Lehren der Ökonomie

Irgendetwas bewirkt ein Ökonomiestudium. Das habe ich an mir bemerkt, und das bemerken auch andere. Wobei wir unterscheiden müssen: Ein reines BWL-Studium, das es in den USA sowieso nicht gibt, hat damit u.U. (je nach Inhalt des Vorstudiums) nichts zu tun: BWLer können, müssen aber keine Ökonomen sein. BWL ist ein Handwerk, VWL eine – in ihren höheren Sphären mathematisch filigran ausformulierte – Art zu denken.

“Art zu denken” – da haben wir es. Es stimmt. Wer auch immer ein Ökonomiestudium erfolgreich absolvieren will, muss erbarmungslos relativ (Achtung: Wise-Guys-Link), also in Alternativen denken, den Begriff “Opportunitätskosten” sozusagen verinnerlichen. Das führt zu dem gedanklichen Reflex, alles Aktuelle auf das zu überprüfen, was an dessen Stelle hätte geschehen können. Ökonomen sind quasi per Ausbildung immun gegen die “Broken Window Fallacy“.

Der Konflikt zur Politik ist damit unvermeidlich. Das mächtigste Argument, das ein Politiker in der Lage ist, für seine Ideen heranzuziehen ist, dass es “keine Alternative” gäbe. Ökonomen – und nicht nur die, aber die besonders – wissen: Es gibt immer eine Alternative. Der Politiker möchte nur gerne das Ergebnis seiner individuellen Bewertung als Argument dafür heranziehen, keine anderen zuzulassen. Besonders eklatant ist der Konflikt da, wo das positive Ergebnis einer konkreten Maßnahme unmittelbar anschaulich wird, während das Ergebnis des Unterlassens dieser Maßnahme nicht nur hypothetisch ist, sich nicht nur individuell unscheinbar über viele Elemente des Systems verteilt, statt an einem Relevanz zu erlangen, sondern auch noch über hinreichend indirekte Mechanismen erfolgt, die unmittelbar nicht zu beobachten sind. All das – hypothetische Alternative, Verteilung auf Viele, indirekte Wirkung – sind aus politischer Sicht Nonvaleurs, zu deren Lasten sich ausnahmslos jede Maßnahme rechtfertigen lässt. Die Wähler, und auf die kommt es in demokratischen Systemen letztlich an (bzw. auf den, der sie am besten zu lenken versteht), bevorzugen das Sichtbare, das Unmittelbare und das Konkrete. Bei Bryan Caplan findet sich mehr dazu. Und Frédéric Bastiat (“Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas”) hat es eigentlich schon längst gewusst.

Als Ökonom ist man politikuntauglich. Wer auch immer in der Ablehnung ökonomischer Erkenntnisse durch die Mehrheit eine höhere Weisheit herauslesen mag, darf das gerne tun. Er betröge sich aber selbst, wenn er nicht erkennte, dass diese Differenz eine zwangsläufige ist, aus deren Vorhandensein kein Honig für irgendwelche konkret vorgeschlagenen Maßnahmen herausgelesen werden kann.

B.L.O.G. ist ein deswegen ein politisches, kein ökonomisches Blog. Wir bevorzugen den Liberalismus nicht aus ökonomischen Gründen, obwohl er viele von uns auch da überzeugt. Liberalismus hat für uns vor allem eine politische Dimension, und um deren konkrete Ausgestaltung wollen wir streiten – gegen die Feinde des Liberalismus, mit unseren Freunden und untereinander.

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62 Kommentare zu “Lehren der Ökonomie”

  1. 2.10.2007 | 2:59

    Wie kann man den Liberalismus nicht aus ökonomischen Gründen bevorzugen? Liberalismus ist kein Selbstzweck, dass erkennt man allein daran, dass es nicht wenige gibt die ihn ablehnen. M.E. kann Liberalismus – im Sinne der Freiheit der Individuen möglichst uneingeschränkt miteinander kommunizieren und handeln zu können – nur ökonomisch begründet werden, denn seine konsequente Umsetzung löst individuelle Handlungsanreize aus, über deren Nutzen stiftende Konsequenzen im wesentlichen Konsens besteht. Da aber die Ökonomie sich gerade mit diesen Anreizen und den daraus ableitbaren Konsequenzen politischer Fehlsteuerung auseinandersetzt, vermag (nur?) sie eine schlüssige Begründung für den Wert des Liberalismus zu geben. Jeder der Bastiats “ökonomische” Weisheiten verinnerlicht hat wird dem Liberalismus nicht mehr viel entgegen setzen können.

  2. Libero
    2.10.2007 | 6:35

    Dem einleitenden Satz stimme ich zu. Ob ihr immun gegen kognitive Dissonanzen seid, wie es das englisch Blog behauptet, bezweifele ich. Das ihr immun seid, den Eindruck habe ich allerdings schon.

    Vielleicht hast du es wirklich noch nicht gemerkt, aber nicht nur Ökonomen müssen ständig die Alternativen bedenken. Jedenfalls habt ihr eine sehr hohe Selbsteinschätzung. Werdet glücklich damit.

  3. Libero
    2.10.2007 | 6:48

    Opportunitätskosten sind der Nutzenentgang, der bei mehreren Alternativen durch die Entscheidung für die eine und gegen die anderen Möglichkeiten entsteht.

    Ah ja. Wenn es um die Produktion eines Gutes geht, ist dafür natürlich weder naturwissenschaftliches noch technologisches Wissen notwendig, um die Alternativen zu durchdenken.

    Im Grunde genommen bedeutet daß ja, wir berücksichtigen sämtliche Alternativen, auch die, zu denen ein Fachwissen gehört, über das wir nicht verfügen können, denn dafür sind wir nicht ausgebildet wurden. Wäre es ein Fachwissen, was wir berücksichtigen müßten, könnten wir es ja. Da wir es nicht beherrschen, ist es für das Durchdenken der Alternativen auch nicht notwendig. Wir verfügen über sämtlichen Wissen, daß notwendig ist, um die Alternativen zu bewerten. Es ist anmaßend, daß zu bezweifeln. Widerspruch kann folglich nur von einer geistig geringeren Warte erfolgen und ist daher von vornherein dadurch widerlegt, daß er nicht von Ökonomen kommt.

