Notengebung. Landesspezifische Eigenheiten in Lehrplänen und Prüfungsordnungen wären dann ausgeschlossen.

Auch eine Schulautonomie, die mehr ist als Fasade sein soll, ist zusammen mit Zentrabitur (auf Landes- oder Bundesebene) eine Illusion. Schulspezifische Schwerpunktsetzungen und ähnliches wären ebenfalls ausgeschlossen, den für ein Zentralabitur sind äußerst detailierte und absolut verbindliche Lehrpläne notwendig.

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19 Kommentare zu “Zentralabitur^2”

  1. Buenavista
    9.08.2007 | 20:48

    Nun, am Ende steht eben nicht ein “bayrisches” Abitur oder ein “niedersächsisches”, sondern schlichtweg “Abitur”. Dieses Abitur bzw. dessen Note nimmt heftig Einfluss auf die weitere Karriere, besonders beim Studium.

    Ist das “fair”?

    Wie länderspezifisch müssen Lehrpläne denn wirklich sein? Bei den Naturwissenschaften doch wohl kaum. Bei den Fremdsprachen doch auch nicht. Geschichte vielleicht? Wenn ein Bayer vielleicht etwas mehr bayrische Geschichte mitbekommt, hat das doch wohl nur marginalen Einfluss auf das Gesamtwissen, das er haben soll.

    Ein Zentralabitur setzt doch nicht unterschiedliche Lehrmethoden außer Kraft, eher im Gegenteil. Wenn alle über das gleiche geprüft werden, wird sich die “bessere” Methode viel leichter durchsetzen, als bei schwer zu vergleichenden Prüfungen.

    In Frankreich ist auch nicht jedes Lycée wie das andere.

  2. Buenavista
    9.08.2007 | 20:51

    Im übrigen: Wird nicht immer die Mobilität und Flexibilität der Arbeitnehmer gefordert?

    Ja, und dann zieht man um und die Kinder kommen an der neuen Schule ins Schleudern, weil jedes Land sein eigenes Süppchen kocht. In Frankreich passiert sowas eher nicht.

  3. 9.08.2007 | 20:58

    Wie ich schon mal in Zettels “kleinem Zimmer” schrieb: Für deutsche Politiker ist Föderalismus eine großartige Sache, so lange alles schön einheitlich ist.

    Oder gemeiner die alte Raysonsche These wiederholt: Der Föderalismus existiert nur noch, weil er dem Parteinachwuchs als Spielwiese dient.

  4. Buenavista
    9.08.2007 | 21:05

    Ich bin kein Fan der Einheitlichkeit. Aber wenn schon ernst genommener Förderalismus, dann doch lieber die amerikanische Art. Da gibt’s auch kein Zentralabitur, aber es entscheidet eben nicht nur die Note, ob man an ein gutes College, mit einem karriereidealen Studium kommt.

  5. 9.08.2007 | 21:07

    Länderspezifisch bedeutet wohl kaum, dass bayrische Geschichte mit Ludwig dem II. im Lehrplan steht, sondern andere Schwerpunktsetzungen allgemein. Sind bundesweitere Schwerpunksetzungen den automatisch besser als landesweite? Oder sind sie nur “einheitlich”. Höheres Wissen bei Bundesbeamten als bei Landesbeamten?

    Wenn man sich zum Beispiel die neuen Lehrpläne in NRW mit dem Zentralabitur ansieht, wird man erschreckt feststellen, dass von Inhalts- und Methodenvielfalt wenig bleibt. Es ist genau vorgeschrieben, was wann (und ansatzweise auch) wie gelehrt werden soll. Das ist kein Versehen, sondern eine logische Folge von einem Zentralabitur. Wie sonst kann man Chancengleichheit bei den Prüfungsfragen sicherstellen, wenn verschiedene Klassen verschiedene Literatur lesen oder auch nur ansatzweise unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Das ganze Land liest auf Befehl Faust und nicht Brecht, Shakespeare und nicht Steinbeck.

    Es bliebt von der “besseren” und “schlechten” Methode einfach zu wenig über. Gerade die bessere Methode wird in der Entfaltung eingeschränkt.

    @Rayson: Die gemeine Variante klingt interessant. Vielleicht ist es aber auch so, dass nur das Bundesland noch “nah” genug ist um aktiv werden zu können.

    @Buenavista: Deinem letzten Kommentar kann ich 100%ig zustimmen.

  6. 9.08.2007 | 21:23

    @Dirk Meister

    Vielleicht ist es aber auch so, dass nur das Bundesland noch “nah” genug ist um aktiv werden zu können.

    Natürlich, das spielt eine Rolle, aber doch eher für die Spezies “Landtagsabgeordnete”. Ist die in ihrem aktuellen Zustand so schutzwürdig? Voraussetzungen: Jahrelanges Plakatekleben, Händeschütteln, Mitgliedschaft in 1000 Vereinen, trainierte Leber. Und das alles, damit sie für ein wenig Schulpolitik und die Farbe der Polizeiuniformen abstimmen dürfen.

