Nachdem wir in diesem Blog schon über Eva Herman gesprochen haben, können wir über Gabriele Pauli nicht schweigen. Sie hat einige Tage vor dem CSU-Parteitag ihr Programm zur Bewerbung um den Parteivorsitz als PDF-Datei veröffentlicht und wird sich damit ganz sicher in die Reihe der komplett missverstandenen Autorinnen einreihen. Es beginnt im Grunde schon mit dem Titel:
Von Menschen für Menschen - CSU: Beginn der ganzheitlichen Politik
Wer seine Kaffeetasse sicher abgestellt hat, mag sich nun vorstellen, wie Frau Pauli mit diesem Titel ihre Bewerbungsrede auf einem CSU-Parteitag beginnt
Edmund Stoiber hat die CSU, das Publikum und sich selbst mit Schachtelsätzen in die Verzweiflung getrieben. Gabriele Pauli beginnt ihren Kampf um seine Nachfolge mit einem Trommelfeuer kurzer Sätze:
Die Parteien brauchen Erneuerung. Die CSU kann hier eine Vorreiterrolle übernehmen. Das politische System verliert immer mehr die Unterstützung der Bürger. Nur jeder zehnte Deutsche hält Politiker für vertrauenswürdig (Umfrage der GfK). Die Wahlbeteiligung bei Wahlen sinkt.
Vermutlich wird sie nach dieser messerscharfen Analyse die ersten Ovationen erhalten.
Gabriele Pauli führt dann mehrere Beispiele bayrischer Politik auf, die ihr ganzheitliches Missfallen erregen. Ein Glanzstück ihrer Argumentation:
- Prestigeprojekte wie der Transrapid in München, der 2 Mrd. Euro an Steuergelder verzehren soll, während viele Hartz IV-Familien in Armut leben und hierunter vor allem die Kinder leiden.
Der nächste Abschnitt ihres Programms steht unter dem Titel Der Mensch ist wichtiger als Macht. Darin beklagt sie, dass die Politiker nicht nach ihren Gefühlen handeln können:
Viele Parlamentarier würden gerne mehr nach ihrem Herzen handeln, glauben sich aber in Abhängigkeit “von oben” zu befinden. Diese Abhängigkeit ist jedoch dann nicht mehr gegeben, wenn die Sache in den Vordergrund rückt und nicht persönliche Ziele. Auf der anderen Seite haben die Bürger vergessen, dass sie selbst Verantwortung für diese Entwicklung haben. Jeder Staat bringt die Politiker hervor, die seine Bürger wollen.
Und diese Kandidatin will sich ernsthaft um den Vorsitz einer Volkspartei bewerben? Aber es kommt noch besser. Scheinbar ist ein politisches Programm nicht vollständig, wenn die Religion darin fehlt. Manche Politiker fordern dann Kruzifixe in jedem Klassenzimmer, niedrigere Minarette oder Register für Konvertiten, die zum falschen Glauben übertreten wollen. Frau Pauli wird grundsätzlich:
Wir können zeigen, dass uns die Menschen mehr bedeuten als die Macht! Das fängt beim Menschenbild an. Den Menschen als unvollkommen zu sehen, macht ihn zum unwürdigen und unmündigen Wesen, das sein Handeln nicht selbst verantwortet.
Tja, Karsten: Mit dieser Logik kann Adorno nicht mithalten …
Frau Paulis Ausführungen zur Familienpolitik haben ja schon ein großes Medienecho ausgelöst. Auf Seite 9 kann man nachlesen, wie sie die Ehe auf Zeit umsetzen will. Sie hat zwar nicht die geringste Chance, diesen Vorschlag umzusetzen. Aber er bringt ihr mindestens soviel Aufmerksamkeit wie ein ganzes »Eva-Prinzip« — bei etwa gleichwertigem Inhalt ….
Auch wenn die Ehe nur noch befristet geschlossen werden soll, müssen die bayrischen Familien natürlich gut ernährt werden. Auf Seite 11 wird eine ganz einfache Lösung vorgestellt:
Anstatt die Lebensmittelkontrollen weiter auszudehnen, sollten fleischverarbeitende Betriebe Zertifizierungen anstreben. Der Kunde reguliert dann mit seinem Kaufverhalten den Markt. Das Umweltministerium ist als Fachministerium nicht der geeignete Ansprechpartner zur Bekämpfung internationaler Kriminalität. Als sicherstes Bundesland in der Bundesrepublik sollte Bayern auch Vorbildfunktion bei der Aufklärung verbrecherischer Machenschaften beim Fleischhandel einnehmen.
Zum Schluss noch die Datei-Informationen zum Pauli-Programm:
pdfinfo programm.pdf
Title: Microsoft Word - Deckblatt_Programm.docx
Author: Roland
CreationDate: Tue Sep 25 09:51:21 2007
Wer immer »Roland« sein mag: er hat Gabriele Pauli keinen Gefallen getan. Warum stürzen solche Textverarbeitungsprogramme nicht dann ab, wenn es wirklich mal notwendig wäre?
PS: Es gibt in dem Programm noch mehr schöne Stellen, aber ich will nicht alle Kommentare vorwegnehmen