    Du bist immun. Du hast recht.

  4. Andreas
    2.10.2007 | 7:54

    @ SteffenH:

    “nichtr aus öknomischer Sicht bevorzugen” dürfte im Sinne Röpkes zu verstehen sein:

    “Die Freiheit ist ein so kostbarer Wert, daß wir bereit sein sollten, ihr alles zu opfern, möglicherweise auch Wohlstand und Überfluß, wenn die wirtschaftliche Freiheit uns dazu zwingen sollte. Zu unserem unverdienten Glück steht es jedoch so, daß die auf der Freiheit beruhende Wirtschaftsordnung, die wir für die allgemeine Freiheit nicht entbehren können, gleichzeitig von einer unvergleichlichen materiellen Überlegenheit über die auf Zwang beruhende Wirtschaftsordnung ist.”

    Sprich: Der Liberalismus ist auch ökonomisch überlegen; wäre er es nicht, müsste man dennoch für ihn eintreten.

  5. FG
    2.10.2007 | 9:05

    @Libero

    Aber kann es denn vernünftig sein, eine Handlungsalternative zu ignorieren, nur weil ich sie nicht (vollständig) bewerten kann? Natürlich stoßen selbst wir Ökonomen (jaja, ich habe auch eine solch wunderbare Ausbildung genossen…) mitunter an unsere Grenzen. Je nachdem wie groß der Aufwand ist kann ich mich bemühen, diese Grenzen zu verschieben. Aber der Fall, dass ich unter der Unsicherheit entscheiden muss, dass ich die Alternativen nicht vollständig bewerten kann, ist eher die Regel als die Ausnahme.

    Den verlorenen Schlüsselbund nur unter der Straßenlaterne zu suchen, weil es woanders zu dunkel ist kann in Fällen, in denen ich den Schlüssel nicht unter der Straßenlaterne verloren habe zu unbefriedigenden Ergebnissen führen.

  6. libero
    2.10.2007 | 10:16

    Natürlich sind die meisten alltäglichen Entscheidungen von der Art, daß man über die meisten relevanten Informationen verfügt, um die verschiedenen Möglichkeiten zu beurteilen.

    Interessanter sind die Entscheidungen, bei der die Unsicherheit sehr groß sind, zum Beispiel eine Werk oder eine Verfahrensentwicklung fortführen. Da hängt die Entscheidung dann auch davon ab, was sich der Entscheider, der gleichzeitig der Handelnde ist, sich selbst zutraut. Bei diesen Entscheidungen ist das Selbstvertrauen, die Zuversicht und das Gespür für die Zukunft des Handelnden ausschlaggebend, sich gegen die Faktenlage für eine Fortführung zu entscheiden. Das hat man oder man hat es nicht. Erlernbar scheint es nicht zu sein.

  7. 2.10.2007 | 11:48

    @Andreas:

    Wir ziehen die Freiheit der Unterordnung vor, weil sie sich in aller Regel dazu eignet unsere individuellen Ziele zu verfolgen. Das ist nicht immer so. Schließlich ist es sehr leicht denkbar, wenn man sich in Situationen, die man selbst nicht in der Lage ist zu meistern, anderen unterordnet und seine Freiheit aufgibt. Das funktioniert auch solange, wie man die Freiheit besitzt, diesen Zustand auch wieder zu beenden. Ist das nicht der Fall besteht sehr schnell die Gefahr, dass solche Unterordnungsverhältnisse ausgenutzt werden, was wiederum bei den betroffenen ein Anpassungsverhalten auslöst dies zu umgehen. Mit dem Ergebnis, dass sich die Menschen nicht mehr um ihre eigene Weiterentwicklung kümmern, sondern mit der Befreiung aus der Unterdrückung durch andere beschäftigen. Diese Mühe, die man sich in einer freien Gesellschaft sparen könnte und der oft Unmengen von Ressourcen und Zeit zum Opfer fallen, könnte man als das “Fahrradschloss der menschlichen Zivilisation” bezeichnen. Denn würde niemand versuchen vorhandene Werte durch Diebstahl von Person A nach B zu transferieren, wobei ja eigentlich kein Wert verloren geht, käme auch niemand auf die Idee Energie, Zeit und Material für eine abschließbare Stahlkette auszugeben. Freiheit aber trägt dazu bei, dass wir unser Leben nicht mit einer Vielzahl von “Fahrradschlössern” vergeuden.

  8. 2.10.2007 | 12:17

    @SteffenH

    Auch wenn es dich überraschen wird: Für mich ist Freiheit tatsächlich ein Selbstzweck. Ich wäre auch dann für wirtschaftliche Handlungsfreiheit, wenn es einen allwissenden Lenker gäbe, der die Ressourcenallokation besser organisieren könnte.

    @Libero

    Du scheinst mir vor allem immun gegen Textverständnis zu sein.

  9. libero
    2.10.2007 | 12:50

    @Rayson

    Wie man es nimmt. Man kann darüber diskutieren, was einer schreibt. Mich interessiert, warum einer etwas schreibt und wie er sich selbst wahrnimmt.

