Disskläimer

Es gibt - nicht nur in der politischen Blogosphäre, aber dort besonders exemplarisch sichtbar - zwei Arten von Haltungen/Einstellungen, die beide notwendigerweise auf einer dichotomischen Weltsicht beruhen, in der es nur ein klares Gut und ein klares Böse gibt. Ähnlichkeiten zu mittelalterlichen Religionsvorstellungen sind da wohl nicht rein zufällig.

Das eine wäre die formalistische Variante, also die üblichen Etikettierereien: Man ordnet alle Diskussionsteilnehmer aufgrund der Verwendung oder Verweigerung vorher festgelegter Formeln ein. Das führt bei den Diskussionen zwar irgendwann zu allgemeinem Gähnen, weil es den Wortschatz doch arg künstlich einschränkt, wenn man ihn auf das Herunterbeten eines konkreten Glaubensbekenntnisses reduziert, kann dadurch aber meditative Qualität gewinnen…

Das andere wäre die moralische Aufladung von Inhalten: Ich weiß, dass meine Meinung deshalb meine Meinung ist, weil ich für alle nur das Beste will und weil ich mich wirklich sorgfältig mit der Materie beschäftigt habe. Was ich denke, muss also ebenso unweigerlich gut und richtig wie alles gegensätzlich Geäußerte böse und falsch sein. Dann brauche ich die Gegenseite nur noch in Dumme, Korrupte und grundsätzlich Böse zu unterteilen.

Ein bisschen etwas von beiden Positionen findet sich wohl in jeder Debatte, aber wie meist, so ist es auch hier die reine Form, die im Grunde unausstehlich ist. Man erkennt sie daran, dass sie sich praktisch nur noch mittels Unterstellungen und Beleidigungen artikulieren kann. Auch blanker Hass wird gerne genommen.

Deshalb hier an dieser Stelle ein- für allemal mein persönlicher Disskläimer:

Ich unterstelle allen anderen, dass ihre Meinungen auf besten Absichten und gründlichem Überlegen basieren. Dass sie es trotzdem wagen, von mir abweichende Positionen zu beziehen, kann viele Gründe haben: Unterschiedliche Wertvorstellungen, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Einschätzungen, unterschiedliches Wissen, unterschiedliche Methoden der Wahrnehmung und der Verarbeitung von Informationen und noch einiges mehr. Zugegeben: Manchmal ist “unterschiedlich” auch ein Euphemismus für “subjektiv von geringerer Qualität”, aber das betrifft höchstens einzelne Individuen, und auch das nicht auf allen Ebenen gleichermaßen. Grundsätzlich setze ich deshalb voraus, dass auch unter meinen Widersachern die intelligenten, gutwilligen und gebildeten Menschen überwiegen. Diese Annahme ist zwar falsifizierbar, aber auch da wieder nur individuell und nicht nach Meinungen oder Positionen unterteilbar.

Und weil ich all das annehme, halte ich das von Manchem als Wunsch geäußerte Ziel von Diskussionen, es müsse zu einer Annäherung der Positionen und Meinungen kommen (vielleicht als Zwangssynthese einer Art Vulgärdialektik, um mal so zu tun, als befände ich mich in einem aktuellen Streit auf Augenhöhe), für grundsätzlich unsinnig, auch wenn es ab und an zu solchen Ergebnissen kommen kann. Eine Diskussion kann man übrigens auch nicht “gewinnen”, es sei denn, man betrachtete die Bestätigung einer rhetorischen Überlegenheit unter Verzicht auf zusätzliche Erkenntnis in der Sache und Verständnis für andere Menschen als erstrebenswert. Hauptziel wäre für mich also zunächst immer, *gemeinsam* die Unterschiedlichkeit herauszuarbeiten. Wenn das funktioniert, und das ist schwierig genug, lohnt sich der Aufwand. Finde ich. Und wer das anders sieht, ist dämlich, böse und korrupt.

P.S.: Wer in diesem Text Philosophennamen vermisst, möge sie zum eigenen Genuss selbständig (schließlich ist das ein liberales Blog!) an geeigneter Stelle einsetzen.
P.P.S.: SCNR

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5 Kommentare zu “Disskläimer”

  1. yo
    8.09.2007 | 13:28

    Ein nettes, dezent donnerndes Statement ;-)

    Zum Thema “Annäherung von Meinungen und Positionen”: man kann drüber streiten, ob sowas ein lohnendes Ziel ist, oder ob es zwangsläufig passieren muß (weil es nur eine Wahrheit gibt, die früher oder später jeder erkennt, wenn er sich nicht dagegen sträubt, oder so ähnlich…). Es passiert aber erstaunlich oft, wenn sich Diskussionsgegnerpartner tatsächlich darauf einlassen, gemeinsam die Unterschiede zu betrachten, die ihre jeweiligen Positionen ausmachen. Man kommt dann relativ oft und überraschend zu der Erkenntnis, daß man ja eigentlich genau das Gleiche möchte, sich nur über den Weg dorthin nicht einig ist - oder aber, daß man in den allermeisten Punkten des diskutierten Themas gleicher Meinung ist und sich dermaßen an den wenigen Unterschieden aufhängt, daß diese übertrieben bedeutsam wirken.

