Verschlafen

China ist sauer, weil unsere Kandesbunzlerin den Dalai Lama zu sich eingeladen hat. Das kann keine Überraschung sein für alle, die sich über den chinesischen Staat keine Illusionen gemacht haben. Es gibt aber zwei Punkte, die vielleicht unsere Beachtung verdienen.

Die China-Korrepondentin der F.A.Z. weist auf das seltsame Missverhältnis hin, dass die deutsche Regierung für ein paar in den Bergen lebende Mönche einen Konflikt in Kauf nimmt, den ihr ein demokratisch regierter Staat mit über 20 Millionen Einwohnern anscheinend nicht wert ist. Es gibt dafür eine logische Erklärung: Die Einladung war ein Akt der Unpolitik. Die Bundeskanzlerin wollte vor allem vom Pop-Image des buddhistischen Geistlichen profitieren - ihr Parteifreund Roland Koch hat recht erfolgreich demonstriert, wie man auf diese Art Risse in holzschnittartige Feindbilder hineinbekommt.

Seit ein paar amerikanische Tischtennisspieler sich von ihren chinesischen Gegnern in aller Freundschaft den Hintern versohlen ließen, gehört es zum guten Ton aller westlichen Chinareisenden, entre la poire et le fromage noch mal schnell das Wort “Menschenrechte” so anzusprechen, dass es von den Gastgebern einerseits nicht als besonders störend empfunden wird, andererseits aber in der heimischen Presse als heroischer Akt gepriesen werden kann. Musste man aber früher vielleicht noch Rücksicht darauf nehmen, einem Atomwaffenstaat nicht allzu sehr von oben herab zu begegnen, sind die Machtverhältnisse zumindest aus chinesischer Sicht wieder im Lot. An die Stelle der beleidigten Miene ist eine Kombination aus Zeige- und Stinkefinger getreten. Man erheischt vom Westen nicht mehr Rücksicht, sondern verlangt Genugtuung für die dreiste Nichtbeachtung der Erfolge des chinesischen Imperialismus.

Angeblich soll in Berlin bei der Einordnung der Beziehungen zur VR China schon etwas mehr Realismus Einzug gehalten haben. Dass sowas nach Tiananmen überhaupt noch nötig war, sollte die traditionelle Beliebtheit deutscher Außenminister beim Wähler eigentlich ein- für allemal in Frage stellen.

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11 Kommentare zu “Verschlafen”

  1. 25.09.2007 | 12:36

    “gehört es zum guten Ton aller westlichen Chinareisenden, entre la poire et le fromage noch mal schnell das Wort “Menschenrechte” so anzusprechen, dass es von den Gastgebern einerseits nicht als besonders störend empfunden wird, andererseits aber in der heimischen Presse als heroischer Akt gepriesen werden kann”

    Normalerweise würde ich Deinen Zynismus teilen.

    Aber ich glaube Peking ist sensibler als so manche andere Staaten. Nicht nur wegen Gesichtswahrung, sondern auch wegen der Olympiade, die ein Riesenimageding für China ist.

    Daher reagiert Peking besonders sensibel auf Merkels Treffen mit Dalai Lama. Aber das legt sich auch wieder in ein paar Wochen.

    Wegen Olympia übt China auch Druck auf Myanmar aus, die Proteste nicht nieder zu knüppeln bzw. zu ballern. Denn 1988 sind ja viele tausend Studenten getötet worden.

    Hoffentlich hört Myanmar weiterhin auf seinen größten Handelspartner.

  2. R.A.
    25.09.2007 | 12:52

    Keine Frage, daß Merkel recht deutlich versucht, innenpolitisch mit dem Image des Dalai Lama zu punkten.
    Ist halt leider generell so, daß Außenpolitik in Deutschland eigentlich nicht stattfindet, sondern nur Ausdruck dessen ist, was man dem hiesigen Stammtisch gerade gut verkaufen kann.

    Dennoch ist die Geste gut und setzt Merkel deutlich von ihrem Vorgänger ab.

  3. Buenavista
    25.09.2007 | 13:17

    Wenn man sich von einem anderen Staat aus wirtschaftlichem Interesse vorschreiben lässt, wenn man treffen darf und wen nicht, dann kann man die Souveränität auch gleich an der Gardeobe abgeben.

    Der Dalai Lama ist ja nun nicht gerade ein terroristischer Separatistenführer.

    Insofern ist an dem Treffen überhaupt nichts auszusetzen.

  4. 25.09.2007 | 13:19

    Keine Sorge, wenn China Taiwan besetzt hat, dann wird *spickindieWikipedia* Chen Shui-bian auch gerne empfangen und das Unrecht beklagt.

    Er sollte aber noch rasch vorher eine Religion gründen oder deren Führer werden, die das hat was wir hier im Westen bei unseren Religionen anscheinend vermissen.

    Nebenbei: Wäre nicht Schein-Politik ein besserer Begriff als Unpolitik?

  5. Buenavista
    25.09.2007 | 13:23

    Angesehen davon würde mich mal eine völkerrechtlich einwandfreie Rechtfertigung Chinas zur über 50jährigen Besetzung Tibets interessieren.

    Einfach nach dem Motto (frei nach Karl Kraus) “dös san ja Chineser” ist mir etwas zu dürftig, von der systenmatischen Zerstörung einer jahrtausendealten Kultur ganz zu schweigen.

  6. 25.09.2007 | 13:59

    “Insofern ist an dem Treffen überhaupt nichts auszusetzen.”

    Wo wurde denn an dem Treffen als solchem etwas ausgesetzt? Inhalt dieses Beitrages war meinem Verständnis nach der Hinweis auf Taiwan und die merkwürdige Stille, die in dieser Beziehung herrscht.

    Meine Idee: Vielleicht hat Taiwan einfach nicht genug Terroristen im Einsatz.

  7. 25.09.2007 | 14:04

    Nachtrag: Hat Tibet natürlich auch nicht, aber das gleicht der Charmebolzen selbstverständlich aus.

  8. 25.09.2007 | 14:19

    Wenn ich mal einen Sammelband meiner Blogeinträge herausgebe, darf David die Gebrauchsanweisung schreiben…

  9. 25.09.2007 | 14:21

    Danke…

  10. Buenavista
    25.09.2007 | 14:26

    Ich habe auch nicht gesagt, dass jemand etwas daran ausgesetzt hätte. Und wenn Frau Merkel den frei gewählten Präsidenten eines Landes Taiwan empfangen will, dann soll sie das ruhig tun.

    Allerdings sollte man trotz allem die diplomatische Sprachregelung beachten. Der Dalai Lama wurde “privat” empfangen.

  11. Robroy
    25.09.2007 | 17:31

    Die wichtigste Antwort auf die Frage nach der Ursache der Ungleichbehandlung Taiwans und Tibets (bzw. der jeweiligen Vertreter) steht im Prinzip schon in dem FAZ-Artikel - der Dalai-Lama schickt sich im Gegensatz zu Taiwan nicht an, ein neues Völkerrechtssubjekt auf dem, was die Mainland-Chinesische Führung als ihr Territorium betrachtet, zu begründen, das macht schon einiges aus. Da könnte Taiwan noch so einen charismatischen Vertreter mit “Pop-Image” haben, Merkel würde ihn trotzdem nicht empfangen, da bin ich mir ziemlich sicher.

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