21. September 2007
Knietief im Sumpf - Minima Moralia I
Allmählich nähere ich mich dem Ende des ersten Teils der “Minima Moralia”, der 1944 verfasst wurde. Zur Erinnerung: Rayson und ich haben beim Spielen mit den Schmuddelkindern von der anderen Straßenseite ein Projekt vereinbart. Rayson liest Foucault, momorulez Milton Friedman, ich habe mir zwei Bücher von Adorno zugelegt und Lars beschäftigt sich mit Ayn Rand. Wobei ich anmerken möchte, dass meines Wissens nach keiner der Bloggies Objektivist ist und somit das Ayn-Rand-Studium etwas am Ziel des Projektes, nämlich der Beschäftigung mit den Quellen und Grundlagen des Denkens des Gegenübers, vorbeischießt… aber dafür hat Momo sich ja vorher auch schon mit Hayek gebalgt, was die Sache wieder etwas ausgleicht.
Doch zum Thema. Beginnen sollte ich vielleicht mit einigen persönlichen Eindrücken, die “Minima Moralia” (fortan MM) bei mir jetzt schon hinterlassen hat. Eindrücke, die ich so bisher eigentlich nur beim Versuch hatte, Schopenhauer zu lesen und zu verstehen. Es ist das Gefühl, das zurückbleibt, wenn man einen ganzen Gedichtband von Gottfried Benn durchgelesen hat - nämlich das Gefühl, sich auf der Stelle entleiben zu wollen, wenn man sich völlig auf das einlassen würde, was gerade vor den eigenen Augen vorbeigewandert ist. Adorno schreibt keine großen Kapitel - mehr oder weniger zusammenhanglos greift er alle ein, zwei Seiten einen neuen Aspekt des Lebens auf und setzt sich mit diesem auseinander. Der rote Faden ist nur der, dass alles, was er so literarisch angefasst hat, besudelt und beschmutzt zurückbleibt. Wort für Wort dringt ein massiver Ekel gegenüber der modernen Welt und allem, was sie prägt, in den Leser ein. Alles ist verdorben, verrottet und zerstört, von den Grundlagen menschlichen Lebens über die kleinen Gesten, die unseren Alltag prägen, bis hin zu den Gefühlen und dem Denken der Menschen selbst.
Das wird verständlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, wann diese Kapitel verfasst worden sind; 1944, in der Emigration, in einer Situation, in der die ganze Welt dem Wahnsinn und dem moralischen wie äußerlichen Verfall überantwortet schien, kann einem Denker wie Adorno das Gemüt schon schwer und die Welt durchaus unerträglich werden:
Wer nicht böse ist, lebt nicht abgeklärt, sondern in einer besonderen, schamhaften Weise verhärtet und unduldsam.
(MM, Abschnitt 4: “Letzte Klarheit”)
Verhärtet und unduldsam, das beschreibt offenbar, nach den Schilderungen eines Bekannten von mir, der 1968 ein Jurastudium in Frankfurt begann, auch den Adorno, der 24 Jahre nach diesen Worten zur Ikone der 68′er wurde. Wohl ohne es wirklich zu wollen, denn der Idealismus, die Aufbruchsstimmung, die dürften ganz und gar nicht Adornos Ding gewesen sein. Weil er - zumindest in diesem Kapitel - nicht etwa nur den Faschismus analysieren und einen Gegenentwurf machen wollte, sondern der gesamten modernen Welt eine Absage erteilte, sie als durch und durch verdorben und jenseits aller Rettung kennzeichnete. Kritik aller Orten, ein Ausweg, eine Utopie aber nicht in Sicht.
Sogar die letztendliche Entwicklung der rebellierenden Studenten zu einer beeindruckend staatstragenden und den zuvor bekämpften Umständen verbundenen Schicht, die manch einer heute als “Linksspießer” bezeichnet und andere als bigotte Heuchler verurteilen, hat Adorno bereits vorgezeichnet:
Immer wieder hat sich beobachten lassen, wie solche, die blutjung und nichtsahnend in radikale Gruppen sich einreihten, überliefen, sobald sie einmal der Kraft der Tradition gewahr wurden.
(MM, Abschnitt 32: “Die Wilden sind nicht bessere Menschen”)
Was macht aber nun den Kern dieser Kritik aus? Was Adorno kritisiert, ist nicht das Verhalten einzelner Menschen; er sucht keine Schuldigen, die man bekämpfen und damit die Welt verbessern könnte. Auch ist er kein “Feind der Freiheit”, keiner, der verlangen würde, dass man das Individuum unter irgendeine Herrschaft stellen müsse, die “höheren Ziele” diene. Was Adorno hingegen sagt, ist, dass unter den Gegebenheiten der modernen Welt Individualität und Freiheit schlechterdings unmöglich geworden seien. Alles Sein, alle Persönlichkeit sei den der Herrschaft des Produktionsprozesses untergeordnet, alle Freiheiten erdrückt durch die Macht der Notwendigkeiten, die durch zunehmende Strukturierung auf immer größeren Ebenen eine immer größere Bedeutung für das Leben des Einzelnen beanspruchen und gewinnen würden. Oder mit seinen eigenen Worten:
Die Signatur des Zeitalters ist es, daß kein Mensch, ohne alle Ausnahme, sein Leben in einem einigermaßen durchsichtigen Sinn, wie er früher in der Abschätzung der Marktverhältnisse gegeben war, mehr selbst bestimmen kann. Im Prinzip sind alle, noch die Mächtigsten, Objekte.