  10. 2.10.2007 | 13:06

    @rayson:

    Nicht das du mich falsch verstehst, ich rede hier keiner technokratischen Vorstellung der Freiheit das Wort, in der diese einer wie auch immer gearteten optimalen Ressourcenallokation unterzuordnen sei. Ich sehe dieses Optimum nicht, eventuell einen Weg zu immer besseren Lösungen durch Freiheit und Wettbewerb. Und die Ökonomie hat mir als Wissenschaft der Anreize unter den Bedingungen der Knappheit sehr plausibel gezeigt, dass Freiheit zu den Ergebnissen führt, die ich mir und die meisten anderen wünschen (mal abgesehen von denen, für die die Zwangsausübung gegenüber anderen den Kick selbst auslöst, nicht das Ergebnis). Es gab Zeiten, da hab ich selbst auf den Liberalismus keinen Pfifferling gegeben, was evtl. auch auf meine Ostvergangenheit zurückzuführen ist. Der Katalog der von mir anzustrebenden Ziele hat sich seitdem nicht verändert, die Methode diese zu erreichen dagegen sehr. Und das hat sehr viel damit zu tun, zu verstehen, welche Potenziale Freiheit im Menschen freisetzt oder Unfreiheit unterdrückt. Wo lernt man das, wenn nicht in der Ökonomie?

  11. libero
    2.10.2007 | 13:14

    @SteffenH
    Wo lernt man das, wenn nicht in der Ökonomie?

    Vielleicht während des Heranwachsens und von den Menschen, mit denen du dich abgibst? Es wäre schlimm, wenn man die Vorzüge der Freiheit nur im Berufsleben wahrnehmen würde.

  12. 2.10.2007 | 13:16

    @libero

    Wenn das eine Bewerbung für den Posten des B.L.O.G.-Psychologen sein soll: Der ist leider schon vergeben.

    @SteffenH

    Ich glaube, man lernt das im ganz normalen Leben. Zum Beispiel auch beim Fußball ;-) Es ist wohl tatsächlich so, dass die meisten nach einer ökonomischen Ausbildung liberaler denken als vorher, aber eine Voraussetzung ist das bestimmt nicht.

    Es wurde ja auch schon die Behauptung aufgestellt, Naturwissenschaftler und Mathematiker tendierten mehr als andere zum Liberalismus, was natürlich als Beleg für dessen logische Überlegenheit gemeint war.

  13. 2.10.2007 | 13:21

    Wenn ich jemandem von Ökonomie und Politik Unbeleckten erklären wollte, welchen Vorzug der Liberalismus hat, dann würde ich schlicht darauf verweisen, dass wohl jeder Mensch über sein Schicksal am liebsten selbst entscheidet. Das sollte doch als Argument erst einmal ausreichen, oder?

    Dass liberale Ordnungen auch noch dafür sorgen, dass es allen besser geht – um so besser!
    Dass es die “unsichtbare Hand” gibt – prima!
    Das sind hervorragende Zusatzargumente. Mit Betonung auf Zusatz.

  14. 2.10.2007 | 13:46

    @rayson:

    Wenn man das im realen Leben oder beim Fußballspielen lernt, warum gibt es dann so viele Menschen, für die Freiheit außerhalb des Fußballrasens nur noch wenig Bedeutung hat. Die Wirkung der Ausnutzung komparativer Kostenvorteile etwa realisiert man zwar, wenn man mit seiner Liebsten nicht nur das Bett, sondern auch die Hausarbeit teilt, was die meisten aber nicht davon abhält, bei der Übertragung dieses Prinzips auf die volkswirtschaftliche Ebene komplett zu versagen. Wäre der Wert der Freiheit so einfach zu erfassen, könntet ihr hier den Laden dicht machen, auch ich würde mir dann eine andere Freizeitbeschäftigung suchen. ;-)

  15. 2.10.2007 | 13:52

    @boche:

    ich denke nicht, dass es so einfach ist. Und vor allem nicht überzeugend, denn es setzt voraus, dass alle mit der These der intersubjektiven Unvergleichbarkeit von Präferenzen übereinstimmen. Das ist in der Realität nicht der Fall. Wer würde behaupten, der Bettler am Straßenrand wäre frei und glücklich. Ich nicht, aber ich gebe zu, dass ich nicht unbedingt weiß wie ich ihn glücklich machen kann. Andere glauben das zu wissen und rauben ihm die Freiheit im Glauben ihn damit glücklicher zu machen. Das mag manchmal sogar klappen, aber bildet eher die Ausnahme. Und das ist eine empirische Frage…

  16. 2.10.2007 | 14:20

    @SteffenH

    Als Handlungsanleitung ist das Prinzip nicht so einfach anzuwenden, da gebe ich dir Recht.
    Mir reicht es im ersten Schritt aber erst einmal, das Prinzip als richtig anerkannt zu bekommen. Ein Mindestmaß an Vernunft vorausgesetzt, bekommt man den Gegenüber dann auch in konkreten Fällen dazu, das Prinzip richtig anzuwenden.
    Die intersubjektive Unvergleichbarkeit von Präferenzen halte ich nicht für allzu problematisch zu vermitteln. Es hapert aber eben immer in der Anwendung im konkreten Fall.
    Da vergisst man das Wissen und verlässt sich zu oft auf Bauchgefühle. Und die sind hierzulande nun einmal oft sozialistische.
    Während der Ami vermutlich eher freiheitliche Bauchgefühle hat. Sicher ist das eine Frage kultureller Prägung. Die Hochachtung vor dem Beamten und dem Staat hat in Deutschland eben Tradition.

  17. Libero
    2.10.2007 | 14:42

    @Boche

    was sagt dir der Begriff Berliner Unwille und welche Bedeutung hat er für die Unabhängigkeit der Bürger in Deutschland?

  18. 2.10.2007 | 14:44

    Der Begriff sagte mir bis eben nichts.
    Nun scheint es mir ein Vorkommnis zu bezeichnen, das symbolisch für die Schwäche föderaler Selbstbestimmung in deutschen Landen stehen könnte.

