Neues Altes von der solidarischen Gesellschaft - Minima Moralia II

In einem Kommentar hatte ich bereits angekündigt, dass ich noch Überraschendes zitieren würde, das Adorno über die Sozialisten und die Arbeiterbewegung zu sagen hatte. Also hier:

Solidarisch waren Gruppen von Menschen, die gemeinsam ihr Leben einsetzten, und denen das eigene, im Angesicht der greifbaren Möglichkeit, nicht das wichtigste war, so daß sie, ohne die abstrakte Besessenheit von der Idee, aber auch ohne individuelle Hoffnung, doch bereit waren, füreinander sich aufzuopfern. Solches Aufgeben der Selbsterhaltung hatte zur Voraussetzung Erkenntnis und Freiheit des Entschlusses; fehlen diese, so stellt das blinde Partikularinteresse sogleich wieder sich her. Mittlerweile aber ist Solidarität übergegangen ins Vertrauen darauf, dass die Partei tausend Augen hat, in die Anlehnung an die längst zu Uniformträgern avancierten Arbeiterbataillone als die eigentlich stärkeren, ins Mitschwimmen mit dem Strom der Weltgeschichte. Was an Sekurität dabei zeitweise etwa zu gewinnen ist, wird bezahlt mit permanenter Angst, mit Kuschen, Lavieren und Bauchrednerei.

(MM, Kapitel 31: “Katze aus dem Sack”)

Historisch lässt sich natürlich anmerken, dass Adorno hier wohl Kritik übt an den Kommunisten aus dem “real existierenden Sozialismus” der UdSSR oder den selbst ernannten Arbeiterbewegten des Nationalsozialismus.

Mir persönlich fällt aber auf, wie sehr das der Kritik ähnelt, die radikal Liberale und Libertäre am Sozialstaat in seiner modernen Ausprägung äußern. Dazu muss man nur “die Partei” durch “den Staat” ersetzen, und das ist meiner Auffassung nach keine Umkehrung, sondern nur eine der Zeit (mit ihren relativ austauschbaren Parteien) angemessen Substitution innerhalb der eigentlichen Aussage.

“Das blinde Partikularinteresse”, das sich sogleich wieder herstellt, das klingt schon ein wenig nach der Kritik an den “Nettostaatsprofiteuren”, die im libertären Lager heiß diskutiert wurde.

Vielleicht ist es das, was momorulez meinte, als er sagte, dass bei allem, was einen an Adorno ärgert, ja, zur Aufregung bringt, wirklich so viel Schlaues in seinen Büchern steht…

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7 Kommentare zu “Neues Altes von der solidarischen Gesellschaft - Minima Moralia II”

  1. 24.09.2007 | 0:14

    OK. Irgendwann muß ich sowieso noch Hayek lesen. Und dann werde ich mich an einer Synthese aus diesem Zitat, dem Familienzitat im vorherigen Beitrag und dem von Statler häufig referierten Hayek-Diktum, daß Solidarität nur in relativ kleinen Gruppen Sinn ergebe, versuchen. Daß könnte interessant werden.

  2. 24.09.2007 | 0:14

    Und, ja: Bevor ich das mache lese ich auch mehr als die beiden Zitate.

  3. 24.09.2007 | 2:44

    Ich weiß, ich habe dieses Zitat an anderer Stelle bereits angeführt und es ist lang, aber es kam mir bei diesem Posting erneut in den Sinn, da es die Gemeinsamkeiten und Unterschieden von liberal/libertärer und kritisch-kommunistischer Position sehr gut trifft:

    “Theoretischer Vorschein der aktuellen Krisenbewältigungsstrategien waren die Anfang der 90er Jahre geführten Demokratie- und Kommunitarismusdebatten, die über Rechte und Pflichten in der Gemeinschaft der Demokraten nur zu alternativen Katechismen führen konnten, die zwar weniger grausam durchgesetzt werden als der islamische, aber in jedem Fall dem Einzelnen die freiwillige Selbstzurichtung abverlangen und in dieser Perspektive den islamischen Katechismus ausdrücklich nicht ausschließen.

    Mittlerweile sind diese Debatten keine seminaristische Übung mehr, sondern es ist die Umsetzung ihrer Resultate in vollem Gange. In dem Maße, in dem der Wohlfahrtsstaat nicht mehr bereit ist, die Imperative von Staat und Kapital über seine staatsunmittelbaren Einrichtungen gegen den Einzelnen durchzusetzen, sondern sie dem Einzelnen nun direkt abverlangt, bedarf er der moralischen Gemeinschaften, die als informelle Unter-Souveräne den Zwang unmittelbar und für den Staat kostenneutral den ihnen Unterworfenen vermitteln.