    Die Trainees der Parteien, der “Führungsnachwuchs”, braucht den MdL nur als Claque und Existenzberechtigung. Sie werden ihm im Zweifel als Fraktionsvorsitzende oder MPs aufgedrückt, aber der MdL ist ja schon froh, wichtig zu wirken und an den Fleischtöpfen des Abgeordnetenlebens teilzuhaben. Und für Veteranen findet sich irgendwo in den Landesbeteiligungen und -organen immer ein Pöstchen.

    Dazu brauchen wir den Föderalismus realiter. Die schönen Ideen, die mit ihm gerne verbunden werden, glaube ich erst dann, wenn ich sehe, dass die Politik einen sie interessierenden Grund hat, diese Ideen zu realisieren. Den sehe ich aber nicht.

    @Buenavista

    Ich folge nicht deiner Argumentation, finde aber deinen Schluss erwägenswert.

  7. 9.08.2007 | 21:32

    Das ist doch sozialistische Gleichmacherei! Uups, Reflex. Oettinger ist ja in der CDU und einer got-grünen Bundesregierung muss man ja auch nicht mehr am Zeug flicken.

  8. 9.08.2007 | 21:36

    Och Marc, komm uns doch nicht mit Unpolitik. Parteienschicksale sind uns hier wurscht.

  9. Buenavista
    9.08.2007 | 21:52

    @Rayson

    Es wird doch unterstellt, dass, um das gleiche Ziel zu erreichen, auch die Methoden gleich sein müssen.

    Wenn ein Zentralabitur bundesweit die gleichen Prüfungsfragen stellt, warum müssen dann die Lehrpläne identisch sein?

    Wie gesagt, man kann am US Bildungssystem viel kritisieren. Aber ob ich dort an einem guten College angenommen werde, hängt eben nicht davon ab, ob ich das Glück habe, durch ein “leichteres” Länderabitur Medizin studieren zu dürfen, und der eigentlich Besserqualifizierte warten muss, weil er das Pech hatte, in Bayern mehr gefordert zu werden, und daher eine etwas schlechtere Note bekam.

  10. 9.08.2007 | 22:32

    @Buenavista

    Wie gesagt, mir behagt als im Prinzip föderalistisch gesinnter Mensch die Argumentation nicht so ganz, denn konsequent zu Ende gedacht kann es zwischen dem Zentralabitur und unabhängigen Schulden nichts Sinnvolles mehr geben, aber die Verlagerung der Zugangsberechtigung würde ich auch begrüßen.

  11. 9.08.2007 | 22:41

    Wieso Unpolitik? Wenn dann kommt die doch von Oettinger und Schavan. Was wollen die denn wirklich? Bildungshoheit der Länder oder das Sommerloch füllen? Verantwortliche Politik sieht anders aus als je nach Bundesregierungsfarbe die Vorschläge zu bringen.

  12. 9.08.2007 | 22:57

    @Marc

    Dass Unpolitiker Unpolitik betreiben, würde ich als normal ansehen. Nicht aber, dass wir das mitmachen müssen.

  13. 10.08.2007 | 0:30

    Hallo zusammen,

    Auch eine Schulautonomie, die mehr ist als Fasade sein soll, ist zusammen mit Zentrabitur (auf Landes- oder Bundesebene) eine Illusion.

    Das kommt immer drauf an, wie man prüft. Natürlich, wenn du nach der heute modernen Bachelormethode prüfst und zu mindestens 90% Reproduktion unwichtiger Fakten fragst, um sicherzustellen, dass der Schüler/Student mindestens 20 Stunden über relevanten Büchern gehockt und so hoffentlich einiges verstanden hat - fair enuff, dann musst du identische Lehrpläne haben.

    Wenn man dagegen auf Verständnis prüft - wie im deutschen Ingenieurs-/NatWis-Diplom üblich, dann ist es durchaus möglich, auf verschiedenen Wegen zu diesem Verständnis zu gelangen und die Wahl dieses Weges dem Lehrer zu überlassen.

    Klar gibt es dann Unterschiede, der eine Lehrer lehrt besser, der andere schlechter: Doch solche Unterschiede wird man nicht vermeiden können und versucht mit einer lehrer- oder schulabhängigen Notengebung nur, sie zu kaschieren.

    Aus meiner Sicht als Studierendenvertreter in Uni-Auswahlgremien kann ich nur sagen: Jau! Einheitsabitur! Es kann nicht angehen, dass wir bei einer Abinote von 1,4 differenzieren müssen, aus welchem Bundesland und gar aus welcher Schule der Student in spe kam, nur um einschätzen zu können, ob er in der Schule bessere akademische Leistungen zeigte als ein anderer.