  19. Libero
    2.10.2007 | 14:56

    Der Berliner Unwille ist die Weigerung der Bürger von Berlin und Köln, ein Schloß in der Stadt zu dulden. Also setzten sie die Baustelle unter Wasser und jagten die Beamten des Kurfürsten aus der Stadt. Daraufhin hat er in Spandau die Aufständischen in Abwesenheit zum Entzug der Bürgerrechte, zu Gefängnis und natürlich zum Verlust des Vermögens verurteilt. Der Rädelsführer, einer der reichsten Bürger, wurde hingerichtet. Einige der anderen durften nach vielen Jahren im härenen Gewand vor dem Kurfürsten niederknieen und er war ihnen gnädig. Die Stadt wurde von einem Amtmann des Kurfürsten, daher auch der Familiename Ammann oder Ammon, verwaltet, einen freigewählten Rat der Bürger gab es nicht mehr. Diese Niederlage der Berliner Bürger war der Prügel, mit dem den Bürgern der weniger starken Reichstädte erfolgreich gedroht wurde.

    Soweit zum erzwungenen preussischen oder deutschen Untertanengeist

  20. 2.10.2007 | 15:03

    Ein Link auf Wikipedia hätte es im Großen und Ganzen auch getan.

  21. R.A.
    2.10.2007 | 17:23

    @Libero:
    > Diese Niederlage
    > der Berliner
    > Bürger war der
    > Prügel, mit
    > dem den Bürgern
    > der weniger
    > starken
    > Reichstädte
    > erfolgreich
    > gedroht wurde.
    Berlin war nie Reichsstadt, sondern Besitz der Kurfürsten von Brandenburg. Deswegen war es auch deren gutes Recht, sich dort ein Schloß zu bauen.

    Eine Reichsstadt wäre auch nicht viel anders mit den Bewohnern einer ihr untergebenen Siedlung umgegangen, wenn die plötzlich Baustellen unter Wasser gesetzt hätten.

  22. 3.10.2007 | 0:59

    [quote]B.L.O.G. ist ein deswegen ein politisches, kein ökonomisches Blog. Wir bevorzugen den Liberalismus nicht aus ökonomischen Gründen, obwohl er viele von uns auch da überzeugt. Liberalismus hat für uns vor allem eine politische Dimension, und um deren konkrete Ausgestaltung wollen wir streiten – gegen die Feinde des Liberalismus, mit unseren Freunden und untereinander.[/quote]

    sehr richtig, obwohl ich diverse wirtschaftliche Standpunkte teile, so ist es doch primär die Philosophie der Aufklärung die mich dazu bewegt liberal zu denken und zu sein. Eine Portion Realismus und Menschenverstand tut da ein übriges.

  23. 3.10.2007 | 1:35

    @Boche
    Zwar sehe auch ich mich als Liberalen aus Prinzip, allerdings würde ich die ökonomische Überlegenheit nicht so stiefmütterlich behandeln. Es wäre schwierig für den Liberalismus zu argumentieren, wenn man mit ihm die Leute nicht satt bekäme.

  24. Libero
    3.10.2007 | 7:30

    @R.A.

    Berlin war Hansestadt und hatte verbriefte Rechte, die der Kurfürst nicht anerkannte. Die Städte waren nicht in unserem Sinn Eigentum des Fürsten, schon gar nicht Grundeigentum. Der Baugrund war zu einem geringen Teil sein Eigentum gewesen, die Eigentümer waren entschädigungslos enteignet wurden.

    Benjamin Tucker hat recht

  25. 3.10.2007 | 10:42

    [...] Verfasst von momorulez am 3. Oktober 2007 Dumm fickt gut. Aber wahrscheinlich noch nicht mal das.  Wegen der Opportunitätskosten. Und weil man das ja immer auch anders machen könnte, was man da macht. Aber notfalls entscheidet man dann einfach! Die Geschichte des Dezisionismus beim Sex wäre halt noch zu schreiben … [...]

  26. Markus Oliver
    3.10.2007 | 13:58

    Ich habe früher auch einmal enorme Schwierigkeiten mit politischen Betrachtungen gehabt, weil ich immer dazu neigte die Unvernunft der Politik hervorzuheben und auf die “rationaleren” Überlegungen der Ökonomen zu hören – stark beeinflusst durch Ökonomen in meiner Familie.

    Dann aber lernte ich aber einen Opernsänger kennen. Wir diskutierten über Vernunft und Rationalität und er hatte ein schlagkräftiges, aber unwiderlegbares Argument parat:

    Der Mensch hat dem Darwinismus die Kultur entgegengesetzt. Es ist mir bis heute nicht gelungen dieser Aussage ein halbwegs passendes Argument entgegenzuhalten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man hinter der Kultur so ziemlich jede Untat verstecken kann, dass man aus “höherem Grund” jedes Verbrechen rechtfertigen kann.
    Nur leider kann man kein tragfähiges herrschaftstheoretisches Argument dagegen entwickeln.

    Der Mann hat wirklich Recht: Die Eigentumsordnung ist relativ, nicht absolut. Das ist ein sehr häufiger Denkfehler insbesondere der Juristen, die Eigentum sachenrechtlich immer als “absolutes Recht” lernen (was zivilrechtlich-dogmatisch auch richtig ist, herrschaftstheoretisch aber falsch).

    Da habe ich gleich eine Frage: Kann mir bitte jemand erklären, was den Unterschied zwischen einem Studium der Wirtschaftswissenschaften und der BWL (Uni) ausmacht?

  27. 3.10.2007 | 14:43

    Anders, die Evolution hat uns die Kultur beschert, die zugegeben eine andere Komplexität als die der Schimpansen hat. Dein Opernsänger sollte aber den Primaten in uns nicht unterschätzen. Hier kann ich nur die Lektüre von Steven Pinkers “Das leere Blatt” empfehlen.

    Die Festlegung von Eigentumsrechten erfolgt in der Tat in historischen Gründen aus dem Blickwinkel der Praktikabilität. Bündel von Rechten wurden häufig festgelegt, um Nutzungskonflikte um knappe Ressourcen gering zu halten bzw. die Transaktionskosten für die kooperative Lösung von Nutzungskonflikten zu lösen. Da sich aber der Kontext um derartige Zuteilungen permanent ändert enstehen immer wieder Nutzungskonflikte und müssen gelöst werden. Und wohl definierte und stabile Eigentumsrechte haben sich einfach als bester Garant für kooperative Lösungen von Nutzungskonflikten erwiesen. Leider können sich viele Menschen mit den Implikationen für die Verteilung der Renten aus der Nutzung von Eigentum nicht abfinden. Auch hier ein Literaturtip: David D. Friedman setzt sich in Law’s Order erschöpfend mit Frage nacht dem Wie und Warum der Verteilung von Eigentumsrechten auseinander.

