17. August 2007
Bundesliga-Notizen, vor dem 2. Spieltag
Heute abend spielt mein zweitliebster Verein gegen den wichtigsten Verein der Stadt, in deren Umgebung ich aufwuchs und in der ich auch studierte. Anlass genug, über das komplizierte Verhältnis von Fußballvereinen und Anhängern ganz persönlich nachzudenken.
Also, da mein Großvater Hertha-Fan war und auch mein Vater, obwohl kein großer Fußball-Fan an sich, Sympathien für diesen Verein hatte, weil er die Stadt mochte, konnte es nicht ausbleiben, dass ich mein erstes Bundesliga-Spiel im Berliner Olympiastadion am 14.12.1971 erlebte. Es ging gegen Schalke 04, und Hertha gewann 3:0 (die Partie wurde wegen des unberechtigten Einsatzes von Zoltan Varga dann am “Grünen Tisch” verloren). Von dem Moment an ging das Hertha-Erbe an mich über. Das 4:2 über Hannover 96 am 17.10.1973 zählte dann schon zur Normalität.
Aber irgendwann verließen auch meine Großeltern Berlin, und der direkte Bezug zur Hertha ging so verloren, dass ich erwog, mich Hannover 96 zuzuwenden. Ich hatte schon vorher zwei Spiele dieses Vereins besucht und mitgefiebert, also ging ich am 04.10.1975 optimistisch ins Niedersachsenstadion zur Partie meines wohl zukünftigen Vereins gegen meinen wohl ehemaligen Verein. Nun, langer Rede, kurzer Sinn: Erwin Kostedde und Erich Beer verhinderten meine Untreue nachhaltig. 2:6 - was braucht mensch da noch für Argumente? Also war Hertha von dem Moment an sakrosankt und ist bis heute “mein” Verein, egal, was sie so konkret vermurksen. Und ich weiß, wovon ich rede - Amateur-Oberliga 1986-1988, 2. Liga 1991-1997… Soviel Mitleid hat seinen Preis: Mittlerweile bin ich auch Mitglied.
Deswegen leide ich momentan heftig mit, obwohl ich mir so sehr wünsche, dass Lucien Favre sein zartbeseeltes Schweizer Herz der rauen Berliner Luft so anzupassen vermag, dass er durchhält, bis seine Idee von modernem Fußball in der Mannschaft angekommen ist. Nötig hätte es die Mannschaft, nötig hätte es der zahlende Besucher im Olympiastadion, nötig hätte es der (neuerdings wieder) Premiere-schauende Hertha-Fan.
Aber reden wir über heute, und reden wir über die erste und einzige Mannschaft, die in meinem Herzen neben der Hertha Platz finden konnte: den KSC. Gut, ich fand die schon zu Winnie Schäfers Zeiten sympathisch, die Badener. Und das UEFA-Cup-Spiel gegen Valencia (was will dieser Hamburger Holländer denn ausgerechnet da?) ist heute noch Legende.
Aber richtig wichtig wurde der KSC für mich erst dadurch, dass ich in die Stadt zog, in der auch meine Liebste schon wenige Jahre zuvor ihre Zelte aufgeschlagen hatte. Sie wohnt nicht weit vom Stadion weg, und in meiner Nachbarschaft hat sich das Fanprojekt eingenistet - es war also unvermeidlich, dass wir Zweitligaluft heftig schnupperten. Mittlerweile hatte ich herausgefunden, dass zwischen dem KSC und der Hertha die Fanfreundschaft noch funktionierte, was für mich natürlich eines besondere Bedeutung bekam. Letztes Jahr besuchten wir dann auch eins der ersten Zweitligaspiele (gegen Mitaufsteiger MSV Duisburg, Endstand 3:3), und wir haben uns rundum wohlgefühlt. Meine Liebste durfte meinen KSC-Schal tragen, und ich trug ungeniert meinen Hertha-Schal zum KSC-Trikot… Der Aufstieg des KSC hat mich wirklich gefreut, und ich habe echte Schwierigkeiten, wenn meine beiden Lieblings-Clubs gegeneinander antreten müssen. Deswegen hoffe ich, dass sie ansonsten so viele Punkte wie möglich holen, obwohl eins klar ist: In dieser Saison spielen beide nominell gegen den Abstieg. Und wenn sich einer aus diesem Kampf befreien kann, wird es nicht die Hertha sein…
Also, lieber Hannover-HSV. liebe 96er: Ihr habt schon einmal eine Wahl von mir bestätigt. Tut mir doch den Gefallen, und lasst den KSC heute haushoch gewinnen. Ich drücke euch dann für alle anderen Spiele die Daumen, Außer für die gegen Hertha, natürlich…
Verfasst von Rayson um 18:22 Uhr in der Kategorie Steckenpferde der Autoren (Trackback)