8. September 2007
Disskläimer
Es gibt - nicht nur in der politischen Blogosphäre, aber dort besonders exemplarisch sichtbar - zwei Arten von Haltungen/Einstellungen, die beide notwendigerweise auf einer dichotomischen Weltsicht beruhen, in der es nur ein klares Gut und ein klares Böse gibt. Ähnlichkeiten zu mittelalterlichen Religionsvorstellungen sind da wohl nicht rein zufällig.
Das eine wäre die formalistische Variante, also die üblichen Etikettierereien: Man ordnet alle Diskussionsteilnehmer aufgrund der Verwendung oder Verweigerung vorher festgelegter Formeln ein. Das führt bei den Diskussionen zwar irgendwann zu allgemeinem Gähnen, weil es den Wortschatz doch arg künstlich einschränkt, wenn man ihn auf das Herunterbeten eines konkreten Glaubensbekenntnisses reduziert, kann dadurch aber meditative Qualität gewinnen…
Das andere wäre die moralische Aufladung von Inhalten: Ich weiß, dass meine Meinung deshalb meine Meinung ist, weil ich für alle nur das Beste will und weil ich mich wirklich sorgfältig mit der Materie beschäftigt habe. Was ich denke, muss also ebenso unweigerlich gut und richtig wie alles gegensätzlich Geäußerte böse und falsch sein. Dann brauche ich die Gegenseite nur noch in Dumme, Korrupte und grundsätzlich Böse zu unterteilen.
Ein bisschen etwas von beiden Positionen findet sich wohl in jeder Debatte, aber wie meist, so ist es auch hier die reine Form, die im Grunde unausstehlich ist. Man erkennt sie daran, dass sie sich praktisch nur noch mittels Unterstellungen und Beleidigungen artikulieren kann. Auch blanker Hass wird gerne genommen.
Deshalb hier an dieser Stelle ein- für allemal mein persönlicher Disskläimer:
Ich unterstelle allen anderen, dass ihre Meinungen auf besten Absichten und gründlichem Überlegen basieren. Dass sie es trotzdem wagen, von mir abweichende Positionen zu beziehen, kann viele Gründe haben: Unterschiedliche Wertvorstellungen, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Einschätzungen, unterschiedliches Wissen, unterschiedliche Methoden der Wahrnehmung und der Verarbeitung von Informationen und noch einiges mehr. Zugegeben: Manchmal ist “unterschiedlich” auch ein Euphemismus für “subjektiv von geringerer Qualität”, aber das betrifft höchstens einzelne Individuen, und auch das nicht auf allen Ebenen gleichermaßen. Grundsätzlich setze ich deshalb voraus, dass auch unter meinen Widersachern die intelligenten, gutwilligen und gebildeten Menschen überwiegen. Diese Annahme ist zwar falsifizierbar, aber auch da wieder nur individuell und nicht nach Meinungen oder Positionen unterteilbar.
Und weil ich all das annehme, halte ich das von Manchem als Wunsch geäußerte Ziel von Diskussionen, es müsse zu einer Annäherung der Positionen und Meinungen kommen (vielleicht als Zwangssynthese einer Art Vulgärdialektik, um mal so zu tun, als befände ich mich in einem aktuellen Streit auf Augenhöhe), für grundsätzlich unsinnig, auch wenn es ab und an zu solchen Ergebnissen kommen kann. Eine Diskussion kann man übrigens auch nicht “gewinnen”, es sei denn, man betrachtete die Bestätigung einer rhetorischen Überlegenheit unter Verzicht auf zusätzliche Erkenntnis in der Sache und Verständnis für andere Menschen als erstrebenswert. Hauptziel wäre für mich also zunächst immer, *gemeinsam* die Unterschiedlichkeit herauszuarbeiten. Wenn das funktioniert, und das ist schwierig genug, lohnt sich der Aufwand. Finde ich. Und wer das anders sieht, ist dämlich, böse und korrupt.
P.S.: Wer in diesem Text Philosophennamen vermisst, möge sie zum eigenen Genuss selbständig (schließlich ist das ein liberales Blog!) an geeigneter Stelle einsetzen.
P.P.S.: SCNR
Verfasst von Rayson um 11:36 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Grundsatzfragen (Trackback)