    Den Unterschied zwischen einem Volkswirtschaftsstudium und einem BWL-Studium könnte man grob so beschreiben. Der BWLer lernt wie er für ein Unternehmen eine Gewinn- und Verlustrechnung erstellen sollte, der VWLer lernt warum ein Unternehmen das macht.

  28. 3.10.2007 | 15:31

    Ich habe den Artikel auch bei Mankiws Blog gelesen. Bin allerdings von der Argumentation nicht überzeugt. M.E. nach verfolgt jeder Ökonom auch “seine” Politik. Ich glaube nicht, dass Ökonomen besonders ausgewogen argumentieren unter Abwägung aller Seiten, vielmehr hat sich bei mir die Formel “it depends” eingebrannt. Mit dieser kann man sich unverbindlich zu allen Themen äußern. Ist es nicht auch diese Formel gewesen, die einige US-Präsidenten zum kochen gebracht hat?

    Viele Grüße
    Rainer
    http://www.oekonomie-student.de

  29. Markus Oliver
    3.10.2007 | 16:35

    Schimpansen haben keine Kultur, sie haben nur Umgangsformen. Kultur setzt ein Bewusstsein über das Vorhandensein von Kultur, dem Wert eben dieser und (aber das ist da eigentlich schon integriert) das Wissen über die mittelbare (nicht nur die unmitelbare) Funktionsweise der Kultur voraus.

    Ein Schimpanse kann nichts von alledem.

    Es macht daher auch wenig Sinn komplexe menschliche Verhaltensweisen mit dem Verhalten eines Primaten zu vergleichen.

    Mit Steven Pinker habe ich so meine Probleme. Genetische Ansätze können nämlich eine Vielzahl von psychiatrischen Erkankungen nicht erklären. Im Moment ist es gerade angesagt den genetischen Faktor etwas höher zu bewerten, deshalb gibt es gerade eine regelrechte Schwemme von psychologiekritischen Büchern, die die Genetik thematisieren und ihre Bedeutung betonen. Mit einer Harvard-Professur veröffentlicht sich so etwas natürlich leichter, aber auch diese Welle wird irgendwann demnächst zu Ende sein.

    An Deinen Ausführungen stören mich zwei kleine Wörter: “Leider” und “erschöpfend”, obwohl der Text nicht schlecht ist. Sowohl aus den beiden Wörtern, als auch aus dem Link zum Friedman-Text, entnehme ich einen gewissen Hang zum Libertären. Friedman ist übrigens nicht der “Erfinder” dieser Zusammenhänge. Gebracht haben das schon Leute aus allen Lagern – am bemerkenswertesten ist Uwe Wesel. Er weiß auch am humorvollsten und klügsten darauf zu antworten ;-) .

    Mir sind die gängigen Argumentationen der Libertären durchaus bekannt. Ihre Schwachstelle bleibt die Reduzierung auf den schnöden Darwinismus und das Abstreiten jeder Gemeinverantwortung. Ich halte beides für falsch, ansonsten hätten die Menschen nicht zwei Millionen Jahre ohne Vorratshaltung überleben können. Obwohl das Libertäre natürlich schon einen gewissen Nutzen hat, den eine Herrschaftsordnung in gewisser Weise ziehen sollte.

  30. Markus Oliver
    3.10.2007 | 16:45

    Und übrigens vielen Dank für die Erklärung des Unterschiedes zwischen VWL und BWL. Ist VWL jetzt gleich WiWI? Wenn meine Erinnerung nicht falsch ist, muss das doch etwas anderes sein.

  31. 3.10.2007 | 17:19

    @Markus Oliver:

    Wenn du ganze Literatur schon kennst, warum bist du dann nur in der Lage das Ganze mit Floskeln wie “schnöder Darwinismus” und den normativen Verweis auf Gemeinverantwortung zu kommentieren.

    Libertäre streiten Gemeinverantwortung nicht ab, sie sind sich nur bewusst, dass sie sich weder herbeireden noch befehlen lässt. Deshalb schauen sie sich die Institutionen sehr genau an, die für die Entstehung und den Erhalt von Gemeinverantwortung notwendig sind. Und da wo die Gemeinverantwortung versagt, weil jeder glaubt von jedem ohne eigenes Zutun zu profitieren, sind sie so ehrlich zuzugeben, dass der individuelle Eigennutz eine Menge dieser Probleme löst, wenn man darauf achtet, dass Eigentumsrechte zugeordnet und geschützt sind. Für Libertäre gibt also beides, aber sie glauben eben nicht daran, das staatlicher Zwang die Probleme löst, sondern ein institutioneller Rahmen, der den Leuten erlaubt Nutzungskonflikte kooperativ zu verhandeln. Ich glaube du solltest deinen Wissensstand über das Denken von Libertären mal auf Vordermann bringen. Friedman wäre da wirklich ein guter Anfang.

    Inwiefern haben die Menschen 2 Mio. Jahre ohne Vorratshaltung gelebt und was konkret hat das mit der biologischen und kulturellen Evolution des Menschen zu tun? Und was die Kultur der Affen betrifft, solltest du dich mal mit den jüngsten Arbeiten von Frans de Wal auseinandersetzen. Die kulturelle Einzigartigkeit des Menschen sollte man nicht überbewerten.

  32. Markus Oliver
    3.10.2007 | 17:38

    1. Das heutige Erwirtschaften von Vorräten ist der Menschheit erst mit dem Beginn des Ackerbaus bekannt.

    2. Mit der biologischen Evolution des Menschen hat das natürlich nichts zu tun. Das ist aber auch nicht der Punkt. Nur weil der Mensch eben auch Triebe hat sind seine Handlungen deswegen noch lange nicht ständig triebgesteuert; auch nicht im minimalsten Sinne.
    Warum kann der Mensch sonst seine Aufmerksamkeit auf das Immaterielle lenken und auch halten?