    Derart stiftet das Outsourcing des Staates eine Diffusion seines Gewaltmonopols und das Bündnis von Bürokratie und identitären Gemeinschaften, in dem der Kommunitarismus als Krisenbewältigungsstrategie des gescheiterten Wohlfahrtsstaates und der Islamismus als eine Konsequenz gescheiterter nachholender Modernisierung zusammenfinden. Geschäftsgrundlage dieses Bündnisses ist, daß ihnen das Indivduum als nichts anderes gilt denn als Agentur der Selbstzurüstung für die Belange des Kollektivs – das kleine häßliche Wort von der „Ich-AG“ plaudert dies ganz offen aus. Ihre notwendige Ideologie ist die von der „Kultur“, in die jeder „hineingeboren“ sei und aus der er nicht herauskönne.

    Das ist die negative, selbstzerstörerische Dialektik der kapitalisierten Gesellschaften, wie sie sich in ihnen als Angriff der Kulturen auf die Zivilisation empirisch äußert. Nicht zufällig sind die einzigen Gegner dieser Entwicklung Kommunisten und authentische Liberale und nicht zufällig sind diese genauso minoritär wie jene. Bezeichnenderweise sind es nicht Linke, sondern ausgewiesene Liberale, die, obwohl sie natürlich über die politische Ökonomie schweigen wie über ein dunkles Fatum, in anderen Bereichen manchmal die richtigen Fragen stellen. Zum Beispiel diese: Welche Aspekte meines Lebens wünsche ich dem gesellschaftlichen Zugriff entzogen? Und: Kann ich das, was ich für mich selber als geschützte Privatheit einfordere, allen Ernstes hochhalten, wenn ich sie nicht meinerseits allen Menschen, beginnend mit meinen unmittelbaren Nachbarn nicht nur wünsche, sondern gegebenenfalls auch antrete, sie durchzusetzen – im Zweifel auch gegen den Willen mancher Nachbarn?

    Kommunisten verweisen seit einem guten Jahrhundert mit Recht darauf, daß, obwohl diese Welt imstande wäre, allen ihren Bewohnern ein angenehmes Leben bei größtmöglicher Reduzierung und tendenzieller Abschaffung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit zu bieten, sie von unendlich vielen Menschen nach einem unerträglichen Leben den vorzeitigen Tod bereithält – das trennt sie von allen Bürgern, auch von den liberalen.

    Was Kommunisten mit Liberalen verbindet, ist die konstitutive Abneigung gegen den Staat als Zurichtungsanstalt und Agentur der Gleichmacherei. Sie weigern sich nämlich entschieden, als Organisatoren der Volkswohlfahrt aufzutreten und in der Art von Hamas das zum Überleben Notwendige als Almosen und Loyalitätsprämie im Tausch gegen volksgemeinschaftliche Demut darzureichen oder den Massen die eherne Reisschüssel in der Volkskommune als Gegenleistung für Plackerei und Unterwerfung gütigst zukommen zu lassen wie im kulturrevolutionären China (…)

    Kommunisten, die jede Form der Gleichheit außer den gleichen Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum bekämpfen, haben daher eine hohe Meinung von den Errungenschaften der kapitalistischen Welt und meinen damit die Entfaltung der Produktivkräfte in jenem umfassenden Sinne, wie sie schon von Marx pointiert wurde: als Entwicklung der materiellen Voraussetzungen für allgemeinen Luxus unter nicht-kapitalförmigen Produktionsverhältnissen, aber eben auch als Entwicklung der Fähigkeit, genießen zu können, die wiederum Voraussetzung für Luxus ist, und ohne die im Kapitalismus meist schmerzhaft vollzogene Individualisierung nicht denkbar ist.

    Die kapitale Subjektform, unter der das Individuum befaßt ist, ist einerseits Inbegriff der Zumutungen, die das falsche Produktionsverhältnis für den Einzelnen bereithält, und die er an sich selbst vollziehen muß, hält aber doch das Versprechen bereit, über die Beschränkungen seiner Herkunft, seines Geschlechts, seiner Erziehung, seiner Gewohnheiten hinauszuwachsen, wie eben auch das Kapital sich nicht mit der einfachen Reproduktion bescheiden kann, sondern beständig über sich hinaustreibt, d.h. allgemeinen und maßlosen Reichtum produzieren muß.

    Daß das Kapital genauso wie die Subjektform, die es konstituiert, dieses Versprechen unmittelbar zugleich Tag für Tag dementieren muß, indem es das Individuum faktisch im Vollzug des Immergleichen festbannt, darin liegt für Kommunisten der Angelpunkt der Kritik am Kapital: Nicht daß es Vergnügen produziert, sondern daß es das Vergnügen mit Versagung und Verzicht durchtränkt, werfen sie ihm vor. Kommunisten, die sich diese Bezeichnung nicht nur angemaßt haben, werden daher das kleine beschädigte Glück im Bestehenden zugleich als schäbig benennen wie es gegen alle Versuche seiner falschen Aufhebung verteidigen, gegen jene also, die statt dem Vergnügen mit Versagung das Vergnügen an der Versagung organisieren wollen.”