    Schönen Gruß, Steve

  14. 10.08.2007 | 7:43

    @Steve: Du übertreibst den Unterschied von Bachelor und NetWis-Diplom.
    Es ist schwierig ohne die strikten Vorgaben ein Zentralabitur zu haben. Auch bei Prüfung auf Verständnis, ist es sehr schwierig. Mathematik ist IMHO weniger problematisch (was nicht heisst, dass es stupide oder einfach zu prüfen ist). Aber in Literatur-basierten Fächern wie oben beschrieben, braucht man einfach gemeinsame Grndlagen. Man kann nur sehr schwer Prüfung stellen nur mit der Lehrplanrichtlinie “Deutsche Romantik”. Vielleicht nicht unmöglich, aber man prüft dann doch eher die Oberfläche ab. Man muß sich nur mal den Aufstand vorstellen, wenn in einer zentralen Prüfung doch Chancenverschiebungen gibt.

    Es sollen keine schlechten Leistungen kassiert werden, sondern das unterschiedliche Leistungen von Lehrpersonen ermöglicht werden. Der Lehrer soll nicht ein blosses Ausführungsorgan des Schulministeriums sein, dass in klein klein alles Relevante vorgeschrieben bekommt.

    Dirk
    BSc

  15. 10.08.2007 | 9:15

    @Steve

    Es kann nicht angehen, dass wir bei einer Abinote von 1,4 differenzieren müssen, aus welchem Bundesland und gar aus welcher Schule der Student in spe kam, nur um einschätzen zu können, ob er in der Schule bessere akademische Leistungen zeigte als ein anderer.

    Warum kann das nicht angehen?

    @Buenavista

    Aber ob ich dort an einem guten College angenommen werde, hängt eben nicht davon ab, ob ich das Glück habe, durch ein “leichteres” Länderabitur Medizin studieren zu dürfen, und der eigentlich Besserqualifizierte warten muss, weil er das Pech hatte, in Bayern mehr gefordert zu werden, und daher eine etwas schlechtere Note bekam.

    Das tut es auch in Deutschland längst nicht mehr - Zentral alleine aufgrund der Abi-Note werden nur noch die wenigsten Studienplätze vergeben, das Meiste läuft inzwischen über hochschuleigene Auswahlverfahren, in vielen Fächern mit Zulassungstest. Der Abiturdurchschnitt ist für die Uni-Zulassung heutzutage nur noch eines unter mehreren Kriterien.

  16. FAB.
    10.08.2007 | 10:08

    Da ich hochschuleigene Zulassungsverfahren immer für richtig hielt, aber bisher glaubte, daß es so etwas nur sehr eingeschränkt gebe, interessiert mich das sehr. In welchen Fächern und nach welchen Kriterien wird das denn praktiziert?

  17. 10.08.2007 | 10:41

    Wenn ich zurückblicke, wie lange es gedauert hatte, bis man sich auf die aktuelle Rechtschreibreform geeinigt hatte, würde es Jahre dauern ein Bundesabitur zu schaffen. Und dann nochmal Jahre das zu aktualisieren. Abgesehen von den ganzen Grabenkämpfen, die dann wieder zwischen den Parteien ausbrechen würden.

    Ein Bundesabi wäre daher eines mit hoffnungslos veralteten Inhalten.

  18. 10.08.2007 | 11:29

    @FAB: Zentral vergeben werden seit jeher nur Plätze für bestimmte Fächer, laut wiki derzeit Biologie, Medizin, Pharmazie, Psychologie, Tiermedizin, Zahnmedizin. Und auch die, wenn man dem hier glauben schenken darf, nur noch zu 40%.
    Hochschuleigene Auswahlverfahren habe ich vor 3 Jahren, als es bei mir losging, als Regel bei mir und Freunden/Bekannten erlebt, die Kriterien legt die jeweilige Uni, bzw. dort die jeweiligen Fakultäten/Institute fest. Neben den Noten (Durchschnitt bzw. Gesamtpunktzahl, Hauptfächer, für das Studienfach relevante Fächer - unter Berücksichtigung des Bundeslandes) kann man im Allgemeinen Praktika, Berufserfahrung etc. geltend machen. Außerdem gibt es dann noch oft die angesprochenen Zulassungstests, die mit in die Bewertung einfließen. Zumindest in Geistes- und Sozialwissenschaften sind die in den letzten Jahren nach meinem Eindruck zunehmend im Kommen, wie es bei technisch-naturwissenschaftlichen Fächern aussieht weiß ich nicht so genau. In jedem Fall geht der Trend hin zu immer individuelleren Verfahren, weg von der Konzentration auf den Abi-Schnitt. Der Nachteil für angehende Studenten ist natürlich das Umherreisen zu den verschiedenen Unis an denen sie sich bewerben.

  19. 10.08.2007 | 14:21

    Noch eine kleine Ergänzung: Die heutige Stuttgarter Zeitung bestätigt in einem Artikel zu diesem Thema das, was ich vorher über die Zentrale Vergabe geschrieben habe und schreibt weiterhin, dass selbst bei den Fächern die zentral vergeben werden das Bundesland bei der Gewichtung der Abiturnote berücksichtigt wird. Es bleibt also festzuhalten: Das Argument, Abiturienten aus Bayern oder Baden-Württemberg würden bei der Studienplatzvergabe wegen ihres schwierigeren Abiturs benachteiligt, ist falsch.

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