    3. Das der Verweis auf die Gemeinverantwortung ein normativer sei, behauptest Du – nicht ich.
    Meiner Meinung nach regeln Normen nur mehr oder weniger präzise, was im Menschen ohnehin angelegt ist. Ansonsten gäbe es nur Ethik und keine Moral.
    Und genau daraus erklärt sich auch meine Verwendung des Begriffes “schnöde”.

  33. 3.10.2007 | 18:08

    Das der Verweis auf die Gemeinverantwortung ein normativer sei, behauptest Du – nicht ich.
    Meiner Meinung nach regeln Normen nur mehr oder weniger präzise, was im Menschen ohnehin angelegt ist.

    Dann müsstes Du doch ein begeisterter Libertärer sein – wenn Du glaubst, dass “Gemeinverantwortung” bereits natürlich im Menschen angelegt ist. Ist sie nicht normativ, besteht auch kein Grund zum Zwang.

  34. Markus Oliver
    3.10.2007 | 18:51

    @ Dirk:
    Das Bewusstsein darüber ist es auch. Sonst würde der Mensch keine Normen erlassen, die die Gemeinverantwortung positivieren und einklagbar machen. Etwas das nicht in ihm angelegt ist, wird er kaum ausdrücken können. DARÜBER herrscht zum Glück weitestgehende Einigkeit in der Wissenschaft. Die Wahrnehmungsfähigkeit und die Ausdrucksfähigkeit des Menschen sind nun einmal begrenzt.

    Also muss das Setzen von Normen und Herstellen von Verbindlichkeit in ihm angelegt sein. Warum sollte er dann darauf verzichten? Der Mensch KANN seine Aufmerksamkeit auf das Immaterielle lenken. Das ist aber nicht bei jedem Individuum die zwingende Folge seiner bewussten Entscheidungen.

    Es ist so, dass nicht allen Menschen das gleiche Maß an Verbindlichkeit abgeht. Da der Mensch eben in der Lage ist sich von seinen Trieben zu lösen, kann er auch wider der eigenen Natur handeln. Statistisch gesehen wird er das in einigen Fällen sogar mit ziemlicher Sicherheit tun.

    Generalisierte Zwangsmechanismen sollen keine Gerechtigkeit, sondern nur Herrschaft herstellen. Warum also dann darauf verzichten ? (Die Frage ist nicht so gemeint, dass ich die Ungerechtigkeiten die mit Zwang einhergehen bestreiten möchte, sondern sie ist rein funktional gemeint.)

  35. 3.10.2007 | 19:07

    Ich möchte hier auf den morgigen Solidaritätstag hinweisen und wäre glücklich, wenn Ihr es weitertrgt.
    http://libtalk-helene.blogspot.com/2007/10/burmas-schreckensherrschaft.html

  36. 3.10.2007 | 20:26

    @Markus Oliver:

    Ich wusste gar nicht, dass so hohe Elfenbeintürme wie die, aus denen du deine normativen Politik(wunsch)vorstellungen vorträgst, überhaupt noch gebaut, geschweige denn genutzt werden dürften. Es soll doch tatsächlich noch Denker geben, die dem Mythos vom wohlmeinenden Diktator anhängen. ;-)

  37. Markus Oliver
    3.10.2007 | 20:57

    Der Gerechtismus ist hier ausnahmsweise mal auf Seiten der Libertären. ;-)

    Meine “Politikwunschvorstellungen” habe ich hier auch noch gar nicht erläutert. Erst recht habe ich hier noch nichts normatives geäußert.
    Das ist in diesem Thread alleine Deine Spezialität, weil Du das Normative vom Bewusstsein trennst.

  38. 3.10.2007 | 22:08

    @ Markus Oliver

    Häh?

    Würde es Dir was ausmachen, einige Informationen über Dein Alter und akademische Bildung/Richtung/Abschluss zu nennen? Profilneurose kommt meistens bei pubertierenden Jugendlichen und Geisteswissenschaftlern vor.

  39. 3.10.2007 | 22:22

    Du calme, messieurs…

  40. Markus Oliver
    3.10.2007 | 22:32

    Da Du den Optativ verwendet hast gehe ich davon aus, dass Du mit der beabsichtigten normativen Betrachtung meiner Person kein Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung hast.
    Und nein, ICH habe bestimmt keine Profilneurose. Vielleicht gehört zu meinem Job ganz einfach eine Menge Forensik? Vielleicht gehört zu meinem Studium – interessiert betrieben – auch eine Menge Wissen über die Wirkung von Normen?

    Das Unterstellen von vermeintlichen geistigen Unzulänglichkeiten ist eine nicht neue und ganz und gar nicht innovative Art und Weise der Vermeidung einer inhaltlichen Auseinandersetzung. Sie wird übrigens besonders oft von Betroffenen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung als letzte Fluchtburg genutzt.

  41. 3.10.2007 | 22:41

    Sags nochmal in Deutsch, Rayson. ;-)

  42. 3.10.2007 | 22:50

    Regt euch bitte ab, liebe Leute!

    Formulierungen des Inhalts “du bist” sind so ziemlich das Destruktivste, was man sich an menschlicher Kommunikation vorstellen kann.

  43. Markus Oliver
    3.10.2007 | 22:52

    Entschuldigung, als ich anfing meinen Text zu schreiben hatte ich Raysons erstes Statement noch nicht gelesen.

  44. 3.10.2007 | 22:52
  45. 3.10.2007 | 22:57

    Ruhig bin ich schon lange. Aber wenn es sein muss, ziehe ich die angedeutete Wertung in meiner Aussage zurück und bleibe lediglich bei der Feststellung, dass zwischen meinem Kommentar und der Antwort darauf, die übrigens an sich schon unzusammenhängend ist, nicht der geringste Zusammenhang besteht. Kurz: Häh?

