25. September 2007
Verschlafen
China ist sauer, weil unsere Kandesbunzlerin den Dalai Lama zu sich eingeladen hat. Das kann keine Überraschung sein für alle, die sich über den chinesischen Staat keine Illusionen gemacht haben. Es gibt aber zwei Punkte, die vielleicht unsere Beachtung verdienen.
Die China-Korrepondentin der F.A.Z. weist auf das seltsame Missverhältnis hin, dass die deutsche Regierung für ein paar in den Bergen lebende Mönche einen Konflikt in Kauf nimmt, den ihr ein demokratisch regierter Staat mit über 20 Millionen Einwohnern anscheinend nicht wert ist. Es gibt dafür eine logische Erklärung: Die Einladung war ein Akt der Unpolitik. Die Bundeskanzlerin wollte vor allem vom Pop-Image des buddhistischen Geistlichen profitieren - ihr Parteifreund Roland Koch hat recht erfolgreich demonstriert, wie man auf diese Art Risse in holzschnittartige Feindbilder hineinbekommt.
Seit ein paar amerikanische Tischtennisspieler sich von ihren chinesischen Gegnern in aller Freundschaft den Hintern versohlen ließen, gehört es zum guten Ton aller westlichen Chinareisenden, entre la poire et le fromage noch mal schnell das Wort “Menschenrechte” so anzusprechen, dass es von den Gastgebern einerseits nicht als besonders störend empfunden wird, andererseits aber in der heimischen Presse als heroischer Akt gepriesen werden kann. Musste man aber früher vielleicht noch Rücksicht darauf nehmen, einem Atomwaffenstaat nicht allzu sehr von oben herab zu begegnen, sind die Machtverhältnisse zumindest aus chinesischer Sicht wieder im Lot. An die Stelle der beleidigten Miene ist eine Kombination aus Zeige- und Stinkefinger getreten. Man erheischt vom Westen nicht mehr Rücksicht, sondern verlangt Genugtuung für die dreiste Nichtbeachtung der Erfolge des chinesischen Imperialismus.
Angeblich soll in Berlin bei der Einordnung der Beziehungen zur VR China schon etwas mehr Realismus Einzug gehalten haben. Dass sowas nach Tiananmen überhaupt noch nötig war, sollte die traditionelle Beliebtheit deutscher Außenminister beim Wähler eigentlich ein- für allemal in Frage stellen.
Verfasst von Rayson um 12:18 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, International, Politik (Trackback)