    (Justus Wertmüller in Bahamas 44/2004)

  4. stefanolix
    24.09.2007 | 5:46

    @classless: Wer hier auf Originaltexte verweisen möchte, kann problemlos ein Hyperlink auf die Quelle setzen. Ich empfinde es als wenig hilfreich, so lange Textpassagen in ein fremdes Blog zu kopieren.

    In der Passage kommt einmal mehr die typische Verschleierungstaktik der Sozialisten und Kommunisten zum Vorschein. Mit liberalem Denken haben sie gerade nichts zu tun, denn Sozialismus und Kommunismus entstehen durch Gewalt und werden durch Zwang aufrechterhalten. Ich will die Fehler der Marktwirtschaft nicht übersehen oder verdrängen, aber jede sozialistisch-kommunistische Diktatur wäre viel schlimmer. In dieser Beziehung reichen mir 22 Jahre DDR wirklich. Ich will das auch meinen Kindern und Enkelkindern nicht zumuten.

  5. 24.09.2007 | 7:50

    Schade, dass das Adorno-Zitat gerade an der Stelle abbricht, an der das Innerste politischen Denkens ganz vorzüglich zusammengefasst wird. Im Original steht nach der Baurednerei ein Doppelpunkt “[...] Bauchrednerei: die Kräfte, mit denen man die Schwäche des Gegners ausfühlen könnte, werden dazu verbraucht, die Regungen der eigenen Führer zu antizipieren, vor denen man im innersten mehr zittert als vorm alten Feind, ahnend, daß am Ende die Führer hüben und drüben sich auf dem Rücken der von ihnen Integrierten verständigen werden.”

    Diese ‘integrative Kraft des Politischen’, ihr immer schon immanenter und schier unaustilgbarer Kollektivismus, der alle Kräfte, und seien es die revolutionärsten, in dem Moment mit dem Schimmelüberzug des Gewaltsamen und letztlich Kuschenden überzieht, in dem sie beginnen, dem Politischen auch nur mit dem kleinen Finger zu huldigen - diese Kraft nimmt ganze Hände, Mann und Maus, Körper und Geist unter die strenge Knute des allgemeinen Wohles. Kein Klassenkampf mehr: Einheitsbrei. Real antagonistische Interessen werden unterm Diktat von Solidarität, Sozialismus und Gutmenschentum einkassiert und im imaginären ‘Museum für entartete Denkungsweisen’ wie entstellte Embryos in Formalin zur Schau gestellt.

    Da könnte man vom ollen Marx doch noch was lernen ;-)

    Schönen Tag noch …

    Gruss
    Andreas

  6. 24.09.2007 | 9:36

    @classless:

    Abgesehen davon, daß es stimmt, daß die Liberalen die Gegenspieler der Kommunitaristen in eben jenem Streit gewesen sind, sei doch betont, daß es sich dabei um die US-Liberals und nicht irgendwelche gouvernementalen Friedmänner gehandelt hat.

    Diese auf Polarisierung zielende Darstellung des Ober-Antideutschen ist natürlich schon insofern eher Kampfschrift als brauchbar, daß sie mal eben nebenbei jenen Ansätzen, die auch auf Seiten der Kommunitaristen Sinn machten, auf die Glocke gibt, und das ist ja das Unappetitliche an dieser Rhetorik. Einem Michael Walzer oder Charles Taylor (nein, nicht der Liberianer) kann man dergleichen nicht mal eben so um die Ohren hauen.

    Habe damals aber auch immer die liberalen Positionen vertreten, deswegen stehe ich ja bis heute unter Schock, als ich dann auf jene im Netz traf ;-)

    @Karsten:

    Ansonsten ist Adorno aber sowas von sonnenklar Gegner jeglicher Form des Konformismus, Kollektivismus wie auch der Bürokratie, daß mich überrascht, daß Dich das überrascht, Karsten. Die pathische Projektion, jegliche linke Position sei nur als Kollektivismus vorstellbar, ist aber ja das Problem und nicht die Lösung.

    Man darf dabei auch nicht übersehen, daß er die Prinzipien der verwalteten Welt im kapitalistischen Produktionsprozess ebenso am Wirken sieht. On Du nun “die Wirtschaft” oder “den Führer” oder “den Staat” da einsetzt, das ist gehupft wie gesprungen.

    Ansonsten - das sei auch Andreas in’s Stammbuch geschrieben - ist das ja bei dem wie auch den Liberalen ein Problem, daß sie zwischen Kollektiv und Individuum, zwischen Subjekt und Objekt gar nix zu erfassen wissen. Und das isses dann, was man Adorno eher vorwerfen muß, als es zu feiern.

    Nichtsdestotrotz ist das natürlich richtig, was er da schreibt, das läßt aber nicht den Schluß zu, daß man nun mit Hayek Solidarität auf sächsische Dörfern zu beschränken habe.

  7. 24.09.2007 | 14:01

    Nochmal bitte bitte danke fürs lange Quote, aber im dazugehörigen Text ist es zwischen allerlei völlig anderen Gedanken in einem langen Bleiwüsteabsatz versteckt.

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