  46. 3.10.2007 | 22:59

    Was es alles gibt …!
    Mal sehen, wann die vegano-libertären Anarchosyndikalisten Bastiat für sich beanspruchen. ;-)

  47. 3.10.2007 | 22:59

    Das bezog sich natürlich auf den linkslibertären Kommentator.

  48. 3.10.2007 | 23:00

    Was ist ein Linkslibertärer? Ein etatistischer Antietatist?

  49. 3.10.2007 | 23:08

    Ich kann nur schlecht Englisch deshalb muss auch ich raten:
    Ein Libertärer, der soziale Gerechtigkeit wichtig findet?

    PS: Rayson, jetzt musst du auch mich ermahnen. Ich werde weinselig bedingt albern und riskiere, unsere Kommentatoren zu vergrätzen. ;-)

  50. 3.10.2007 | 23:33

    Eine lässliche Sünde ;-)

    Aber es ist doch immer wieder interessant, wieviele Befreiungsfronten für Judäa sich so bilden.

  51. Markus Oliver
    4.10.2007 | 8:12

    Meine letzte Antwort bezog sich nicht auf Deine letzte Anwort, sondern auf die von SteffenH.

    Die Verneinung des Normativen im menschlichen Bewusstsein ist schon für sich eine normative Aussage. Denn dann ist jede Norm bewusstseinswidrig und damit auch wider der menschlichen Natur.
    Wer das Gemeinwohl schon aus dem Bewusstsein trennt, wird das erst recht mit der Norm zu dessen Durchsetzung tun. Schließlich folgt die Norm in dieser Auslegung erst auf das Gemeinwohl.
    Kurz: Sind Normen nicht schrecklich und unmenschlich? ;-)

    Euer Denkfehler liegt meiner Meinung nach darin, dass ihr die Bewusstseinszustände bei Willenserklärungen (z.B. bei einem Kauf, auf den vermeintlich freien Willen beziehen sich ja auch Eure Ausführungen) als Ausdruck des gesamten menschlichen Bewusstseins wertet. Demnach müssten viel Konsum und viel Glück Hand in Hand gehen. Oder besser gesagt: Nur wer frei ist, ist auch glücklich.

    Nur wie kommen dann bitte Wohlstandserkrankungen zu Stande?

    Der ökonomische Erfolg gibt den Anhängern einer solchen Definition von Glück und Bewusstseinsausdruck zu nächst einmal Recht. Das liegt vermutlich daran, dass es für eine Kaufentscheidung schließlich auch nur eines begrenzten Bewusstseins bedarf. Also kann die Menge der limitierten Bewusstseinsentscheidungen natürlich ökonomisch brutal gut sein.

    Das gilt umso mehr, als die Rechtsordnung auch über eine Zurechnung des aktuellen Bewusstseins eine Willenserklärung fingiert. Es wird ein Warenaustausch (oder aber zumindest eine Vertrauenshaftung) alleine aus Gründen des Verkehrsschutzes statt. Mit Freiwilligkeit hat das dann schon nichts mehr zu tun.

    Das Problem ist nur, dass die Annahme eines solchen Bewusstseins ein Zirkelschluss ist.

  52. Markus Oliver
    4.10.2007 | 8:14

    Es soll nicht “wird” sondern “findet” heißen.

  53. 4.10.2007 | 10:38

    Bei der ersten Hälfte des Kommentars glaube ich nun wenigstens zu verstehen, was Du sagen möchtest.

    Wer das Gemeinwohl schon aus dem Bewusstsein trennt,

    Wer tut das denn? Der Libertäre macht es nicht. Der Ökonom vielleicht (Auf den ersten Blick vielleicht mehr als auf den zweiten).

    Ich versuche mal Deinen Kommentar zusammenzufassen: Die Ökonomie beschäftige sich nur mit dem materiellem, aber das Materielle ist nicht alles. Somit sei der Ökonom in seiner Perspektive beschränkt.

    Ich glaube Du trennst erstens nicht zwischen einem Libertärem und einem Ökonomen und hast zweitens eine sehr reduziertes Bild von der Ökonomie.

    Der Libertäre hat was gegen Normen, die vom Gesetzgeber auferlegt werden und lehnt diese politisch ab. Aber nichts gegen solche, denen sich die Gesellschaft verpflichtet fühlt, oder dem Individuum bereits angeboren sein mögen.

    Der Ökonom ist dagegen wertneutral und untersucht das menschliche Verhalten unter gegebenen Normen (staatliche und gesellschaftliche). Er glaubt jedoch nicht, dass die Menschen sich diesen Normen freiwillig unterwerfen sofern sie keinen Anreiz dazu haben. Sprich: So lange ein Verstoß nicht mit einem Bußgeld, schlechtem Ruf oder schlechten Gewissen bestraft wird, wird man sich nicht daran halten. Und selbst wenn doch, dann nur, wenn der Schaden bei Verstoß größer ist als der Nutzen. Kurz: Der Ökonom glaubt nicht an Normen, wenn sie alleine stehen, sondern nur an Normen in Kombination mit einem Anreizsystem. Das sehe ich nicht als simplizistisch an.

  54. Markus Oliver
    4.10.2007 | 11:30

    Der Libertäre hat Unrecht, weil es eben nicht wieder der Natur ist sein Bewusstsein auch zwangsweise durchzusetzen. (Normativ auf die Politik bezogen)

    Vernunft (oder Bewusstsein) im menschlichen Sinne ist eben mehr als Individualismus. Sonst wäre Kollektivismus gar nicht denkbar. Es ist auch nicht wider der Natur kollektivistischen Zwang zu akzeptieren, Unterwerfung ist eben Teil des Menschen. (Auf das Menschenbild bezogen)

    Ein ganz anderer Fall (das hast Du Recht, er wird aber von den Libertären gerne herangezogen um die Überlegenheit des Libertären zu demonstrieren, nämlich z.B. am Beispiel des Niedergangs des Ostblocks) der Ökonom:

    Das Bewusstsein ist auch mehr als der Ökonom bei der Betrachtung eines Güteraustausches verwerten kann.

