11. Oktober 2007
Jetzt habe ich Eva Herman verstanden!
Ich habe es getan. Ich habe mir den gesamten Auftritt von Eva Herman bei Kerner reingezogen (von den restlichen 19 Minuten habe ich nur das Geflirte zwischen Senta Berger und Mario Barth mitbekommen und dann ganz schnell abgeschaltet). Und ich habe ein bisschen was gelesen über die Sendung. Jetzt ist mir alles klar.
Dankenswerterweise hat Eva Herman etwas klargestellt:
Also nochmal, das Original zeigt ja ganz klar, dass ich von den Werten, von den Werten sprach, die wir, also wir Menschen, schon vor dem Dritten Reich, während des Dritten Reichs und auch bei den 68ern hatten, die dann abgeschafft wurden. Ich sprach nicht von der Politik des Dritten Reiches, sondern ich sprach von den Werten der Menschen.
Hier nochmal die beiden Zitate, in denen sie von “den Menschen” gesprochen haben will:
Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt - das wurde abgeschafft. (Quelle)
und
Was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass Werte, die ja auch vor dem Dritten Reich existiert haben, wie Familie, Kinder und das Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die 68er abgeschafft wurden. Vieles, was in dieser Zeit hochgehalten wurde, wurde danach abgeschafft. Und dazu gehören Werte, die uns auch vor dem Dritten Reich zusammengehalten haben und uns ja auch das Überleben gesichert haben. Familie nämlich. (Quelle)
Falls ich sie jetzt richtig verstanden habe, dann wollte sie sagen, dass die Menschen zu Beginn und gleich nach Beendigung der Herrschaft der Nationalsozialisten die von ihr angeführten Werte anerkannten, verinnerlicht hatten und nach ihnen lebten. Und während des Nationalsozialismus haben die Machthaber diese Werte pervertiert und deren eigentlichen Wesensgehalt sukzessive zerstört. Im zweiten Zitat (aus der BamS) sagt sie ja nicht, dass die Nazis diese Werte gefördert hätten, sondern dass sie “im Dritten Reich” gefördert worden seien, und zwar, so darf man annehmen, von den Familien (”den Menschen”) nicht wegen der Nazis, sondern trotz ihrer Umerziehung und gegen sie.
Wenn diese Interpretation zutrifft, dann kann man sich natürlich nur fragen, warum sie das dann nicht gegenüber ihrem Arbeitgeber und/oder gestern bei Kerner so oder so ähnlich erläutert hat und stattdessen dabei blieb, sich nicht missverständlich ausgedrückt zu haben. Ob ein Missverständnis vorliegt, richtet sich ja nunmal nach dem Empfängerhorizont und nicht nach der Senderarroganz.
Und der Lapsus mit der Autobahn wäre ihr nicht passiert, wenn sie die Weisheit des Nörglers besäße:
Ich würde da allerdings noch etwas eleganter und griffiger formuliert haben, etwa: ‘Soll ich jetzt auf den Boden kacken, nur weil Hitler eine Toilette benutzte?’
Auch hinsichtlich der Frage, wer nun mit den Nazi-Vergleichen angefangen hat, bin ich jetzt klüger als gestern. In der Tat haben Thea Dorn und Alice Schwarzer das erste Buch von Eva Herman unter Verwendung von Nazi-Vergleichen rezipiert. Thea Dorn in der taz und Alice Schwarzer ich-ahne-wo. Was für ein furchterregendes Duo. Wegen den beiden (und vielleicht noch ein paar hundert Leserbriefen in diese Richtung) von “brauner Keule” und “gleichgeschalteter Presse” zu faseln, wie es Eva Herman gestern bei Kerner getan hat, ist absolut unterste Schublade und nicht mehr satisfaktionsfähig.
Dass die Presse so gleichgeschaltet noch nicht sein kann, zeigt allein die Zusammenstellung bei der WELT. Und Broder auf SpOn ist ja auch nicht irgendwer irgendwo.
Zum Schluss möchte ich noch auf die Presseerklärung des NDR zur Entlassung von Eva Herman hinweisen:
“(…) Leider ist es nicht der erste Vorfall dieser Art. Auch Frau Hermans geplanter Auftritt bei einer Unterorganisation der rechtspopulistischen FPÖ, den sie erst nach Intervention absagte, war ein solches Missverständnis.” Anlässlich dieses Beinahe-Auftritts hatte der Sender die Moderatorin im März eindringlich gebeten, alle Handlungen und Äußerungen zu unterlassen, die geeignet sind, ihr öffentliches Bild als Talk-Moderatorin und damit auch das des NDR zu beschädigen. Zugleich war Eva Herman darauf hingewiesen worden, dass eine klare Trennung zwischen ihrer Arbeit als Talk-Moderatorin und als Buchautorin unabdingbar sei.
Stattdessen kam es jedoch immer wieder zu Vermischungen. So forderte Eva Herman, die beim NDR bisher als freie Mitarbeiterin tätig gewesen ist, in der vergangenen Woche am Rande der Internationalen Funkausstellung in Berlin die Kirchen zu einer stärkeren Präsenz in Talk-Shows auf, um zum “Auftrag von Mann und Frau” Stellung zu nehmen.
Programmdirektor Herres: “Äußerungen wie diese wirken polarisierend. Das Ergebnis spürt unsere Redaktion: Gäste sagen ihren Auftritt bei ‘Herman und Tietjen’ ab oder stehen von vornherein nicht zur Verfügung. Einer solchen Entwicklung können wir nicht tatenlos zusehen. (…)
Dass Herr Herres danach vom “Mutterkreuzzug” sprach, finde ich zwar daneben, aber jedenfalls geht aus der Presseerklärung hervor, dass Eva Herman nicht wegen der Äußerungen auf der Buchvorstellung entlassen wurde, sondern wegen des von ihr bestätigten und nicht zurückgenommenen Zitats in der BamS - und dass dies auch nicht der erste, sondern (mindestens) der dritte Vorfall gewesen ist. Man kann über jeden dieser Vorfälle streiten, aber wenn ein Arbeitgeber seine Angestellte zweimal ermahnt und in ihrem Verhalten eine Schädigung seiner Marke sieht, dann deutet das zumindest auf ein zutiefst gestörtes Vertrauensverhältnis hin. Insofern finde ich die Begründung des NDR, wegen der Wahrung der politischen Neutralität eine Kündigung auszusprechen überzeugender als die Ansicht, Eva Herman müsse gerade zur Wahrung dieser Neutralität auf jeden Fall weiter beschäftigt werden.
Aber wie schon in einem Kommentar zum vorigen Eintrag zum Thema gesagt: Dazu wird das Arbeitsgericht sicher eine durch weitere Fakten angereicherte, sachkundige Entscheidung fällen.
Hiermit erkläre ich, was meine Person betrifft, die Eva-Herman-Festspiele für beendet.
Das letzte Wort überlasse ich - Eva Herman (via Stefan Niggemeier):
Wir marschieren im Stechschritt durch einen anstrengenden Alltag voller Widersprüche.
Weiterführende Literaturhinweise
Rausschmiss bei Kerner: Wie Eva Herman den Fernsehtod starb. Von Jörg Thomann, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Der letzte Auftritt von Eva Herman. Von Stefan Niggemeier
Verfasst von Marian Wirth um 17:58 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Politik, Presse / SPON- und taz-Blog, Sprache (Trackback)