(MM, Abschnitt 17: “Eigentumsvorbehalt”)
Hat er damit recht? Schwer zu sagen. Meinen ersten Reflex, Adorno in die Reihe derjenigen zu stellen, die die von Popper beklagte antimoderne Furcht beherbergen, musste ich schon bald begraben. Dafür spricht zwar, dass aus den Worten Adornos eine Sehnsucht nach früheren Tagen klingt, in denen die Herrschaft der Notwendigkeiten nicht gegeben gewesen sein soll und in denen es vermeintlich eine wahre Freiheit gegeben hat. Und auch die gelegentlichen, äußerst konservativen bis gar reaktionären Einwürfe in seinem Text deuten auf diese Sehnsucht nach der Vormoderne hin, wie etwa diese:
Mit der Familie zerging, während das System fortbesteht, nicht nur die wirksamste Agentur des Bürgertums, sondern der Widerstand, der das Individuum zwar unterdrückte, aber auch stärkte, wenn nicht gar hervorbrachte.
(MM, Abschnitt 2: “Rasenbank”)
Die Abschreibung der Konventionen als überholten, nutzlosen und äußerlichen Zierats bestätigt nur das Alleräußerlichste, ein Leben unmittelbarer Beherrschung.
(MM, Abschnitt 16: “Zur Dialektik des Takts”)
Gleichzeitig aber, und das erkennt man schon in der ersten Textstelle, ist es nicht etwa so, dass Adorno die früheren Zeiten strikter Konvention und unantastbarer Institutionen zurückwünschen würde. Im Gegenteil scheint sein Ideal eher in der Zeit des Umbruchs zu suchen sein, als sich das Individuum gegen diese Hierarchien und Konventionen auflehnte und noch auf der Suche nach echter Freiheit sich verorten konnte. Dazu passt auch dies:
Voraussetzung des Takts ist die in sich gebrochene und doch noch gegenwärtige Konvention.
(MM, Abschnitt 16: “Zur Dialektik des Takts”)
Adornos Ansinnen scheint für mich also eher ein Lamento auf verpasste Chancen als ein Sehnen nach einer goldenen Vergangenheit zu sein. Und das beklagte Resultat dieser verpassten Chancen, das liegt ja nicht so weit von der Wahrheit - wir leben auch heute noch in einer Welt, die sich fast ausschließlich um die materiellen Notwendigkeiten dreht, ob diese nun prinzipiellen Bedürfnissen entsprechen oder gesellschaftlich konstruiert sind. Fast das gesamte Leben ist “vermachtet”, in dem Sinne, dass Organisationen und Strukturen dem Individuum beinahe den gesamten Alltag vorschreiben. In Bezug auf die Rolle des Staates bei dieser Vermachtung werden mir hier wohl alle Liberalen und Libertären zustimmen, mit Adorno aber bin ich der Meinung, dass diese unheilvolle Entwicklung auch im Wirtschaftsleben und sogar im Freizeitbereich stattfindet.
Aber liegt sie wirklich im Wesentlichen an einer Ausrichtung des menschlichen Lebens auf den Produktionsprozess - oder vielmehr, erheblich allgemeiner, an einer immer stärkeren Orientierung an immer größeren Maschinerien der Kooperation, ob diese nun mit Produktion und Konsum zu tun haben oder nicht? Ist es wirklich so, wie Adorno beklagt, dass der Geist, das Gefühl, das Zarte hinweggefegt und durch eine reine Betrachtung des Materiellen verdrängt und zerstört worden sind? Und ist das das Problem? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Freiheit des geistigen Empfindens durch Komitees und Herrschaftsinstitutionen verdrängt wird, die Hegemonie anstreben und durchsetzen wollen?
Zwei verschiedene Ebenen, auf denen ich mich wohl weiter mit der “Minima Moralia” beschäftigen werde, und auf denen ich auch auf Diskussion mit den Kommentatoren hier hoffe. Einige weitere Gedanken, die ich unausgereift bereits hege, bewahre ich mir für spätere Artikel dieser Reihe auf. Mein Fazit für heute aber bleibt folgendes:
Ich betrachte es bereits jetzt als ziemlich sicher widerlegt, dass Adorno, richtig gelesen, zur Vorlage für Weltbeglücker und stürmende und drängende Idealisten werden kann. Soweit das in der Vergangenheit dennoch geschehen ist, dürfte es eine intellektuelle Vergewaltigung eines Mannes gewesen sein, der in seinem Pessimismus diesen Weltverbesserern niemals zugestimmt hätte und (nach Aussage eines Zeitzeugen) diesen auch verschlossen gegenübergetreten ist und widersprochen hat. Außerdem ist es praktisch unmöglich, ihn mit den Anhängern geschlossener, dem Individuum feindlich gegenüberstehenden Weltbildern wie dem Faschismus oder dem Stalinismus gleichzusetzen; vielmehr war er so sehr mit der Frage beschäftigt, wie ein individuell selbstbestimmtes Leben aussehen kann und sollte, dass es für ihn überhaupt erst Sinn machte, mit Popper zu diskutieren.
Und schließlich: Emotional kann ich mit Adorno wenig anfangen. Sein Welthass als Weltbild dreht mir den Magen herum.
Verfasst von Karsten um 14:10 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Steckenpferde der Autoren (Trackback)