    Der Güteraustausch kann sogar gegen das Bewusstsein erfolgen (sie oben).

    Am Ende stellt der wirtschaftliche Erfolg natürlich auch nicht das Äquivalent zum menschlichen Bewusstsein dar.

    An dieser Stelle scheiden sich die Geister: Soll man das akzeptieren? Oder soll man korrigieren?

    Ich bin für eine Korrektur und deshalb liberal, nicht libertär. Liberal deswegen, weil alle anderen Herrschaftsformen noch unglücklicher sind und die Schwäche der limitierten individuellen Bewusstseinsübertragung beim Güteraustausch pervers ins Gegenteil verkehren. Im Extrem findet Güteraustauch nur noch OHNE individuelles Bewusstsein statt.

    Aber selbst wenn ich den Güteraustausch ausklammere (damit ich nicht in ein begrenztes Bild der Ökonomie verfalle):

    Dann würde es doch bedeuten, dass das Individuum kollektivistische Entscheidungen (oder besser gemeinwohlfördernde Entscheidungen) aus einer eigenen ökonomischen Logik heraus (weil es z.B. gerade ein zwischenmenschliches Bedürfnis hat) doch stets individuell und subjektiv bedürfnisbefriedigend trifft, richtig?

    Das ist auf Grund der wechselseitigen Determinierung der menschlichen Psyche aber nicht der Fall.

  55. Libero
    4.10.2007 | 11:42

    Er glaubt jedoch nicht, dass die Menschen sich diesen Normen freiwillig unterwerfen sofern sie keinen Anreiz dazu haben. Sprich: So lange ein Verstoß nicht mit einem Bußgeld, schlechtem Ruf oder schlechten Gewissen bestraft wird, wird man sich nicht daran halten. Und selbst wenn doch, dann nur, wenn der Schaden bei Verstoß größer ist als der Nutzen.

    Es gibt ein Anreizsystem, das daran hindert, dich zu ermorden, dich schwer zu verletzen oder zu bestehlen oder auf eine andere Art und Weise zu schädigen. Nach deiner Auffassung würden Menschen ohne dieses Anreizsystem dich in der genannten Art und Weise schädigen. Es gibt zweifelsohne Menschen, die so sind, aber sind sie wirklich die Mehrheit?

    Nehmen wir mal an, die Normen sind genau anders herum. Menschen würden also belohnt, wenn sich dich ermorden, dich schwer verletzen, bestehlen oder in anderer Form schädigen. Ich glaube kaum, daß du mir eine Belohnung bieten könnte, der mich dazu bewegen könnte, so zu handeln. Genauso wenig würde dich Nichtexistenz dieses Anreizsystem mich motivieren, dich zu schädigen. Ich kenne in meinem engeren Freundeskreis auch keinen Menschen, der sich in irgendeiner Form durch ein Anreizsystem zu solchen Handlungen hinreißen liesse.

    Der Ökonom ist dagegen wertneutral und untersucht das menschliche Verhalten unter gegebenen Normen (staatliche und gesellschaftliche).

    Wer so pessimistisch von Menschen denkt, ist nicht wertneutral. Das es Menschen gibt, die nur durch Anreize zu einem verträglichen Verhalten bewegt werden können, ist unbestritten.

    Fördert es die Existenz solcher Menschen, wenn Menschen, die wirtschaftliche Entscheidungen treffen, die auch andere Menschen betreffen, anehmen, daß alle Menschen so sind?

    Kurz: Der Ökonom glaubt nicht an Normen, wenn sie alleine stehen, sondern nur an Normen in Kombination mit einem Anreizsystem. Das sehe ich nicht als simplizistisch an.

    Das man für sich selbst Normen festlegt, die man für richtig hält, scheint anscheinend unvorstellbar.

  56. 4.10.2007 | 13:42

    Zur Erläuterung des Begriffes “Linkslibertarismus”:

    http://wiki.anarchist.tv/index.php?page=LinksLibertarismus

  57. 4.10.2007 | 13:46

    Danke für den Link zur Definition.

  58. 4.10.2007 | 15:14

    @Markus Oliver

    Der Libertäre kann gar nicht Unrecht haben, weil er gar keine faktische Behauptung aufstellt. Alles, was den libertären ausmacht, ist ein (politischer) Wunsch.

    @Libero

    Anreize bestehen nicht nur aus Geld und Gefängnis, sondern – das habe ich ausdrücklich geschrieben – auch aus sozialer Anerkennung/Ächtung und dem eigenen Gewissen. Wo ist Dein Problem?

  59. 4.10.2007 | 15:17

    Was Linkslibertarismus ist, weiß ich immer noch nicht. Der Text bleibt da sehr oberflächlich. Was wäre denn z.B. eine prioritäre Forderung der LL’s?

  60. Libero
    4.10.2007 | 16:02

    @Dirk

    auch wenn es sozial nicht anerkannt oder gar geächtet ist, ist entscheidend was ich für richtig halte und ob ich das mein Gewissen nennen würde, ist noch fragwürdig.

  61. 4.10.2007 | 17:44

    “Das man für sich selbst Normen festlegt, die man für richtig hält, scheint anscheinend unvorstellbar.”

    Huh?

    Ronald A. Heiner, The Origin of Predictable Behaviour, American Economic Review 73 (1983): 560-595.

    Oder, auch immer wieder gerne genommen, die Arbeiten von Jon Elster über die ökonomische Theorie der Selbstkontrolle.

  62. 4.10.2007 | 22:29

    @statler:

    Pass auf, die Leute könnten noch was lernen und sich ihre Sandburg dann selbst zertreten. Aber zum Glück ist Caplan’s Rationale Irrationalität hartnäckig. ;-)

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