1. Oktober 2007
Lehren der Ökonomie
Irgendetwas bewirkt ein Ökonomiestudium. Das habe ich an mir bemerkt, und das bemerken auch andere. Wobei wir unterscheiden müssen: Ein reines BWL-Studium, das es in den USA sowieso nicht gibt, hat damit u.U. (je nach Inhalt des Vorstudiums) nichts zu tun: BWLer können, müssen aber keine Ökonomen sein. BWL ist ein Handwerk, VWL eine - in ihren höheren Sphären mathematisch filigran ausformulierte - Art zu denken.
“Art zu denken” - da haben wir es. Es stimmt. Wer auch immer ein Ökonomiestudium erfolgreich absolvieren will, muss erbarmungslos relativ (Achtung: Wise-Guys-Link), also in Alternativen denken, den Begriff “Opportunitätskosten” sozusagen verinnerlichen. Das führt zu dem gedanklichen Reflex, alles Aktuelle auf das zu überprüfen, was an dessen Stelle hätte geschehen können. Ökonomen sind quasi per Ausbildung immun gegen die “Broken Window Fallacy“.
Der Konflikt zur Politik ist damit unvermeidlich. Das mächtigste Argument, das ein Politiker in der Lage ist, für seine Ideen heranzuziehen ist, dass es “keine Alternative” gäbe. Ökonomen - und nicht nur die, aber die besonders - wissen: Es gibt immer eine Alternative. Der Politiker möchte nur gerne das Ergebnis seiner individuellen Bewertung als Argument dafür heranziehen, keine anderen zuzulassen. Besonders eklatant ist der Konflikt da, wo das positive Ergebnis einer konkreten Maßnahme unmittelbar anschaulich wird, während das Ergebnis des Unterlassens dieser Maßnahme nicht nur hypothetisch ist, sich nicht nur individuell unscheinbar über viele Elemente des Systems verteilt, statt an einem Relevanz zu erlangen, sondern auch noch über hinreichend indirekte Mechanismen erfolgt, die unmittelbar nicht zu beobachten sind. All das - hypothetische Alternative, Verteilung auf Viele, indirekte Wirkung - sind aus politischer Sicht Nonvaleurs, zu deren Lasten sich ausnahmslos jede Maßnahme rechtfertigen lässt. Die Wähler, und auf die kommt es in demokratischen Systemen letztlich an (bzw. auf den, der sie am besten zu lenken versteht), bevorzugen das Sichtbare, das Unmittelbare und das Konkrete. Bei Bryan Caplan findet sich mehr dazu. Und Frédéric Bastiat (“Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas”) hat es eigentlich schon längst gewusst.
Als Ökonom ist man politikuntauglich. Wer auch immer in der Ablehnung ökonomischer Erkenntnisse durch die Mehrheit eine höhere Weisheit herauslesen mag, darf das gerne tun. Er betröge sich aber selbst, wenn er nicht erkennte, dass diese Differenz eine zwangsläufige ist, aus deren Vorhandensein kein Honig für irgendwelche konkret vorgeschlagenen Maßnahmen herausgelesen werden kann.
B.L.O.G. ist ein deswegen ein politisches, kein ökonomisches Blog. Wir bevorzugen den Liberalismus nicht aus ökonomischen Gründen, obwohl er viele von uns auch da überzeugt. Liberalismus hat für uns vor allem eine politische Dimension, und um deren konkrete Ausgestaltung wollen wir streiten - gegen die Feinde des Liberalismus, mit unseren Freunden und untereinander.
Verfasst von Rayson um 23:27 Uhr in der Kategorie Grundsatzfragen, Politik, Wirtschaft (Trackback)