23. September 2007
Neues Altes von der solidarischen Gesellschaft - Minima Moralia II
In einem Kommentar hatte ich bereits angekündigt, dass ich noch Überraschendes zitieren würde, das Adorno über die Sozialisten und die Arbeiterbewegung zu sagen hatte. Also hier:
Solidarisch waren Gruppen von Menschen, die gemeinsam ihr Leben einsetzten, und denen das eigene, im Angesicht der greifbaren Möglichkeit, nicht das wichtigste war, so daß sie, ohne die abstrakte Besessenheit von der Idee, aber auch ohne individuelle Hoffnung, doch bereit waren, füreinander sich aufzuopfern. Solches Aufgeben der Selbsterhaltung hatte zur Voraussetzung Erkenntnis und Freiheit des Entschlusses; fehlen diese, so stellt das blinde Partikularinteresse sogleich wieder sich her. Mittlerweile aber ist Solidarität übergegangen ins Vertrauen darauf, dass die Partei tausend Augen hat, in die Anlehnung an die längst zu Uniformträgern avancierten Arbeiterbataillone als die eigentlich stärkeren, ins Mitschwimmen mit dem Strom der Weltgeschichte. Was an Sekurität dabei zeitweise etwa zu gewinnen ist, wird bezahlt mit permanenter Angst, mit Kuschen, Lavieren und Bauchrednerei.
(MM, Kapitel 31: “Katze aus dem Sack”)
Historisch lässt sich natürlich anmerken, dass Adorno hier wohl Kritik übt an den Kommunisten aus dem “real existierenden Sozialismus” der UdSSR oder den selbst ernannten Arbeiterbewegten des Nationalsozialismus.
Mir persönlich fällt aber auf, wie sehr das der Kritik ähnelt, die radikal Liberale und Libertäre am Sozialstaat in seiner modernen Ausprägung äußern. Dazu muss man nur “die Partei” durch “den Staat” ersetzen, und das ist meiner Auffassung nach keine Umkehrung, sondern nur eine der Zeit (mit ihren relativ austauschbaren Parteien) angemessen Substitution innerhalb der eigentlichen Aussage.
“Das blinde Partikularinteresse”, das sich sogleich wieder herstellt, das klingt schon ein wenig nach der Kritik an den “Nettostaatsprofiteuren”, die im libertären Lager heiß diskutiert wurde.
Vielleicht ist es das, was momorulez meinte, als er sagte, dass bei allem, was einen an Adorno ärgert, ja, zur Aufregung bringt, wirklich so viel Schlaues in seinen Büchern steht…
Verfasst von Karsten um 23:54 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik, Steckenpferde der Autoren (Trackback)