    Ist vllt auch ne gewisse Entwicklungsgeschichte: anfänglich, als ich ganz frisch im Internetz war, wollte ich auch vor allem jede Diskussion gewinnen und meine Ansichten als die überlegenen dastehen lassen (nicht daß ich das nicht heute auch noch ab und an möchte, vor allem dann wenn ich von ihrer Überlegenheit überzeugt bin ;-)). Als nächstes wollte ich nicht nur überzeugen, sondern noch zusätzlich provozieren und den anderen zeigen, wie leicht es ist, eine Übermacht an Gegnern naßzumachen (also die Phase, über die die “politisch Inkorrekten” scheinbar nicht hinauswachsen können). Macht ja auch Spaß, man sollte es nur nicht übertreiben und zur Zwangshandlung werden lassen… inzwischen, nach einer kurzen Phase, wo ich die besagte Annäherung gegnerischer Positionen als wichtig empfand, finde ich es vor allem faszinierend, das “warum” herauszuarbeiten: wie kommt es eigentlich, daß ich und User0815 zum Thema XYZ so dermaßen unterschiedliche Auffassungen haben? In welchen Punkten sind wir auf einer Linie? Haben wir unterschiedliche grundsätzliche Zielsetzungen, oder sind wir uns nur über den Weg zum gemeisnamen Ziel uneinig (letzteres ist imho der Fall bei Auseinandersetzungen zwischen Neoliberalen und Sozialstaatlern - ja ich weiß daß es da auch Überschneidungen gibt).

    Diese Vorgehensweise hilft übrigens ungemein bei Konflikten im real life. So gesehen bin ich dem Internet direkt dankbar für seine Existenz, da hab ich das nämlich gelernt;-)

  2. 8.09.2007 | 18:50

    man kann drüber streiten, ob sowas ein lohnendes Ziel ist, oder ob es zwangsläufig passieren muß (weil es nur eine Wahrheit gibt, die früher oder später jeder erkennt, wenn er sich nicht dagegen sträubt, oder so ähnlich…)

    Kann man sicher. Ich bin der Meinung, dass es in unserem Erlebniskosmos und bezogen auf das uns Zugängliche tatsächlich “die Wahrheit” geben kann und gibt, aber das heißt nicht, dass wir alle uns auch tatsächlich darauf zu bewegen…

    Ansonsten danke für die von Verständnis für mein Anliegen geprägte Ergänzung aus eigener Erfahrung. Eben das “warum” halte ich auch wirklich für ein lohnendes Ziel einer Diskussion.

  3. R.A.
    8.09.2007 | 22:05

    @Rayson:
    Du bist einfach charakterlich anständiger als ich.
    Den folgenden Satz würde ich nie sagen:
    “Ich unterstelle allen anderen, dass ihre Meinungen auf besten Absichten und gründlichem Überlegen basieren.”
    Aus bitterer Lebenserfahrung gehe ich davon aus, daß die meisten Meinungen auf Dummheit, Faulheit und Uninformiertheit beruhen.
    In den meisten Diskussionen verhindern nur die Reste meiner gutbürgerlichen Erziehung, daß ich dies explizit formuliere.

    Und auch das folgende ist einfach zu gutherzig für mich:
    “Grundsätzlich setze ich deshalb voraus, dass auch unter meinen Widersachern die intelligenten, gutwilligen und gebildeten Menschen überwiegen.”
    Das “gutwillig” will ich wirklich noch den meisten konzedieren, da habe ich ein eher optimistisches Menschenbild. Aber mit Intelligenz und Bildung - oh je.

  4. 9.09.2007 | 0:07

    @R.A.:

    Vielleicht ist das der Grund, dass ich bei Dir zwar den Intellekt schätze, aber Rayson mag. In beiden Fällen natürlich nur von der hier gezeigten Persona aus betrachtet.

  5. 9.09.2007 | 1:30

    Lieber Rayson,

    ich würde vielleicht vier Gruppen von “anderen” unterscheiden. Die Chancen für eine vernünftige Diskussion nehmen in der Reihenfolge ab, in der ich sie jetzt aufzähle:

    Erstens diejenigen, mit denen ich Grundüberzeugungen und Werte teile, die aber zu einer gegebenen Frage eine andere Meinung haben. Man wird dann Argumente vortragen, sich vielleicht einigen, vielleicht auch agree to disagree. Einigen wird man sich vielleicht, weil sich im Lauf der Diskussionen die Wissensgrundlagen angleichen, weil man die Sichtweise des anderen verstehen lernt, weil man merkt, daß man Fakten und Argumente übersehen hatte usw.

    Zweitens diejenigen, die andere Grundüberzeugungen und Werte haben, die aber zu einer rationalen Diskussion bereit sind. Einigen wird man sich dann wahrscheinlich nicht können, aber die Axiome werden im Lauf einer solchen Diskussion explizit gemacht. Man kann am Ende einander schätzen, ohne zu Gemeinsamkeiten gekommen zu sein. Vielleicht lernt man auch die Position des anderen aus dessen Biographie, Lebensumständen u.ä. besser zu verstehen. In seltenen Fällen kann es natürlich auch zu einer Änderung der Werte kommen, einer Konversion also.

    Drittens kann man auf Menschen treffen, die nur vorgeben zu diskutieren, die in Wahrheit aber nur Proselyten machen wollen. Sie erwarten vom anderen, daß er seine Meinung ändert, sind selbst aber von vornherein dazu nicht bereit. Sobald ich das merke, beende ich die Diskussion.

    Und viertens gibt es natürlich diejenigen, die noch nicht einmal den Eindruck erwecken, daß sie diskutieren wollen. Von ihnen habe ich viele im Web getroffen.

    Sie wollen im Grunde nur ihre Meinung kundtun; legen vielleicht Wert darauf, das elegant zu formulieren. Oder sie wollen - was hier in der liberalkonservativen Blogokugelzone allerdings so gut wie nicht vorkommen - ihren Frust loswerden, ihre Ressentiments zum Ausdruck bringen.

    Solche Leute suchen nach meiner Erfahrung oft Gleichgesinnte. Nicht, um mit ihnen zu diskutieren, sondern um mit ihnen gemeinsam zu schimpfen.

    Herzlich, Zettel

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